Irrungen und Wirrungen

Der trinationale Fernsehsender 3sat hält sich seit nunmehr 30 Jahren

Von Dietrich Leder
05.12.2014 •

Mit besonderen Thementagen zu Bühnen- und Lebenswelten, neuen Filmreihen zur Geschichte der Bundesrepublik („Bewegte Republik“) und zum Alltagsleben im „Wohnzimmer“ (so der Titel eines dreiteiligen Films) feierte und feiert der öffentlich-rechtliche Fernsehsender 3sat zwischen Ende November und den ersten Dezember-Wochen sein 30-jähriges Bestehen. In diesem Feierprogramm präsentiert sich der deutschsprachige Sender, der vom ZDF, der ARD, dem österreichischen ORF und der schweizerischen SRG betrieben wird, demonstrativ selbstbewusst. Der Begriff „anders fernsehen“, mit dem 3sat für sich wirbt, taucht denn auch in allen Verlautbarungen auf, die die Offiziellen der vier beteiligten Sender zum Jubiläum äußern.

ZDF-Intendant Thomas Bellut nennt 3sat ein „Qualitätsprogramm“. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hebt neben der Qualität, für die der Sender stehe, auch dessen „Seriosität“ hervor und findet 3sat manchmal auch „schwarzhumorig“, was immer das auch bezeichnet. Und sein SRG-Kollege Roger de Weck beschreibt das Angebot von 3sat als „unterhaltsames, berührendes und intelligentes Programm“. Alle zusammen erfreuen sich natürlich auch daran, dass der Sender, wie sein Geschäftsführer Gottfried Langenstein (ZDF) erklärt, derzeit „so erfolgreich wie noch nie in seiner Geschichte“ sei.

Die Politik wollte kein ZDF 2

Verfilmte man die Historie von 3sat, verspräche das allerdings auch ein Programm, das nicht nur seriös, unterhaltsam und berührend wäre, sondern tatsächlich auch jede Menge an schwarzem Humor enthielte. Begonnen hatte die Geschichte des Senders mit der Liberalisierung des deutschen Fernsehmarkts und der gleichzeitigen Verkabelung der Bundesrepublik im Jahr 1984. Um sich gegen die private Konkurrenz zu wappnen und auch um den eigenen Spielraum zu erweitern, plante das ZDF neben einem eigenen Musikkanal, der auch an den Start ging, zudem ein Programm namens ZDF 2. Doch die Politik wollte dem in Mainz angesiedelten Sender einen eigenständigen zweiten Kanal nicht zugestehen.

Also verfiel der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte auf die clevere Idee, sich mit dem – ebenfalls öffentlich-rechtlichen – Schweizer und dem österreichischen Fernsehen (SRG und ORF) zusammenzuschließen und ein deutschsprachiges Gemeinschaftsprogramm anzubieten. Die Federführung übernahm das ZDF, das seither auch den Programmchef stellt, der den bescheidenen Titel „Koordinator 3sat“ trägt. (Derzeitige Koordinatorin ist Dinesh Kumari Chenchanna.) Da das Programm zunächst nur per Satellit an die Haushalte verbreitet wurde, nannte man das neue Programm „3sat“, wobei die Zahl für die drei Gründersender stand (die ARD kam erst später dazu).

Als der Sender am 1. Dezember 1984 startete, umfasste sein Programm gerade einmal sechs Stunden und bestand allein aus Wiederholungen von Sendungen, die zuvor bereits bei den Vertragspartnern ausgestrahlt worden waren. Neben Nachrichten aller drei beteiligten Muttersender gab es Spielfilme, Serien, Unterhaltungssendungen und auch Sport – 3sat war ein Mehrspartenprogramm aus Wiederholungen. Das änderte sich 1987: Nun sollte sich der Sender als „Ereigniskanal“ profilieren. So kam es erstmalig zu ungewöhnlichen Live-Sendungen und zu Neuproduktionen. Im April 1990 nahm man den Deutschen Fernsehfunk (DFF) der DDR als vierten Partner auf, der eines Tages bis zu 25 Prozent des Programms beisteuern sollte. Doch die Freude über den neuen Partner währte nur kurz, denn der DFF wurde wenig später im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung aufgelöst. Stattdessen integrierte man 1992 den Musikkanal des ZDF in 3sat.

Die Abwehrstrategie von ZDF-Intendant Dieter Stolte

Die Funktion des Senders bestand nun im „grenzüberschreitenden Kultur- und Informationsaustausch“. Um diesen Austausch zu gewährleisten solle der Sender, wie der damalige 3sat-Koordinator Walter Konrad es formulierte, „sein Standbein Information erheblich kräftigen“. Diese Metapher muss seinem Vorgesetzten, also ZDF-Intendant Stolte, sehr gefallen haben, denn der erklärte nur wenige Wochen später 3sat zum unverzichtbaren „Spielbein“ seines Senders. Diese Erklärung war notwendig geworden, weil der französische Staatspräsident François Mitterand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) inzwischen beschlossen hatten, den in Frankreich an arger Finanznot leidenden Kulturkanal La Sept in ein gemeinsames deutsch-französisches Kulturfernsehprogramm zu überführen. ARD und ZDF wurden von der Politik verpflichtet, sich an dem bald „Arte“ genannten Unterfangen zu beteiligen. Und es drohte, dass das ZDF dafür 3sat aufgeben müsse. Doch Stoltes Abwehrstrategie verfing bei den deutschen Rundfunkpolitikern. Sie verpflichteten stattdessen die ARD dazu, ihr damaliges Kulturprogramm Eins plus zum 1. Dezember 1993 in 3sat zu integrieren.

Die ARD wurde im Gesellschafterkreis dem deutschen Partner gleichgestellt, so dass sie heute wie das ZDF je 32,5 Prozent des Programms stellt, während der ORF 25 Prozent beisteuert und die SRG 10 Prozent. Durch die Integration von Eins plus verschob sich der Programmakzent von 3sat deutlich in Richtung Kultur. Das zeigte sich entsprechend markant, als 1995 das täglich von Montag bis Freitag von 19.20 bis 20.00 Uhr live ausgestrahlte Magazin „Kulturzeit“ eingeführt wurde – bis heute einer der Höhepunkte des Programms. In dieser Phase erneuerte sich 3sat und erfand sich gleichsam selbst von neuem. Seitdem berichtet der Sender mehrtägig von großen Kulturereignissen wie dem Berliner Theatertreffen oder dem Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Während der Duisburger Filmwoche räumt 3sat dem Dokumentarfilm, während des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden den dortigen Wettbewerbsbeiträgen entsprechende Sendeplätze ein und er stiftet dabei jeweils eigene Preise. Später etablierte man das Wissenschaftsmagazin „Nano“, das am frühen Abend ebenfalls von Montag bis Freitag ausgestrahlt wird.

Doch all das bescherte 3sat keine Sicherheit. Ausgerechnet zu seinem 20-jährigen Jubiläum geriet der Sender, der mittlerweile einen stabilen Marktanteil von über einem Prozent erreicht hatte, erneut in medienpolitische Turbulenzen. Diesmal versuchte das ZDF, 3sat ganz zu übernehmen. Auch viele Bundesländer plädierten für eine solche Lösung. Doch dagegen wehrte sich vor allem aber der innerhalb der ARD für 3sat zuständige Südwestrundfunk (SWR), indem er die Befürchtung streute, das Kulturprogramm würde dann zu einem ZDF 2 degradiert. Was ungewollt ein doppelter Witz war: Erstens war 3sat ja aus einem Projekt namens ZDF 2 hervorgegangen und zweitens hatte sich gerade der SWR (wie sein Vorläufer SWF) bei 3sat eigentlich nie mit Programmideen hervorgetan. Wenn es eigenständige Sendungen gab, die von ARD-Anstalten zugeliefert wurden und die sich in der Qualität mit denen des ZDF messen lassen konnten, dann kamen sie beispielsweise von der Filmredaktion des WDR (Reinhard Wulf).

Dokumentarisches und Kinofilme

Der Übernahmeplan in Mainz scheiterte. Stattdessen reformierte das ZDF seine seit 1997 existierenden Digitalkanäle. Die Neugründungen ZDFneo (ab 2009) und ZDFkultur (ab 2011) bedrohten 3sat jedoch aus dem Inneren des ZDF, denn nun floss dort ein großer Teil des Elans in die neuen, vor allem eigenen Programme. Die Folge: Eine Fülle neuer Sendungen und Formate, zog die mediale Aufmerksamkeit von 3sat weg und lenkte sie hin zu den digitalen Spartenkanälen. Noch ehe der angestammte Kultursender darauf reagieren konnte, waren allerdings die Tage des Hauptkonkurrenten ZDFkultur gezählt. Da sich das ZDF an dem von der Politik gewünschten neuen Online-Jugendangebot beteiligt, betreibt man bis zur bevorstehenden Abschaltung ZDFkultur nur noch als Wiederholungskanal, was Veteranen von 3sat bekannt vorkommen dürfte.

Gemessen an all den Wirrungen und Irrungen, denen 3sat ausgesetzt war und ist, hat sich der Sender wacker gehalten. Sicher, es gibt weiterhin die hohe Zahl an Wiederholungssendungen (etwa der Talkshows), die das Programmprofil verwässern und die angesichts der Mediatheken, in denen diese Talksendungen inzwischen abgerufen werden können, vollkommen unnötig erscheinen. Zudem waltet selbst bei diesem Kulturprogramm mitunter ein gewisser Quotenwahn, weshalb beispielsweise die Zahl der Dokumentarfilmtermine am Sonntagabend gekürzt wurde. Aber der Autorendokumentarfilm wird weiterhin gepflegt. So gibt die Filmredaktion von 3sat/ZDF weiterhin wichtige Produktionen in Auftrag, so etwa die letzte Arbeit des im Juli verstorbenen Dokumentaristen Harun Farocki („Sauerbruch Hutton Architekten“), die vor einem Jahr lief, oder ein Alterswerk von Hans-Dieter Grabe („Raimund – ein Jahr zuvor“), das im November zu sehen war. Darüber hinaus werden hervorragende Produktionen von ARD-Anstalten und aus dem ZDF-Hauptprogramm wiederholt – etwa auf dem Sonntagstermin gegen 22.00 Uhr.

Insgesamt wartet 3sat mit einem gediegenen Filmprogramm auf, das den besonderen Einzelfilm ebenso kennt wie die Reihen mit Filmen einzelner Regisseure oder mit bestimmten länderspezifischen Kinematografien. Des öfteren wird dies begleitet durch thematisch zentrierte Ausgaben des Magazins „Kennwort Kino“ wie jüngst mit einem Beitrag zu Quentin Tarantino. Diese Pflege des Kinospielfilms ist insofern bemerkenswert, als er im Ersten Programm der ARD nur noch an den Programmrändern vorkommt und dort wie ein beliebiges Füllelement behandelt wird. Auch beim ZDF kommt der Kinofilm nur noch eher beiläufig vor; hier hat er immerhin am Montagabend ab 22.15 Uhr einen festen Sendeplatz.

Viele andere Sender haben das Zeitliche gesegnet

3sat bietet zudem einige Magazine, die sich dem Kino widmen. Als Wiederholung etwa wird „Kino Kino“ (Bayerisches Fernsehen/BR) ausgestrahlt. Im Fall des 15-minütigen Magazins „Close up“ hat 3sat sogar eine originäre Hausproduktion in seinem Programm, die in jeder Ausgabe zwei neu im Kino anlaufende Spielfilme vorstellt und jeweils den Lieblingsfilm eines prominenten Schauspielers, Regisseurs, Kameramanns oder Filmkomponisten präsentiert. Mit seinem Filmprogramm erfüllt 3sat den Anspruch, den der Sender nicht zu Beginn, aber im Lauf seiner 30-jährigen Geschichte immer mal wieder selbst erhoben hat.

Leider kann man dieses filmisch spannende Angebot nicht überall in hochauflösendem HD-Standard empfangen. In den Kabelhaushalten von Unitymedia beispielsweise wird es nur im alten SD-Standard eingespeist. Die Ursache liegt in einem pekuniären Konflikt: Der Kabelbetreiber verlangt für diese zusätzliche Einspeisung in HD Geld, das wiederum die an 3sat beteiligten öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht zahlen wollen. Unitymedia verweist zudem darauf, dass man den Sender ohnehin sowohl analog als auch digital in SD verbreite. Darin sieht eine Aufsichtsbehörde wie etwa die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) die rundrechtlich notwendige Präsenz von 3sat im Kabelnetz gewährleistet. Leidtragender des Konflikts ist der Rundfunkbeitragszahler, der 3sat nicht in der besten Qualität genießen kann.

Es bleiben also Aufgaben, die der Sender noch zu bewältigen hat. Dass er sie irgendwie und irgendwann meistern wird, hat dieser Blick in seine Geschichte gezeigt. Denn eines erstaunt im Rückblick am meisten: dass es dieses trinationale Programm überhaupt noch gibt. Viele andere, mit denen 3sat konkurrierte, mit denen der Sender zusammenarbeitete oder die ihm vorgezogen wurden, haben längst das Zeitliche gesegnet. •••

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Die 3sat-Hierarchie

Verwickelt wie die Geschichte von 3sat ist auch die seiner Hierarchie: Bei der Gründung des Senders wollte der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte seinen stellvertretenden Programmdirektor Peter Gerlach, der Abwanderungsgedanken hegte, als Anreiz zum Bleiben zusätzlich zum Direktor von 3sat befördern: Der Plan scheiterte am politischen Widerstand CDU/CSU-dominierter Kreise im Sender und seiner Aufsichtsgremien, denn Gerlach war SPD-Mitglied. Er verließ das ZDF und machte dem öffentlich-rechtlichen Sender beim neuen Privatprogramm Sat 1 in den 1990er Jahren heftige Konkurrenz. Heinz Ungureit wurde, damit er nicht auf den Gedanken käme, zur neu gegründeten Filmstiftung Nordrhein-Westfalen zu wechseln, von Stolte 1991 zum Direktor für europäische Programmbeteiligungen des ZDF (zu denen 3sat zählte) ernannt.

Auf Ungureit folgte Walter Konrad, der zuvor neun Jahre lang als 3sat-Koordinator gewirkt hatte; wenn man so will, die einzige klassische Beförderung. Denn Gottfried Langenstein, der im Jahr 2000 zum Direktor Europäische Satellitenprogramme des ZDF und zum Geschäftsführer von 3sat ernannt wurde, galt zu dieser Zeit als Kandidat für die Nachfolge von Dieter Stolte als ZDF-Intendant, scheiterte aber zwei Jahre später an Markus Schächter. 2017 wird die Direktion Europäische Satellitenprogramme aufgelöst; zu diesem Zeitpunkt läuft der Vertrag von Gottfried Langenstein aus, der im Alter von dann 63 Jahren das ZDF im Frühjahr 2017 verlassen wird. •••

(MK; erschienen damals in „Funkkorrespondenz“ Nr. 49/2014)

05.12.2014/MK