Das Gesetz der Serie

Eine Übersicht über die neuen Streaming-Formate von Amazon

Von Manfred Riepe

Neben den alteingesessenen, konventionellen TV-Sendern, die ihre Programme linear ausstrahlen, drängen derzeit mit Macht andere Anbieter mit einer neuen medialen Form fernsehähnlicher Inhalte auf den Markt: Streaming-Dienste wie Netflix oder Maxdome haben mit Rundfunk im eigentlichen Sinn nichts mehr zu tun. Zwischen dem Provider und dem Kunden besteht eine digitale Punkt-zu-Punkt-Verbindung. Man meldet sich an und schaut über den Internet-Browser oder einen netzwerkfähigen Fernseher (Smart-TV). Diese gestreamten Video-Angebote Programme sind, ähnlich wie bei den Mediatheken der Fernsehsender, nicht oder nur mit illegalen Tricks offline speicherbar. Waren diese Streaming-Dienste bislang nur Online-Videotheken, so machte zuerst Netflix mit selbst produzierten, von Publikum und Kritik gelobten Formaten, allen voran „House of Cards“, von sich reden. Seit drei Jahren konkurriert auch das Online-Kaufhaus Amazon mit Streaming-Anbietern. Wer 49 Euro pro Jahr für die sogenannte „Prime-Mitgliedschaft“ investiert, erhält neben vergünstigtem Versand gekaufter Artikel einen Gratiszugang zu einem digitalen Angebot von rund 15.000 Spielfilmen und bekannten Serien (teilweise mit Aufpreis). Für seine „Prime-Kunden“ bietet Amazon kostenfrei aber auch immer mehr selbstproduzierte Serien an, die der Kunde im Original mit Untertiteln oder synchronisiert sehen kann. Diese aufwendigen Hochglanzformate, die „Amazon Originals“, werden bislang nicht im Fernsehen ausgestrahlt und sind auch nicht auf DVD erhältlich. Am 9. Februar kündigte Amazon an, erstmals auch eine deutsche Serie produzieren zu lassen: Sie heißt „Wanted“, Hauptdarsteller, Regisseur und ausführender Produzent ist Matthias Schweighöfer. MK-Mitarbeiter Manfred Riepe hat sich das aus den USA kommende Streaming-Angebot von Amazon angeschaut und gibt im folgenden Text eine aktuelle Übersicht. • MK

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Die Freiheitsstatue salutiert – mit Hitlergruß. Mit diesem Bild, dessen politisch-ästhetische Symbolkraft schwer zu übertreffen ist, wirbt der Online-Versandhändler Amazon, allerdings nur in den USA, für seine neue eigenfinanzierte Serie „The Man in the High Castle“. In dieser düsteren Anti-Utopie nach einem 1962 publizierten Roman des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick, wird die Phantasie durchgespielt, wie unsere Welt wohl aussehen würde, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten. In einer der beiläufigen Szenen bleibt ein junger Doppelagent mit dem Lkw liegen und fragt einen vorbeikommenden Polizisten, was das für ein seltsamer Niederschlag sei, der den Himmel verfinstere. Der Gesetzeshüter klärt ihn auf, in der Nähe sei ein Konzentrationslager, in dem ein Krematorium betrieben werde.

Die Serie „The Man in the High Castle“ ist seit Dezember vorigen Jahres für deutsche Amazon-Prime-Kunden per Streaming abrufbar. Es ist nicht die einzige und nicht einmal die beste der eigenfinanzierten Produktionen von Amazon. In den vergangenen zwei Jahren hat das Online-Versandunternehmen eine ganze Reihe neuer Formate aus dem Boden gestampft. Sie sind nur über den hauseigenen Streaming-Dienst konsumierbar. Solche Streaming-Angebote von Amazon, Netflix & Co. machen herkömmlichen Fernsehprogrammen zusehends Konkurrenz. In den USA wendet sich das Publikum dem computergestützten TV-Konsum in rapide wachsendem Ausmaß zu. Alteingesessene Networks müssen schon um ihre Existenz fürchten (vgl. MK-Artikel).

Dass die Strategie der Streaming-Anbieter zu funktionieren scheint, belegen prominente Auszeichnungen: Bei der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung erhielt die Amazon-Originalserie „Mozart in the Jungle“ zwei Preise, einen für die beste Comedy und einen für den besten Hauptdarsteller. Schon im Jahr zuvor hatte sich Amazon mit der Serie „Transparent“, die neben zwei Golden Globes noch fünf Emmy Awards erhielt, gegen den Konkurrenten Netflix durchgesetzt.

Das Online-Versandhaus hat in jüngster Zeit eine regelrechte Offensive gestartet, um zahlungskräftige Prime-Kunden zu binden. Das ist verständlich, denn das Unternehmen wurde in den vergangenen Jahren wegen schlechter Arbeitsbedingungen seiner Angestellten vehement kritisiert. Einer Internet-Abstimmung des Internationalen Gewerkschaftsbundes zufolge gilt Amazon-Gründer Jeff Bezos gar als „schlechtester Chef der Welt“. Wer sich politisch korrekt verhalten möchte, bestellt nicht mehr bei dem Online-Versandriesen. Deshalb versucht Amazon mit Hochglanzprodukten seinen ramponierten Ruf aufzupolieren. Was ist nun von den gestreamten Serien zu halten und an welche Zielgruppe richten sie sich?

„Mozart in the Jungle“ handelt von Sex and Drugs – und nicht etwa Rock’n’Roll, sondern klassischer Musik. Klingt nicht nach einem Straßenfeger. Doch die Serie nach der 2005 erschienenen Skandal-Autobiografie der amerikanischen Oboistin Blair Tindall beleuchtet in ihren halbstündigen Folgen das Leben und die Arbeit traditioneller Orchestermusiker so, wie man es noch nicht gesehen hat. Im Zentrum stehen die New Yorker Symphoniker, die wegen des rückläufigen Interesses an Klassik ums Überleben kämpfen. Der bisherige Maestro, von Malcolm McDowell als eitler Geck mit Herbert-von-Karajan-Pose gespielt, muss gehen. An Stelle des Geschassten versucht ein exzentrischer Latino-Dirigent die blockierte Kreativität der Musiker zu entfesseln, die unter der Knute der Gewerkschaft zwar gesetzlich vorgeschriebene Pinkelpausen einhalten, ihren Instrumenten aber nur Töne nach Vorschrift entlocken.

Eine telegene Orchester-Serie

Deshalb lässt der neue Maestro – der in der Philharmonie grundsätzlich die Damen­toilette besucht, „weil es dort sauberer ist“ – sensible Violinisten zum spontanen Open-Air-Konzert in einem Hinterhof antreten. Elitäre Musik wird dabei zum Klassengegensätze überwindenden Happening. Zu überzeugen vermag diese telegene Orchester-Serie, deren Qualität über die gesamte erste Staffel (zehn Folgen) erstaunlich konstant bleibt, insbesondere dank Gael García Bernal. Als durchgeknallter Dirigent, der neben Mate-Tee reichlich Drogen zu sich nimmt und seine Inspiration im Zwiegespräch mit Wolfgang Amadeus Mozart erhält, spielt der mexikanische Darsteller die Rolle seines Lebens. Dank einer überbordenden Fülle herrlich skurriler szenischer Ideen wird das Interesse für Klatsch aus dem Orchestergraben selbst bei jenen Zuschauern geweckt, bei denen Mahler und Sibelius nicht ganz oben auf der Playlist stehen.

Welche Serien finanziert Amazon außerdem? Bei dieser Entscheidung können Konsumenten durchaus ein Wort mitreden. Quoten im herkömmlichen Sinn gibt es beim Videostreaming zwar nicht; doch in einem gleichsam basisdemokratischen Verfahren bestimmen die Zuschauer, was produziert werden soll und was nicht. So zumindest kommuniziert Amazon das Gesetz der Serie. Seit Beginn der ersten Saison mit selbst finanzierten Serien im April 2013 macht das Versandhaus zweimal jährlich im Rahmen der sogenannten „Pilot Season“ ein Angebot von zehn bis fünfzehn Pilotfolgen, die das Publikum in den USA, Großbritannien, Deutschland und Österreich begutachten kann. Bis Februar 2015 haben 14 Amazon-Originalserien diesen Auswahlprozess durchlaufen. Nun kommen neue hinzu, die sich durch das Feedback des Publikums bewähren müssen.

Mit dem üblichen Bestellbutton, den Amazon-Kunden benutzen, um mit einer Produktrezension Zufriedenheit oder Kritik über ein erworbenes Buch, ein Paar Hausschuhe oder einen Elektronikeinkauf kundzutun, können Zuschauer auch darüber abstimmen, von welcher Pilotproduktion eine komplette Staffel (10 Folgen) produziert werden soll. Ist dieses Verfahren glaubhaft? Das ist schwer einzuschätzen wie tatsächliche Zuschauerzahlen, über die Amazon auf Anfrage „grundsätzlich keine Angaben“ macht.

Der Output jedenfalls kann sich sehen lassen. Amazon-Produktionen tendieren zu Geschichten, in denen eindeutige Perspektiven aufgeweicht, feministische Themen aufgegriffen und sexuelle Identitäten in Frage gestellt werden. Das gilt vor allem für die Serie „Transparent“. Der Wortwitz des Titels spielt auf ein Elternteil („parent“) an, das nicht nur ein Transvestit, sondern ein Transsexueller ist – ein Thema, das in dieser Radikalität im Kino selten und im Fernsehen kaum aufgegriffen wird.

Hollywood-Urgestein Jeffrey Tambor spielt den alternden jüdischen Uni-Professor Mort Pfefferman, der seinen selbstsüchtigen, erwachsenen Kindern endlich eröffnen will, dass er sein Lebtag Versteck spielen musste: Er empfindet sich als Frau, die biologisch im Körper eines Mannes eingesperrt ist. In dem Moment, als er sich endlich im Fummel zeigt, überrascht er – bzw. sie – die älteste Tochter, eine verheiratete Mutter, beim Sex mit deren lesbischer Freundin. Morts Sohn geht derweil noch mit seiner Nanny ins Bett, und die jüngere Tochter des Professors treibt es mit zwei schrankgroßen Afroamerikanern.

Was nach einem Überbietungswettbewerb in Tabubrüchen klingt, erweist sich als feinsinnig und humorvoll beobachte Verschiebung der Perspektiven auf traditionelle Geschlechter-Identitäten. Wird Mort auf der Damentoilette von keifenden Müttern angegiftet und im Restaurant von einem überraschten Geschäftspartner wegen seiner karikaturhaften weiblichen Erscheinung ausgelacht, dann kommt jeweils das Komische im Tragischen und das Tragische im Komischen zum Vorschein. Die Serie spielt zwar im arrivierten urbanen Milieu von Los Angeles, aber dennoch ermöglicht „Transparent“ einen Blick von außen auf eine Welt, in der die Unterteilung in männlich und weiblich bislang so zementiert war, dass sie kaum hinterfragt wurde.

Als die Hippie-Bewegung ihre Unschuld verlor

Bei der gegenwärtigen „Pilot Season“ können Amazon-Kunden zwischen ähnlich vielversprechenden Serien-Entwürfen wählen. Einer davon ist „Sneaky Pete“. Diese Geschichte über einen Trickbetrüger, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis die Identität seines Zellengenossen annimmt, erhielt bereits ein besonders positives Feedback. Der thematisch interessanteste neue Serien-Entwurf ist aber zweifellos „Good Girls Revolt“. Die einstündige Pilotfolge kreist um das berühmte Altamont Free Concert von 1969, auf dem seinerzeit ein den Hells Angels zugehöriger Ordner einen Zuschauer erstach. Aufgerollt werden die Ereignisse aus der Perspektive einer ambitionierten Reporterin. Ihre hartnäckigen Recherchen decken jene skandalösen Ereignisse auf, die bekanntlich zur Folge hatten, dass die Hippie-Bewegung ihre Unschuld verlor. Veröffentlicht werden soll die Story der Reporterin aber unter dem Namen eines männlichen Kollegen. Die Redaktion des im Film thematisierten Magazins „News of the Week“ ist das Abbild der damaligen Gesellschaft, in der berufstätige Frauen ihren männlichen Kollegen nur den Kaffee reichen durften.

Das ändert sich, als Nora Ephron auf den Plan tritt. Die von Grace Gummer verkörperte Figur ist eine Verbeugung vor der gleichnamigen, 2012 verstorbenen Regisseurin, die vor ihrer Filmkarriere bei einer Zeitung gearbeitet hatte. Sie führt ihre Kolleginnen zu einem konspirativen Treffen, auf dem Frauen unter anderem erklärt wird, wie sie ihr Genitale mit einem Taschenspiegel betrachten können. Diesen skurril anmutenden Seitenblick auf die Entwicklung der Frauenbewegung verknüpft die Serie mit dem authentischen Gerichtsprozess nach Lynn Povichs programmatischer Buchvorlage „The Good Girls Revolt: How the women of ‘Newsweek’ sued their bosses and changed the workplace“. Wohlwollende Besprechungen lobten diesen feministischen Pilotfilm, dessen Geschichte dort anknüpft, wo die etwa im selben Zeitraum angesiedelte Serie „Mad Men“ aufhört.

Zwei weitere interessante Pilotfilme von Amazon belegen, dass die Kunden des Online-Versandhauses anscheinend offen für weniger konventionell gestrickte Geschichten sind. So beginnt „Highston“ damit, dass die Eltern des gleichnamigen 19-Jährigen sich besorgt bei einem Psychiater erkundigen. Ihr Sohn lebt in einer Phantasiewelt, er halluziniert Zwiegespräche mit Popstars. Die Tipps, die er von imaginären Prominenten erhält, sind allerdings alles andere als irre. Madonna rät ihm beispielsweise, er solle „weiter zur Schule gehen und Kondome benutzen“. Die Pointe: In jeder Episode treten tatsächlich Popstars in Cameo-Rollen auf – sichtbar nur für den Helden. Im Pilotfilm steht Michael „Flea“ Balzary, der Bassist der Red Hot Chilli Peppers, dem labilen Jungen bei seinen alltäglichen Problemen bei. Verrückt?

Die intensive Teilnahme des Publikums

Wie „Highston“ setzt auch „One Mississippi“ eine gewisse Offenheit für US-Popkultur voraus. Hier greift in der Pilotfolge die eigenwillige Komödiantin Tig Notaro nicht nur heitere Aspekte ihres Privatlebens auf. Soll sie angesichts des nahenden Todes ihrer sterbenskranken Mutter das Abschalten der Beatmungsgeräte erlauben oder nicht? Lustig ist das eigentlich nicht, doch die hochgewachsene Lesbe, die mit ihrer sexuellen Orientierung so offensiv umgeht wie mit ihrer Brustamputation, kultiviert einen an Woody Allen erinnernden Mutterwitz. Das Wort „schwarz“ reicht nicht aus, um ihrem staubtrockenen Humor gerecht zu werden. Für die semidokumentarische Inszenierung dieser lakonischen Milieustudie ist die US-amerika­nische Independent-Filmemacherin Nicole Holofcener verantwortlich, die sich mit subtilen Frauenfilmen wie zum Beispiel „Genug gesagt“ einen Namen machte. Vergleichsweise konventionell für eine Amazon-Produktion ist dagegen „Z: The Beginning of everything“, ein Ausstattungs-Biopic über das Leben, das Zelda Sayre in den 1920er Jahren führte, bevor sie ihren Mann, den Schriftsteller F. Scott Fitzgerald („Der große Gatsby“) kennenlernte.

Neben diesem Spektrum, das mit feministischen Themen und Genderproblematiken tendenziell an die weibliche Klientel adressiert ist, spricht Amazon mit seinen Eigenproduktionen auch die männliche Zielgruppe an. Wobei der Pilot zu „Mad Dogs“, ein Remake der gleichnamigen britischen Serie, auch nicht gerade konventionell daherkommt. Vier befreundete Looser Mitte 40 nehmen sich eine Auszeit in der Strandvilla eines wohlhabenden Freundes, der sich in einem mittelamerikanischen Land zur Ruhe gesetzt hat. Ihre feuchtfröhliche Wiedersehensfeier artet völlig unerwartet in eine blutige Schießerei aus. Der Hausbesitzer wird dabei getötet. In einem abenteuerlichen Überlebenskampf müssen die vier Kumpels ihre bröckelnde Freundschaft in einer Auseinandersetzung mit einem zwergwüchsigen Unterweltboss neu festigen. Unversehens finden sie sich in einer fremden, bizarren Welt wieder und man könnte meinen, schräger geht’s nicht.

Doch dann belehrt einen die Pilotfolge zu „American Patriot“ eines Besseren. Der komödiantische Agententhriller von Steven Conrad („Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) erzählt die Geschichte eines unter posttraumatischen Belastungsstörungen leidenden Nachrichtenoffiziers. Im Auftrag seines Vaters, der zugleich sein Vorgesetzter ist, muss er Schmiergelder schmuggeln, mit denen im Iran der Wahlsieg eines für die USA unbequemen Politikers verhindert werden soll. Dazu kommt es aber nicht. Der ebenso professionell wie tollpatschig zu Werke gehende Agent, eine Mischung aus James Bond und Buster Keaton, muss nämlich permanent improvisieren. Dabei unterlaufen ihm Fehler, deren Beseitigung noch größere Unannehmlichkeiten nach sich ziehen – ein Kommentar zur amerikanischen Außenpolitik.

Es bleibt abzuwarten, ob die Pilotfilme in Serie gehen, so wie es andere schafften, die das Amazon-Auswahlverfahren durchlaufen haben. Dazu zählen bisher nicht nur Furore machende Titel wie „Transparent“, „Mozart in the Jungle“ und die Comedy „Alpha House“ über vier Senatoren, die in einer illustren Männer-WG zusammenleben. In Serie gegangen ist auch die stimmungsvolle Noir-Krimi-Produktion mit dem Namen eines deutschen Elektrogeräte-Herstellers als Titel: „Bosch“ erzählt die Erlebnisse eines Detektivs der Mordkommission von Los Angeles, dessen Fälle wie eine Stilübung aufbereitet werden. In den Adaptionen der Weltbestseller von Michael Connelly spielen Kleinigkeiten eine große Rolle. Wenn der von Titus Welliver glänzend gespielte Harry Bosch abends in sein Haus mit Blick über das Lichtermeer von L.A. heimkommt, dann hört er Jazz von Art Pepper. Auf Vinyl. Mit einem Plattenspieler von Marantz, einem McIntosh-Röhrenverstärker und Lautsprechern der Marke Ohm-Walsh, über die es im Internet eigene Blogs gibt.

Diese intensive Teilnahme des Publikums – die man teilweise auch hierzulande kennt, wo Zuschauer zum Beispiel während eines „Tatort“-Krimis ihre Kommentare twittern – zählt wohl zum Erfolgsgeheimnis der Amazon-Originalserien. Über „Hand of God“, der Mystery-Geschichte eines Richters, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt, weil der Allmächtige persönlich es ihm befiehlt, urteilt beispielsweise ein selbsternannter Sachverständiger in seiner Produktrezension: „Da ich Psychiater bin, sehe ich das ganze unglaubwürdige Konstrukt. Daher langweilt es mich ziemlich. Aber für Nicht-Experten sicher spannend und unterhaltsam.“ Inwieweit derartige Feedbacks tatsächlich einen Einfluss auf die Entscheidung zur Produktion einer ersten Serien-Staffel haben, ist letztlich unklar. Fest steht aber, dass Zuschauer sich durch diese umfangreich dokumentierten Kommentare – bei „Bosch“ sind es hierzulande etwa 500, bei „Transparent“ 200 und bei „Mozart in the Jungle“ ungefähr 300 Einträge – ernst genommen fühlen.

In der Machart des Kinos

Ins Auge sticht die durchweg sorgfältige Machart dieser Serien, die inhaltlich und formal meist Kinoqualität haben. (Produziert werden von dem Online-Versandhaus übrigens noch zahlreiche Kinderformate, die in einem eigenen Artikel betrachtet werden müssten). Für seine Eigenproduktionen hat Amazon Hollywood-Größen wie Ridley Scott („The Man in the High Castle“), den „Borat“-Erfinder Sacha Baron Cohen („Highston“) und den „American-Pie“-Regisseur Paul Weitz engagiert, der bei „Mozart in the Jungle“ mehrfach Regie führte. Die Reihe namhafter Spezialisten, die alle einzeln zu nennen eine lange Liste ergeben würde, lässt erahnen, welche Gelder für diese Serien-Produktionen in die Hand genommen werden. Ein herkömmlicher Fernsehsender, der ein Netz von Korrespondenten unterhält und ein Vollprogramm schultert, kann im Bereich der Serien-Produktion mit den Budgets von Amazon nicht mithalten. Der qualitative Vergleich zwischen Amazon-Serien und etwa denen des deutschen Fernsehens wäre deshalb unangemessen.

Dem ungeduldiger werdenden Publikum, das in Blogs häufig in Schwarzweiß-Manier die Qualität von US-Serien wie denen von Amazon oder Netflix feiert und sich im Gegenzug über eine vermeintliche „Zwangsgebühr“ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland mokiert, der derartige nicht zustande bringe, sind diese strukturellen Argumente schwer vermittelbar. Nicht auf dem Schirm haben die Kritiker dabei, dass es in der deutschen Fernsehlandschaft auch bemerkenswerte Qualitäten gibt: Dokumentarische Formen beispielsweise, produziert unter anderem vom Südwestrundfunk (SWR), haben über Jahrzehnte hinweg eine individuelle Handschrift entwickelt, die man bei hochkarätigen Streaming-Formaten von Amazon (trotz etwa des dokumentarischen Angebots „The New Yorker“) so nicht findet. An diesem Punkt muss das Nachdenken über Qualität, Struktur und Budgets beginnen.

16.02.2016/MK

Print-Ausgabe 13/2016

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