Gespräch statt Talkshow

Ein Programmgenre muss wieder zu sich selbst finden

Von Rupert Neudeck
31.08.2012 •

Der spannendste Talkmoment der letzten Monate und der unerwartetste ereignete sich bei Günther Jauch. Da die heutigen Moderatoren nicht mehr die Kunst des Gesprächs und der Gesprächsführung kennen und können, erwarten sie auch nicht im Traum, dass sie selbst mal dran sind und frontal angegangen werden. Das geschah Mitte März dieses Jahres in einer Sendung, bei der es wieder einmal um die Aufspaltung der Gesellschaft in Prekariat und Superreiche ging. Das könne nicht so weitergehen, dagegen müsse man etwas machen, hieß es, die Reichen müssten einfach heftiger besteuert werden und so weiter und so fort. Jedenfalls wagte Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf (SPD) plötzlich, den Gastgeber Günther Jauch zu berühren und sich zu ihm hinneigend ihm zu sagen: „Sie müssen auch mal selbstkritisch fragen, lieber Günther Jauch, was Sie so im Jahr verdienen. Sie verdienen das Vielfache von dem, was die Bundeskanzlerin verdient, und halten das für gerecht.“ Das traf den gestandenen Moderator hart und kalt, er hatte dazu sekundenlang nichts zu sagen.

Nun talken sie wieder. Für Jauch, Illner, Beckmann & Co. ist die Sommerpause vorbei. Die Talkshow hat das Abendprogramm von ARD und ZDF wieder in Griff. Talkshow – das Format allein hat, wie es sich heute präsentiert, viel von einem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Der als Jahrmarkt noch dadurch angeheizt wird, dass in diesen Markt noch viel weniger hineinkommen als in den Deutschen Bundestag oder in sonstige repräsentative Gremien. Es ist von der Anzahl seiner Protagonisten her schon eher wie das Konsistorium einer evangelischen Landeskirche. Seit einem Jahr gehört auch Günther Jauch dazu. Und das ist das Überraschende: Als man von Jauch als neuem ARD-Talkmoderator für den Sonntagabend sprach, da dachte man, er brächte mit seiner Klugheit, Schlagfertigkeit und Frechheit Gesprächspartner und Themen in die Sendung, die den Zuschauer erstaunen und neugierig aufhorchen lassen würden. Man traute ihm zu, eigene Ideen zu haben und sie beim Sender durchzusetzen. Von diesen seinen erwarteten Fähigkeiten hat man selten etwas bemerkt. Stattdessen wird bei „Günther Jauch“ am Sonntagabend auch schon mal in einer ganzen Sendung Werbung für das „Spiegel“-Titelthema vom Montag gemacht. Das ist alles andere als kreativ.

Der Charakter des Sendeereignisses

Die Zahl der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat sich im Lauf der Zeit derart inflationiert, dass niemand mehr den Überblick hat. Dadurch ist – das müsste einen Quotendirektor wie Volker Herres von der ARD dann schon ein wenig tangieren – der Charakter des Sendeereignisses verlorengegangen. Denn anders als beim Fußball fallen in der Talkshow leider keine Tore. Die Ereignishaftigkeit der Sendeform zu Zeiten von Dietmar Schönherr, Hansjürgen Rosenbauer und Reinhard Münchenhagen, die zwischen 1973 und 1978 „Je später der Abend“ (ARD/WDR) präsentierten, stand außer Frage. Und könnte auch heute wiederhergestellt werden – mit einer Talkshow pro Woche in den beiden öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen (ARD und ZDF sollten sich mithin auf je eine Talkshow konzentrieren und sie vielleicht sogar im Wechsel ausstrahlen, so dass jeder Sender nur alle 14 Tage dran ist). Das Ereignis war damals die Sendeform selbst, das Ereignis war, die Menschen in Art Wohnzimmerrahmen vor die Kamera zu bringen, dazu unter Bedingungen einer Kamera-Ton-Live-Logistik, und dabei mit ihnen ein intensives, überraschendes, erhellendes Gespräch zu führen. Der englischsprachige Begriff „Talkshow“ wäre im Deutschen wohl am besten mit „Gesprächssendung“ zu übersetzen und als solche verstand sich „Je später der Abend“.

Wir schreiben das Jahr 2012 und heutzutage haben die Talkmoderatoren, die mehr zu Gesprächsdompteuren geworden sind, sich eingegraben mit ihren eigenen Produktionsfirmen. Sie müssen schon deshalb viele Sendungen abliefern, damit der Cashflow stimmt und die vielen Mitarbeiter bezahlt werden können. Das heißt, auch wenn alle darüber stöhnen und den Zustand nicht mehr günstig finden, vielleicht nicht einmal für die Quote – es wird sich an der prästabilisierten Vielzahl der Sendungen bis auf Weiteres wohl wenig oder gar nichts ändern.

Sie müssen sich alle aneinander abarbeiten. Selbst die Talkshows in den Dritten Programmen der ARD sind davon betroffen. Das „Nachtcafé“ im SWR Fernsehen etwa war lange Jahre eine interessante Form, weil sie gemanagt wurde von einem im positiven Sinne wenig charismatischen Gastgeber, wie es auch Alfred Biolek war: Wieland Backes, auch von der Statur dem Bio ähnlich. Backes behandelte Themen, die es in die Hauptprogramme nicht schafften. Aber auch er kommt mittlerweile durch tabuzertrümmernde, manchmal etwas schlüpfrige Themen in einen anderen Geruch und ein anderes Umfeld. Der Freitag ist der Talkshow-Tag der Dritten Programme, mit „Nachtcafé“ und „Riverboat“ (MDR Fernsehen), mit dem „Kölner Treff“ (WDR Fernsehen), der „NDR Talkshow“ oder „3nach9“ (beides NDR Fernsehen), die skurrilerweise alle am Abend gegeneinander laufen.

Aber in den Hauptprogrammen von ARD und ZDF, da tobt sich unter der Woche die Talkmanie so richtig aus: Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag – an diesen Tagen wird in den verschiedensten Formatvarianten geredet, was das Zeug hält. Die Privatsender halten sich hier im Übrigen raus, ihnen brächte es nicht mehr die Quoten, die sie verlangen. So haben wir im Ersten „Günther Jauch“, „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg, „Menschen bei Maischberger“, „Anne Will und „Beckmann“, während im Zweiten donnerstags „Maybrit Illner“ läuft und ansonsten, nicht zu vergessen, „Markus Lanz“ (am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag). Längst gibt es bei wichtigen Wahlen zu Aufsichtsräten in der Wirtschaft, zu Vorständen in den Parteien, zu Führungspositionen in Organisationen wie UNICEF die Anforderung: Der oder diejenige Vorsitzende muss „talkshowfähig“ sein!

Zu einem nicht geringen Teil eine gebaute Sendung

Längst haben sich sämtliche Sendungen vom Kampf um Argumente und mit Argumenten in der Arena entfernt. Die großen Talkfirmen haben alle einen Etat, der es ihnen erlaubt, vor der Sendung mit Kamerateams herauszugehen und Talkshow-Einsprengsel produzieren zu lassen, damit das Gespräch immer wieder von der Hand des Moderators unterbrochen werden kann. Damit wird der Live-Charakter der Talkshow reduziert und sie wird zu einem nicht geringen Teil zur gebauten Sendung. Man macht Porträts von demjenigen, den die Redaktion als Helden oder Antihelden des Abends ausgeguckt hat. Fragen sind als filmische Beiträge vorbereitet, die auf Knopfdruck eingespielt werden können, gerne auch, wenn die Gesprächsführung gerade hapert und stockt. Dieser Knopfdruck führt eine neue Ebene ein. Per Knopfdruck beweist der Moderator, dass er der Alleswisser ist, der schon die Antwort kennt auf die Frage, die durch den Einspielfilm gegeben wird.

Das alles steht im Gegensatz zu einer Sendung, die Talk wirklich praktiziert, in der also ein Gespräch geführt wird zu einem ‘harten‘ oder auch ‘weichen‘ Thema. Eigentlich müsste diese Methode in den Einladungen für die Talkshows benannt werden: Der Moderator hat bereits vorrecherchiert für die Sendung, er wird fünf- bis zehnmal auf einen Knopf drücken, um für einen ungestörten Ablauf der Runde in seinem Sinne und im Sinne der Quote zu sorgen. Der Moderator von heute ist nicht mehr ein Dick Cavett, den der WDR bei der Entwicklung von „Je später der Abend“ einst einfliegen ließ. Cavett, gleichsam der Erfinder der Talkshow in den USA, erzählte damals launisch, wie er eine drohende Gesprächspause vermied. Er habe dafür immer die Pearl-Harbour-Frage parat: „Was haben Sie an dem Tag gemacht, als die Japaner Pearl Harbour angriffen?“ Dazu können jeder immer etwas sagen.

Die Zeiten sind vorbei, da man im Fernsehen etwas dem Zufall oder der Spontaneität überlässt. Man produziert ja auch keine Live-Fernsehspiele mehr. Dennoch bleibt da ein Rest von Nostalgie, weil ein Gespräch ist ein Gespräch ist ein Gespräch. Das Zirkuselement heutiger Talkshows mit ihrem unter Dompteursaufsicht arrangierten Ablauf kommt am stärksten bei „Hart aber fair“ zum Ausdruck, weil Moderator Frank Plasberg auf die dort auf der Sitzbank niedrig Platzierten herunterblickt. Er verteilt dabei wie mit einer Peitsche die Berechtigung zu Wortmeldungen – und wenn es zu bunt wird, dann löst er per Knopfdruck den nächsten Einspielfilm aus, der in der Regel speziell auf einen der Studiogäste zugeschnitten, für ihn arrangiert ist.

Gäste erster und zweiter Wahl

Es gibt in den Talkshows von heute Gäste erster und zweiter Wahl. Die Gäste erster Wahl sitzen in der Gesprächsrunde, gleichberechtigt, keiner ist erhöht. Daneben wird zum Beginn einer Sendung häufig jemand angekündigt, für den etwas erzeugt wird, was im Fernsehen essenziell sein soll: Bewegung! Die Moderatorin eilt die Bühne hinunter zur ersten Reihe vor der Rampe des Publikums und stellt diesem Gast jenseits der Runde vorbereitete Fragen. Die Rolle kann nach den Antworten schon zu Ende sein. Sie kann aber auch noch einmal wieder aufgenommen werden, indem der Moderator die zweite Wahl aufhebt und den Gast zweiter Wahl adelt durch Hinzunahme in die Runde erster Wahl. Das muss freilich alles vorbereitet sein. Ähnlich wie bei manchen Moderatoren Sätze so gestanzt sind wie die Ansagen der Stewardessen im Flugzeug: „Bitte lassen Sie ihre Sitzgurte geschlossen, bis die Anschnallzeichen erloschen sind und das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hat.“ Unter dem von Claqueuren vorbereiteten Beifall sagt Anne Will stets: „Schön, dass Sie alle wieder da sind.“

In sehr seltenen Fällen geschieht noch anderes, dann können sich Gäste wegen des Grades und der Gnade Ihrer Prominenz eine Änderung der Sendeform ausbedingen: Bundeskanzlerin Angela Merkel wird gerne mal ein One-Woman-Show gewährt, aber auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt hat Sonderrechte auf seine eigene Performance als der Weise mit der Zigarette. Und nebenbei hat er ein Faible für den Charme der Sandra Maischberger, die den Alten von Zeit zu Zeit gerne sieht und mit ihm und dann nur mit ihm in ihrer Talkshow spricht (wie zuletzt wieder am 7. August).

Maischberger und Reinhold Beckmann bilden insofern eine große Ausnahme unter den Moderatoren, als sie zum Nutzen ihrer Sendungen kein Publikum im Studio sitzen haben. Das allein macht diese beiden Talkshows schon zu einer Besonderheit. Denn es ist sehr erholsam, dass hier eben nicht ein Publikum durch ständiges und immer gleichstarkes Klatschen jedem Gesprächsteilnehmer signalisiert, „jeder hat ja so recht“, wie Tucholsky sagte. Beckmanns Studioeinrichtung lädt dabei noch mehr zum Gespräch ein als das von Maischberger, die leider auch manchmal die Unsitte praktiziert, einige Gäste in den 75 Minuten ihrer Sendung geradezu ‘verhungern’ zu lassen.

Das Charisma der Sandra Maischberger aus der Zeit ihres täglichen n-tv-Talks war gebunden an den einen oder die maximal zwei Gäste, die sie in dieser Sendung bei dem Spartenkanal vor sich hatte. Das machte das Einmalige und Ausgeruhte dieser sehr informativen Gespräche aus. Das ist in ihrer ARD-Sendung verlorengegangen. Bei Günther Jauch passierte es, dass einer aus dem Publikum sich einmal aufmüpfig benahm. Die Folge: Die Firma ließ den Zwischenrufer, der gegen etwas protestieren wollte, das mit dem Thema der Sendung nichts zu tun hatte, durch einen Rausschmeißer sofort entfernen. Jauch bekam das mit und machte diese Entscheidung auf der Stelle rückgängig. Selten sah Günther Jauch so gut aus wie bei dieser Szene.

Die Formulierung soll knallen

Verschiedentlich kommt es auch vor, dass Moderatoren aufgrund einer gewissen Übervorbereitung durch die Redaktion nicht zur Geltung kommen. Das Publikum macht dies dann wett, indem es dem Disput die Aura des Zirkus gibt. Wer schon an Talkshows teilgenommen hat, wird bestätigen, dass es bei jeder der Sendungen Animateure gibt, die zum Klatschen animieren sollen. Und was die gewünschte größere Vielfalt angeht – da können selbst die journalistische Intelligenz einer Maybrit Illner, die kluge, beherzte Führung eines Frank Plasberg oder die etwas gestanzte, aber gewinnende Art einer Anne Will nicht viel ausrichten, weil das Prinzip des Closed Shop der üblichen verdächtigen talkshowfähigen Personen für alle Talkshows nicht angetastet wird.

Die Maschinerie der „Maybrit-Illner“-Redaktion hat wieder mal die Quoten hochgerechnet und ist glasklar darauf gekommen: Kein Risiko, wenn das Thema funktionieren soll, dann muss es so lauten: „Alle pfeifen auf die Schulden – wird Deutschland in Brüssel über den Tisch gezogen?“ An dieser Formulierung ist nichts journalistisch und alles ist quotenpolitisch. Die Formulierung soll knallen, dazu gibt‘s im Sendevorspann noch die Kanzlerin als Hintergrundbild. Wenn es die Talkshow mal dazu gebracht haben sollte, ein Gespräch zu sein – hier verseucht die Werbe- und Quotenabsicht vieles. Anwesend sind in der Sendung zwei Politiker, die was werden sollen und wollen, die zum Klub der Talkshowfähigen gehören. Da ist Markus Söder, Jungaufsteiger in der CSU, hat alles angenommen an Ämtern, was möglich war, und er bewältigt all diese Ämter mühelos mit etwas, das auch für die Talkshow gut ist: die große bayerische Klappe. Und da ist Jürgen Trittin, der sich im jetzigen Stadium seiner Politikerkarriere als jemand gibt, der zu Höherem berufen ist und sich deshalb nicht mehr nur zu den üblichen Grünen-Frechheiten versteigt. Weitere Gäste sind Herbert Walter, Ex-Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank, und Theodoros Paraskevopoulos, ein griechischer Wirtschaftswissenschaftler. Es wird dem reißerischen Titel zum Trotz ein gutes Gespräch, weil Maybrit Illner die richtigen Fragen stellt und nicht den Klamauk bedient. Aber es gibt auch hier die überwiegend überflüssigen Einspielfilme.

Das generelle Unbehagen

Die Talkshow und ihre Elemente – es ist ein großes Mischmasch geworden. Vielleicht sollten ARD und ZDF sich einmal einigen, was das denn nur für eine Sendeform ist. Ist es nur Füllmaterial für die große Programmmvase, die täglich einen neuen Strauß enthalten muss? Ist es damit Ersatzmaterial für die politischen Dokumentationen, die es im Grunde nicht mehr gibt? Und für die Halb- oder Dreiviertelstunden-Reportagen, die man sich so sehr einmal wünschte, um zu erfahren, was da an der Nordgrenze im Kosovo bei der IBAR um Mitrovica vor sich geht, was sich wirklich abspielt in Mali und wie sich denn das Teilstück von Somalia entfaltet, das sich jetzt „Republic of Somaliland“ nennt?

Und dann bei Anne Will das gleiche Thema: Wer kann denn hier dabei sein, der nicht schon bei Maybrit Illner war? Immer klar: Wolfgang Bosbach (CDU), mal der Jurist vom Dienst, mal der Todkranke, mal der Retter künftiger Generationen, mal der Euro-Rebell, der ist immer dabei. Es muss da einen Geheimpakt geben zwischen den Medien und Bosbach, er jedenfalls ist immer und überall für einen Auftritt gut und erhält wegen der Häufigkeit seines Erscheinens schon mal eine Nominierung für die Aufnahme ins „Guinness-Buch der Rekorde“. Brüssel und Deutsch sprechend, da fällt einem dann natürlich noch der EU-Parlamentarier Martin Schulz (SPD) ein, der in die Weltgeschichte einging, als er einmal Italiens Premier Silvio Berlusconi von Angesicht zu Angesicht widersprach. Außerdem sehen wir in dieser „Anne-Will“-Ausgabe von der Linkspartei Sahra Wagenknecht, schön und ihre Schönheit gut präsentierend. Und da es solche Frauen nur wenige gibt und sie dann auch noch die stellvertretende Vorsitzende einer untergehenden Partei ist, wird sie sicher noch sehr oft Talkrunden zieren. Sie wiederholt, was gar nicht so falsch ist, aber auch in der Wiederholung nichts dazu tut, dass sich über die Emotion gegen die Banken zugleich die politische Aktion da hineinschleicht. Dazu äußern sich dann auch Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), und Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Pars pro toto wurde das generelle Unbehagen über die Situation mit den Talkshows ja im Juni in der durch eine Indiskretion öffentlich gewordenen Stellungnahme des ARD-Programmbeirats aufs Heftigste deutlich (vgl. FK-Heft Nr. 25/12). Es ist nun einmal zu viel vom Selben. Das wäre ja auch eine ähnliche Ermüdung, die wir verspüren würden, würde es fünfmal in der Woche im Ersten einen wenn auch landsmannschaftlich unterschiedlichen „Tatort“ geben oder wenn es an jedem Abend der Woche im ZDF ein Live-Fußballspiel gäbe. Man kann es nicht wegretuschieren – es sind drei- bis fünfmal so viele Gesprächssendungen, wie sie das Programm verkraften kann.

Der Prominente, der die Prominenz ranholen soll

Deshalb macht eben jeder seine besondere Note mit einer Qual, die auf die Nerven geht. Wie etwa bei Illner: Die lässt den auf den Claqueur reagierenden braven Zuschauer im Studio sich klatschend ausagieren, bei jeder nur gerade mal mit einem Punkt oder Ausrufezeichnen beendeten Sentenz heben die Hände an. Schließlich ist es für das kostenfrei eintretende Studiopublikum die einzige Möglichkeit der Beteiligung.

Anne Will hat den ganzen Ring auf die Lust am Beifall ausgerichtet und ausgetimet. Die spröde Art des Günther Jauch kann nicht vergessen machen, dass er mal das ‘ganz Andere’ machen sollte. Das aber hat er ganz vergessen. Er ist der Prominente, der die Prominenz ranholen soll. Er wird sich – als ehemaliger Messdiener – auch noch an den Papst in Castel Gandolfo machen, wetten, dass..? Sandra Maischberger gewinnt immerhin durch ihre journalistische Kompetenz das, was sie durch die wahrscheinlich fremdbestimmte Auswahl der Gäste verliert. (Wer saß am 21. August zum Thema „Der Millionär hat’s schwer: Reiche zur Kasse bitte!“, auch wieder in der Runde? Sahra Wagenknecht!) Reinhold Beckmann ist jemand, der die Erholung einer vernünftigen Unterhaltung bietet, wie sie sonst im Leben abläuft, ohne klatschgieriges Publikum, während Frank Plasberg, der Knopfdruck-King, den Applaus der Manege braucht.

Die Talkshow von heute ist nicht mehr ein Gespräch. Man möchte behaupten, das Genre könnte gewinnen, wenn es von dem Klimbim, den es anstellt, um das Gespräch abzuwürgen, wieder zu einem überraschenden Gespräch zurückginge. Ein Fernsehsender braucht zu den großen Themen die eine große Gesprächssendung, auf die es sich zuspitzt, auf die man sich dann schon zwei, drei Wochen im Voraus freut. Je eher die Programmdirektionen von ARD und ZDF das erkennen und ihre Programmpolitik entsprechend ändern, umso besser – für die Zuschauer. Das Genre muss wieder zu sich selbst finden, es muss wieder ein Gespräch geben statt Massen von Talkshows.

• Text aus Heft Nr. 35/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

31.08.2012/MK