Versprechen für die Zukunft

Fernsehhöhepunkt: Dominik Grafs Epos „Im Angesicht des Verbrechens“

Von Dietrich Leder
14.05.2010 •

Dominik Grafs zehnteiliges Fernsehepos „Im Angesicht des Verbrechens“, das gerade mit wöchentlich zwei Doppelfolgen am späten Dienstag- und Samstagabend von Arte erstausgestrahlt wurde (27.4. bis 11.5.) und im Herbst im Ersten Programm der ARD gezeigt wird, hatte seine Uraufführung im Februar im „Internationalen Forum des Jungen Films“ der diesjährigen Berlinale erlebt. Die TV-Produktion, in der es in der Form eines seriellen Krimis und als Fortsetzungsgeschichte um das Thema Russenmafia geht, erhielt daraufhin hymnische bis sensationelle Besprechungen durch die deutsche Filmkritik. Das scheint angesichts der Tatsache, dass es zu deren gutem Ton gehört, auf das Fernsehen und seinen Einfluss zu schimpfen, ein markanter Widerspruch zu sein. Doch der löst sich auf, wenn man die Karriere und die Position des Regisseurs Graf näher betrachtet.

Denn anders als viele seiner Kollegen hat der Kino-Maniac Dominik Graf nie pauschal auf das Fernsehen geschimpft. Stattdessen hat er, nachdem er im Kino mit seinem Spielfilm „Die Sieger“ (1994) ein Desaster an der Kasse erlebt hatte, im Fernsehen in immer neuen Versuchen Erzählweisen ausprobiert und radikalisiert – auf der Ebene des Melodrams, der Komödie, des Thrillers, des Kriminalfilms und des Serien-Krimis. Schon in seinen Anfängen hatte Graf ja seriell gearbeitet. Er war maßgeblich an der ARD-Serie „Der Fahnder“ beteiligt, zu der er nicht nur die besten Einzelfolgen beisteuerte, sondern diese zugleich als Blaupausen für spätere Kinofilme benutzte. In Dominik Graf – der sich auch in seinen Schriften als Kenner und Liebhaber des Kinos erweist (etwa im kürzlich erschienenen Sammelband „Schläft ein Lied in allen Dingen“) – hat die Filmkritik also jemanden, mit dem auch sie das ansonsten so ungeliebte Fernsehen zu ertragen vermag.

Die Prüfung einer Maxime

Umgekehrt erlebte die Fernsehkritik ab Mitte der 1990er Jahre in der Person von Dominik Graf jemanden, der anders als viele andere sein Handwerk nicht nur beherrscht, sondern der auch mit hoher Anstrengung und Intensität auf einer hohen Qualität des filmischen Erzählens besteht, ob nun im Einzelfilm oder in einer Serien-Folge. Die vielen Grimme-Preise, die Graf erhielt, beweisen, welche Bedeutung dieser Regisseur für die Fernsehkritik mittlerweile besitzt. Dass er wiederum seinen ersten Grimme-Preis viel zu spät erhielt, deutet an, dass die Fernsehkritik Dominik Graf erst für sich entdecken musste, um ihn dann umso inniger in die Arme zu schließen. „Im Angesicht des Verbrechens“ kann man in diesem wechselseitigen Sinn als Prüfung jener Maxime deuten, die Graf, bezogen auf das deutsche Fernsehen, Mitte Februar im „film-dienst“ folgendermaßen formulierte (wobei ihm die ambitionierte Fernsehkritik hier absolut folgt): „Man muss das bessere Ich des Fernsehens herausfordern, immer wieder. Das deutsche Fernsehen war mal mit das Beste der Welt, so lange, bis Zyniker es auf Teufel komm raus Richtung Quotenstadel umzubauen versuchten. Diese Entwicklung muss revidiert werden, sonst schafft sich das Fernsehen selbst ab.“

Um summarisch zu beginnen: Dominik Graf ist mit „Im Angesicht des Verbrechens“ diesem Anspruch mehr als gerecht geworden. Seine Serie, die man auch als einen einzigen großen Film bezeichnen kann, ist ein absoluter Höhepunkt, wenn nicht das Fernsehereignis des Jahres. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Zum ersten basiert diese Produktion auf einem dramaturgisch ausgeklügelten, von den Dialogdetails bis zu der weit ausgreifenden Handlungsführung wirklich starken Drehbuch von Rolf Basedow. Der Autor, der bereits häufig mit Graf zusammenarbeitete, hat sein Metier der osteuropäischen Gangsterbanden, die in Berlin tätig sind, umfassend studiert – nicht nur vor Ort, sondern auch durch die Lektüre einschlägiger Bücher und das Sichten der wenigen Dokumentarfilme zu dieser Materie. (Eine in der Graf-Serie von einem der Gangster erzählte Episode konnte man in dem Dokumentarfilm „Die Ehre der Diebe“ von Alexander Gentelev wiederentdecken, den Arte am 11. Mai vor den letzten beiden Episoden von „Im Angesicht des Verbrechens“ ausstrahlte.) Und Basedow hat starke Hauptfiguren entworfen, denen man gespannt durch die nicht ganz einfache Handlung folgte: Marek Gorsky (Max Riemelt) und Sven Lottner (Ronald Zehrfeld) sind zwei junge Polizisten, die es in den höheren Dienst und zu den wichtigen Fällen zieht. Durch einen Zufall geraten sie in ein Kommando des Landeskriminalamtes Berlin, das die Machenschaften der Russenmafia in der Stadt untersucht.

Während Basedow der Figur des Sven gerade einmal den Aufstiegswunsch als Handlungsmotiv spendiert hat, bediente er die des Hauptprotagonisten Marek gleich doppelt und dreifach. Marek ist mit der Frau eines der Gangster verwandt, sie ist seine Schwester. Gleichzeitig ist er durch den Mord an seinem Bruder traumatisiert, der als Kleingangster im Milieu getötet worden ist. Schließlich verliebt er sich in die Ukrainerin Jelena (Alina Levshin), die mit einem Arbeitsangebot nach Berlin gelockt worden ist, wo sie aber zur Prostitution gezwungen wurde. Das mutet auf den ersten Blick als sehr viel an, zumal das Motiv der Hurenrettung schon fast als zu abgegriffen erscheint. Doch die Qualität Basedows zeigt sich in einem Trick. Er dreht nämlich dieses klassische Motiv einfach um – es ist nämlich Jelena, die von Marek fixiert ist, weil ihr sein Gesicht einst in einem Traum, den der Vorspann des Films jeweils zitiert, erschienen war. Mareks Motive aus Rache und Liebe treiben den Film vorwärts und verleihen ihm in manchen Szenen eine bewegende Kraft. Und sollte es einmal zu pathetisch werden, gelingt dank des Witzes und der Situationskomik der beiden Buddies Marek und Sven stets die Wende.

Es wird gefeiert, getrunken, getanzt

Zum zweiten erfüllt „Im Angesicht des Verbrechens“ alle Anforderungen, die das Genre stellt, dem die Produktion zugehört. Es ist – in zehnmal 50 Minuten – ein Kriminalfilm, der die Aufklärungsarbeit mit der Geschichte der Verbrechen verschränkt. Bei den Gangstern handelt es sich um zwei unterschiedliche Gruppen von Männern, die aus den Ländern der zerfallenen Sowjetunion stammen: Russen, Ukrainer, Letten. Zwischen den Clans, die jeweils mit deutschen Gangstern zusammenarbeiten und Kontakte bis in die Polizei und die Politik besitzen, herrscht eine Rivalität, die auf die Geschichte beschleunigend wirkt. Dieses Erzählmuster ist bekannt aus Mafia-Kinofilmen wie Coppolas Trilogie „Der Pate“ und -Fernsehserien wie „Allein gegen die Mafia“ (vor allem in der ersten Staffel von Damiano Damiani).

Es rivalisieren die Traditionalisten, die ihre Verbrechen im klassischen Bereich der Erpressung und des Schmuggels verüben, mit den Modernisierern, für die jede Beschränkung auf bestimmte Verbrechenszweige gegen die Prinzipien eines grenzenlosen Kapitalismus verstößt. Die erste Gruppe hält sich streng an die selbst gesetzten Clanregeln, mit denen sie Solidarität im Innern und Abschottung nach außen erzeugt. Die Modernisierer, die mit Drogen, Zwangsprostitution und Menschenhandel ihr Geld verdienen, gründen ihre Binnenstruktur weniger auf (in Rudimenten noch vorhandene) Regeln als vielmehr auf Gewalt. Während sich die Ersteren tendenziell in die bürgerliche Gesellschaft integrieren, bilden die Anderen zu dieser eine Parallelgesellschaft.

Die erste Gruppe hat bei Graf/Basedow ihr Zentrum im Restaurant „Odessa“, das der aus Russland stammende Mischa (Misel Maticevic) leitet. Er verdient sein Geld mit Zigarettenschmuggel. Verheiratet ist er mit der aus Lettland stammenden Stella (Marie Bäumer), Mareks Schwester, die im Lokal repräsentiert, aber von den kriminellen Aktivitäten des Mannes, die ihr ein Luxusleben ermöglichen, nichts ahnt oder zu ahnen vorgibt. Die zweite Gruppe der Gangster leitet der Russe Viktor (Jevgenij Sitochin), der Mischa und seinen Leuten Geschäftsanteile abjagen will. Ihr Konflikt eskaliert, nicht zuletzt weil beide Seiten die Polizei für ihre Zwecke einspannen. Denunziationen führen zu Verhaftungen, die wiederum die Wut aufeinander anstacheln. Beide Gruppen sind durch ihre Clanregeln zur Eskalation gezwungen. Am Ende wird Mischa ihr zum Opfer fallen. An seine Stelle tritt dann – auch das ist ein bekannter Topos – die Witwe. Sie und ihr Bruder sind jüdischen Glaubens, die Russen und Ukrainer sind christlich-orthodox. Der Glauben wie die Familienbande werden von ihnen allen hochgehalten, so dass am Ende ein familienähnlicher Beirat den Konflikt zwischen beiden Gruppen befriedet – auf Zeit.

All dies spielt sich nicht am Rande, sondern mitten in Berlin ab – in den Straßen von Charlottenburg, den Villen am Wannsee, den Clubs in Kreuzberg. Die sie umgebende deutsche Gesellschaft, der die Gangster liefern, was diese an billigen Zigaretten, an illegalen Drogen und an Prostituierten bedarf, nehmen die Mafiosi mit einer gewissen Verachtung wahr, weil diese Gesellschaft anders als die ihre kaum noch familiäre Bande kennt noch so etwas wie Clan- oder Gruppenzugehörigkeit – und weil man dort nichts vom Feiern versteht. Es sind diese Feste und Treffen, auf denen ausschweifend gefeiert, getrunken und getanzt wird, die der Film in schnellen, von mindestens zwei Kameras gleichzeitig aufgenommenen Bildbögen zelebriert. Hier zeigt sich die skrupulöse Anstrengung des Regisseurs Graf, der sich um jede, selbst die kleinste Nebenrolle kümmert, so dass Randfiguren nicht als Statisten, sondern den Protagonisten mit ihrer Starbesetzung fast ebenbürtig erscheinen. So können komplexe Personenbeziehungen in ihren Abhängigkeiten und Machtverhältnissen deutlich werden, ohne dass die in barocker Pracht gezeigten Feiern ihre Ursprungsbedeutung verlören.

Und genau das ist die dritte Qualität dieser Produktion. Graf ist ein grandioser Regisseur nicht nur solch üppiger Feiern und Feste, sondern auch des Arbeitsalltags von Polizisten wie Gangstern. Er erweist sich als ein unbedingter Realist, der beispielsweise Polizeieinsätze oder Überfalle in ihrer komplexen Arbeitsteiligkeit bis ins Detail auflöst und choreografiert. Die Tätigkeiten eines Polizisten oder eines Gangsters werden also nicht, wie so oft in deutschen Krimis, lediglich behauptet, sondern in ihrer physischen Realität präzise rekonstruiert – von Svens zugemülltem Auto, in dem er stundenlang die Gangster observiert, bis hin zu den körperlich anstrengenden Verfolgungsjagden Mareks durch die Straßen und Kanäle Berlins.

Ein Sittenbild der Bundesrepublik im Jahr 2010

Max Riemelt und Ronald Zehrfeld als Darsteller der beiden jungen Polizisten stehen an der Spitze eines durchgehend hochklassig besetzten Ensembles. Einige Schauspieler wie Arved Birnbaum als Leiter des LKA-Kommandos sah man noch nie so gut. Andere wie Misel Maticevic noch nie in dieser Ambivalenz aus Aggression und Selbstzweifel. Die Kamera von Michael Wiesweg bedient sehr unterschiedliche Anforderungen – von der dokumentarischen Beobachtung hektischer Abläufe bis zur ekstatischen Feier emotionaler Momente. Die Musik, die weitgehend Florian van Volxem beisteuerte, verstärkt insbesondere die Handlungsmotive der Hauptfiguren. Claudia Wolscht als Cutterin musste nicht nur die einzelnen Szenen im Schnitt verdichten, sondern auch die Bögen jeder Einzelfolge wie die des Gesamtfilms im Auge behalten. Gerade in der Montage gibt es viele kleine handwerkliche Leistungen zu bewundern, wie etwa Szenen bis an die Grenze der Realzeit gedehnt werden, während andere auch mittels Splitscreen oder Cross-Cutting extrem ineinandergeschachtelt und verkürzt werden. Nur einmal scheint sich der Film zu verlieren, als er Marek bis nach Weißrussland folgt, wo er Jelenas Freundin aus den Händen von Zuhältern befreit, währenddessen Sven weniger aus beruflicher Pflicht denn aus dramaturgischen Gründen fast tagelang die Zigarettenmafia beobachten muss, damit die Handlungen parallel laufen können.

Die Produktion von „Im Angesicht des Verbrechens“ war problematisch. Die Firma Typhoon, die das Ganze angezettelt hatte, geriet während der Dreharbeiten in Schwierigkeiten und musste Konkurs anmelden. Nur in einer gemeinschaftlichen Anstrengung aller beteiligten Sender (ARD/Arte, WDR, BR, NDR, SWR, ORF) und dann auch der Degeto konnte die Serie zu Ende gebracht werden. Auch das eine Prüfung dessen, zu was das öffentlich-rechtliche Fernsehen imstande ist. Auf der Website von Arte ist der Film, der sich in seinen besten Szenen zu einem Sittenbild der Bundesrepublik im Jahr 2010 weitet, mit dem Zusatz „Staffel 1“ versehen. Wenn das mal nicht ein Versprechen für die Zukunft ist.

• Text aus Heft Nr. 19/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.05.2010/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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