Prinzipiell offen,
nur kein Platz

Der Kultursender 3sat wickelt den Kurzfilm im Programm ab

Von Lars Henrik Gass
27.04.2020 •

Der Kulturfernsehsender 3sat will seine Partnerschaft mit den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen beenden und damit seinen letzten regulären Sendeplatz für den Kurzfilm eliminieren. Das erstaunt und stößt auf viel Kritik. Lars Henrik Gass, 54, ist seit Oktober 1997 Leiter der Kurzfilmtage und macht sich im folgenden Gastbeitrag für die MK Gedanken darüber, was das über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aussagt. Die diesjährigen 66. Oberhausener Kurzfilmtage finden vom 13. bis 18. Mai statt und werden aufgrund der Corona-Pandemie via Internet veranstaltet. Das Festival zeigt über 350 Filme online, darunter alle in den fünf Wettbewerben des Festivals laufende Filme (insgesamt 136 Arbeiten). Zutritt zum Online-Festival haben Besucher mit einem Festivalpass zum Preis von 9,99 Euro, mit dem alle Interessierten sechs Tage lang unbeschränkt Kurzfilme sehen können, teilten die Veranstalter mit. • MK

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„Junge Leute, denen nicht von vornherein vorgeschrieben wird, was und wie sie es zu machen haben, die in sich selbst etwas Neues entdecken, neue Bilder, neue Gedanken, neue Frage­stellungen, und die müssen dann auch sagen dürfen: Ich habe etwas anderes gesehen, oder: Ich habe eine neue Perspektive auf ein Problem – und das will ich euch zeigen. Das muss doch möglich sein in diesem hochkulturellen Land.“
Christoph Schlingensief

Reinhard Kleber schrieb im Dezember 2004 in der Funkkorrespondenz: „Der Kurzfilm tut sich bekanntlich schwer in der deutschen Fernsehlandschaft.“ Lediglich 3sat und Arte gewährten „regelmäßig Sendeplätze“ – und beklagte das allgemein schlechte Abschneiden des Kurzfilms in den Dritten Programmen. Verglichen mit diesem damals schon einigermaßen ernüchternden Befund muss man heute erkennen, dass auch noch weniger geht: Mit Schreiben vom 27. Februar des Jahres hat 3sat die seit 1999 bestehende Medienpartnerschaft mit den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen zum 31. August aufgekündigt und damit den Kurzfilm abgeschaltet.

Zur Begründung heißt es anstaltsseitig: „Da wir in diesem Genre“ – gemeint ist die Gattung Kurzfilm – „schon seit geraumer Zeit nicht mehr produktionell tätig sind, jenseits der Oberhausen-Filme keinerlei Ankäufe in diesem Segment tätigen, und auch nicht mehr über die entsprechenden Sendeflächen verfügen, sehen wir uns leider zu diesem Schritt veranlasst.“ Eine Begründung, warum der Kurzfilm keinen Platz mehr auf 3sat haben soll, wird nicht gegeben. Damit entfällt dort der letzte Sendeplatz für Kurzfilm – ein recht erstaunlicher Umstand für einen Sender mit Schwerpunkt Kultur und Wissenschaft, der eigentlich redaktionell, nicht „produktionell“ geleitet sein sollte.

Die Kurzfilmtage unterhalten weitere Medienpartnerschaften, etwa mit dem deutsch-französischen Kultursender Arte, der ebenfalls den Ankauf zur Auswertung von Kurzfilmen vorsieht. Als „Kurzfilm“ wird in Oberhausen jeder Film unter 45 Minuten angesehen. Die Sendung mit Filmen aus den Programmen der Kurzfilmtage (in diesem Jahr gibt es sie am 16. Mai, 23.10 bis 0.40 Uhr) stellte auf 3sat seit geraumer Zeit schon den letzten Sendeplatz für Kurzfilme dort dar.

Filmemacher protestieren

3sat gibt zugleich auch seinen seit über 20 Jahren verliehenen 3sat-Förderpreis im Deutschen Wettbewerb der Kurzfilmtage auf. Zu den Preisträgern gehörten unter anderem Grandfilm-Produzent Stefan Butzmühlen oder die vielfach ausgezeichnete Regisseurin Maria Speth. Dutzende Filmemacher aus dem In- und Ausland, darunter Christoph Hochhäusler, Jochen Kuhn und Peter Nestler, überdies viele 3sat-Förderpreisträger, protestieren gegen die 3sat-Entscheidung mit Erklärungen, auch Edgar Reitz („Heimat“), Unterzeichner des „Oberhausener Manifests“: „Ich finde es einen Skandal, wie sich die öffentlich-rechtlichen Sender ihrer kulturellen Verantwortung entziehen. Im Falle des Kurzfilms ist es darüber hinaus ein Zeichen von Ignoranz und Phantasielosigkeit, denn gerade bei der wachsenden Ungewissheit der Zukunft wäre es jetzt vorteilhaft gewesen, alle alternativen Sendeformate zu pflegen und sich für völlig neue Umgangsweisen mit den Medien offenzuhalten.“

13 Filmverbände, von der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) über die AG Kurzfilm bis zum Verband der Deutschen Filmkritik (VDFK) und dem Schweizer Kurzfilmverband Pro Short unterzeichneten gemeinsam einen an ZDF-Intendant Thomas Bellut gerichteten offenen Brief, in dem sie sich dem Protest gegen die Abwicklung des Kurzfilms bei 3sat anschließen. Bellut ist der in diesem Fall zuständige Intendant, da der Vier-Länder-Sender 3sat unter der Federführung des ZDF in Mainz betrieben wird (die anderen drei beteiligten Rundfunkanstalten sind aus Deutschland die ARD, aus Österreich der ORF und aus der Schweiz die SRG). In dem offenen Brief appellieren die Filmverbände an Bellut, „sich für eine Zukunft des Kurzfilms im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowie die Nachwuchsförderung einzusetzen und die Medienpartnerschaft mit den Kurzfilmtagen fortzusetzen“. Zwischenzeitlich schlossen sich andere Institutionen mit eigenen Erklärungen an, etwa das Filmbüro NW (Köln) oder der deutsche Nachwuchspreis First Steps.

An den Kosten kann es nicht gelegen haben, dass 3sat den Kurzfilm abwickelt, denn der Sender zahlt für die ausgestrahlte Minute und vier Jahre exklusive Auswertungsrechte eines Kurzfilms vertraulichem Vernehmen nach 155 Euro und hat also höchstens 10.000 Euro die Sendestunde Lizenzkosten – faktisch weitaus weniger, bedenkt man, dass damit das Recht zur dreimaligen Ausstrahlung (inklusive je einer Wiederholung binnen 48 Stunden) verbunden ist. Dafür kann man keine Filme refinanzieren, dafür will man vielleicht auch keine machen oder hergeben. Vielleicht sollte man daher statt von einer „Förderung“ durch den Sender eher von einer „Subventionierung“ für den Sender sprechen, wie bereits Thomas Frickel als Vorsitzender der AG Dok in der Zeitschrift „Black Box“ im Februar 2015. Im Vergleich dazu schlägt der Fernsehfilm zur Primetime im ZDF nach eigenen Angaben mit 1,5 Mio bis 2,5 Mio Euro für den (90-Minuten-)Sendeplatz zu Buche.

Ein klarer Programmauftrag

Derzeit ist für 3sat im Zeitraum 2021 bis 2024 ein Gesamtaufwand von 358 Mio Euro vorgesehen (89,5 Mio Euro pro Jahr). Für 2020 sind mit 61,6 Mio Euro fast 2 Mio Euro mehr eingeplant. Bis 2024 soll der Programmaufwand auf 67,69 Mio Euro steigen. Das ist eine Steigerung von 15,5 Prozent und kein Geheimnis, sondern dem 22. KEF-Bericht zu entnehmen. 

Nur Norwegen und die Schweiz geben mehr Geld für ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus als Deutschland. Günter Rohrbach, experimenteller Gesinnung unverdächtig, kritisierte daher 2011 – es ging um Ausgaben für de Fußball-Champions-League – in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Das ZDF hat für rund 50 Millionen Euro pro Jahr Rechte an einem Programm gekauft, das es auch bisher schon gab (bei Sat 1), für deutlich weniger Geld und finanziert nicht aus Gebühren, sondern mit Werbung. Wir, die Zuschauer und Gebührenzahler, erhalten also nichts Neues, keinen Mehrwert. Wir bezahlen 50 Millionen für etwas, das wir bereits hatten, ohne dieses Geld. Haben wir da ein gutes Geschäft gemacht?“ Die Programmverantwortlichen gemessen an der Quote, maßgebend für ihr Denken, schon.

Und am Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kann es auch nicht gelegen haben, denn dieser ist gleich aus verschiedenen Stellen des gültigen Rundfunkstaatsvertrags abzuleiten, etwa aus Paragraph 6 Abs. 1, also der Verpflichtung, „zur Sicherung von deutschen und europäischen Film- und Fernsehproduktionen als Kulturgut“ beizutragen, sowie unmissverständlich mit Blick auf 3sat in Paragraph 11b Abs. 4, wo von einem Vollprogramm „mit kulturellem Schwerpunkt“ die Rede ist. Daraus ergibt sich zwangsläufig ein klarer, nämlich gegenüber gewerblichen Anbietern gegenläufiger, subsidiärer Programmauftrag hinsichtlich der Vielfalt des filmischen Angebots. Dazu muss kein Bundesverfassungsgericht zur Interpretation bemüht werden. Verteidigen und fordern muss man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf Grundlage seines Auftrags.

Das Selbstverständnis eines Senders

Anfang der 2000er Jahre wollte 3sat noch das Feld der Nachwuchsförderung besetzen und galt lange Zeit als „das einzige Vollprogramm, das regelmäßig Kurzfilme auf einem Primetime-Sendeplatz“ zeigte, so Michael Jahn in einer Studie der AG Kurzfilm aus dem Jahr 2006. Man sei, so der Glaubenssatz des Senders, „prinzipiell offen sowohl für Nachwuchs als auch für erfahrene Filmemacher“. Das betrachtete man hier als Alleinstellungsmerkmal. Pro Jahr wurden 30 bis 35 Kurzfilme angekauft, die über das Jahr verteilt gezeigt wurden, hinzu kam der Sendeplatz mit Filmen aus Oberhausen. 

Dann wurden die Sendetermine immer weiter nach hinten in den Abend geschoben, schließlich nicht mehr Kurzfilme angekauft als nötig, um den Vertrag formell zu erfüllen, den der frühere ZDF-Intendant Markus Schächter mit den Kurzfilmtagen zur Begründung einer Medienpartnerschaft geschlossen hatte, die nicht Marketing, sondern den Fördergedanken zum Grundsatz erhob. Am Ende blieb auf 3sat ein Sendeplatz im Jahr übrig, der, ohne jedes programmliche Konzept, anscheinend nur noch störte. Es ging also nicht eine Medienpartnerschaft im gegenseitigen werblichen Interesse in die Binsen, sondern das Selbstverständnis eines Senders, für Innovation fördernd tätig zu werden, also Filme zur Ausstrahlung zu erwerben und anständig zu vergüten. Journalistisch berichtet hatten ZDF und 3sat über die Kurzfilmtage ohnedies fast nie.

Die 3sat-Filmredaktion, die durch die Programmarbeit ihrer inzwischen verstorbenen Leiterin Inge Classen mindestens ein ebenso hohes Ansehen besessen hatte wie einst die Filmredaktion des WDR, wurde per ZDF-Verwaltungsanordnung zum 1. Dezember 2019 aufgelöst. Seitdem ist der Lizenzankauf von Filmen für 3sat plattform-organisiert mit dem ZDF verbunden. Die meisten Mitarbeiter der ehemaligen Filmredaktion 3sat gehören nun zur Redaktion „Spielfilm und Serie – Acquisition“ in der Hauptredaktion „Internationale Fiktion“. Schon mit Auflösung der Direktion Europäische Satellitenprogramme zum 1. April 2017 war die Zuständigkeit für die Medienpartnerschaften offiziell an die 3sat-Koordination übergegangen und die Redaktion somit nicht mehr zuständig. Mit der Fusion werden, so eine Pressemeldung des ZDF vom 23. März 2017, „in den Redaktionen und in der Produktion bis 2025 rund 70 Arbeitsplätze abgebaut“. Aus inhaltlichen Ansprüchen wurden Fragen des Marketings, der Senderstrategie.

Einstweilen hatten andere viele neuartige Ideen

Ein Sendeplatz, eine Stunde Kurzfilm auf 3sat im Jahr war nun mehr, als die Sendeleitung gegenüber einem quotenvermessenen Publikum noch vertretbar hielt, dessen Altersdurchschnitt nach letzten Erhebungen der GfK-Medienforschung um die 60 liegt und das offenbar mit Opernaufzeichnungen und Fernsehkrimis der Anstalt bei Laune gehalten werden soll. Primetime 3sat, 20.15 Uhr, in der 15. Kalenderwoche 2020: „Die Kanarischen Inseln – Im Reich der Feuerberge“ (Reisedokumentation), „Spuren des Bösen – Zauberberg“ (Fernsehkrimi), „Unsere wilde Schweiz“ (Reisedokumentation), „Gesunde Augen – klarer Blick“ (Wissenschaftsdokumentation), „Das Gewand“ (Kostümfilm), „Der Messias“ (Konzertaufzeichnung), „Die zehn Gebote“ (Kostümfilm). Nachwuchsförderung und Programmvielfalt sind hier jedenfalls nicht erkennbar.

Anfang Mai 2019 war aus dem Sender noch zu hören, es bestünden für den Kurzfilm „neue Möglichkeiten im Online-Bereich“: „Was wir jetzt schon tun können, ist Ideen auszutauschen und zu erörtern.“ Daraus wurde bislang nichts. Einstweilen hatten andere viele neuartige Ideen zum Potenzial der kurzen Form, etwa wie gerade durch kurze Filme in einer Pandemie Austausch und Publikum erreicht werden können.

 

27.04.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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