Reform mit Rätseln

Die ARD setzt die Neuerungen im Ersten Programm 2022 nach und nach um

Von René Martens
22.12.2021 •

Am 15. Oktober verabschiedeten die Intendanten der ARD Neuerungen fürs Erste Programm und für die ARD-Mediathek, die ab 2022 greifen sollen. Es war eine umstrittene Programmreform, die die seit Mai 2021 neu amtierende ARD-Programmdirektorin Christine Strobl initiiert hatte (vgl. hierzu diese MK-Meldung, diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung). Nun jedoch stehen die Veränderungen bevor; sie werden aber nicht sämtlich bereits ab Januar realisiert, sondern nach und nach. Welche Teile der Reform zu einem relativ frühen Zeitpunkt des kommenden Jahres umgesetzt werden und welche erst sehr viel später – darüber geben einige Antworten der ARD-Pressestelle auf eine MK-Anfrage Aufschluss.

Beim Informationsangebot im Ersten sind der Sonntag und der Montag die Tage mit den deutlichsten Umgestaltungen. Am Sonntag etwa wird es nicht nur den schon häufig beschriebenen Sendeplatztausch zwischen der „Sportschau“ und dem „Weltspiegel“ geben, der es mit sich bringt, dass das Auslandsmagazin künftig fünf Minuten mehr Sendezeit zur Verfügung hat und die „Sportschau“, wie am Samstag, vor die 20.00-Uhr-„Tagesschau“ gekoppelt wird (vgl. diesen MK-Artikel). Die Sonntags-„Sportschau“ beginnt dann um 19.15 Uhr. Dieser Teil der Reform wird als erstes im Programm sichtbar sein, laut Informationen der ARD-Pressestelle greift die Veränderung bereits am 9. Januar (Sonntag). Am Wochenende darauf kehrt die 2. Fußball-Bundesliga, deren Sonntagsspiele in der „Sportschau“ der entscheidende Grund für den Sendeplatztausch gewesen sein dürften (vgl. ebenfalls diesen MK-Artikel), aus ihrer kurzen Winterpause zurück.

Ab 9. Januar 2022 „Sportschau“ nach dem „Weltspiegel“

Verlängerungen sind auch beim „Bericht aus Berlin“ vorgesehen (von 25 auf 30 Minuten) und bei der sonntäglichen Vorabendausgabe der „Tagesschau“, die von fünf auf 15 Minuten erweitert wird. Sie läuft künftig von 17.45 bis 18.00 Uhr vor dem „Bericht aus Berlin“. Möglich werde dies, weil die Reportage-Reihe „Echtes Leben“ (bisher sonntags, 17.30 Uhr) neue Sendeplätze am Dienstag und Mittwoch um 23.35 Uhr bekomme, sagte Burchard Röver, Sprecher der ARD-Programmdirektion in München. Auch „zusätzliche Platzierungen am Wochenende“ seien bei „Echtes Leben“ denkbar.

Unter dem Reihentitel „Echtes Leben“ laufen Gesellschaftsreportagen, die von den Religions­redaktionen der ARD-Anstalten fürs Erste Programm geliefert werden. Bis 2017 firmierte die Reihe noch unter dem Titel „Gott und die Welt“. Ab Ende Januar 2022 werde „Echtes Leben“ am Dienstag platziert, sagte Röver. „Ab wann der Mittwochsplatz bespielt wird, ist noch offen.“ Es dürfte so sein, dass „Echtes Leben“ künftig im Anschluss an die neue Talksendung mit Sandra Maischberger zu sehen sein wird.

Der Block mit viertelstündiger „Tagesschau“ (17.45 Uhr), „Bericht aus Berlin“ (18.00 Uhr) und 45-minütigem „Weltspiegel“ (18.30 Uhr) könnte zumindest für das „Auslandsmagazin“ auch inhaltliche Veränderungen nach sich ziehen. Offenbar soll die Sendung aktueller werden als bisher – was angesichts dessen, dass sie auf den „Bericht aus Berlin“ folgt, nicht unplausibel wäre. Viele Auslandskorrespondenten der ARD betrachten die geplante Hinwendung zu mehr Aktualität aber skeptisch. Der „Weltspiegel“ war für sie bisher auch deshalb wichtig, weil er ihnen Raum gibt gerade für Themen jenseits der Aktualität. Diese Funktion ist umso wichtiger, weil es innerhalb der ARD kein weiteres Auslandsmagazin gibt, das die gesamte Welt im Blick hat. In den Dritten Programmen findet man keine Sendung dieser Art mehr, seitdem das NDR Fernsehen Ende 2020 das Magazin „Weltbilder“ auslaufen ließ.

„ARD-Story“ statt „Die Story im Ersten“

Wenn man es großzügig interpretiert, lässt sich die insgesamt 20-minütige Ausdehnung des Informationsangebots am frühen Sonntagabend im Ersten als Kompensation für die Schwächen interpretieren, die sonntags in weiten Teilen des Jahres im Informationsbereich am Hauptabend zu beobachten sind. In der Regel gilt das für jene Sonntage, an denen keine Ausgabe der Talkshow „Anne Will“ läuft, von der vertragsgemäß nur 30 Ausgaben pro Jahr vorgesehen sind. In solchen Fällen fehlt direkt nach dem „Tatort“ in der Regel ein aktuelles politisches Thema im Programm; und weil dann anstelle des 60-minütigen Talks meistens ein auf dem internationalen Markt erworbener 90-minütiger Krimi zu sehen ist, gibt es hier auch noch den Kollateralschaden, dass die „Tagesthemen“ erst um 23.15 Uhr statt wie an Talk-Sonntagen um 22.45 Uhr beginnen.

Am Montag um 20.15 Uhr läuft die ARD-Programmreform auf eine Veränderung der bisherigen Mischung hinaus: Bisher reichte das Spektrum von Dokumentationen – überwiegend aus dem Naturfilmbereich, aber auch aus anderen Bereichen („Sind unsere Dörfer noch zu retten?“, „Hirschhausen – Corona ohne Ende?“) – bis zu fiktionalen Formaten. Künftig soll auf diesem Primetime-Sendeplatz ausschließlich Dokumentarisches laufen.

Etwas mehr Beachtung verdienen die Veränderungen bei der Spätschiene am Montag (ab 22.50 Uhr): Als ein wichtiges Element der Reform hat die ARD bereits im Oktober ein neues Wissensformat angekündigt. Das Konzept dafür werde „zur Zeit erarbeitet“, sagte ARD-Sprecher Röver auf MK-Anfrage. „Ein Starttermin steht noch nicht fest.“ Es werde „aber auf jeden Fall im Jahr 2022“ losgehen. Vorgesehen sind außerdem Dokus, die die vier für den „Weltspiegel“ zuständigen Redaktionen (die beim NDR, WDR, SWR und BR ansässig sind) liefern sollen. Röver spricht von einem „neuen filmischen Format“, das „spannende Auslandsthemen aus verschiedenen Blickwinkeln der Welt in den Fokus nehmen“ soll.

Doku-Redaktionen die großen Verlierer

Das mittellange monothematische Format, das die „Weltspiegel“-Redaktionen bislang für das lineare Fernsehprogramm produzierten – die „Weltspiegel-Reportage“ für den Sendeplatz am Samstag um 16.30 Uhr – werde dagegen „auslaufen“, so Röver. „Bis zum Frühjahr 2022“ bleibe die „Weltspiegel-Reportage“ noch auf dem Samstagnachmittags-Sendeplatz. Was ab dann dort stattdessen läuft, stehe noch nicht fest, erklärte der ARD-Sprecher.

Auf dem Termin am Montag um 23.35 Uhr ist pro Jahr unter anderem eine sechsteilige Staffel der auf ein jüngeres Publikum ausgerichteten Radio-Bremen-Reportage-Reihe „Rabiat“ vorgesehen (die bisher um 22.50 Uhr lief, direkt nach den „Tagesthemen“). Hinzu kommen, so Burchard Röver, „regelmäßige Geschichtsdokus“ (aber unter einem anderen Reihentitel als dem bisherigen, der „Geschichte im Ersten“ lautet) und „gelegentlich die 'ARD-Story' mit gesellschaftspolitischen Dokumentationen, die aber auch auf anderen Sendeplätzen laufen.“ „ARD-Story“ – das ist eine Art Nachfolger der im Jahr 2000 gestarteten und mit der Reform de facto abgeschafften Reihe „Die Story im Ersten“. 2021 lief sie noch 33-mal montags nach den „Tagesthemen“.

Die großen Verlierer der ARD-Programmreform sind somit die Dokumentations-Redaktionen der ARD, die bisher für das Format „Die Story im Ersten“ produziert haben – und für vergleichbare Formate in den Dritten Programmen, etwa „45min“ (NDR Fernsehen), „Die Story“ (WDR Fernsehen) und „Betrifft“ (SWR Fernsehen). Aus den Redaktionen heißt es, dass zusätzlich zu den wenigen „ARD-Story“-Terminen im Nachtprogramm am Montag zumindest im Sommer noch einige am Dienstag und Mittwoch vorgesehen seien, wenn Sandra Maischbergers Talksendung pausiert.

„Kompetenzzentren für Qualitätsjournalismus“

„Die genauen Stückzahlen pro Reihe am Montagabend“ seien „noch nicht im Detail festgelegt“, sagte Röver. Dass „Die Story im Ersten“ und „Geschichte im Ersten“ als Titel ausgedient haben, ist im Übrigen nachvollziehbar, weil sie aus der Prä-Mediathek-Zeit stammen. Mit dem Zusatz „im Ersten“ wird ja die lineare Ausstrahlung hervorgehoben, was tatsächlich etwas anachronistisch wirkt. Analog zum neuen Titel „ARD-Story“ wäre es natürlich konsequent, die Geschichtsreihe künftig „ARD-History“ zu nennen. Aber diese einfache Lösung steht wohl kaum zur Debatte. „ZDF-History“ gibt es ja schließlich schon.

Von außen betrachtet, gehört es zu den Rätseln der Programmreform, dass die Reformplaner jene Redaktionen in den Sendeanstalten schwächen, die bisher 45-minütige Dokumentationen fürs lineare Programm zugeliefert haben – gleichzeitig in ihren Planungen aber die Redaktionen der Politikmagazine „Panorama“ (NDR), „Monitor“ (WDR), „Kontraste“ (RBB), „Fakt“ (MDR), „Report München“ (BR) und „Report Mainz“ (SWR) als Zulieferer für 30-minütige Dokus herausstellen.

Dazu hieß es in der ARD-Pressemitteilung aus dem Oktober wörtlich: „Unter dem Label ‘ARD investigativ’ werden einmal im Monat spannende Dokumentationen in der ARD-Mediathek angeboten. Sie entstehen in den ARD- Kompetenzzentren für Qualitätsjournalismus.“ Es folgt eine Aufzählung der sechs Politikmagazine. Die Dokumentations-Redaktionen hält man also offenbar nicht für „Kompetenzzentren für Qualitätsjournalismus“.

22.12.2021/MK

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