Euronews verwirklicht: Start mit 20‑Stunden‑Programm

15.01.1993 •

15.01.1993 • Der mehrsprachige europäische Nachrichten- und Informationskanal Euronews hat, wie geplant, am 1. Januar 1993 um 15.30 Uhr seinen Sendebetrieb aufgenommen. Euronews ist zunächst 20 Stunden täglich auf Sendung (von 6.00 bis 2.00 Uhr MEZ). Das noch nicht komplette Programm besteht vornehmlich aus fünf- bis zehnminütigen Nachrichten (plus europaweiter Wettervorhersage) zur Viertel-, manchmal zur halben Stunde. Von den im Aufbau befindlichen Magazinsendungen werden bisher nur ein „Wirtschaftsjournal“, eine internationale „Presseübersicht“ mit Schlagzeilen sowie Magazine namens „Lifestyle“, „Was anliegt“ und „Für Europas Jugend“ gesendet. Ab April 1993 sollen alle geplanten Magazine gezeigt werden: Ab dann wird das Programm in kompletter Form und rund um die Uhr zu sehen sein. Die News-Blöcke sollen dann im Viertelstundentakt das Raster für das Euronews-Programm bilden.

Die ersten drei Sendemonate von Euronews gelten offiziell als Testprogramm. Der TV-Nachrichtenkanal der Union der Europäischen Rundfunkorganisationen (UER/EBU) sendet von Beginn an in fünf Sprachen: in Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch und Italienisch. Veranstalter des Programms ist die am 9. Juni 1992 gegründete Aktiengesellschaft Euronews Editorial S.A. (vgl. FK-Heft Nr. 24/92) mit Sitz in Lyon, wo auch die Redaktion angesiedelt ist (im Stadtteil Écully). Euronews Editorial wird von elf Rundfunkanstalten bzw. -gesellschaften aus 10 Staaten getragen, und zwar aus Frankreich (France 2, France 3), Spanien (RTVE), Italien (RAI), Belgien (RTBF), Finnland (YLE), Griechenland (ERT), Monaco (TMC), Zypern (CyBC), Portugal (RTP) und Ägypten. All diese TV-Veranstalter sind Mitglieder der UER.

Euronews versteht sich seiner Selbstdarstellung nach als „paneuropäische Alternative“ zum US-amerikanischen News-Kanal-Vorbild CNN. Euronews-Präsident Massimo Fichera (früher RAI) sagte zum Start des UER-Nachrichtenkanals: „Die Programme werden von Europäern für Europäer gemacht. Dabei wird es absolut keinerlei nationale oder politische Scheuklappen bei Euronews geben.“ Die Euronews-Redaktion macht kein im eigentlichen Sinne eigenproduziertes Programm, sondern nutzt – kostenlos – das ihr überspielte Sendematerial sämtlicher (das heißt, auch das der nicht an Euronews Editorial beteiligten) UER-Mitglieder, speziell deren Eurovisions-Material, und stellt daraus ihr neu geschnittenes Informationsprogramm zusammen. Die Berichte werden neu getextet und aus dem Off in einer der fünf Sprachen (je nach Region) verbreitet.

Finanzielle Engpässe

Euronews muss nach eigenen Angaben im ersten Sendejahr mit einem rund 100 Mio DM (50 Mio Ecu) hohen Budget auskommen. Den Hauptteil davon, 55 Prozent, müssen die beteiligten elf UER-Mitglieder bezahlen. 25 Prozent sollen durch Werbung und Sponsoring aufgebracht werden. Die restlichen 20 Prozent stammen aus öffentlichen Mitteln: 15 Prozent davon kommen aus Töpfen der Europäischen Gemeinschaft (speziell aus den Brüsseler Eureka-Audiovisual-Fonds), und 5 Prozent wollen der Staat Frankreich sowie das Département Rhône, die Region Rhône-Alpes und die Stadt Lyon (als Sitz von Euronews) aufbringen.

Langfristig ist die Finanzierung von Euronews bisher nicht gesichert. So fielen jetzt bereits die EG-Zuschüsse niedriger als zunächst angekündigt aus: Statt 5 Mio Ecu (10 Mio DM) für 1993 wurden nur 3 Mio Ecu (6 Mio DM) von der EG überwiesen. Ein weiteres Problem: Während der ersten drei Monate muss Euronews völlig auf Werbung und die hieraus eingeplanten Einnahmen verzichten, weil das ursprünglich für die Werbeakquisition verpflichtete Unternehmen IP, eine Filiale von Hachette S.A. (Paris), die Hachette-Gesellschaft kurzfristig verlassen hat. Der dadurch entstandene finanzielle Engpass bei Euronews ist so groß, dass Personaleinsparungen notwendig wurden: Statt 120 Angestellte, wie anfangs beabsichtigt, arbeiten nun zunächst nur rund 110 für den UER-Nachrichtenkanal. Ab April, wenn Euronews 24 Stunden sendet, soll es dann auch Werbung geben.

Das Euronews-Programm wird über den Satelliten Eutelsat II-F1 ausgestrahlt. Seit Programmstart ist Euronews potenziell in 35 Mio bis 40 Mio europäischen und teilweise auch nordafrikanischen Haushalten über Kabelnetze oder individuelle Parabolantennen zu sehen. Das Programm kann über Transponder 37 auf Eutelsat II-F1, 13° Ost, vertikale Polarisation, empfangen werden. Die Downlink-Frequenz, die das Bild des Euronews-Programms abstrahlt, ist 11.575 GHz mit dem Haupttonträger in deutscher Sprache auf 6.65 MHz. Die anderen Sprachen sind über die zusätzlichen Tonunterträger auf 7.02 MHz (Englisch), 7.20 MHz (Spanisch), 7.38 MHz (Französisch) sowie 7.56 MHz (Italienisch) zu empfangen. Für Mitte 1993 ist auch ein arabischer Tonkanal geplant. Mieter des genutzten Satellitentransponders ist die France Télécom. Euronews ist in ganz Zentral- und Westeuropa mit Parabolantennen von 80 Zentimetern Größe zu empfangen, mit nur wenig größeren Antennen im nördlichen Skandinavien, Osteuropa und Nordafrika.

Unklarheit über Beteiligung von ARD und ZDF

Der konkrete Aufbau des UER-Nachrichtenkanals hatte am 8. Mai 1991 mit der Gründung des Konsortiums Euronews-Development (END) begonnen. Diesem Konsortium gehörten auch die deutschen Rundfunkanstalten ARD und ZDF an. Sie stiegen jedoch aus, als im Juni 1992 mit der Aktiengesellschaft Euronews Editorial der eigentliche Sender gegründet und END aufgelöst wurde (vgl. FK-Hefte Nr. 20/91, 8/92 und 15/92).

Für die ablehnende Haltung und den Ausstieg von ARD und ZDF gab es mehrere Gründe. Die unsichere Finanzlage spielte dabei ebenso eine Rolle wie der Umstand, dass die deutschen Anstalten vom journalistischen und internationalen Konzept bei Euronews nicht überzeugt waren. Hinzu kam das medienrechtlichte Problem, dass die Regierungschefs aller Bundesländer einer ARD/ZDF-Beteiligung an Euronews ihre Zustimmung hätten geben müssen, das Projekt Euronews jedoch unter den Ministerpräsidenten sehr umstritten ist.

Seit in jüngster Zeit – aufgeschreckt durch den ersten privaten deutschen Nachrichtensender n-tv – ARD und ZDF an die Gründung eines deutschen Informationskanals (DIKA) denken (vgl. FK-Heft Nr. 50/92), hat speziell die ARD wieder Tuchfühlung zu Euronews aufgenommen und nun eine mögliche Zusammenarbeit mit dem UER-Nachrichtenkanal ins Spiel gebracht. Euronews ist auf jeden Fall daran interessiert, in Deutschland, das für den Sender ein wichtiger Markt ist, auf dem Bildschirm präsent zu sein. Deshalb ist bereits daran gedacht, eine selbständige deutsche Tochtergesellschaft zu gründen. An ihr könnten sich ARD und ZDF beteiligen, wenn sie wollten. So könnten dann in das spezielle deutsche Euronews-Programm eventuell auch Nachrichten oder Magazine der Programme von ARD und ZDF eingebaut werden. Bei Euronews hat man immer wieder betont, an einer ARD/ZDF-Mitarbeit interessiert zu sein. Noch freilich ist in dieser Hinsicht alles offen. Zumal ARD und ZDF noch keine Entscheidungen darüber getroffen haben, ob (und wie) sie einen öffentlich-rechtlichen Infokanal aufbauen wollen. Das ZDF will darüber am 15. Januar befinden, die ARD erst am 3. Februar.

• Text aus Heft Nr. 2/1993 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.01.1993 – FK