Peter F. Müller/Michael Mueller: Mein Name sei Altmann. Das zweite Leben eines Kriegsverbrechers (Arte)

Sein Leben lang ein hundertprozentiger Nazi

Einen Einschnitt in der Forschung über Klaus Barbie bedeutete 2014 das Buch „Deckname Adler: Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste“, die Doktorarbeit des 1986 geborenen Historikers Peter Hammerschmidt. Er war der Erste, der 2010 beim Bundesnachrichtendienst (BND) die dort lagernde Akte zu Barbie einsehen konnte. Die Dokumente brachten unter anderem die Gewissheit, dass der Kriegsverbrecher Barbie, der sich 1951 in Bolivien niedergelassen hatte, 1966 für den BND tätig gewesen war. Sein Wissen hat Hammerschmidt auch in die Dokumentation „Mein Name sei Altmann“ mit eingebracht, deren Titel auf den von Barbie in Bolivien genutzten Namen Klaus Altmann Bezug nimmt. Der Historiker fungierte hier als wissenschaftlicher Berater; zahlreiche Gesprächspartner, die er für seine Doktorarbeit traf, äußern sich auch in dem Film.

An Dokumentarfilmen über Barbie herrscht gewiss kein Mangel. „Mein Name sei Altmann“ setzt aber andere Akzente: Nur am Rande geht es in dem 55-minütigen Film von Peter F. Müller und Michael Mueller um die Morde, die Foltertaten und Deportationen, für die der Leiter der Gestapo-Dienststelle in Lyon während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg verantwortlich war. Im Fokus steht Barbies – teilweise ebenfalls mörderisches – Wirken in der Nachkriegszeit. Der im Film zu Wort kommende frühere „Stern“-Reporter Kai Hermann, der über ein umfangreiches Archiv in Sachen Barbie verfügt, sagt, der „Schlächter von Lyon“, wie Barbie in Frankreich genannt wurde, sei auch in Bolivien „eine Art Gestapo-Chef“ gewiesen. Das bezieht sich darauf, dass Barbie maßgeblich daran beteiligt war, während der Herrschaft verschiedener bolivianischer Militärdiktaturen Oppositionelle auszuschalten.

In seinem „zweiten Leben“, auf das die Autoren des Films im Untertitel anspielen, wirkte Klaus Barbie als US-amerikanischer und bundesdeutscher Spion, als Repräsentant für die im Auftrag von BND und Bundesregierung tätige Waffenfirma Merex und als Geschäftsmann auf verschiedenen anderen Feldern. Als Kaufmann habe Barbie/Altmann als „komplett durchgeknallter Psychopath“ agiert, sagt ein ehemaliger Geschäftspartner in der Dokumentation.

Neuland betritt der Film von Peter F. Müller und Michael Mueller in mehrfacher Hinsicht: Er arbeitet etwa heraus, dass Barbie in Bolivien bei den Staatsstreichen von 1964 und 1971 sowie beim „Kokain-Putsch“ von 1980 an mehr Strippen zog, als bisher bekannt war. Manches mag auch dafür sprechen, dass er der „strategische Kopf“ hinter der Ergreifung Che Guevaras 1967 in Bolivien war, wie die Filmemacher es formulieren, doch ob es wirklich so war, lässt sich durch Dokumente natürlich nicht erhärten.

Die beiden Autoren legen auch dar, dass Barbie Sicherheitschef des Bolivianers Roberto Suárez war, des zeitweilig weltgrößten Kokainkändlers, für den er auch als „Mittelsmann“ zu wichtigen Politikern fungierte. Als Quelle dient hier etwa ein älterer Herr, der eingeführt wird mit melancholischen Bildern, auf denen zu sehen ist, wie er mit seinem Hund durch einen verschneiten Wald spaziert. Es ist der ehemals hochrangige US-Drogenfahnder Michael Levine. Der hatte das Pech, dass die bolivianischen Kokainbarone, denen er an den Kragen wollte, auf der Honorarliste des amerikanischen Geheimdienstes CIA standen.

Das Autorenduo hat auch den früheren „Stern“-Reporter Gerd Heidemann interviewt, der einst die vermeintlichen „Hitler-Tagebücher“ anschleppte, mit denen sich die Illustrierte 1983 weltweit blamierte. Es spricht nichts dagegen, ihn zu interviewen, angemessen wäre es aber gewesen, in irgendeiner Form kenntlich zu machen, wie Heidemann zu Barbie stand. Als ein Artikel über den alten SS-Mann im „Stern“ nicht so ausfiel, wie er, Heidemann, sich das gewünscht hatte, bat er Barbie 1981 brieflich um „Verzeihung“: „Ich bedaure sehr, durch diese dumme Geschichte Ihre Freundschaft verloren zu haben.“

Eine gespenstische Note bekommt der Film in einigen sparsamen Inszenierungen, in denen der Schauspieler Felix von Manteuffel den Massenmörder gewissermaßen zum Leben erweckt. Er rezitiert, an einem Schreibtisch sitzend, aus einer Memoirenskizze Klaus Barbies, die dieser 1983 verfasste. Zu dem, was der Menschheitsverbrecher der Nachwelt unbedingt hinterlassen wollte, gehörte etwa die Information, er habe seinen Kindern „ein Studium ermöglicht“. Einige der von den Autoren ausgewählten Passagen unterstreichen, dass Barbie – der 1991 im Alter von 77 Jahren im Gefängnis von Lyon starb (Bolivien hatte ihn 1982 an Frankreich ausgeliefert) – sein Leben lang ein hundertprozentiger Nazi war. Der Film endet mit solch einer Schreibtischszene: Manteuffel steht auf und verlässt gewissermaßen die Bühne.

Der Schauspieler war auch beteiligt am 2014 erstmals ausgestrahlten WDR-Hörspiel „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen“ (vgl. FK 25/14), das die beiden Filmautoren Peter F. Müller und Michael Mueller zusammen mit Leonhard Koppelmann (Regie) erstellt hatten und auf dem „Mein Name sei Altmann“ aufbaut. Quasi zur Einstimmung auf den Dokumentarfilm splittete der WDR das rund dreistündige Hörspiel in drei Teile auf und sendete sie am 25. August, 1. September und am 8. September (also dem Ausstrahlungstermin des Films) in seinem Programm WDR 5.

Die TV-Dokumentation „Mein Name sei Altmann“ hat gezeigt: So lange Journalisten und Historiker neue Perspektiven zu einzelnen Aspekten finden oder Zugang zu bisher unausgewerteten Akten bekommen, können Filme über NS-Kriegsverbrecher für das Publikum weiterhin gewinnbringend sein.

15.09.2015 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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