Überwiegend Trimmels

Interview mit dem Fernsehautor Friedhelm Werremeier („Tatort")

Von René Martens
22.10.1999 •

Der 26. Oktober 1969 ist ein fernsehgeschichtsträchtiges Datum, denn an diesem Tag wurde die Figur Paul Trimmel geboren. Seine Bildschirm-Premiere hatte dieser stämmige, grobschlächtige und meistens missmutige Hauptkommissar aus Hamburg im ARD-Fernsehspiel „Exklusiv“. Kurz darauf fiel die Entscheidung, Trimmel zum ersten Kommissar der „Tatort“-Reihe zu machen, die schließlich am 29. November 1970 startete, als Trimmel mit dem „Taxi nach Leipzig“ (so der Titel der ersten „Tatort“-Folge) unterwegs war. Somit ist „Exklusiv“, im nachhinein betrachtet, eine Art Pilotfilm zur langlebigsten deutschen TV-Serie gewesen; im Juli 1971 wurde diese raffiniert konstruierte Geschichte um einen Filialleiter, der seine eigene Bank ausraubt, dann sogar noch einmal regulär innerhalb der „Tatort“-Reihe ausgestrahlt (als neunte Folge). Der Schöpfer der Trimmel-Figur ist der gelernte Journalist Friedhelm Werremeier, Jg. 1930. Zwischen 1969 und 1982 schrieb er sämtliche elf Trimmel-Folgen, die allesamt auf seinen vorher veröffentlichten Romanen basierten. Der seit 1974 in Bad Bevensen (Lüneburger Heide) lebende Autor hat fürs Fernsehen insgesamt rund 100 Serien-Folgen geschrieben, unter anderem für „Peter Strohm“ (ARD), „Großstadtrevier“ (ARD) und „Rivalen der Rennbahn“ (ZDF). Anlässlich des 30. ‘Geburtstags’ der Fernsehfigur Trimmel sprach FK-Mitarbeiter René Martens mit Friedhelm Werremeier über dessen Arbeit, die Entwicklung des „Tatorts“ und die Umgangsformen im TV-Geschäft. • FK

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FK: Herr Werremeier, werden Sie heute noch auf Paul Trimmel angesprochen?

Werremeier: Ja, wenn die alten Folgen gezeigt werden, was Gott sei Dank immer mal wieder der Fall ist. Vor drei Jahren hatte ich ein großes Feedback, da wurden dreißig meiner Filme wiederholt, überwiegend Trimmels. Mit dieser, sagen wir mal, Retrospektive hab ich mich dumm und dusselig verdient.

FK: Wie oft sind die Trimmel-Filme bisher wiederholt worden?

Werremeier: Da kann ich keine eidesstattliche Aussage zu machen, aber ich glaube bis zu achtzehn Mal.

FK: Sind die Trimmel-Romane noch erhältlich?

Werremeier: Derzeit nur „Taxi nach Leipzig“ und „Der Richter in weiß“.

Krimis mit journalistischem Einschlag

FK: Als sich Trimmel vom Bildschirm verabschieden musste, weil Darsteller Walter Richter aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr drehen konnte – hatten Sie da die Ambition, Drehbücher für andere „Tatort“-Kommissare zu schreiben oder eine neue Ermittlerfigur zu schaffen?

Werremeier: Nicht für den „Tatort“. Der damals beim NDR zuständige Redakteur, Dieter Meichsner, hat mir angeboten, etwas für den Kommissar Stoever zu schreiben. Ich wollte aber mal etwas anderes machen, denn ich hatte nach elf Filmen – das war damals viel für eine Serie – ein bisschen die Nase voll. Also habe ich zum Beispiel die komplette Figur Peter Strohm erfunden. Falls Klaus Löwitsch behauptet, er hätte es getan, ist das erstunken und erlogen. Ich habe mich aus der Serie aber schnell wieder herausgezogen.

FK: Was hat Ihnen nicht gefallen?

Werremeier: Ich hatte anfangs gar nicht geglaubt, dass das Projekt jemals umgesetzt würde – deshalb habe ich mir auch keine Titelrechte gesichert, obwohl ich sonst nicht ungeschäftstüchtig bin. Aber der heutige Geschäftsführer der Bavaria Film, Thilo Kleine, hat das zu meiner Verblüffung gegen die gesamte ARD durchbekommen. Und als die Serie dann installiert war, musste alles ganz schnell gehen. Von meinem Kollegen Felix Huby haben sie zum Beispiel ein Drehbuch verwendet, das noch gar nicht fertig war, wie er immer beteuert hat. Da habe ich gesagt: Okay, ihr bekommt nur noch das, was ich in der Maschine habe, und ansonsten könnt ihr euren Kram alleine machen. Ein weiterer Grund dafür, dass ich mich zurückgezogen habe: Kurz nachdem ich meinen Pilotfilm abgeliefert hatte, rief mich Klaus Löwitsch an und meinte, der sei „Weltklasse“. Eine Woche später hörte ich, dass er jedem erzählt, so ein “Scheiß-Drehbuch” habe er noch nie gelesen.

FK: Viele ihrer Trimmel-Filme haben einen journalistischen Einschlag. Wenn man sie sich heute hintereinander anschaut, wirken sie – auch – wie ein Rückblick auf die Kriminalgeschichte Hamburgs in den 70er Jahren, weil Sie viele, seinerzeit aktuelle Missstände wie Ärzte- oder Justizskandale aufgegriffen haben. Wie hat sich diese Arbeitsweise ergeben?

Werremeier: Ich bin Jahrzehnte lang Reporter gewesen, das ist mein eigentlicher Beruf. Im Lauf der Zeit habe ich mich auf Prozesse spezialisiert, es gab über zwanzig Jahre kaum einen großen Prozess, bei dem ich nicht die Finger drin hatte. Irgendwann, wenn eine Stunde lang ein langweiliges Schreibmaschinen-Gutachten verlesen wird, fängt man an zu spinnen und überlegt sich, wie der Fall, der gerade verhandelt wird, viel schöner hätte ablaufen können. So kam ich eigentlich auf die Idee, einen Roman zu schreiben.

Mangelt an psychologischer Plausibilität

FK: Mit „Platzverweis für Trimmel“, einer Geschichte über Korruption im Fußball, sind Sie ja sogar der Realität voraus gewesen. Die Idee dafür hatten Sie, wie im Vorwort des Romans zu lesen ist, bereits ausgetüftelt, bevor der berühmt-berüchtigte Bundesliga-Skandal bekannt wurde. Wie sind Sie darauf gekommen?

Werremeier: Ich habe einem guten Freund, einem Sportredakteur, damals gesagt, in der Branche wird so viel Geld umgesetzt, da muss doch irgendwas Kriminelles dran sein. Und dann haben wir die Eizelle des Plots ausgebrütet.

FK. Wie lief die Zusammenarbeit mit den Regisseuren?

Werremeier: Bei neun der elf Folgen hat Peter Schulze-Rohr Regie geführt, auch aus heutiger Sicht der Himmel auf Erden. Wir haben auch beim Drehbuch zusammen gearbeitet; das erste stammt zum Beispiel zu 80 Prozent von ihm, mein Anteil ist dann im Lauf der Zeit größer geworden. Mit der Folge „Hände hoch, Herr Trimmel!“, bei der Carlheinz Caspari Regie geführt hat, war ich dagegen nicht glücklich, und mit dem letzten Film, Peter Wecks „Trimmel und Isolde“, erst recht nicht.

FK: Welchen Trimmel halten Sie für den Besten?

Werremeier: „Trimmel hält ein Plädoyer“ von1978. Da gibt es eine Szene, in der sich Walter Richter und Karl-Heinz Vosgerau 14 Minuten lang unterhalten – unfilmischer gehts nicht. So etwas habe ich danach im deutschen Fernsehen nie wieder gesehen. Heute würden die das rausschneiden.

FK: Kritiker wie der FK-Autor Martin Compart vertreten die Ansicht, Sie hätten die besten „Tatorte“ geschrieben, doch außer bei „Exklusiv“ sei die filmische Umsetzung der Romane nie hundertprozentig gelungen.

Werremeier: Das liegt in der Natur der Sache. Wenn man die Bücher eins zu eins hätte verfilmen wollen, wären zehn Stunden lange Filme dabei heraus gekommen.

FK: War es eigentlich von Anfang an klar, dass Walter Richter den Trimmel spielen wird?

Werremeier: Ich war von der Idee begeistert, obwohl er auf lange Sicht schon damals zu alt war, ungefähr Mitte sechzig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er noch elf Filme machen würde. Ich mochte ihn, er war einer der wenigen Schauspieler, zu dem ich private Beziehungen hatte. Aber wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich Klaus Schwarzkopf genommen, der ab 1971 den Kommissar Finke gespielt hat. Durch den Richter hat sich die Buchfigur Trimmel mit der Zeit ganz entscheidend verändert. In den Romanen war Trimmel anfangs noch nicht so bollerig.

FK: Welche Kommissare aus den ersten „Tatort“-Jahren haben Ihnen noch gefallen?

Werremeier: Der Bayrhammer als Kommissar Veigl, obwohl die Geschichten nicht so gut waren, und vor allem der Felmy als Haferkamp. Später fand ich auch die ersten Schimanskis gut. Das Niveau war jedenfalls höher als heute.

FK: Können Sie das erläutern?

Werremeier: Vielen neueren „Tatort“-Folgen mangelt es an psychologischer Plausibilität. Da haben wir – und da kann ich ruhig “wir” sagen – uns früher mehr Mühe gegeben, uns im Zweifelsfall mit einem Psychologen abgesprochen. Und ich habe den Eindruck, dass das heute seltener geschieht. Vor kurzem habe ich „Das Glockenbachgeheimnis“ vom Bayerischen Rundfunk gesehen, wo sich einer der Kommissare in die Hauptverdächtige verliebt. In der Schlussszene ist zu sehen, wie sie abgeführt wird, und er ihr hinterher winkt – total beknackt, das stimmte psychologisch überhaupt nicht. Genauer zu beweisen, warum die „Tatorte“ heute schlechter sind als früher und vor allem, wann diese Entwicklung eingesetzt hat – das wäre aufwendig. Aber wenn Sie mir das entsprechende Geld zahlen, kriegen Sie ein Skript von mir.

Die Sitten und Manieren haben sich verschlechtert

FK: Was können sie den „Tatort“-Filmen der 90er Jahre Positives abgewinnen?

Werremeier: Peter Sodann als Ehrlicher gefällt mir gut, der hat den Touch eines alten DDR-Kriminalpolizisten. Ich könnte mir vorstellen, für den Drehbücher zu schreiben.

FK: Wie schätzen Sie den „Polizeiruf 110“ ein?

Werremeier: Die Filme haben manchmal merkwürdige Anflüge von Klamauk. Ich teile durchaus die Begeisterung für die Folgen, die in Mecklenburg-Vorpommern spielen. Aber „Polizeiruf“ aus dem Westen – das haut nicht hin.

FK: Mögen Sie andere Krimi-Serien aus den letzten Jahren?

Werremeier: Jedenfalls keine deutschen. Mir hat „Für alle Fälle Fitz“ sehr gut gefallen. Ich fand es besonders gelungen, wie hier die Polizeimannschaft und der Fall miteinander verzahnt sind. Sonst sind das häufig zwei Hälften, die nicht zueinander passen.

FK: Inwieweit hat sich die Arbeit für Fernsehschaffende im Lauf Ihrer Karriere grundsätzlich verändert?

Werremeier: Sie ist unerfreulicher geworden, denn die Sitten und Manieren im deutschen TV-Gewerbe haben sich erheblich verschlechtert.

„Sie sind ein negierender Geist“

FK: Woran könnte das liegen?

Werremeier: Vor allem an den Privaten, aber es hat auch auf die Öffentlich-Rechtlichen abgefärbt. Ich war mal zusammen mit Eduard Zimmermann bei Sat 1, als Heinz-Klaus Mertes noch in leitender Funktion war. Da hat Mertes‘ Adlatus, der damals vielleicht Ende zwanzig war, zu dem Zimmermann gesagt: „Herr Zimmermann, Sie sind ein negierender Geist. Sie müssen auch mal was Positives sagen.“ Das ist eine Unverschämtheit, auch wenn ich finde, dass man über Zimmermann politisch sagen kann, was man will. Ich musste ihn zurück halten, damit er denen nicht den Konferenztisch auf den Schoß kippt. Ein anderes Beispiel: Ein Privatsender fragt bei einem sehr geschätzten Kollegen nach, ob er das Buch schreiben möchte für die Verfilmung eines Entführungsfalls, der sich in einem Nahost-Land zugetragen hat. Nachdem er grundsätzlich zugesagt und das Material gelesen hat, ruft er beim Sender an und schlägt Veränderungen vor: Da passiert nichts, da muss eine Beziehungskiste rein. Reaktion: Nein, nein, wir wollen die historische Wahrheit. Als er ihnen aber die historische Wahrheit liefert, meldet sich ein empörter subalterner Redakteur und meckert: Da passiert doch nichts. Daraufhin gibt der Sender zwei weiteren Autoren den Auftrag, eine Neufassung zu schreiben, doch auch die findet nicht die Gnade des ziemlich berüchtigten Programmdirektors. Schließlich werden sie alle drei zum Sender bestellt. Aber als sie am Empfang stehen, bekommen sie zu hören: „Ihr könnt alle wieder nach Hause gehen, es macht ein ganz anderer.“ Als sich der Kollege brieflich darüber beschwert, er sei solchen Umgang nicht gewöhnt, hat der berüchtigte Programmdirektor sinngemäß geantwortet, dann müsse er sich daran eben jetzt gewöhnen.

FK: Woran arbeiten Sie heute?

Werremeier: An einer zwölfteiligen Serie über eine deutsche Soko – etwas Neuartiges, da kann man noch keine Details verraten. Vor allem schreibe ich an dem ultimativen Trimmel-Roman, der auf 500 Seiten angelegt ist. 140 Buchseiten sind schon fertig. Der Arbeitstitel ist: „Trimmels ganzes Leben“.* Aber aufgrund gesundheitlicher Probleme – ich hatte im Januar 1997, während der Recherchen für eine ZDF-Serie, einen Herzinfarkt – arbeite ich zwangläufig etwas weniger.

• Text aus Heft Nr. 42/1999 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

(* Nachträgliche Einfügung: Der hier gemeinte Trimmel-Roman ist 2009, also zehn Jahre nach diesem Interview bzw. mehr als 25 Jahre, nachdem der TV-Trimmel abgetreten war, dann tatsächlich erschienen, unter dem Titel „Trimmels letzer Fall“.)

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Literatur zum Thema

Jürgen Alberts/Frank Göhre: Kreuzverhöre. Zehn Krimi-Autoren sagen aus, Hildesheim 1999

• Martin Compart: Friedhelm Werremeiers „Ich verkaufe mich exklusiv“ und der moderne deutsche Kriminalroman, Nachwort zu: Friedhelm Werremeier: Taxi nach Leipzig/Ich verkaufe mich exklusiv. Zwei Trimmel-Romane, München 1990

• Holger Wacker: Tatort. Krimis, Köpfe, Kommissare, Berlin 1998

Quotenfänger Krimi. Das populärste Genre im deutschen Fernsehen. Herausgegeben vom Katholischen Institut für Medieninformation (KIM), Köln 1999

22.10.1999/MK

Am 29. November 1970 startete die ARD-Krimireihe „Tatort“ mit der NDR-Folge „Taxi nach Leipzig“: Der erste Ermittler war Kommissar Paul Trimmel, dargestellt von Walter Richter, erfunden von Autor Friedhelm Werremeier

Abb.: Screenshot