Radioaktive Themenabende

Über den Pro-Sieben-Schwerpunkt zum 35. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl

Von Harald Keller
17.05.2021 •

Im März 2021 jährte sich zum zehnten Mal die Nuklearkatastrophe von Fukushima, am 26. April vor 35 Jahren explodierte der Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerks im damals sowjetischen Tschernobyl. Keine jener Jahrestage, an denen man vergangener historischer Ereignisse im üblichen Sinne gedenkt. Diese mit radioaktiven Verseuchungen verbundenen Havarien werden noch lange nachwirken.

In einer ungewöhnlichen Programmierung zeigte der Privatsender Pro Sieben im April an drei Montagabenden – sonst Stammplatz angekaufter Sitcoms – die fünfteilige US-amerikanische HBO-Produktion „Chernobyl“ (Koproduzent: Sky) und jeweils im Anschluss eine zirka einstündige Folge der eigenproduzierten umfassenden Dokumentar- und Reportagereihe „Tschernobyl“. In einer Pressemitteilung dazu sprach der Sender von „Themenabenden“, ein Begriff, der eher mit öffentlich-rechtlichen Angeboten, vor allem mit dem Kultursender Arte, verbunden ist.

Die hochwertig produzierte US-Serie, im Frühjahr 2019 bei HBO erstausgestrahlt, war weltweit erfolgreich und wurde, angeführt von zwei Golden Globes und zehn Emmys, verdientermaßen mit Fernsehpreisen überschüttet. Kurioserweise hat die in weiten Teilen eng an die realen Ereignisse angelehnte Serie dazu geführt, dass mehr denn je Besucher in die heutige Ukraine reisen, um sich von kundigen Führern das Sperrgebiet um Tschernobyl zeigen zu lassen. Mehrere Angebote stehen zur Wahl, ein- und mehrtägige Touren, Helikopter- und Kajakausflüge. Sogar der Besuch der Schaltzentrale des geschmolzenen Reaktors ist möglich. Gegen entsprechende Bezahlung. „Warum nicht was Spannendes in echt erleben, anstatt es nur im Fernsehen zu sehen“, sagt die vom Pro-Sieben-Reporter befragte britische Besucherin Firouzeh Mitchell. Die ukrainische Regierung fördert diese sonderbare Form des Tourismus; sie bringt Geld ins Land.

Der Reporter als Protagonist

Im dritten Teil der Dokumentarreihe, überschrieben „Tschernobyl – Das Geschäft mit der Katastrophe“ (Produktion: Galileo plus), unternimmt Manuel Jupe mit dem Kameramann Patrik Ilg eine solche Reise, auf der sie auch die Britin getroffen haben. Jupes Beitrag besitzt dementsprechend Reportagecharakter. Er tritt als Protagonist in Erscheinung, bei diesem Unternehmen durchaus sinnvoll. Er staunt über Tschernobyl-Souvenirs mit Radioaktivitätswarnzeichen, von der bedruckten Tasse bis zum leuchtenden Kondom, fängt ein, wie unter den mit kleinen Geigerzählern ausgestatteten Teilnehmern der Exkursion eine Art Wettkampf entbrennt, wer den höchsten Mikrosievert-Wert – das ist die Messeinheit im Strahlenschutz – verzeichnet, spricht sein Unbehagen aus, als ihm in der Sperrzone geerntete Kartoffeln vorgesetzt wurden. Auch an der Führung durch den kolossalen Sarkophag, der die gefährlich strahlende Reaktorruine umfängt, nimmt er teil.

Manuel Jupes Schilderungen wie auch die Aufnahmen von Kameramann Patrik Ilg vermitteln ein Gefühl von der labyrinthartigen Anlage mit ihren endlosen Gängen und der bedrückenden Anmutung jenes teilweise seiner Technik beraubten Kontrollraums, in dem die Atomkatastrophe 1986 ihren Anfang genommen hatte. Vorbildlich: Am Ende macht Jupe transparent, welchen Belastungen er und Ilg im Zuge der Dreharbeiten ausgesetzt waren: Das Team war 72 Stunden in der Sperrzone und nahm dort 22,1 Mikrosievert auf. Zum Vergleich: Beim fünfstündigen Flug hin und zurück registrierte man 22,9 Mikrosievert. Was die Gefährdung, das war im Zusammenhang deutlich, keineswegs verharmlost.

Eine sinnvolle thematische Erweiterung erfuhr der Bericht durch einen Besuch in Slawutytsch, jene binnen zwei Jahren gebaute Retortenstadt, die 25.000 der aus dem Umfeld des Katastrophenreaktors vertriebenen Menschen aufgenommen hat. Diesem aktuellen Beitrag vorausgegangen waren die Teile „Die Wolke über Deutschland“ (Produktion: Hans Otto Film) und „Die wahren Helden“ (Produktion: Niko Karasek TV). Alle drei Beiträge stammten von unterschiedlichen Autoren und Produktionsfirmen, die gemein haben, dass sie das Pro-Sieben-Wissensmagazin „Galileo“ beliefern.

Die Hilflosigkeit der Behörden

Autorin Steffi Hausmann zeichnet in „Die Wolke über Deutschland“ die damaligen Ereignisse nach und folgt dabei meist einer tageweisen Chronologie. Besondere Dramatik erhielt, wie sich nicht nur die Zeitzeugen im Film noch erinnern, das damalige Geschehen, weil die Sowjetregierung Informationen über das Unglück zunächst unter Verschluss halten wollte. Erst als in Skandinavien, wohin die damals herrschenden Winde die radioaktive Wolke geweht hatten, ungewöhnlich hohe Radioaktivität gemessen wurde und ausländische Regierungen auf Informationen drangen, wurde das Ausmaß der Katastrophe nach und nach deutlich.

Hausmann montiert dazu zeitgenössische Nachrichtenbilder mit heutigen Zeitzeugeninterviews und kurzen Spielszenen, die wirksam die Verunsicherungen und die teilweise Desinformation illustrieren. Gegeneinandergestellt werden die Informationspolitik der DDR und der Bundesrepublik. Die DDR-Führung verharmloste die im sozialistischen Bruderstaat geschehene Katastrophe, aber auch der westdeutsche Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) ließ vor laufender Kamera verlauten, eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung sei „absolut auszuschließen“. Deutlich wird die zeitweilige Hilflosigkeit der Behörden, die an die letztjährigen Anfänge der Corona-Pandemie erinnert. Man wusste nicht, welche Gefahren drohten und wie mit ihnen umzugehen sei. Auch Leichtsinn und Betrügereien wurden registriert. Frühgemüse sollte auf amtliche Weisung untergepflügt werden; die Landwirte wurden entschädigt. Zeitgleich tauchten, so wird im Film berichtet, auf Wochenmärkten erstaunlich billige Salatköpfe auf…

In der DDR gab es in den Kantinen plötzlich Gemüsesorten, die zuvor vor allem in den Export gegangen waren, die nun aber keine Abnehmer mehr fanden. Im Westen flogen Wohlhabende auf die Kanaren, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche stieg. Vielsagende Details wie diese sprechen für eine intensive Recherche für diesen Filmbeitrag, wirkungsvoll umgesetzt mit originellen Ideen wie einem Kalendarium mit 35-mm-Kontaktstreifen als Grundmotiv.

Eine Dokumentarreihe mit hohem Informationsgehalt

Der Film „Die wahren Helden“, Teil 2 der Dokumentarreihe, porträtiert Überlebende, die an den Ereignissen von 1986 in Tschernobyl beteiligt waren oder die sie unmittelbar erlebt haben. Der Liquidator Sergej Mirny und der Offizier Nikolay Tarakanow waren im Unglücksreaktor im Einsatz. Ihre Erzählungen und die anderer Interviewpartner validieren größtenteils, was der US-Serienschöpfer Craig Mazin in dem US-Mehrteiler thematisiert hat (Regie: Johan Renck). Die fünf Folgen der Serie dauern zwischen 60 und 72 Minuten.

Autor Niko Karasek spricht für seine Pro-Sieben-Dokumentation aber auch mit Ljudmila Ignatenko, in der Serie dargestellt von Jessie Buckley, die mit der Verwendung ihrer Geschichte nicht einverstanden war. Ignatenko ist die Witwe eines Feuerwehrmannes, der früh an den Folgen seines Einsatzes in Tschernobyl starb. Und die Bergleute, die zur Arbeit im Katastrophenreaktor herangezogen worden waren, geben an, sie seien, anders als im Film beschrieben, nicht verärgert gewesen über die Regierung, sondern gut bezahlt und behandelt worden. Allerdings: Infolge des Einsatzes sind so viele von ihnen bereits gestorben oder Invaliden, dass ihr Kohlebergwerk geschlossen werden musste.

Auch dieser Beitrag der Dokumentarreihe überzeugt durch ausgiebige Recherchen und einen hohen Informationsgehalt. Autor Niko Karasek hat sich auf Themen aus Staaten der Ex-UdSSR spezialisiert. Er spricht Russisch und lebt in Moskau. In seinem Film übrigens wird die derzeitige Pandemie konkret angesprochen. Der Nuklearexperte Boris Zhujkow zieht einen Vergleich zwischen der unsichtbaren Radioaktivität und dem weltweit grassierenden unsichtbaren Corona-Virus: „Es gibt immer viele andere Folgeerkrankungen, an denen man sterben kann.“

Pro Sieben und seine Bedeutung

Bemerkenswert war, dass in diesem programmlichen Umfeld am 19. April (also dem zweiten der drei Thementage) das erste Live-Interview mit der frisch zur Kanzlerkandidatin der Grünen gekürten Annalena Baerbock stattfand (20.15 bis 21.00 Uhr) und wenig später seitens Pro Sieben publik gemacht wurde, dass die bisherige ARD-„Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis für Pro Sieben ab Herbst gemeinsam mit Matthias Opdenhövel eine neue, live ausgestrahlte Informationssendung moderieren wird (vgl. MK-Meldung). Mag sein, dass der Privatsender die Bedeutung zurückerlangen möchte, die er vor Jahrzehnten einmal hatte, als sogar Nominierungen für den Grimme-Preis verzeichnet wurden, etwa für Pro-Sieben-Serien wie „Alles außer Mord“ und „Der Gletscherclan“.

Neben dem Prestige gibt es im digitalen Zeitalter aber noch andere, ganz unromantische Gewinne zu erzielen. Die Seven One Entertainment Group, ein hundertprozentiges Tochterunternehmen, unter dessen Dach der Pro-Sieben-Sat-1-Konzern seine Fernsehsender gebündelt hat, bietet ihren Werbekunden ein präzises „soziodemografisches Targeting“. Nicht nur Smartphones und Computer, auch Smart-Fernseher und -Receiver – Fachbegriff: Connected TV – machen es möglich, das Sehverhalten des Publikums zu registrieren und zielgenau sogenannte „interessenbasierte Werbung“ zu lancieren. Laut Pressemitteilung vom April 2021 optimiert die Seven One Entertainment Group mit einem neuen Verfahren „die Zielgruppenaussteuerung auf allen zum Seven-One-Media-Netzwerk gehörenden Flächen auf Webseiten, in Apps und im Connected TV in der Produktlinie Core Audience.“ Denkbar ist, dass die ‘Ausspielfläche’ Pro Sieben über zeitkritische Serien und Informationsformate ein Publikumssegment gewinnen möchte, das in der Zuschauerschaft des Senders bislang eher unterrepräsentiert ist, für das seitens der Werbewirtschaft aber Nachfrage besteht.

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Die Sendedaten im Einzelnen:

Craig Mazin/Johan Renck: Chernobyl. 5‑teilige US-amerikanische Fernsehserie (HBO/Sky):

Pro Sieben montags 12.4.21 20.15 bis 22.50 Uhr (Folgen 1 und 2) / 19.4.21 21.00 bis 23.40 Uhr (Folgen 3 und 4) / 26.4.21 20.15 bis 21.50 Uhr (Folge 5)

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Tschernobyl. 3-teilige Dokumentar- und Reportagereihe:

Steffi Hausmann: Die Wolke über Deutschland (Teil 1), Niko Karasek: Die wahren Helden (Teil 2), Manuel Jupe: Das Geschäft mit der Katastrophe (Teil 3)

Pro Sieben montags 12.4.21 22.50 bis 23.50 Uhr (Teil 1) / 19.4.21 23.40 bis 0.40 Uhr (Teil 2) / 26.4.21 21.50 bis 22.50 Uhr (Teil 3)

17.05.2021/MK

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