ARD-Pläne zu Reformen im Programm massiv in der Kritik

14.07.2021 •

Die ARD will ihre Mediathek attraktiver machen, um so neue, vor allen jüngere Menschen zu erreichen. Die Mediathek soll neben dem linearen Fernsehprogramm zu einem gleichwertigen Ausspielweg ausgebaut werden. Diese Ziele hat sich die seit Mai amtierende ARD-Programmdirektorin Christine Strobl gesetzt. Bereits vor einigen Wochen hatte Strobl in einem ARD-Pressegespräch gesagt, die Mediathek müsse ein eigenständiges Angebot werden; dabei müsse es um „die Eroberung jüngerer Zielgruppen“ gehen. Gemeinsam mit ihren beiden Stellvertretern Florian Hager und Oliver Köhr hat Strobl im Juni den ARD-Intendanten ein Papier mit einer neuen „Programm- und Flottenstrategie Video“ vorgelegt (das Dokument liegt der MK vor). Florian Hager ist seit Januar 2020 Channel-Manager der ARD-Mediathek, Oliver Köhr amtiert seit Mai 2021 als neuer ARD-Chefredakteur.

Der Plan der drei Manager, die ARD-Mediathek als non-linearen Ausspielweg zu stärken, hat auch Auswirkungen auf das Erste Programm der ARD, vor allem auf bestimmte Magazinformate, aus deren Redaktionen es seit Ende Juni massive Proteste gegen die Pläne gibt. Laut dem Strategiepapier von Strobl, Hager und Köhr muss der digitale Umbau „aus den finanziellen Mitteln des Hauptabend- und Wochenendangebots des Gemeinschafts­programms erfolgen“. Grundsätzlich sei „davon auszugehen, dass der programmliche digitale Umbau des Ersten zugunsten der ARD-Mediathek in den nächsten zwei Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag erfordert“.

„Weltspiegel“ und Politikmagazine betroffen

Vorgesehen ist beispielsweise, die Anzahl der jährlichen Sendeplätze im Ersten für das Auslandsmagazin „Weltspiegel“, die sechs Politikmagazine und das Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ signifikant zu reduzieren. Gestrichen werden soll das Investigativ-Format „Die Story im Ersten“ (montags, 22.50 bis 23.35 Uhr). Gleiches gilt offenbar auch für die halbstündige „Weltspiegel-Reportage“, die samstagnachmittags aufgrund von Sportübertragungen allerdings nicht regelmäßig ausgestrahlt wird.

Künftig soll es vom „Weltspiegel“ und von „Titel, Thesen, Temperamente“ (sonntags ab 23.00 Uhr) pro Jahr nur noch 33 Ausgaben geben – bisher sind es jeweils rund 45. Der „Weltspiegel“ soll außerdem von seinem angestammten Sendeplatz am Sonntagabend (19.20 bis 20.00 Uhr, vor der „Tagesschau“) auf den späten Montagabend (22.50 bis 23.30 Uhr) verlegt werden. Die sechs Politikformate sollen jeweils nur noch elfmal pro Jahr Magazin­sendungen produzieren, bislang sind es 15 Ausgaben. Bei den Politikmagazinen handelt es sich um „Report Mainz“ (SWR), „Report München“ (BR), „Fakt“ (MDR), die im Wechsel dienstags von 21.45 bis 22.15 Uhr gesendet werden, und um „Monitor“ (WDR), „Panorama“ (NDR) und „Kontraste“ (RBB), die abwechselnd donnerstags von 21.45 bis 22.15 Uhr zu sehen sind.

Nach den Plänen des Teams um Christine Strobl soll jedes der sechs Politikmagazine künftig neben den vorgesehenen elf Magazinsendungen pro Jahr zwei investigativ angelegte Produktionen herstellen, die zuerst in der Mediathek gezeigt werden und anschließend auch auf den TV-Sendeplätzen der Politikmagazine laufen sollen. Ähnliche Vorgaben für längere Produktionen sollen auch den Redaktionen von „Weltspiegel“ und „Titel, Thesen, Temperamente“ gemacht werden.

Florian Hager: Magazine haben keine non-lineare Zukunft

Im Papier zur künftigen „Programm- und Flottenstrategie Video“ heißt es dazu: Bei den linearen Magazinformaten sollen Gelder umgeschichtet werden „zugunsten von längeren filmischen Formaten wie Dokumentationen aus den Kompetenzbereichen der Magazin-Redaktionen. Der Fokus soll dabei auf der ARD-Mediathek liegen und der Logik der ARD-Mediathek folgen.“ Dadurch soll dann in der Mediathek „das Profil der Themenfelder Ausland, Investigativ, Politik, Wirtschaft, Wissen, Sport, Kultur, Religion und Geschichte durch Relevanz geschärft werden“.

Florian Hager, der Channel-Manager der ARD-Mediathek, hält den vorgeschlagenen Umbau und die damit verbundene Stärkung der Mediathek für alternativlos: „Wenn wir das nicht anpacken, können wir gerne einfach weiter unser lineares Programm machen, wir werden dann das Non-Lineare nicht nach vorne kriegen“, sagte er am 2. Juli in der öffentlichen Rundfunkratssitzung des Südwestrundfunks (SWR). Da der Umbau „bei bestehenden Budgets“ erfolgen müsse, sei das, was Strobl, Köhr und er hierzu vorgeschlagen hätten, „ein sinnvoller Vorschlag“. Für die Mediathek eigneten sich Magazinformate nicht, erklärte Hager. Nötig seien hier längere filmische Formate: Ein Magazin sei „ideal für die lineare Welt“, aber in der non-linearen Welt könne es „in dieser Form keine Zukunft haben“. Daher muss es laut Hager darum gehen, „eine Form zu finden, wo wir diese Themen, die für uns extrem wichtig sind, auch in der Zukunft in einer non-linearen Welt erfolgreich gestalten können“.

„Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle (WDR) kritisiert dagegen, dass die Politikmagazine in der ARD-Mediathek bisher nicht entsprechend beworben würden. Die Pläne zur neuen ARD-Flottenstrategie lehnt Restle ab. Er twitterte: „Das Dokumentarische hat seinen wichtigen Platz in der Mediathek UND im linearen Angebot. Das darf aber nicht auf Kosten von ‘Weltspiegel’ oder ‘Monitor’ gehen. […] Die Pläne der ARD zu ‘Weltspiegel’, Politikmagazinen und Dokumentation drohen die ARD in die Trivialisierung zu führen und berauben sie ihres entscheidenden Wettbewerbsvorteils: Seriöse Information, die gesellschaftliche Debatten anstößt – und führt.“

Clemens Bratzler: Strategische Umverteilung nötig

Der Auffassung von Florian Hager, dass der vorgeschlagene Umbau notwendig sei, teilte in der SWR-Rundfunkratssitzung Clemens Bratzler, Programmdirektor des Südwestrundfunks: Bei der künftigen ARD-Strategie gehe es nicht um eine Kürzung, sondern um eine „strategische Umverteilung“. Es handle sich um „einen Paradigmenwechsel“, der nötig sei, betonte Bratzler: „Weil wir nicht mehr Geld haben, müssen wir das machen.“ Mit Blick auf den Plan, dass die Politikmagazine künftig zuerst für die Mediathek längere investigative Produktionen herstellen sollten, sagte der SWR-Programmdirektor: Anspruch sei, dass es „jeden Monat mindestens einen investigativen Knaller“ gebe.

Die ARD-Reformpläne für das Erste Programm wurden zuletzt von knapp 90 Mitarbeitern und Unterstützern der ARD-Politikmagazine kritisiert. In einem offenen Brief vom 12. Juli zeigten sich die Unterzeichner davon überzeugt, „dass die geplanten Einschnitte den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und seine Bedeutung im Bereich Information erheblich beschädigen würden. […] Die Rolle von Politikmagazinen und Formaten wie der ‘Story im Ersten’ ist heute wichtiger denn je. Sie bilden mit ihren Recherchen in einer Zeit der Desinformation und Fake-News, in der die Feinde der Demokratie Rückenwind spüren, ein wichtiges Gegengewicht.“ Die ARD-Verantwortlichen wurden in dem offenen Brief aufgefordert, „die geplante Programmreform nicht in dieser Form umzusetzen“.

Einige Tage zuvor war bereits eine Stellungnahme von „Weltspiegel“-Redaktionen und Fernseh-Auslandskorrespondenten der ARD bekannt geworden, die das Vorhaben, die „Weltspiegel“-Ausgaben zu verringern und den Sendeplatz des Auslandsmagazins auf den Montagabend zu verlegen, deutlich kritisierten. In deren Brief (mit Datum vom 2. Juli) an die Intendanten, Programmdirektoren und Chefredakteure im ARD-Verbund heißt es: „Die Verschiebung des seit 58 Jahren eingeübten ‘Weltspiegel’-Sendeplatzes am Sonntagabend auf den Montag um 22.50 Uhr aber ist eine drastische Schwächung der Auslandsberichterstattung im Ersten. Die absoluten Zuschauerzahlen werden uns nicht zufriedenstellen. Derzeit liegen sie Montagabend nach den „Tagesthemen“ durchschnittlich bei ca. 1,3 Millionen, gegenüber derzeit rund 2,1 Millionen am Sonntagabend. Unser lineares Stammpublikum ist nicht jung und wird uns um diese Uhrzeit wohl kaum im bisherigen Maße treu bleiben.“ Die Stellungnahme hat 45 Unterschriften (vgl. diese Dokumentation).

Proteste aus den ARD‑Fachredaktionen

Laut dem Strategie-Papier von Christine Strobl, Florian Hager und Oliver Köhr soll auf dem derzeitigen Sendeplatz des „Weltspiegels“ am Sonntagabend künftig die „Sportschau“ ausgestrahlt werden. Hierzu heißt es in ihrem Strategiepapier: „Um 19.15 Uhr soll die „Sportschau“ für einen starken Audience-Flow zur ‘Tagesschau’ sorgen.“ Am Montagabend solle der „Weltspiegel“ nach den „Tagesthemen“ „das klare Infoversprechen des Tages weiterführen. Angedacht ist an [sic!] eine direkte Übergabe aus den ‘Tagesthemen’ in den ‘Weltspiegel’, der jeweils möglichst mit einem aktuellen Thema aus der letzten Woche bzw. zum Wochenauftakt aufmachen, dieses vertiefen und einordnen soll.“

Bereits 2019 hatte es von Seiten der ARD-Programmdirektion, damals noch unter der Leitung von Volker Herres, den Plan gegeben, dem „Weltspiegel“ den Sendeplatz am Sonntagabend im Ersten zu streichen. Nicht zuletzt aufgrund massiver Proteste nahmen die Verantwortlichen davon schließlich Abstand (vgl. diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung). Ob die aktuellen Proteste gegen die Pläne beim Ersten Programm bei den ARD-Verantwortlichen noch zu Änderungen führen werden, bleibt abzuwarten. Am 13. und 14. Juli haben die Programmdirektoren der Landesrundfunkanstalten zusammen mit dem Führungspersonal der ARD-Programmdirektion über das gesamte Reformvorhaben beraten.

14.07.2021 – Volker Nünning/MK

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