Von Burghausen bis Japan

Zum Tod der Schauspielerin Hannelore Elsner

Von Karl-Otto Saur
26.04.2019 •

Wenn ein Fernsehstar stirbt, ist häufig die erste Reaktion in den Sendern die Suche nach dem Film, den man kurzfristig ins Programm nehmen kann, um auch öffentlich zu zeigen, dass man die Schauspielerin oder den Schauspieler würdigen möchte. Die Nachricht vom Tod der großen Schauspielerin Hannelore Elsner kam für viele so überraschend, dass kurzfristig und schnelle Entscheidungen getroffen werden mussten. Sowohl die ARD als auch das ZDF zeigten noch am späten Abend des Tages, an dem die Todesnachricht bekannt wurde, es war der 23. April, je einen Film mit dieser so wandelbaren Schauspielerin. 

Das Dritte Programm BR Fernsehen zog zwei Tage später mit der Wiederholung einer „Tatort“-Folge nach, die 1985 unter dem Titel „Schicki-Micki“ im Ersten ausgestrahlt worden war. Hier spielte Hannelore Elsner eine Journalistin. Das Thema dieses „Tatorts“ war – schon damals – die Gentrifizierung der Wohngebiete Münchens. Im Mittelpunkt stand ein Edelwirt, der aus Raffgier die kleinen Wirtshäuser in schicke Bars und teure Restaurants umwandeln wollte. Die Autoren dieses „Tatorts“ waren zwei bekannte Münchner Journalisten: Ernst Fischer und Herbert Riehl-Heyse, der eine stellvertretender Chefredakteur bei der Münchner „Abendzeitung“, der andere in gleicher Funktion bei der „Süddeutschen Zeitung“.

Ihre natürliche Ausstrahlung

Für Riehl-Heyse, schon damals einer der wichtigsten politischen Reporter bei der „Süddeutschen“, war es eine Art persönliche Wiederbegegnung mit Hannelore Elsner, die eine Rolle in dieser Krimifolge übernommen hatte. War er doch wie sie in Altötting aufgewachsen und beide hatten dasselbe Gymnasium in Burghausen am Inn besucht. In oberbayerischen Burghausen war Hannelore Elsner am 26. Juli 1942 geboren worden. Riehl-Heyse (1940-2003) hatte nie vergessen, wie umschwärmt die knapp zwei Jahre Jüngere auf der Schule war – umschwärmt auch von ihm.

Die natürliche Ausstrahlung von Hannelore Elsner sorgte dafür, dass sie sich schon früh zur Schauspielerei hingezogen fühlte. Nach der Schauspielausbildung startete sie in der „Kleinen Komödie“ in München ihre Bühnenkarriere. 1966 spielte sie zum ersten Mal an den Kammerspielen. Nebenbei trat sie immer wieder in Spielfilmen der seichteren Art auf. Einem breiteren Publikum wurde sie bekannt als Mitwirkende in der ZDF-Serie „Das Kriminalmuseum“. Von 1983 bis 1997 spielte sie Rollen in verschiedenen „Tatort“-Folgen. Und wie eine Fee von außen wirkte sie 1986 in der Kultserie „Irgendwie und Sowieso“ (BR), mit der der damals junge Regisseur Franz Xaver Bogner Maßstäbe im Fernsehen setzte.

Eine eigene Krimireihe – damals noch eher die Ausnahme für eine Frau – bekam sie 1994. Es war die in Frankfurt am Main spielende Serie „Die Kommissarin“ (ARD/HR), die dann bis 2006 im Ersten Programm lief. Sie spielte hier die Ermittlerin Lea Sommer. Zweimal war Elsner als Hauptkommissarin Sommer auch in „Tatort“-Folgen zu sehen. Diese beiden vom NDR verantworteten Episoden aus dem Jahr 1997 spielten in Hamburg.

Es ist für jede Schauspielerin und jeden Schauspieler ein Wagnis, sich zu sehr auf eine Rolle festzulegen. In insgesamt 66 Serienfolgen spielte Hannelore Elsner die populäre Rolle der sympathischen Kommissarin. Doch noch bevor die letzte Folge der Serie lief, sorgte sie mit einem besonderen Schlag für Furore durch einen Kinofilm: „Die Unberührbare“. Der junge Regisseur Oskar Roehler hatte sie überzeugt, die Hauptrolle der Gisela Elsner zu spielen. Die zufällige Namensgleichheit zwischen Heldin und Darstellerin führte bei vielen Zuschauern zu Verwirrung, zumal eine tiefschwarze Perücke für eine verblüffende Ähnlichkeit mit der realen Person sorgte. Gisela Elsner war eine junge Schriftstellerin, die mit einer Lesung bei der „Gruppe 47“ für Aufsehen in der literarischen Welt gesorgt hatte. Dort lernte sie auch den Schriftsteller Klaus Roehler kennen. Ihr gemeinsamer Sohn Oskar war vom Leben seiner Mutter, die bis zu ihrem freiwilligen Lebensende nach dem Fall der Mauer überzeugte Kommunistin blieb, so fasziniert, dass er ihr Schicksal als Vorlage für diesen erstaunlichen Film benutzte (in dem die für Gisela Elsner stehenden Protagonisten den Namen Hanna Flanders erhalten hatte).

Anspruch und Erfolg

Für Hannelore Elsner war dieser Film der Beginn einer zweiten Karriere. Sie blieb einerseits die vielbeschäftigte Schauspielerin in vielen Unterhaltungsfilmen, aber sie wusste nun, dass sie auch anders konnte. Vom Produzenten Hubertus Meyer-Burckhardt ließ sie sich überzeugen, bei einem ungewöhnlichen Projekt mitzuwirken: Unter der Regie von Oliver Hirschbiegel spielte sie in „Mein letzter Film“ (2002) eine alternde Schauspielerin, die vor der Kamera eine Bilanz über Beruf und Leben zieht. Der damalige ARD-Programmdirektor Günter Struve war von dieser Lebensbilanz so erschrocken, dass er, als die Ausstrahlung im Fernsehen anstand, diesen Filmmonolog (Drehbuch: Bodo Kirchhoff) auf einem Abend platzierte, als im ZDF die Live-Übertragung eines Fußball-Länderspiels lief. Struves Meinung war, dass die große Mehrheit der Zuschauer sich an diesem Abend natürlich für den Fußball entschied und somit für das Erste ohnehin keine besondere Quote zu erreichen war. Also könne man einen derart spröden Film im Gegenprogramm 'versenden'.

Hannelore Elsner, die bei einer privat organisierten Premiere des Films von ihrem Glück erzählte, eine solche schauspielerische Herausforderung angetragen bekommen zu haben – die mit der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2003 an sie als beste Schauspielerin auch öffentlich anerkannt wurde – spielte auch weiterhin „Erfolgsrollen“ mit hohen Einschaltquoten, aber sie war auch jemand, die wusste, wie man Anspruch und Erfolg miteinander verbinden kann. Unter Regisseur Dany Levy spielte sie beispielsweise 2004 neben Henry Hübchen in der Komödie „Alles auf Zucker“, eine deutsch-jüdische Familiengeschichte, die auf wunderbare Weise die Balance zwischen Tragik und Humor hielt. Nicht alle ihre Rollen waren so angelegt. Aber Hannelore Elsner hatte das Talent, die Begabung und das Wissen, mir ihrer schauspielerischen Kunst uns alle zu berühren. Bei allen Erfolgen vergaß sie aber nicht, dass das Leben noch andere Herausforderungen stellte. Hannelore Elsner engagierte sich unter anderem im Kampf gegen HIV und Aids. Auch der Tierschutz lag ihr sehr am Herzen. 

Ihren letzten Film spielte sie unter der Regisseurin Doris Dörrie, einer Art Seelenverwandten. „Kirschblüten & Dämonen“ heißt dieser Film und er ist die Fortsetzung von „Kirschblüten – Hanami“ aus dem Jahr 2008 (ebenfalls von Doris Dörrie). In diesen beiden Kinowerken spielte Hannelore Elsner eine bayerische Bäuerin, die im Alter merkt, dass es außerhalb der kleinen Dorfwelt auch noch eine andere Welt gibt – in diesen Fall in Japan. Mit dem zweiten „Kirschblüten“-Film hat eine beeindruckende Schauspielerin und Frau mit 76 Jahren die Bühne des Lebens verlassen. Hannelore Elsner starb am 21. April in München nach kurzer schwerer Krankheit.

26.04.2019/MK
Hannelore Elsner (hier als Kommissarin Lea Sommer in der „Tatort“-Folge „Die Kommissarin – Gefährliche Übertragung“ aus dem Jahr 1997) Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 10/2019

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