Eine Frage des Anstands

Zum Tod des früheren BR‑Chefreporters Dagobert Lindlau

Von Karl-Otto Saur
10.12.2018 •

10.12.2018 • Dem Auftritt Dagobert Lindlaus in der Redaktionskonferenz im Münchner Sendergebäude mangelte es nicht an Dramatik. Der politische Chefreporter beim Fernsehen des Bayerischen Rundfunks (BR) hielt empört ein Zeitungsblatt in die Höhe. Es war das Jahr 1981 und es handelte sich um die „National-Zeitung“, das damals führende Blatt für die rechtsradikale Szene in Deutschland. Der Artikel, der Lindlau so empörte, war ein Bericht über eine Buchneuerscheinung mit dem Titel „Ich war dabei!“. Mit dem trotzig formulierten Titel meinte der Autor die Waffen-SS, Adolf Hitlers verbrecherische Elitetruppe. Dieser Autor war Franz Schönhuber, der stellvertretende Chefredakteur des BR-Fernsehens, der nur wenige Stühle entfernt von Lindlau in der Konferenz saß.

Mit Lindlaus Wortmeldung brach eine wochenlange Kontroverse los, die einer­seits mit einem Gerichtsurteil endete (durch das Schönhuber nach dessen fristloser Kündigung eine stattliche Abfindung zugesprochen wurde) und die andererseits Schönhuber an die Seite von zwei unzufriedenen bayerischen CSU-Landtagsabgeordneten trieb, die gerade eine neue Partei unter dem Namen „Die Republikaner“ gegründet hatten – eine Partei, die aus heutiger Sicht wie ein Vorläufer der AfD betrachtet werden kann.

Der Beginn als „Mädchen für alles“

Für Dagobert Lindlau war diese Kontroverse mit dem Ausscheiden Schön­hubers beendet. Für Lindlau war die Angelegenheit keine Frage, bei der es um links oder rechts ging. Es war für ihn eine Frage des Anstands. Ihm ging es vor allem darum, welche Verpflichtung ein Journalist gegenüber der Gesellschaft hat. Er selbst formulierte es einmal so: „In einigen Fragen stehe ich weit links, in anderen weit rechts. Es kommt auf die Frage an.“

Lindlau prägten die Erfahrungen, die er in seinem Leben gesammelt hatte. Als 1930 Geborener wuchs er in einer Zeit auf, die von der Hitler-Diktatur geprägt war. Den Krieg in all seinen schrecklichen Formen musste er bereits 1944 erleiden, als er bei einem Luftangriff schwer verletzt wurde. Fast zwei Jahre verbrachte er immer wieder im Krankenhaus, vollendete mühsam die Schulausbildung und wurde dann bei einer Provinzzeitung – wie er es selbst ausdrückte – „Mädchen für alles“. So schrieb er Filmkritiken und redigierte den Gottesdienstkalender. Als er in der Besprechung zum Film „Die Sünderin“, der im Januar 1951 in die Kinos kam, die (nur für Sekunden) nackte Hildegard Knef als „entzückenden Anblick“ beschrieb, wurde der Zeitung allerdings die Veröffentlichung des Gottesdienstkalenders ent­zogen. Das verhinderte nicht, dass Lindlaus Multitalente dazu führten, dass der junge Journalist 1954 vom Bayerischen Rundfunk entdeckt und abgeworben wurde.

Doch immer noch war sein Bein nicht wiederhergestellt worden. 1956 hielten die Ärzte es für unvermeidlich, dass es amputiert werden müsse. Doch eine junge Chirurgin, die in den USA ihre Ausbildung absolviert hatte, plädierte für eine dort erfolgreich erprobte Transplantationstechnik. Die Folge: Lindlau behielt sein Bein, die Chirurgin Ursula Schmidt-Tintemann behielt Lindlau bis zu ihrem Tod 2017.

Die Berufsbezeichnung „Mädchen für alles“, die Lindlau für sich selbst in seiner ersten Stelle bei der Provinzzeitung erfunden hatte, sollte er auch beim Bayerischen Rundfunk beibehalten. Doch erhielt seine Arbeit nun einen ehrenvolleren Titel: Chefreporter. Von Sportberichten über Kegeln, Säbelfechten oder Skispringen arbeitete er sich hoch. Er arbeitete für die politischen Fernsehmagazine der meisten ARD-Anstalten, das Politmagazin „Report München“ (ARD/BR) leitete er rund fünf Jahre lang und er moderierte mehrere Jahre das Auslands­magazin „Weltspiegel“.

Von Radio Bremen wurde er eines Tages gefragt, ob er „3 nach 9“ moderieren mochte (die wohl anerkannteste Talkshow in den Dritten Fernsehprogrammen). Zuvor hatte er bereits die „NDR Talkshow“ moderiert. Er sagte Radio Bremen gerne zu. Doch da gab es manchmal Probleme. So anspruchsvoll, wie er selbst an seine Arbeit heranging, verlangte er dies auch von den Kollegen und Mitarbeitern. Er erzählte einmal die Geschichte, dass er mitten in der Talkshow während eines Live-Gesprächs einen Zettel zugesteckt bekam, dass er langsam das Gespräch beenden solle. Gerade als er selber glaubte, eine sehr geeignete Schlussformulierung abgeliefert zu haben, sei ihm ein neuer Zettel gereicht worden, auf dem stand: „Sie haben noch drei Minuten.“ Jeder, der live im Fernsehen gearbeitet hat, weiß, wie endlos drei Minuten sein können.

Die Arbeit von investigativen Reportern

Wie überhaupt Dagobert Lindlau mangelnde Profession hasste. Nicht nur im Beruf, sondern auch wenn er persönlich betroffen war. Und so wurde er immer mal wieder als Querulant empfunden, wenn er seine Meinung offen sagte. An einem Flugschalter der Lufthansa fiel einmal der Computer in dem Moment aus, als Lindlau an der Reihe war. Aus der Schlange hinter ihm wurde plötzlich der Ruf laut, „der Mann vom Fernsehen da vorne“ solle doch endlich mal Platz machen. Erbost wies Lindlau, der ja unschuldig an der Verzögerung war, den Ungeduldigen darauf hin, dass er sich bei der Lufthansa beschweren solle. Und seinem Ton war anzumerken, dass er sich mit der Anrede „der Mann vom Fernsehen“ auch nicht gerade geschmeichelt oder gar erkannt fühlte.

Dagobert Lindlau, der 1986 beim Grimme-Preis die „Besondere Ehrung für hervorragende Verdienste um das Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland“ erhielt, war kein Journalist, der es sich gerne bequem machte. Und auch nicht seinen Zuschauern und Zuhörern. Er ging beim Bayerischen Rundfunk, wo seine Situation am Ende schwierig geworden war, im Dezember 1992 nach 38 Dienstjahren in den vorzeitigen Ruhestand, arbeitete danach noch für den Privatsender Vox. 1990 hatte er unter dem Titel „Rakket – Ein Hit von Charlie Furcher“ ein Buch veröffentlicht, in dem er in Romanform erzählte, was in einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt so alles passieren kann. Darüber waren sie beim BR und in der ARD nicht so amüsiert.

Lindlau war einer der ersten, der sich in Deutschland an das Thema organisierte Kriminalität heranwagte. Das war zu einer Zeit, als Polizei und Behörden das für eine Frage übergroßer Phantasie hielten. Sie hatten nicht mitbekommen, dass Lindlau sich schon früh mit der Mafia und ihren Folgeerscheinungen beschäftigt hatte. Dass ausgerechnet nur wenige Tage nach seinem Tod eine großangelegte Aktion gegen die ’Ndrangheta, die kalabrische Mafia, auch in Deutschland durchgeführt wurde, zeigt, dass er nicht darauf aus war, eine große Show abzuziehen, sondern dass es ratsam ist, die Arbeit von investigativen Reportern ernst zu nehmen. Dagobert Lindlau, geboren am 11. Oktober 1930 in München, starb am 30. November im Alter von 88 Jahren in seinem Heimatort Vaterstetten.

10.12.2018/MK
ARD-„Tagesschau“ vom 30.11.2018 Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 17/2019

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