Leben wagen

Zum Tod von Götz George

Von Torsten Körner
08.07.2016 •

Fang mir jetzt bloß nicht an zu weinen
Du spielst doch sonst so’n harten Mann
Mischst dich in alles ewig ein
Bist wieder mal selbst Schuld daran

Klaus Lage: „Faust auf Faust“,
Titelsong des Schimanski-Kinofilms
„Zahn um Zahn“ (1985)

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Okay, das Fernsehen ist tot, aber trotzdem gut, dass es noch da ist. Es kann dann trösten, wenn mal wieder jemand gestorben ist, den man mochte. Dann tut das Fernsehen seine Pflicht, zeigt Wiederholungen, dementiert den Tod, zeigt blühendes Leben. Aber Melancholie liegt über allen Bildern, weil man ahnt, dass diese Wiederauferstehung nur vorgetäuscht ist, und wenn ein Star wie Götz George stirbt, dann wird einem auch klar, dass das Fernsehen, so wie wir es kannten, längst von uns gegangen ist.

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„Ein neues Gesichtchen, freundlicher Knabe mit frühem Selbstbewusstsein, Götz George, ein Sohn Heinrich Georges, in der Rolle des Johnny.“ 

Der Kurier“ am 7.10.1950 über Götz George, der als Zwölfjähriger in William Saroyans Film Mein Herz ist im Hochland debütierte

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Der Tod von Götz George erzählt uns auch, dass es solch eine Dekade wie die von 1981 bis 1991 nie wieder geben wird. Das Schimanski-Jahrzehnt, das Bedingungs-Jahrzehnt dieser Figur, ist historisch, weil es an wirtschaftliche, politische, kulturelle und technologische Bedingungen gebunden war, und schon damals war Schimanski ein Held auf der Kippe, ein Männerbild von gestern, ein Klagelied, ein Sehnsuchtskerlchen, der von keinem anderen überzeugender hätte gespielt werden können als von Götz George, der auch damals schon gegen die Zeit schwamm.

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Silvester 1999 war ich dann wieder Single. Ein eheähnliches Beziehungsleben endete kläglich. Ich zog um. Im selben Jahr hatte das Filmmuseum in Frankfurt am Main eine Ausstellung über Götz George gezeigt, „Beruf Schauspieler“. Ich hatte mir das Ausstellungsplakat gekauft, es zeigte George in seiner Rolle als Schimanski, mit Lederjacke, darunter einen Kapuzenpullover. Ich rahmte in kleinbürgerlicher Konservierungssehnsucht das Poster und hängte es in die Küche meiner neuen Single-Wohnung in Berlin. Schimmi sollte die Ikone sein für mein neues wildes Alleinleben, denn auch Schimmi war ja ein großer Einzelgänger, ein Unangepasster. Was für ein sentimentales Fanal: Ein Mittdreißiger beschwört mit einem Helden aus alter Zeit die Zukunft. Genauso sentimental und wider besseres Wissen kehrte Schimanski dann 1997 ins Fernsehen zurück. Nein, man kann die Zeit nicht zurückdrehen und Schimanski war – obwohl eine Reihe von beachtlichen Einzelstücken folgte – in den neunziger Jahren eine erledigte Figur. Man hatte nicht begriffen, dass die große Geschichte selbst der Autor dieser Figur war und man eben nicht gegen die Zeit gewinnen kann. Niemand kann das.

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Am 17. Juni 2005 schreibe ich an Götz George. „Sehr geehrter Herr George, ich möchte eine Biografie über Ihr Leben, Ihre Arbeit und Ihre Familie schreiben.“ Ohne den Produzenten Georg Feil hätte ich diesen Brief nicht schreiben können. Feil hatte bei der Bavaria großartige Serien wie „Auf Achse“ und „Der Fahnder“ produziert, auch den fantastischen Thriller „Die Katze“, in dem George eine Hauptrolle spielte, hatte er als Produzent zu verantworten, ehe er mit einem Team von Autoren und Regisseuren wie Bernd Schwamm, Hajo Gies und Horst Vocks den „Schimanski“ entwickelte, den „Tatort“ mit Götz George als Kommissar Horst Schimanski. Georg Feil war eng mit Götz George befreundet. Eines Tages inspizierte mich Georg Feil. Er sah wie ein preußischer Gentleman, er sah umwerfend aus. Ein Mann im tadellosen Anzug, dichtes, graues, sorgfältig gescheiteltes Haar. Ich bat ihn um Vermittlung, weil Götz George alle Anfragen abgelehnt bzw. auf keine reagiert hatte. Feil sagte zu George: „Der macht das sowieso. Der macht das auch ohne dich. Besser du machst mit!“

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Dann rief Götz Georges älterer Bruder Jan an und bestellte mich zu einem ersten Treffen nach Zehlendorf, nicht zu Götz George, sondern zu sich nach Hause, in die Kleiststraße, wo Berta Drews zusammen mit ihren Söhnen seit den 1950er Jahren gelebt hatte. Götz George wohnte nur ein paar Straßen entfernt und er war auch da. Plötzlich saß ich also zwischen zwei schwergewichtigen, breitschultrigen Männern in einem Wohnzimmer, aus Vergangenheit gebaut, Heinrich-George-Porträts an den Wänden, zwischen uns zarte Tassen Tee. Die Brüder waren in jedem Sinne eruptiv, emotional. Jan aufbrausender, Götz gelassener, aber immer wieder mit jähen Aufschwüngen. Es war eine freundliche Vernehmung. Wie wir vorgehen wollen, wohin, wozu, wieso, weshalb, warum? Es war ein sehr deutsches Zimmer, die Wände gespickt mit Büchern über Schauspieler, Film, Geschichte, das „Dritte Reich“, den Vater; das deutsche 20. Jahrhundert verströmte eine spürbare Last, die Möbel waren schwer und troffen vor Gefühl.

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Sicher wird Götz George den ein oder anderen Regisseur, Redakteur oder Produzenten in den halben Wahnsinn getrieben haben, Beispiele gibt es genug, aber wohl keiner wird sagen, er hätte es aus Selbstsucht getan. George war am Set immer Malocher, und zwar einer, der irre viel wusste über Film und Figuren, einer, der unendlich phantasievoll war, wenn es darum ging, Räume zu bespielen, zu erfinden, Szenen aufzulösen, immer bereit, dem Papier Leben zu schenken. Schwierig war er wohl für die, die es sich leicht machen wollten. Ich habe ihn sehr unkompliziert erlebt, preußisch, präzise. Wenn er von Sardinien kam, wo er ein Haus hatte, meldete er sich, rief an, sagte, jetzt passt es, hast du Zeit, komm her, wir reden. Dann saß man da, in seinem Wohnzimmer, blickte auf das Grundstück, das zum Schlachtensee abfiel, und hörte zu. Zu jedem Interview hatte ich mir 20 oder 30 Fragen aufgeschrieben, aber es kam oft vor, dass man nur zwei oder drei Fragen stellte, deren Beantwortung zwei Stunden dauerte, dann war die Kassette voll und den Fehler, nur eine mitzubringen, hab ich nur einmal gemacht. George war immer bereit, seine Figuren zu verteidigen, seine Filme, die Zeit an sich, denn er litt darunter, dass die Gegenwart so wenig Vergangenheitsbewusstsein hatte, dass sie die Stars von damals nicht kennen wollte, nicht kannte.

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„Die Wertigkeit des Künstlers ist nicht mehr gefragt. Die Menschen, die heute populär sind, das sind Frisöre, Talkmaster und Frauen mit gefärbten Haaren und aufgepumpten Brüsten und Köche.“

Götz George, 2008

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Götz George hat sich nie angebiedert an die Zeit. Ein smarter Typ war er nicht. Oft dachte man: Geht es nicht auch ein bisschen entspannter? Legendär, wie George 1998 Thomas Gottschalk anrempelte, weil der den Film „Solo für Klarinette“ nicht gesehen hatte, aber in seiner ZDF-Show „Wetten, dass..?“ dennoch darüber plaudern wollte. Nein, plaudern konnte George nicht, reden war – wenn es um die Arbeit ging – für ihn immer auch schwer atmen, suchen, fragen, fordern, bohren, arbeiten.

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In „Solo für Klarinette“ gibt es eine Sexszene, die in eine Vergewaltigung mündet. Der Kommissar (George) geht zu einer Prostituierten und überfällt sie mit seiner aggressiven Sehnsucht. Der Dreh dauert dreizehn, vierzehn Stunden. George ist bis zur Verausgabung spielwütig. Irgendwann nachts um drei steht er – ohne es zu merken – splitterfasernackt am Würstchenstand. Der Regisseur Nico Hofmann ist nach diesem Drehtag erschöpft wie noch nie in seinem Leben und schleppt sich zerschlagen nach Hause. Um sechs Uhr morgens klingelt sein Telefon. GEORGE! Es sei beschissen, wie sich der Regisseur davongeschlichen habe, wo denn die Umarmung sei, die Anerkennung für die totale Hingabe des Schauspielers?

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Götz George war ein meisterhafter Requisitenspieler. Wenn er ein Gewehr zusammenbaut, strahlt er eine kalte, herrische Maskulinität aus, so wie in „Die Katze“ (1988) von Dominik Graf. Graf über Georges Dingbeherrschung: „Ich glaube, ich habe bisher keinen in Deutschland gefunden, der die Waffe so zusammen­bauen kann. Das ist George. Er macht es richtig, er spielt dann nicht.“

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Die SMS einer Freundin: „Götz George ist der erste Mensch, über dessen Tod ich geweint habe, obwohl ich ihn nicht kannte. Da ist was von mir gestorben, ein Stück meines Lebens. Damals, als wir sonntags mit den Eltern vor dem Fernseher saßen, um Schimanski zu sehen. Es fühlt sich falsch an, dass so ein Typ gehen muss.“

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Leonardo DiCaprio hat die Welt 2015 wissen lassen, wie sehr er sich für „The Revenant“ in Schnee und Eis gequält hat. Ich denke, Götz George hat 1963 bei den Dreharbeiten zu dem Film „Mensch und Bestie“ noch mehr Schmerz in die Waagschale geworfen. Ich habe nie wieder einen Film gesehen, in dem sich ein Schauspieler so schinden lässt: Die Flucht eines KZ-Häftlings durch Schnee und Eis. Gedreht wird bei bis zu minus 36 Grad in Jugoslawien. George lässt sich von einem Hund anfallen, führt dabei selbst die Handkamera, er stürzt wieder und wieder in eiskalte Flüsse, rollt frostharte Abhänge hinunter, lässt sich – angekettet an zwei Pferde – durch Schneewüsten ziehen. Es ist komplett verrückt, was er da hinlegt. Körperbilanz: Erfrorene Zehen, Blutspucken, Nierenbeckenentzündung, Magengeschwüre.

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Was für eine Lachnummer ist dieser Hermann Willié (George) in „Schtonk“, der schmierigste Sensationsreporter aller Zeiten. Man biegt sich vor Lachen, wenn Willié aus dem vermeintlichen Tagebuch des Führers vorliest. George war eben auch ein großer Komödiant, der seine Figur quicklebendig lässt und zugleich aufspießt und studiert, wie ein Entomologe einen Schmetterling auf der Nadel betrachtet: Kaltes Studium, warmes Gefühl, er war fähig zur Empathie bis zur Grausamkeit.

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Drei Tage, nachdem am 26. Juni der Tod von Götz George bekannt geworden war, ruft die „Bild“-Zeitung an. Ob man wisse? Ob man könne? Ob man wolle? Eine einfühlsame Stimme fragt, ob er denn gelitten habe, ob er denn in Frieden gegangen sei? Wer etwas über Götz George wissen will, soll seine Filme schauen. Da steckt er.

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Manchmal war seine Stimme auf dem Anrufbeantworter. Viel zarter als in seinen Rollen. Oft atemlos. Kaum ein anderer Schauspieler war so stimmbekannt, so stimmgewaltig, wobei in diesem heiseren Beben sehr viel nervöses Tasten steckte, auch ein Klang wie von kaum verborgenen Verletzungen, als hätte ihm jemand mit Schrott in Stimmwege und Leben geschossen, es troff hier und da, es pfiff, heulte und kiekste und zugleich streichelte diese so warme, erdige Stimme, die stets zur Empörung bereit war, die sich nicht phlegmatisch zur Ruhe setzte.

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„Götz George war ein verhinderter deutscher Kinosuperstar. Er war das, was die Italiener mit Marcello Mastroianni und die Franzosen mit Yves Montand und Philippe Noiret hatten – ein Inbild nationaler Wesenszüge und zugleich ihre individuelle Brechung, ein Typus und doch eine eigensinnige, auratische Persönlichkeit. Er war es, und er war es nicht. Denn das Kino, so wie es in Deutschland funktioniert (oder besser: nicht funktioniert), gab ihm immer nur für kurze Zeit Gelegenheit, seine überwältigende Präsenz in seinen Rollen auszuspielen.“

Andreas Kilb in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 27.6.2016

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„Ich habe in den letzten Jahren ziemlich viel gedreht und da gab es kaum Situationen, vor denen ich Bammel hatte, aber die erste Begegnung mit Götz George war so eine. Ich war angespannt, nicht weil ich Angst vor dem Menschen George gehabt hätte, es war einfach der Respekt vor dem Kollegen, denn das war wirklich eine besondere Begegnung. Für meine Schauspielergeneration hat er eine große Bedeutung, weil er mit seiner Art einen ganz anderen Ton einbrachte. Gerade mit ‘Schimanski’ begann etwas Neues. Seine Coolness und Unspießigkeit hatte etwas Befreiendes. Für meine Generation war das ermutigend, weil man sah, dass Fernsehfilme auch mal ganz anders sein können als der Mief, den man bis dahin oft gesehen hatte, da wurde soziale Realität abgebildet. Und außerdem war das Duo Thanner und ‘Schimanski‘ enorm humorvoll.“

Matthias Brandt, 2008

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Thanner (Eberhard Feik), die Büroklammer, der Bügelbrettenthusiast, Staubsauger, der Pedant. Ohne ihn war Schimanski später nur die Hälfte wert, denn er, Thanner, war ein Teil dieser Figur, ihr responsiver Widerpart, die saßen in einem Seelenboot, die brauchten einander, existenzielle Rückversicherer. Die brachten einander zur Verzweiflung und auch zur Geltung wie sonst nur Stan Laurel und Oliver Hardy, sie waren eine schnauzbärtige deutsch-deutsche Körper- und Seelenlandschaft.

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Massenmörder Haarmann. Götz George spielt ihn 1995. „Der Totmacher“. Aus diesem Kinokörper sprach ein mörderisches Jahrhundert, George streckte seine Fühler in die Weimarer Republik aus. Man saß im Kino und man roch Blut, sah Blut, obwohl da keine einzige Leiche war. All die Serienkiller, die dann später kamen, waren „Puppenjungs“ im Vergleich zu Götz Georges schaurigem Menschenmonsterkind.

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Wenn er sich zu sehr für eine Figur verausgabt hatte, wurde er krank, sehr krank. Ob für „Mensch und Bestie“ (1963), „Solo für Klarinette“ (1998) oder schließlich für „George“ (2013), den Film, in dem er seinen Vater spielt – Götz Georges Immunsystem war am Boden, weil er sich den Geschichten und den Figuren derart auslieferte, weil er sich splitterfasernackt zeigte. Er war ein Körperextremist.

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Den Jungfilmern war er zu alt, obwohl er jünger war als sie. George war Traditionalist, sie waren Traditionsflüchtige. Angst war auch dabei, auf beiden Seiten. George ging die Sachen nie spielerisch, nie improvisatorisch an, Räume ohne Plan machten ihm eher Angst. Dass man in planlosen Räumen eben auch etwas finden kann, war ihm als Gedanke fremd. Fassbinder hätte gerne mit George gedreht, fürchtete aber dessen Präzisionsanspruch. Es bleibt eine schmerzende Leerstelle, dass aus diesen gegensätzlichen Konzepten nie etwas entstanden ist.

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Nach 1945 fürchteten sich das deutsche Kino und Fernsehen vor deutschen Heldenkörpern. Hans Albers versank in Melancholie, niemand sagte mehr: „Hoppla, jetzt komm ich!“ Georges Auftritte in den Karl-May-Filmen zeigen, dass er ein legitimer Albers-Erbe hätte werden können, auch ein Actionheld, auch ein Genre-Spezialist, doch dafür war kein Platz mehr. Stattdessen trat die Generation der körperscheuen, verzweifelten, ironisch gebrochenen Männer an. Selbst ein starker Halbstarker wie Horst Buchholz war eher Schelm als Held. Auch Götz George musste einsehen, dass man nicht außerhalb der Zeitläufte bestehen kann, er war ein Retroheld.

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In Filmen wie „Kirmes“ (1960), „Herrenpartie“ (1964) oder „Aus einem deutschen Leben“ (1977) setzte sich George mit dem Nationalsozialismus auseinander. Warum hätte Götz George öffentlich mit seinem Vater Heinrich George abrechnen sollen? Das tat doch ohnehin die ganze deutsche Welt! Es wäre doch einfach gewesen, über Heinrich George den Stab zu brechen, der während der NS-Zeit in antisemitischen Hetzfilmen wie „Jud Süß“ oder in Durchhaltefilmen wie „Kolberg“ gespielt hatte. Es wäre bequem gewesen, es wäre so unendlich viel leichter gewesen, als den Vater wieder und wieder zu verteidigen, eher hilflos zu verteidigen, denn ein kontrollierter Anwalt seines Vaters war Götz George nie. Er war ein Spezialist für schwere Wege.

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Man konnte mit Götz George lebhaft darüber diskutieren, ob er sich nicht zu klein und die Vergangenheit nicht zu groß machte. Es gebe keinen Grund, konnte man ihm versichern, sich gegenüber den „Riesen“ geringzuschätzen, Werner Krauß, Fritz Kortner, Heinrich George oder Emil Jannings seien auch Kinder ihrer Zeit gewesen und hätten nicht ein- für allemal das unüberbietbare Qualitätssiegel der Schauspielkunst gesetzt. Götz George jedoch war sich sicher, wir sind alle nur Zwerge.

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Der Kanzler hieß Kohl, Schimanski war der Anti-Kanzler, der undeutsche Deutsche, der herrliche Schmuddel- und Schlammkommissar. Ich erinnere einen Tag in den achtziger Jahren. Ich zog erfolglos durch Oldenburg auf der Suche nach einer Schimanski-Jacke. Die Jacke war Kult. Irgendein Kritiker interpretierte die großen Brusttaschen mal als symbolische Brüste, Schimmi war also in Wahrheit eine Frau, eine Mutter, eine Säuglingshüterin. Hmmh..? Diese Jacke, dachte man, ist eine treue Freundin in den bleiernen Jahren.

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Am 28. Juni 1981 wurde in der ARD der erste „Tatort“ mit dem neuen Kommissar Horst Schimanski gezeigt: „Duisburg-Ruhrort“. Im historischen Archiv des WDR findet sich dazu folgender Bericht: «Zur Sendung „Tatort“ erreichten die Telefonzentrale ca. 390 Anrufe, 97 wurden von uns entgegengenommen. 7 – Positiv: „lebensnah, gute Darsteller“. Der Rest (90) beschwerte sich in folgender Weise: ca. 30 bemängelten die Bildqualität – „zu dunkel, Regie von Fassbinder, kann nichts sehen, macht mehr Licht, etc.“, „größter Blödsinn, Schwachköpfe, niveaulos, miese Obszönitäten, aus der untersten Gasse, total missraten, Polizei wird diskriminiert, Türkenhass geschürt, brutal, Fäkalsprache, primitiv, vulgär, da wundern wir uns über Zustände in Berlin, gewalttätig, enttäuscht über die Person G. George, so etwas bitte nicht weiter senden zu dieser Sendezeit, wie ein ganz schlechter amerikanischer Krimi, etc.»

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„Er kann komisch sein. Ihm gelingt Eleganz, die seinem Vater von vornherein abging. Er ist nie, wie sein Vater, durch die Wirrnisse des Expressionismus gegangen. Er ist realistisch und deutlich, ist modern, zupackend und auf eigene Weise glaubwürdig. Auf der Bühne hat er sich durchaus bewährt und durchgesetzt. Er wird so neugierig wie kritisch in seiner Fernsehrolle beobachtet werden. Man drückt ihm die Daumen!“

Friedrich Luft in „Die Welt“ am 27.6.1981, einen Tag vor der Ausstrahlung der „Tatort“-Folge „Duisburg-Ruhrort“

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„Vom hohen Anspruch der Serie ist wenig, fast nichts geblieben. Krimi und Kunst – das geht fast immer schief. Jedenfalls im deutschen Fernsehen.“

Hans-Hermann Tiedje in „Die Welt“, 30.6.1981

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„Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder und Trinker?“

„Bild am Sonntag“, 5.7.1981

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Der Duisburger Oberbürgermeister Josef Krings schreibt am 9. September 1986 an einen empörten Amtskollegen: „Ich wundere mich immer, wie sehr eine Kunstfigur wie Schimanski Menschen erregt und polarisiert. Das gilt offensichtlich für Sie, denn es ist ja ungewöhnlich, dass ein Bürgermeister seinem Kollegen zu einer Fernsehrolle einen Brief schreibt, aber es gilt auch für viele Menschen in Duisburg. Umgekehrt hat er die höchsten Einschaltquoten und seine Jacke ist ein Verkaufsschlager. Ich selbst schaue mir fast jeden Schimanski-Film an und nehme ‘Schimanski’ als Kunstfigur, wie ich Richard III. oder Hamlet als Kunstfigur nehme.“

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Das Monument war müde. Hans-Jörg Felmy als Essener Kommissar Haferkamp sollte abgelöst werden. Der Autor Bernd Schwamm schrieb am 21. April 1980 ein Konzept zum neuen „Tatort“-Kommissar des WDR: „Dieser – ich will ihn Horst Schimanski nennen – ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, kommt aus dem Arbeitermilieu, machte nur einen einfachen Schulabschluss und gelangte über die ganze Strecke vom Streifendienst bei der Schutzpolizei über die Wachtmeisterlaufbahn ins Kriminalkommissariat. Er ist verheiratet und hat Kinder. [...] Für die Rolle Schimanski schlage ich Eberhard Feik, für den Thanner Rüdiger Vogler vor.“ Eine seltsame Vorstellung, dass die Bundesrepublik ohne Georges Schimanski und George ohne seinen Schimanski hätten existieren sollen! George und die Bundesrepublik, das war ein kollektiver Bedingungskörper.

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Die „Tatort“-Titelsongs für die „Schimanski“-Folgen hauen den stärksten Mann um: „Midnight Lady“ („Der Tausch“, 1986), „Broken Heroes“ („Gebrochene Blüten“, 1988), „Hier in der Kneipe fühl ich mich frei“ („Grenzgänger“, 1981) oder eben „Faust auf Faust“. Nichts für schwache Nerven, was Dieter Bohlen, Klaus Lage & Co. da im Gefühlskontor anrichteten. Auch die Elektronikband Tangerine Dream steuerte einmal einen Titelsong bei („Das Mädchen auf der Treppe“, 1982). Und in der Folge „Zabou“ schluchzte Joe Cocker heiser:

„Why did you go away
leaving me alone?
There’s nothing left to say
now that you’re gone.“

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Götz George, dessen Vorname nach der Lebensrolle seine Vaters gewählt war, wollte sich spielend immer dem Vater zeigen und spielend immer an den Vater erinnern, doch zugleich wusste er, dass das vergeblich war und sein Spiel nie gesehen wurde. Und da er die Instanz, vor der er zu bestehen hatte, ins Jenseits verrückte, war er gierig nach Anerkennung und zugleich war sie gültig nur für den Tag, den Augenblick. Richtig satt und zufrieden machte ihn der Beifall nie.

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„Was sehen wir, wenn wir einen Film mit Götz George sehen? Eigentlich fast immer einen Mann im Kampf mit sich selbst. Götz gegen George. Er war ein Selbstbezwinger, aus dem Widerspruch zu sich selbst produzierte er diese unglaubliche Energie, so erkämpfte er aber auch Raum für Ambivalenzen, die bei einem Body Actor wie ihm selten sind.“

Christian Buß bei „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Der Selbstbezwinger“, 27.6.2016

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„Am Ende seines Lebens sind es drei Frauen gewesen, die ihm zur Seite standen: seine geliebte Tochter Tanja, die in Australien lebt, Ute Nicolai, seine jahrzehntelange Agentin, die es immer wieder klug verstand, Götz zwischen Beruf und Privatmensch auszubalancieren. Sein größtes Glück war aber die wunder­bare Marika Ullrich – aus meinem Blickwinkel die wichtigste Person, die in wirklicher Liebe zu Götz an seiner Seite stand, egal wie widrig die Umstände auch erschienen.“

Nico Hofmann in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ am 27.6.2016

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Als 1994 Heinrich Georges Gebeine nach Zehlendorf überführt wurden, sprach der Berliner Alt-Bischof Martin Kruse an dessen Grab. Was er über Heinrich George sagte, passt auch auf Götz George: „Heinrich George war ein Mensch, der zu seiner Bestimmung gefunden hat. Er musste spielen. Das war seine Berufung. Was ist das für ein Geschenk, für eine Gnade, wenn ein Mensch zu seiner Bestimmung findet! Er hat sich nicht versteckt. Er hat sich nicht verleugnet. In aller Widersprüchlichkeit seiner Gaben und Kräfte war da doch eine letzte Einfalt. Er war ein menschlicher Mensch, der um seine Widersprüchlichkeit wusste. Das machte ihn glaubwürdig.“

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Er hat für uns gespielt. Seine Figuren waren immer aufrecht und echt, auch wenn sie Wendehälse waren, Bestien, Schweine oder klägliche Gestalten. Wenn es ihm nicht gelungen wäre, in seinem Spiel das Leben, so wie wir es empfinden, auftauchen zu lassen, hätten wir ihn nicht so lange Zeit zum Lebensbegleiter gewählt. Schön, dass er sein Leben gewagt hat, um uns aus unserem Alltag zu entführen. Er war ein Entführungskünstler ohne Vergleich. Die Leben, die er geführt, gespielt und für uns erzählt hat, werden bleiben und seine Leben leben in unseren Leben weiter.

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Damals hinterm Kohlenschacht
Der heut’ wie’n off’nes Grab still liegt
Für wen hast du in dieser Nacht
Als Held die Fresse vollgekriegt?

„Faust auf Faust“

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Torsten Körner schrieb die Götz-George-Biografie „Mit dem Leben gespielt“, die im Jahr 2008 im Scherz-Verlag erschien.

08.07.2016/MK

Götz George (1938 bis 2016)

Foto: da/MK


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