Jetzt macht Gorny das Programm

Beim Musikfernsehen Viva Television herrscht kreativer Stillstand

Von René Martens
04.04.1996 •

Das deutsche Musikfernsehunternehmen Viva Television ist sehr erfolgreich (vgl. FK‑Heft Nr. 51-52/95), wird vielfach aber noch immer nicht als ‘richtiger Sender’ wahr- oder ernst genommen. Doch das Geschehen dort beschränkt sich nicht nur auf das Abspielen von Videoclips. Hinter den Kulissen von Viva TV – das in Deutschland der Konkurrenz MTV schnell den Rang abgelaufen hat – kommt es zu machtpolitischen Auseinandersetzungen, die Zündstoff in sich bergen. Inzwischen betreibt das Unternehmen schon zwei Kanäle: Viva und Viva 2. René Martens, Jg. 1964, freier Autor, schildert in dem folgenden Beitrag, wie Geschäftsführer Dieter Gorny Viva Television zu (musik)kultur- und medienpolitischen Zwecken nutzt. Der Artikel ist eine für die „Funkkorrespondenz“ bearbeitete und erweiterte Fassung eines Textes, den der Autor für die Ausgabe Nr. 3/96 der Musikzeitschrift „Spex“ verfasst hatte. • FK

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Es gibt Gesetzmäßigkeiten in der Unterhaltungsindustrie, die einem manchmal auch die innovativste Kunst verleiden können. Wenn man über diese Gesetzmäßigkeiten redet, muss man sich immer davor hüten, nicht in einen allzu fatalistischen Tonfall abzugleiten. Umso komischer das Gefühl in der Magengegend, wenn man Dieter Gorny gegenübersitzt, dem Geschäftsführer des Musikfernsehunternehmens Viva Television, der solche Sachverhalte selbstgefällig, fast lustvoll formuliert: „Minor Group bedeutet immer Trend, das heißt, sie ist geschäftlich nützlich. Es ist wichtig, dass Gesellschaft und Politik begreifen, dass der unabhängige Künstler einer der wenigen Punkte ist, der die Gesellschaft reflektiert. Sie tun gut daran, sich diesen Reflektor zu erhalten.“

Der Mann ist Sozialdemokrat, sein „Kunstverständnis“ bezeichnet er allerdings als „eher anarchisch“. Darüber hinaus sieht er sich als Verfechter einer „mittelständischen Entertainment- und Musikwirtschaftsförderung“. Gorny scheint also zu wissen, welche Funktion der Kapitalismus für die Kulturindustrie samt ihrer progressiven Flügel vorgesehen hat. Merkwürdig ist nur, dass der von ihm geführte Sender, an dem die Unterhaltungskonzerne Sony, Warner, Polygram (Philips) und Thorn EMI beteiligt sind, zur Zeit nicht danach handelt. Der „unabhängige Künstler“ interessiert Viva weniger denn je, ja, nicht einmal der abhängige Künstler, der sich weigert, seine Musik dem Diktat der Formate im weitesten Sinne anzupassen, interessiert dort. Die Gewissheit, dass heute nichts unwahrscheinlicher ist als eine Welt ohne Musikfernsehen, und der Glaube, man habe sich in diesem Geschäft bereits etabliert, brachte den Sender in den vergangenen Monaten dazu, sein Programm nicht nur nicht mehr weiter-, sondern zurückzuentwickeln.

Feigenblätter

Zu Beginn dieses Jahres wandelte Viva „Freestyle“, „Metalla“ und „Wah Wah“, die Spezialsendungen für HipHop, Metal und Alternative Rock, in „VJ-Strecken mit’n bisschen Drumherum“ um, wie der bisherige Redaktionsleiter Teddy Hoersch es formuliert. Hintergrundberichterstattung findet seitdem allenfalls noch bruchstückhaft statt. Die Formate wurden außerdem um 70 Minuten nach hinten verlegt (auf 23.10 Uhr), und die HipHop-Strecke bekam einen neuen Titel („WordCup“). Einige ehemalige Redakteure von „Wah Wah“ und „Metalla“ arbeiten jetzt widerwillig für die profillose 22.00-Uhr-Show „Freunde der Nacht“. Die einzige Spezialsendung, die einen gewissen Magazincharakter behalten hat, ist „House-TV“, früher unter dem Namen „Housefrau“ ein Begriff. Diese Show hatte der Sender allerdings bereits Anfang November auf ein im doppelten Sinne billigeres Niveau gestutzt.

Vor allem die Absetzung von „Freestyle“ stieß in der gesamten Branche auf Unverständnis. „‘Freestyle’ war die integrativste Sendung auf Viva. Sie hat via HipHop deutsche und nicht-deutsche Kids zusammengebracht – und zwar ohne jeden Sozialarbeiter-Touch. Damit kann man politisch am besten Renommee schinden, „das musste so ein SPD-Typ wie Gorny doch wissen!“, sagt Oliver von Felbert, Ex-Redakteur von „Freestyle“. Darüber hinaus sei die Absetzung auch deshalb nicht nachvollziehbar, weil die Sendung im Lauf des Jahres 1995 immer besser geworden sei, nicht zuletzt dank „verstärkter Vor-Ort-Berichterstattung aus den USA“. Teddy Hoersch betrachtet die Entscheidung als im schlechten Sinne branchenüblich. „Bei jedem kommerziell ausgerichteten Sender verschwinden solche Spielplätze spätestens nach zwei Jahren“, sagt er: „Wenn man’s böse formulieren würde: ‘Freestyle’ und die anderen beiden Sendungen waren eh nur Feigenblätter.“

Dieter Gorny geht die Kritik an der Einstellung von „Freestyle“ mittlerweile ein bisschen auf den Geist: „Auf uns hacken sie alle herum. Aber wie hat denn die ARD, die größte europäische öffentlich-rechtliche Medienanstalt, auf Viva reagiert? Sie hat ein Top-Ten-Clipmagazin eingeführt und eine Leiche, nämlich den ‘Rockpalast’, wiederbelebt. Als ersten haben sie Gary Moore auf die Bühne gestellt. Was ist denn das für ein kulturpolitisches Signal? Die haben nicht im entferntesten den Anspruch, wöchentlich über die HipHop-Szene zu berichten. Aber darüber meckert keiner." Schon möglich. Aber die dürftige Programmgestaltung der Konkurrenz ist eine schlechte Legitimationsgrundlage für eigene Fehler.

Der Viva-Geschäftsführer fühlte sich bei „Freestyle“ offensichtlich ausgeschlossen. „Wenn wir uns mit Genres beschäftigen, die sich ganz schräg geben, dann müssen wir den Zuschauer dazu animieren, hinzugucken“, meint er: „Bei der ‘Freestyle’-Posse hatte ich manchmal eher den Eindruck, dass sie unter sich bleiben wollten. Die haben sich wohl gesagt: ‘Ey, da guckt einer durchs Schlüsselloch, lass uns mal’n Kaugummi reinkleben.’“ Ein unfreiwilliges Lob! Für Leute, die HipHop „ganz schräg“ finden, mithin in den letzten Jahren nicht allzu viel Musik gehört haben können, hat die Redaktion „Freestyle“ bestimmt nicht gemacht.

Erfüllungsgehilfe

Die Einstellung der Spezialsendungen, aber vor allem die Rahmenbedingungen, unter denen sie sich vollzog, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Sind große Plattenfirmen überhaupt die richtigen Gesellschafter für einen Musiksender? Sind es nicht die strukturellen Beschränkungen der Majors, die ein innovatives Programm verhindern? Man weiß nicht erst seit gestern, dass solche Unternehmen mit neuen Trends, also Entwicklungen, die für jeden Plattenkonzern ökonomisch notwendig sind, erst dann umgehen können, wenn sie zum Produkt geworden sind. Bekanntlich brauchen die Konzerne für diesen Transformationsprozess die, um es mit Gorny zu sagen, „mittelständischen Entertainment- und Musikwirtschaftsbetriebe“. Landläufig nennt man sie Independent-Label. Gerade weil die Gesellschafter vor allem daran interessiert sind, beim Fernsehpublikum die Schwerpunktthemen ihrer Firmen durchzusetzen, wird Viva zum Erfüllungsgehilfen, der bereits existierende Märkte bestenfalls erweitert – aber meistens nur bedient.

„Die Gesellschafter konnten oder wollten mit dem Produkt Viva anfangs einfach nicht umgehen“, sagt Christoph Post: „Wenn eine CD fertig ist, kannst du sie auf immer und ewig vermarkten. Musikfernsehen ist dagegen dynamisch, da muss man permanent Investitionsbereitschaft zeigen.“ Post weiß, wovon er spricht: Er war in der Gründerzeit Programmdirektor bei Viva. Zuvor hatte er die Produktionsfirma Me, Myself & Eye (MME) mitgegründet. Heute ist er Geschäftsführer des MME-Tochterunternehmens Eye Love You und arbeitet somit für die Konkurrenz seines ehemaligen Arbeitgebers, denn Eye Love You produziert das Programm des in Hamburg ansässigen Musikfernsehkanals VH-1, der seit März 1995 auf Sendung ist (vgl. FK-Heft Nr. 10/95).

Anfangs, so Post, hätten die Viva-Gesellschafter noch Interesse am Programm gezeigt. „Doch als es gerade mal klar war, dass es keinen totalen Crash geben wird, haben sie gewissermaßen einen Haken hinter das Produkt gemacht und sich nur noch dafür interessiert, wie man es vermarktet, aber nicht mehr für eine programmliche Entwicklung.“ An der Einstellung der Gesellschafter hat sich offensichtlich nichts geändert. Heute wird nur der Status quo verwaltet und es ist absehbar, dass das auch in den nächsten Jahren so bleiben wird. Denn Dieter Gorny begründet die fehlende Investitionsbereitschaft mit dem Umstand, dass den Gewinnen von Viva [1] die Verluste von Viva 2 gegenüberstünden. So wird er auch in den nächsten Jahren noch argumentieren können, weil Viva 2 – Sendestart: 28. April 1995 (vgl. FK-Heft Nr. 26/95) – in absehbarer Zeit kaum Gewinn abwerfen dürfte. Dem Kanal fehlt der Neuheitsbonus von Viva [1] und ob Viva 2 die Reichweite (zur Zeit: 5,4 Mio Kabelhaushalte) nennenswert vergrößern kann, bleibt ungewiss. Brancheninsider wollen sogar wissen, dass die wenig investitionsfreudigen Gesellschafter – es sind dieselben wie bei Viva [1] – schon laut darüber nachgedacht haben, Viva 2 wieder fallen zu lassen. Dabei hat das Programm 1995 monatlich bloß 200.000 DM gekostet – billiger geht’s nimmer!

Tiefststandard

Als Viva Television im Dezember 1993 startete (vgl. FK-Heft Nr. 46/93), vernahm man von manch hiesigem Musiker das latent nationalistische Statement, der Sender könne der deutschen Popszene neue Impulse geben. Tatsächlich erreichte Viva [1] bekanntlich etwas anderes: Der in Köln-Ossendorf ansässige Sender hat dafür gesorgt, dass diese Republik von einem Stil dominiert wird, den man Kirmes-Techno oder Eurodance nennt und der musikästhetisch dem klassischen deutschen Schlager in nichts nachsteht. Die Entwicklung des Musikprogramms ist seit langem nur noch in einer Hinsicht interessant: In immer kürzeren Abständen tauchen Stücke auf, die einen gerade erst gesetzten Tiefststandard noch einmal unterbieten. Derzeitige Tiefpunkte sind ein Stück mit dem eindeutig zweideutigen Titel „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ (von TÄMA) sowie „Drill Instructor“, ein militaristischer Softsex-Clip von Captain Jack.

Eine Plattenfirma, die die Videos ihrer Musiker unbedingt gesendet sehen, aber auch nicht allzu viel in die Produktion investieren möchte, sollte mit Department M zusammenarbeiten: Das Tochterunternehmen der bekannten Wiener Videoproduktionsfirma DoRo (Hannes Rossacher und Rudi Dolezal, die mit Minimalanteilen an Viva beteiligt sind) hat bei Viva im Haus eine Filiale eingerichtet. Das ist natürlich sehr praktisch.

Weil Viva [1] auf der Stelle tritt, zieht eine nicht so abwegige Verschwörungstheorie immer weitere Kreise. Sie besagt, bei Viva spiele man in nächster Zeit zwar noch ein bisschen Fernsehen. Aber hauptsächlich sehe die Plattenindustrie den Sender als Standbein für die digitale Tonträgerdistribution, die im Lauf des nächsten Jahrzehnts den Plattenverkauf via Händler zumindest ergänzen wird: Der Musikkonsument lädt sich dann die Daten eines Tonträgers auf eine unbespielte CD in seinem Computerlaufwerk. In einem Interview mit „Kabel & Satellit“ hat Gorny immerhin schon angedeutet, dass man in Ossendorf über das Projekt Viva 3 nachdenke. Dahinter verberge sich „ein Servicekanal [...], der auch die Möglichkeiten zum Shoppen bietet“. Welche Produkte da angeboten würden, lässt sich leicht ausmalen.

Mit Musikmessen verbandelt

Die Verfechter der Verschwörungstheorie mutmaßen darüber hinaus, Viva wolle sich das Abspielen von Clips in Zukunft offiziell von den Plattenfirmen bezahlen lassen. „Das ist absoluter Quatsch“, sagt Dieter Gorny: „Würden wir das machen, hätte der Sender mit Viva in seiner bisherigen Form nichts mehr gemein. Das bringt doch keinen Spaß, dann mach’ ich lieber was anderes.“ Das glauben viele Brancheninsider, nicht nur Verschwörungstheoretiker, sowieso. Sie gehen davon aus, dass Gorny mit dem Amt des nordrhein-westfälischen Kulturministers liebäugelt. Viva ist, wie die mit dem Sender verbandelten Musikmessen PopKomm und MusiKomm, in einer Mischung aus Landesfinanzierung und Branchenkapital entstanden. Die komplizierten Zusammenhänge, was etwa die Finanzierung der MusiKomm und deren Zusammenhang mit Viva anbelangt, wären noch genau zu eruieren. Durch solche Strategien jedenfalls wirkt Gorny wie die moderne Ausgabe des sozialdemokratischen Kulturfunktionärs. Schon heute wirken seine medienpolitischen Äußerungen so, als habe er sie mit dem nordrhein-westfälischen Wirtschafts- und Medienminister Wolfgang Clement (SPD) abgestimmt. „Viva würde ein ungleich besseres Programm machen, wenn Gorny den Sender nicht bloß als Sprungbrett für seine politische Karriere betrachten würde“, sagt Gugu Tyszkiewicz, früher Redakteur in Köln-Ossendorf und jetzt Chefredakteur bei VH-1.

Der Vorwurf, Viva mache gar kein Fernsehen, sondern tue höchstens so, als ob – Gorny hätte nicht einmal ein Problem damit. So erzählt er, die Sendung „Heikes Hausbesuch“ betrachte er als Versuch, „ein Stück Fernsehen zu machen, das für uns wie Viva wirkt, das aber nach außen so tut, als seien wir richtiges Fernsehen“. Immerhin, dieser Versuch ist gelungen, wenngleich die Sendung nicht frei ist von typischen Viva-Krankheiten. Interviewt Heike Makatsch zum Beispiel den französischen Techno-Produzenten Laurent Garnier, wird das Gespräch nicht etwa durch dessen Musik aufgelockert. Nein, es läuft ein Clip von Mariah Carey, die als Mainstream-Rocksängerin natürlich weder mit Garnier noch Techno im Allgemeinen irgendetwas zu tun hat. Der einzige Bezug zum Programm: Ihre Platte wird in der darauffolgenden Reklame als erste feilgeboten.

Schlechte Stimmung

Abgesehen von „Heikes Hausbesuch“ (vgl. auch FK-Heft Nr. 50/95) merkt man dem Programm mittlerweile deutlich die schlechte Stimmung an, die seit Monaten im Viva-Sendezentrum in Ossendorf herrscht. Die ist nicht nur auf den kreativen Stillstand zurückzuführen, sondern auch auf die frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen, die bestenfalls das durchschnittliche Niveau eines Stadtmagazins erreicht haben. Für Viva 2 zum Beispiel malochen überwiegend Praktikanten und auch bei „Freestyle“ herrschten hanebüchene Verhältnisse. „Wir haben monatelang versucht, einen Vertrag zu bekommen, aber sind immer wieder hingehalten worden“, sagt Ex-Redakteur Oliver von Felbert. Groteske am Rande: Nachdem von Felbert der Kölner Boulevardzeitung „Express“ ein Interview zur Einstellung von „Freestyle“ gegeben hatte, mahnte ihn der Sender ab – obwohl man nur abmahnen kann, wen man auch angestellt hat.

Seit Ende Februar dieses Jahres dürfen die Mitarbeiter hoffen, dass sich die Situation mittelfristig ein wenig verbessert, denn zweieinhalb Jahre nach Gründung von Viva Television konnte sich endlich ein Betriebsrat konstituieren. „Wir wollen aber erst einmal eine Politik der kleinen Schritte beherzigen“, dämpft Axel Brauckmann, Vorsitzender des siebenköpfigen Gremiums, allerdings allzu kühne Erwartungen: „Wir können nicht gleich damit anfangen, Tarifverträge zu fordern. Außerdem müssen wir uns erst einmal in Seminaren fortbilden.“ Man habe die Geschäftsleitung aber bereits darauf „hingewiesen“, dass der Betriebsrat bei Kündigungen und Einstellungen Mitspracherecht habe. „Es kann nicht mehr angehen, dass jemand sang- und klanglos von der Bühne verschwindet“, hieß es.

Ergebene Gornyisten

Die maßgeblichen Probleme sind bei Viva erst aufgetreten, als Dieter Gorny begann, sich in die Gestaltung des Programms einzumischen. „Im erstem Dreivierteljahr war er zu sehr abgelenkt, um sich mit dem Programm zu beschäftigen. Er hat ja den ganzen Tag Interviews gegeben und das Ding schöngeredet“, erinnert sich Christoph Post. Auch nachdem bereits Viva 2 gestartet war, wirkte der Geschäftsführer zuweilen desorientiert. So erwähnte Gorny in einem Gespräch einmal lobend den „schwarzen“ Moderator von „So?Ja!“, der Soul- und Jazz-Sendung auf Viva 2. Die präsentiert allerdings seit jeher Götz Bühler – und der ist ein Bleichgesicht. „So?Ja!“ lief zum Zeitpunkt des besagten Gesprächs bereits zwei Monate.

Heute ist jede Abteilung ohne die Zustimmung von Gorny entscheidungsunfähig, die Regierungsform in Ossendorf heißt Autokratie. Den Stillstand fördert Geschäftsführer Gorny durch geschickte Personalpolitik: Mit Michael Kreissl hat er bei Viva [1] zum Beispiel einen Programmdirektor unter sich, der nicht als Macher mit Visionen gilt, sondern als funktionierender Apparatschik.

Darüber hinaus sitzen an wichtigen Stellen des Apparates ergebene Gornyisten. Willi Jansen zum Beispiel, der vom Kabelträger und Regieassistenten des ebenfalls im Ossendorfer Sendegebäude beheimateten Privatsenders Vox zum Chef vom Dienst bei Viva 2 aufstieg, sowie seine Frau Susanne, die Personalchefin von Viva 2. Und manche Führungspositionen hat Gorny doppelt besetzt. Das schafft Konkurrenz, Misstrauen, Paranoia. Da werden Entscheidungen verschleppt und das scheint ganz im Sinne der zögerlichen Gesellschafter zu sein. „Dieter ist ein Egomane, er ist nicht fähig zu einer partnerschaftlichen Arbeitsbeziehung. Auf der anderen Seite managt er den Sender, extern zumindest, nicht schlecht“, sagt Christoph Post über seinen ehemaligen Vorgesetzten. „Er hat zwei Talente und das reicht: Er ist rhetorisch begabt und er hat ein ausgeprägtes Näschen für Großwetterlagen in allen Bereichen. Ich habe durchaus Achtung vor ihm“, so Post, „es ist ja eine Kunst, so viele Feinde zu haben.“

Die „Otto-Schergen“

Dass Gorny gut reden kann, ist ein zählebiges Gerücht. Immerhin, Mangel zu Visionen transzendieren – das kann er, denn er sagt zum Beispiel: „Ein Medium, dessen Entscheidungen über Musik ja mittlerweile positiv wie negativ über Boni von Geschäftsführern oder Künstlerkarrieren entscheidet – so ein Medium tut gut daran, sich klarzumachen, nicht zu viel Kraft, mental und kreativ und finanziell, auf die Prozente neben der Musik zu verwenden. Denn dann würde das Konzept ästhetisch kippen. Das ist sehr gefährlich, so verliert man irgendwann den eigentlichen Impuls, für den man da ist.“ Tja, so reden wohl die Minister der Zukunft! 

Auch die Mehrheit der Gesellschafter hat wohl wenig Interesse daran, dass der Sender allzu viel „Kraft“ in den außermusikalischen Bereich investiert. „Wer Viva einschaltet, soll keine schnatternden Moderatoren sehen, sondern Musik“, sagt etwa EMI-Geschäftsführer Helmut Fest. Und wer Frank Otto kennt, der wie die Medienkonzerne mit 19,8 Prozent an Viva beteiligt ist, weiß, dass der das kaum anders sieht. Der Versandhauserbe, der laut der Illustrierten „Tempo“ „überall seine Finger drin hat", lässt seine radikalpopulistischen Vorstellungen von Unterhaltung nämlich unter anderem noch beim Lokalfernsehen Hamburg 1 umsetzen sowie bei der privaten Hamburger Radiostation Magic 95 (früher: OK Radio). Damit das bei Viva besonders gut klappt, hat er seine Exekutive direkt im Sender stationiert: Die Mitarbeiter seines „Musikmanagements“, hausintern die „Otto-Schergen“ genannt, sind de facto die Musikredakteure von Viva [1] und Viva 2, denn sie erstellen die Playlists.

Frequenzbesetzer

Jeden Mittwoch trifft sich ein kleines Gremium, um sich zirka 60 neue Videos anzuschauen und darüber zu diskutieren, welche sie in die Playlist aufnehmen. Da sitzen unter anderem das Führungspersonal des Senders und die wichtigsten „Otto-Schergen“. Weil die Playlist aber so konzipiert ist, dass jede Woche nur sechs oder seinem von 80 Videos ausgetauscht werden, gibt’s in der Konferenz nicht viel zu entscheiden. Ohnedies ist es längst ein offenes Geheimnis, dass auch Clips ins Programm rutschen, die die Konferenz abgelehnt hat. „Es kommt schon mal vor, dass ein großes Tier aus einer der Gesellschafterfirmen anruft und sagt: ‘Lass uns doch dieses oder jenes Video spielen’“, erinnert sich Gugu Tyszkiewicz, „und das wird dann auch gemacht.“

Tyskiewicz, dessen Arbeitgeber inzwischen VH-1 ist, konkurriert mit Viva 2 um die Zielgruppe der Zuschauer zwischen 25 und 49 Jahren, die sich, so Christoph Post, „noch für Musik interessieren, für die es aber nicht mehr das Topthema ist“. Beide Sender gehen – auch wenn Gorny mittlerweile betont, Viva 2 dürfe „kein Revival-Fernsehen“ sein – davon aus, dass sich Menschen über 25 nicht mehr für neue Musik interessieren. Die anvisierten Altersgruppen sind wirtschaftlich interessant, weil hier die kaufkräftigen geburtenstarken Jahrgänge konzentriert sind und die haben natürlich einen ganz anderen Bezug zu Popmusik als die, die früher zu dieser Altersgruppe gehörten. Viva 2 ist mittlerweile seit einem Jahr auf Sendung (vgl. FK-Hefte Nr. 7/95 und 26/95), doch die einzig nennenswerte Show ist weiterhin „So?Ja!“, wo man gelegentlich auch mal Clips brasilianischer Popmusiker sehen kann.

Ein dunkles Kapitel für die LfR

Allerdings ist es müßig, die inhaltliche Armut von Viva 2 zu kritisieren. Denn der Low-Budget-Sender wurde ohnehin nicht aus kreativen Erwägungen gegründet, sondern um Frequenzen zu besetzen, die sonst womöglich VH-1 bekommen hätte. Dass sich die Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen (LfR) in Düsseldorf auf dieses Spielchen eingelassen hat und im bevölkerungsreichsten Bundesland neben Viva [1] auch noch dessen Ableger ins Kabelnetz einspeisen ließ, gehört gewiss zu den dunklen Kapiteln in der Geschichte dieser Institution. Auch wenn das oldiefixierte Konzept von VH-1 fragwürdig ist: Journalistisch besser umgesetzt als das vergleichbare von Viva 2 ist es allemal. Die LfR hat die Zielgruppe in Nordrhein-Westfalen gewissermaßen dazu gezwungen, mit „Focus“ vorliebzunehmen, obwohl sie ihr auch den „Spiegel“ hätte anbieten können.

Die größte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit hat Viva 2 bisher aufgrund seiner personalpolitischen Entscheidungen bekommen. Anfang März feuerte der Sender seinen Programmdirektor Steve Blame, der noch einen Vertrag bis Februar 1997 hatte (vgl. FK-Heft Nr. 9/96). Die Umstände des Rausschmisses waren spektakulär inszeniert – als sollte der Belegschaft von Viva Television demonstriert werden, wie man mit missliebigen Mitarbeitern umspringt: Auf dem Weg vom Personalbüro im vierten Stock ins Erdgeschoss wurde Blame von veritablen Schlägertypen eskortiert. Bedrohlich mutete die Szene dann allerdings doch nicht an, sondern eher grotesk, zumal Blame über ein Handy erregt mit seinem Anwalt telefonierte, während er die Treppen hinabstieg.

Dieter Gorny begründete die Trennung von Blame unter anderem damit, dass mit dem ehemaligen MTV-Star die ab Mai dieses Jahres geplanten Programmänderungen nicht umzusetzen gewesen seien – eine ominöse Argumentation. In der Medienszene war bekannt, dass Blame bereits seit Dezember 1995 an einer Programmreform gearbeitet hatte; in diversen Interviews hatte der Brite sie bereits skizziert. „Gorny ist auf diese Vorschläge nie mit einem Wort eingegangen“, sagt ein Insider der Kölner TV-Szene dazu. Von welchen Veränderungen also spricht Gorny? Hat er nicht nur von Programmdirektor Blame, sondern parallel dazu von anderen Mitarbeitern eine Reform erarbeiten lassen? Hat er, obwohl das nicht die Aufgabe eines Geschäftsführers ist, etwa selbst eine entwickelt? Offensichtlich hatte Gorny nie die Absicht, Blames Vorschläge umzusetzen – und das wird er auch bereits gewusst haben, als er ihm den Auftrag gegeben hat. Das Konzept sollte allenfalls dazu dienen, den Konflikt zwischen den beiden eskalieren zu lassen.

Kontrolle vom Muttersender

Nachdem er Blame rausgeschmissen hatte, leitete Gorny sogleich entscheidende Umstrukturierungen bei Viva 2 ein, die eine weitgehende Kontrolle seitens des Muttersenders mit sich bringen. Das dokumentiert die Tatsache, dass für Steve Blame kein Nachfolger eingestellt wird. Dass es Ärger gibt, wenn man Gorny nicht bedingungslos zu Diensten ist – das hat aus der Führungsriege zuletzt nicht nur Steve Blame erfahren, sondern auch Teddy Hoersch, der kurz darauf entmachtet wurde. Das Verhältnis zwischen Gorny und ihm galt schon seit mehr als einem Jahr als schlecht. Bevor Viva 2 an den Start ging, hatte sich Hoersch nämlich gute Chancen ausgerechnet, dort Programmdirektor zu werden.

Insider rechnen damit, dass die Viva-2-Führung spätestens nach Ostern zum Fall Hoersch Stellung nehmen wird, da es sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass sich der 40-Jährige, der offiziell noch als Redaktionsleiter im Amt ist, im „Sonderurlaub“ befindet. Vor seiner Demontage hatte Hoersch, früher Pressechef bei der EMI, sich illusionslos über das Unternehmen Viva Television geäußert: „Jedes Land hat das Musikfernsehen, das es verdient.“ Für Teile der Belegschaft hat die Entmachtung des Redaktionsleiters von Viva [1] auch eine symbolische Bedeutung. Denn Hoersch, der den Sender mitaufgebaut hatte, verkörperte als letzte Führungskraft die vermeintlich gute alte Zeit, als Viva noch in bescheidenem Maße inhaltlich interessante Ansätze verfolgte. Da dürften einige Kollegen ins Grübeln gekommen sein.

Die personelle Fluktuation ist bei Viva Television ohnehin hoch. Nachdem das Unternehmen Steve Blame buchstäblich vor die Tür gesetzt hatte, kündigten zum Beispiel die Hausanwältin, fünf Mitarbeiter aus der Grafikabteilung sowie – „aus persönlichen Gründen“, wie es heißt – zwei Sekretärinnen Gornys. Dabei scheint der Weggang der Juristin in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Rausschmiss Steve Blames zu stehen. Waren dessen Umstände etwa derart, dass die Anwältin sie nach außen nicht vertreten mochte?

In nächster Zeit scheint beim Unternehmen Viva alles darauf hinauszulaufen, dass es – vom folgsamen Programmdirektor Kreissl abgesehen – direkt unter Dieter Gorny keine Führungsebene mehr geben wird. Selbst wenn der Geschäftsführer es nicht so wollte: Gibt es in der deutschsprachigen Musik- und Medienszene überhaupt Leute mit entsprechender Erfahrung und Know-how, die noch zu Viva Television wollen?

Text aus Heft Nr. 14-15/1996 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.04.1996/MK
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