Fernsehen à la carte

Wandlungen und Alternativen auf dem TV-Markt in den USA

Von Franz Everschor
06.03.2015 •

Neue Technologien, neue Anbieter und neue Sehgewohnheiten des Publikums haben das gewohnte Erscheinungsbild des US-amerikanischen Fernsehens in den beiden letzten Jahren stärker verändert, als viele Experten erwartet hatten. Wer dachte, mit den Hunderten von Sendern im terrestrischen Bereich und im Kabelfernsehen sei der Appetit des amerikanischen TV-Publikums ein- für allemal gesättigt, sieht sich getäuscht. 

Video-on-Demand und Videostreaming haben vielmehr eine neue Lust der Zuschauer geweckt und das beeinflusst zu Beginn des Jahres 2015 auch die Produktions- und Terminierungspraxis der traditionellen Networks. Nichts hat jemals die scheinbar unantastbare Programmstruktur amerikanischer TV-Anbieter so nachhaltig aus dem Gleis geworfen wie das sogenannte Binge Viewing und das Verlangen des Publikums, selbst darüber zu entscheiden, wie, wo und wann es fernsehen möchte. Schon im vergangenen Jahr war spürbar, dass die Broadcast-Networks Konzessionen machen mussten – an die Kabelkonkurrenz, was die Inhalte der Programme angeht, und an die Streaming-Anbieter, was die Terminierung und Verfügbarkeit von Serien betrifft. Das Saison-Denken, das seit Beginn des US-Fernsehens die Planung beherrscht hatte, wurde durchlöchert, doch ohne dass ein neues, logisches Konzept an dessen Stelle getreten wäre.

Die Unzufriedenheit des Publikums

Eine Beobachtung der Programmangebote während der letzten Monate hat bestätigt, wie stark inzwischen alles verhandelbar, aber auch in stetem Fluss ist. Neue Serien mussten nicht mehr zwangsläufig im Herbst beginnen, wurden neuerdings oft über Wochen oder Monate hin ausgesetzt und unterlagen vielfach inhaltlichen Variationen, die früher in ein und derselben Staffel nicht denkbar gewesen wären. Das geringe Vertrauen der Programmverantwortlichen in das kurz zuvor noch für gut befundene Material manifestierte sich allzu häufig in einer fahrigen, unzuverlässigen Terminierungspraxis, die große Teile des Publikums den Kabelsendern in die Arme trieb. Kaum einer Broadcast-Serie, deren Start von schwachen Quoten begleitet war, wurde noch die einst selbstverständliche Chance eingeräumt, sich über einen längeren Zeitraum zu bewähren. Alles, was nicht gleich mit den ersten Folgen die erhofften Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen versammelte, wurde gnadenlos abgesetzt oder auf andere, schlechtere Sendetermine verschoben. Doch es gibt Anzeichen, dass sich das ändern könnte, bevor es zu spät ist.

Inzwischen sitzen nun Broadcast- und Kabelfernsehen im selben Boot, was ihre Überlebensstrategien angeht. Sie haben zwar das amerikanische Publikum mit einem geradezu inflationären Angebot überflutet, die Zuschauer dabei aber zugleich in eine profunde Unzufriedenheit hineinmanövriert, die kaum zwischen den Urhebern der um sich greifenden Missstimmung differenziert. Alle TV-Angebote zusammengenommen tummelten sich vergangenes Jahr in den USA nicht weniger als 352 Serien in den diversen Programmen. Nur wenige dieser Serien erreichten Hit-Status; die meisten schlugen sich mit mittelmäßigen Marktanteilen mehr schlecht als recht durch.

Zweite Serien-Staffel fast wichtiger als die erste

Immer weniger Zuschauer schalten inzwischen ein Programm, das für sie in Frage käme, zur aktuellen Sendezeit ein; viele sind es sogar leid geworden, überhaupt eine Serie von Anfang an zu sehen. Zu oft sind sie enttäuscht worden, nicht nur von den Inhalten, sondern auch durch die unkalkulierbare Praxis der Networks, eine neue Serie schon nach wenigen Folgen wieder aus dem Sendeplan zu streichen. Viele Zuschauer warten lieber ab, wie die Resonanz ist, vielfach sogar bis klar wird, ob das Programm eine Zukunft besitzt. Niemand braucht ja mehr zu fürchten, den Anschluss zu verpassen, denn frühere Episoden sind heutzutage überall im Internet verfügbar.

Solche Veränderungen des Zuschauerverhaltens haben dazu geführt, dass die zweite Staffel einer Serie für die Networks heute fast wichtiger ist als die erste. Wenn die Zuschauer ahnen, dass es ohnehin schnell wieder vorbei ist mit einer neuen Serie, interessieren sie sich schon für die erste Staffel gar nicht erst richtig. Einige Kabelsender und Streaming-Anbieter garantieren inzwischen von Anfang an ein Minimum von zwei Staffeln. Die Broadcast-Networks, die so weit noch nicht sind, befleißigen sich inzwischen immerhin einer größeren Vorsicht bei der Absetzung neuer Serien. Sie haben sich nicht nur dazu durchgerungen, zu jeder Jahreszeit – und nicht nur, wie früher, zum offiziellen Saisonbeginn im Herbst – neue Serien zu starten, sondern sie gehen auch großzügiger mit Verlängerungen für eine zweite Staffel um.

Das Network CBS hat zum Beispiel bereits jetzt die Fortsetzung seiner Serien „Scorpion“, „Madam Secretary“ und „NCIS: Los Angeles“ ins kommende Jahr hinein garantiert. Und NBC hat seine Serien „The Blacklist“, „Grimm“, „Chicago Fire“, „Chicago P.D.“ und „Law & Order: Special Victims Unit“ schon für die Saison 2015/16 verlängert. Das gibt nun auch den Autoren mehr Zeit zur Entwicklung neuer Episoden und hilft bei der Amortisation kostspieliger Sets. Vor allem aber bestärkt es das Publikum in dem Entschluss, sich einer Serie zuzuwenden, ohne Gefahr zu laufen, dass sie schon nach wenigen Wochen wieder verschwunden sein könnte.

Streaming-Dienste statt teure Kabelpakete

Für die Broadcast-Networks ist es höchste Zeit, sich der neuen Fernsehlandschaft anzupassen. Kaum ein Monat vergeht in den USA ohne neue oder verbesserte TV-Angebote. Es sind gar nicht mehr die zahlreichen Kabelsender, die das seit Jahrzehnten etablierte Fernsehen am meisten fürchten muss, sondern es ist die sich multiplizierende Welle von Streaming-Angeboten, die längst nicht mehr bei Netflix, Amazon Prime und Hulu haltmacht. Trotz der vielerorts bestätigten Programmqualität des Pay-TV steht das Publikum auch mit der Kabelindustrie auf Kriegsfuß. Die hohen Preise der dort angebotenen Pakete und die geringen Möglichkeiten zur individuellen Auswahl lassen die Abonnenten immer häufiger aufbegehren. Je mehr Alternativen ihnen neue Streaming-Dienste bieten, umso leichter trennen sich viele Amerikaner wieder von den teuren Kabelpaketen. Sie kehren aber nicht in den Schoß der Broadcast-Networks zurück, obwohl sie deren Programme auch per Antenne kostenlos empfangen könnten, sondern sie orientieren sich an den maßgeschneiderten Offerten, die den Markt heutzutage überschwemmen. Kaum ein Monat geht inzwischen ins Land ohne einen neuen Mitspieler beim Video-on-Demand oder Streaming, der um die Gunst der frustrierten Konsumenten buhlt.

So wird zum Beispiel im März ein neuer Video-on-Demand-Service unter dem Namen Curiosity-Stream starten, der von John Hendricks, dem Gründer des Discovery Channels, ins Leben gerufen wurde. Wie einst mit Discovery versucht der heute 62-jährige Hendricks erneut in eine Lücke vorzustoßen, ein Feld, das von anderen Streaming-Diensten stiefmütterlich behandelt wird: Non-Fiction-Sendungen über Natur, Geschichte, Wissenschaft und Technik sollen sich gezielt an die von ihm auf zehn Prozent des Gesamtpublikums geschätzten Zuschauer richten. Hendricks’ Angebot Curiosity-Stream will mit 800 Titeln am 18. März starten. Ein Abonnement soll schon für monatlich 2,99 Dollar (2,60 Euro) zu haben sein.

Netflix peilt Verbreitung in 200 Staaten an

Bereits gestartet ist Sling TV, ein Internet-Service, der rund ein Dutzend populäre Sender wie die Sportplattform ESPN, den Nachrichtenkanal CNN und das Kinderprogramm Disney Channel für 20 Dollar pro Monat bereithält. Slim TV wurde vom Satelliten-TV-Anbieter Dish Network gegründet und verspricht eine Alternative für Zuschauer, die sich von ihrem Kabelanschluss trennen wollen. Vor allem setzt der Neuling auf Live-Sport und aktuelle Nachrichten. Für fünf zusätzliche Dollar gibt‘s im Programmangebot auch noch Spezialitäten für das ganz junge Publikum: Disney Junior, Boomerang, Baby TV und Duck TV.

Die Tür zum Fernsehen à la carte hat sich in den Vereinigten Starten weit geöffnet. Das Network CBS und der Pay-TV-Anbieter HBO werben mit eigenen Streaming-Angeboten um kabelmüde Zuschauer. Sony wird in den kommenden Wochen mit Playstation Vue starten, einem weit gestreuten Senderangebot, dem Lizenzverträge mit CBS, NBC, Fox, Viacom, Scripps und Discovery zugrunde liegen. Und auch die bereits fest etablierten Streaming-Anbieter Amazon und Netflix haben die Zeit nicht verschlafen. Amazon hat soeben die eigene Produktion von Kinospielfilmen angekündigt, die – im Gegensatz zu den bisherigen Gepflogenheiten – schon vier bis acht Wochen nach ihrer Kinopremiere bei Amazon Prime abrufbar sein sollen. Mit Budgets zwischen je 5 Mio und 25 Mio Dollar sollen jährlich zwölf Spielfilme hergestellt werden. Wie ernst es Amazon auch mit der Eigenproduktion von Serien ist, zeigte kurz zuvor die Ankündigung der ersten Fernsehserie des Konzerns, die niemand Geringerer als Woody Allen schreiben und inszenieren wird (vgl. MK 2/15).

Netflix, dessen Wachstum in den USA derzeit ein wenig stagniert, kündigte für das laufende Jahr die Ausstrahlung von 320 Stunden Originalprogramm an und wirft sich schon seit einiger Zeit mit aller Kraft auf die Eroberung des Auslandsmarkts. Nach seinem Start in Deutschland und Frankreich im vorigen Jahr hat sich das Unternehmen als nächstes Australien, Neuseeland und China als Ziel gesetzt. Bis zum Jahr 2017 will Netflix in 200 Nationen Fuß gefasst haben. Das zeigt, dass die Probleme der alteingesessenen US-Networks sehr bald weltweite Probleme sein werden.

06.03.2015/MK

Print-Ausgabe 15/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren