Christine Franz: Bunch of Kunst – Sleaford Mods: Die wütendste Band Englands (Arte)

Eine herausragende Musikdokumentation

28.07.2017 • Sie seien „die größte Rock’n’Roll-Band der Welt“, sagt der US-amerikanische Sänger Iggy Pop. Dieses Zitat aus einer BBC-Radiosendung von 2016 ist gleich zu Beginn des Films „Bunch of Kunst“ zu hören. Die Äußerung ist zumindest insofern bemerkenswert, als das Duo Sleaford Mods auf der Bühne überhaupt nicht den Vorstellungen davon entspricht, die man normalerweise mit einer Rock’n’Roll-Band verbindet. Der eine Musiker, Jason Williamson, singt, schreit, flucht und erinnert dabei mal an den seit 40 Jahren in der Regel grandios vor sich hin grantelnden Mark E. Smith von der Band The Fall, mal, so sieht es jedenfalls der derzeitige Labelchef der Sleaford Mods, an eine Shakespearesche Figur. Der andere, Andrew Fearn, tut streng genommen wenig: Während der Stücke steht er knapp einen Meter entfernt hinter seinem in der Regel auf drei Bierkisten platzierten Laptop, aus dem die gesamte Musik kommt. Während er beide Hände in den Hosentaschen hat – manchmal auch nur eine, in der anderen hält er dann eine Bierflasche –, macht er tanzähnliche Bewegungen.

Unter diesen minimalistischen Rahmenbedingungen entsteht aber eine Intensität, gegen die derzeit kaum eine Band ankommt, die eine Bühnenshow im herkömmlichen Sinn zu bieten hat – und die Daniel Wehrhahn, der Director of Photography bei „Bunch of Kunst“, und sechs weitere Kameramänner in ihren Bildern perfekt transportieren.

Christine Franz, die Regisseurin dieses Dokumentarfilms, ist Redakteurin bei „Tracks“, dem Popkultur-Magazin des deutsch-französischen Kultursenders Arte. Sie hat die Mittvierziger Fearn und Williamson über fast zwei Jahre begleitet. Dritter Protagonist des 100-minütigen Films ist der Manager und Kleinlabel-Besitzer Steve Underwood, der 20 Jahre lang als Busfahrer gearbeitet und diesen Job kurz vor Beginn der Dreharbeiten von „Bunch of Kunst“ aufgegeben hat, um sich auf die Arbeit mit den Sleaford Mods konzentrieren können. Christine Franz beschreibt ihn als eine Art drittes Bandmitglied.

Die Autorin und Regisseurin hat zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung getroffen. Die Geschichte, die sie erzählt, beginnt im Januar 2015 – zu einem Zeitpunkt, als der kantige und treibende Electropunk-Sound der Sleaford Mods noch wenig bekannt war und die Band in kleinen Clubs vor kaum mehr als 100 Leuten auftrat. In der Entstehungszeit des von Christine Franz komplett vorfinanzierten Films landete erstmals ein Album der Sleaford Mods in den Charts; außerdem spielte die Band, die sich jenseits des Musikbusiness eher graswurzelartig nach oben arbeitete, im Sommer 2015 auf dem Glastonbury-Festival, einer der weltweit größten Open-Air-Musikveranstaltungen.

„Bunch of Kunst“, der Titel des Films, ist eine spielerische Abwandlung des Sleaford-Mods-Titels „Bunch of Cunts“ („Ein Haufen Wichser“). An Flüchen und Four-Letter-Words mangelt es in ihren Texten nicht. „The smell of piss is so strong / It smells like decent bacon“ („Der Gestank nach Pisse ist so streng / Er riecht nach deftigem Speck“), so lauten die poetischen ersten Zeilen von „Tied up in Nottz“ („Hängengeblieben in Nottingham“), ihrem bekanntesten Song. In erster Linie spricht oder singt Jason Williamson Texte, mit denen sich Briten identifizieren können, die ein Leben mit miesen Jobs und miesen Vorgesetzten gewohnt sind. Williamson selbst hat, wie er im Film erzählt, einige Zeit lang am Fließband mit Tiefkühlhühnern hantiert.

Der Untertitel „Die wütendste Band Englands“ ist durchaus zutreffend und das lässt sich von den Superlativen, mit denen Fernsehsender auf (Musik-)Dokumentationen aufmerksam zu machen versuchen, ja nicht immer behaupten. In weiten Teilen ist „Bunch of Kunst“ ein Roadmovie aus dem Tour-Alltag einer Band; zunächst sind die Musiker mit ihrem Manager in dessen Kleinwagen unterwegs, später dann im Tour-Bus. Auch wenn es immer wieder Regisseure gegeben hat, die in solchen Situationen nah dran waren an Bands: Christine Franz gelingt es, Bilder und Äußerungen einzufangen, die man in dieser Form in einer Musikdokumentation noch nie gesehen und gehört hat. Offenbar hat sie allerlei Rockumentarys studiert, um herauszufinden, welche Hinter-den-Kulissen-Bilder derart verbraucht sind, dass man sie dem Publikum lieber nicht noch einmal präsentiert.

Zu den zahlreichen einprägsamen Szenen gehört eine im Backstage-Container von Glastonbury: Jason Williamson macht dort gerade Atemtraining, während sich seine vierjährige Tochter über im Fernseher laufende Katzenfilmchen kaputtlacht. Anderes Beispiel: Als die Band gerade einen zwischenzeitlichen Höhepunkt erreicht hat – ein Konzert vor 2000 Menschen in ihrer Heimatstadt Nottingham –, sinniert Andrew Fearn, während das Publikum noch singend auf eine Zugabe wartet, hinter der Bühne plötzlich darüber, dass das Pressen von Vinylplatten und das Herumfahren mit einem Tour-Bus nicht besonders umweltfreundlich seien. Und dann wäre da noch Williamsons Ehefrau, die in der Anfangsphase des Films sagt: „Ich glaube, Jason war sein Leben ziemlich egal, ich dachte immer, dass er spurlos verschwindet, und als Nächstes erfährt man dann, dass er tot ist.“ So etwas sagen Gattinnen von Protagonisten in Dokumentationen oder Dokumentarfilmen auch eher selten. Um das Zitat einordnen zu können, muss man wissen, dass es sich hier um eine sehr liebevolle Ehe handelt, jedenfalls beschreibt Christine Franz es so.

Die kurzen Fan-Interviews, die am Rande der Auftritte der Sleaford Mods entstehen, fungieren auch als Porträt von Teilen der englischen Arbeiterklasse – so sehr aus der Zeit gefallen die Formulierung jetzt auch klingen mag. Die Regisseurin zeigt vor allem jenseits der Metropolen lebende Menschen, die sich mit Williamsons Form der Gesellschaftskritik identifizieren können. Dieser sagt allerdings, es gehe ihm mittlerweile auf die Nerven, als „Stimme des Volkes“ bezeichnet zu werden.

„Bunch of Kunst“, zu sehen am Auftakttag des dritten Wochenende des der britischen Popmusik gewidmeten Arte-Schwerpunkts „Summer of Fish’n’Chips“, mischt das Genre der in der Regel berechenbaren Musikdokumentation auf eine ähnliche Weise auf wie die Sleaford Mods nach ihrem Durchbruch die saturierte britische Musikszene. Die herausragende Qualität des Films ist auch dem klugen und einnehmenden Humor geschuldet, den hier nahezu alle Beteiligten an den Tag legen. „Bunch of Kunst“ ist, kurz gesagt, die beste deutsche TV-Musikdokumentation mindestens der vergangenen zehn Jahre.

28.07.2017 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 24/2017

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