HMR-Studie: „Produzentenbericht“ der Fernsehsender notwendig

16.02.2001 •

16.02.2001 • Die deutschen Fernsehsender sollen in Zukunft einen jährlichen „Produzentenbericht“ erstellen, um ihre Auftragsvergabe transparent zu machen. Diese Forderung erhebt eine Studie der Kölner Medienberatung HMR International zum „Fernsehmarkt Deutschland“. Die unabhängig erstellte Untersuchung stellt fest, dass die beherrschenden Medienkonzerne Kirch und Bertelsmann auf die deutsche Fernsehproduktion immer stärker „direkt durchgreifen“.

Die Szenerie unabhängiger mittelständischer TV-Produzenten „trocknet langsam, aber sicher aus“, sagte HMR-Geschäftsführer Lutz Hachmeister bei der Vorstellung der Studie am 8. Februar 2001 in Köln. Bei den kommerziellen Fernsehsendern nehme „die Entscheidungskompetenz des Managements ab“, heißt es in der knapp 400-seitigen Studie weiter; hingegen lege „die strategische Steuerung der Produktion durch konzernintegrierte Stabsstellen“ an Bedeutung zu. Dies trage in der Regel nicht zur Programmqualität bei. Hachmeister nannte als Beispiele die Misserfolge des Axel-Springer-Verlags bei der Fernsehproduktion („Newsmaker“ für Sat 1), den überraschenden Verkauf der Bertelsmann-Tochter Gruner+Jahr Funk- und Fernsehproduktions GmbH (G+J FFP) an die Firma Medienkontor von Theodor Baltz und dessen Frau Sabine Christiansen sowie die „groteske Häufung sogenannter Reality-Shows“ bei den Privatsendern.

Wettbewerbsdruck durch Konzerne

Die HMR-Studie prognostiziert, dass auch für größere Drittanbieter wie Brainpool, Endemol oder Kinowelt der Wettbewerbsdruck durch die Medienkonzerne zunehme. Durch sogenannte „In-Sich-Geschäfte“ wollten die Konzerne Formate selbst produzieren, in ihren Senderfamilien umfassend vermarkten und gleichzeitig die Werbevermarktung dominieren. Günstige Perspektiven für kleinere und mittlere Produzenten böten nur noch Nischen wie Dokumentationen oder hochrangiges Quality-TV.

Angesichts der gefährlichen Konzentrationsbewegung auf dem Produzentenmarkt käme der Auftragsvergabe durch öffentlich-rechtliche Sender besonderes Gewicht zu, so die Untersuchung weiter. Zudem müsse der Wert einer leistungsfähigen, unabhängigen Produktionswirtschaft von der Politik „endlich erkannt und ernstgenommen werden“, sagte Hachmeister. Die Erhebungen der Studie zeigten, dass sowohl Filmförderung als auch die regionale „Standortpolitik“ zur Stabilisierung einer unabhängigen Produzentenszene nicht beigetragen hätten.

Von den insgesamt 15,3 Mrd DM Umsatz der öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Fernsehsender in Deutschland wurden im Durchschnitt der Geschäftsjahre 1999 und 2000  4,6 Mrd DM (30,1 Prozent) in direkte Auftragsproduktionen investiert, so die Studie. Von den zehn umsatzstärksten Produktionsgruppen und -firmen in Deutschland sind jedoch nur noch zwei (Otto Meissner KG, Producers AG) „von den etablierten Sendergruppen unabhängig“. Die führenden Produktionsgruppen sind die in Potsdam-Babelsberg ansässige Ufa Film & TV Produktion (Bertelsmann/RTL Group) mit 566 Mio DM Umsatz, die Produktionstöchter der Münchner Kirch-Gruppe (355 Mio DM) sowie die öffentlich-rechtlichen Tochterunternehmen Bavaria mit 315 Mio und Studio Hamburg mit 198 Mio DM Umsatz.

• Text aus Ausgabe Nr. 7/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.02.2001 – da/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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