Ein Weltsymbol als Seherlebnis

Wenn das Medium Relevanz bekommt: Die Dokumentation „24h Jerusalem“

Von Torsten Körner
17.04.2014 •

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty schockierte sein Berliner Publikum, das von ihm Amerika-Kritik erwartet hatte. Als er zwei Monate nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in der Berliner Schaubühne zu Gast war, vertrat er die Ansicht, dass er den Dialog zwischen den Kulturen für wenig fruchtbar halte. Der Westen müsse vielmehr sein Konzept des säkularen Humanismus verteidigen, ja, offensiv gen Osten exportieren, denn eine global homogenisierte Kultur der Inklusion könne helfen, die „Individuen aus dem Treuegebot gegenüber ihren kulturellen Herkünften zu entlassen.“ Dabei könne man den weltweiten Siegeszug von Markenimperien wie Coca-Cola und McDonald’s ruhig in Kauf nehmen, wenn gleichzeitig Freiheitsgewinne für die Individuen erzielt werden könnten.

Man mag diesem Konzept westlich-kultureller Hegemonie skeptisch gegenüberstehen, doch je länger man am 12. und 13. August bei Arte oder im Bayerischen Fernsehen die faszinierende Dokumentation „24h Jerusalem“ verfolgte, desto bereitwilliger griff man zu diesem säkularen Rettungsring und fragte sich, ob Jerusalem nicht ein friedlicherer Ort wäre, wenn Juden, Christen und Muslime bei McDonald’s zusammen einen Hamburger äßen (mit Schweinefleisch) und Jesus Christus nur ein aufgeweckter Filialleiter dieses Fastfood-Asyls wäre. Der israelische Tätowierer Wassim Razouk formulierte es in „24h Jerusalem“ so: „Im Harley-Davidson-Club zählt nicht, ob man Jude, Moslem oder Christ ist, es zählt die Maschine.“ Zusammen mit seinen Freunden fährt Wassim, der davon lebt Pilgern, Symbole des Glaubens in die Haut zu ritzen, auf den Ölberg, um dort den Sonnenuntergang zu bewundern.

Ein schwieriger Entstehungsprozess

Auch der schwierige Entstehungsprozess von „24h Jerusalem“ legt von den kulturellen und religiösen Konflikten Zeugnis ab. Eigentlich sollte man am 6. September 2012 gedreht werden, doch einige Wochen vor dem großen Tag hagelte es Boykottaufrufe von palästinensischer Seite, weil das Projekt, so der Vorwurf, einseitig die israelische Seite bevorzuge und Normalität vorspiegele, wo man doch angesichts der völkerrechtswidrigen Besetzung von Ost-Jerusalem nicht von Normalität sprechen könne. Die palästinensischen Künstler und Drehteams sprangen unter dem massiven Druck ab und damit stand das Projekt nach zweijähriger Vorbereitungszeit schon vor dem Aus. Eigentlich hatte man in den Drehteams die Bevölkerungsstruktur der Stadt abbilden wollen, also zwei Drittel Israelis und ein Drittel Palästinenser, doch dieser Ansatz sei letztlich blauäugig gewesen, räumte Thomas Kufus ein, Produzent und Geschäftsführer von Zero One 24, der Produktionsfirma von „24h Jerusalem“. Man nahm an, man könne das gesammelte Wissen und die Struktur des preisgekrönten Vorgängerprojekts „24h Berlin“ auf Jerusalem übertragen (Projektregie, Konzept, Idee: Volker Heise), man könne einheimischen Partnern und Teams die Arbeit übergeben und sie autonom operieren lassen, doch dieser Denkansatz sei falsch gewesen.

Es bedurfte letztlich einer straffen Oberaufsicht, die europäische Instanz trennte die Fehde-Partner, moderierte alle Konflikte, separierte die Teams beider Seiten und besetzte die rivalisierenden Seiten zahlenmäßig gleich stark. Palästinensische Teams begleiteten palästinensische Protagonisten, israelische Filmteams begleiteten Israelis und die europäischen Teams nahmen sich gleichermaßen aller Kulturkreise an. Bei den europäischen Teams waren namhafte Kreative dabei wie Alice Agneskirchner, Corinna Belz, Andres Veiel oder Dani Levy (alle Regie) und Benedict Neuenfels, Sophie Maintigneux oder Lars Barthel (alle Kamera). Und obwohl vor dem 18. April 2013, dem neu angesetzten Drehtag, ein erneuter Boykottaufruf erging und viele Künstler wieder absprangen, startete man, erweiterte notgedrungen das Beobachtungsfenster auf drei Tage und fuhr so mit 70 Filmteams schließlich das Material ein (etwa 500 Stunden), das dann in einem nahezu einjährigen Schnitt- und Postproduktionsprozess verdichtet werden konnte.

Deutung, Wahrnehmung, Fragezeichen

Ohne diese Stufe des Beinahe-Scheiterns, ohne den Nervenzusammenbruch in Permanenz wäre dieses Projekt vermutlich nie gelungen und für echt befunden worden, denn was ist Jerusalem anders als ein Jahrtausende alter, steinerner Nervenzusammenbruch, ein Verzweiflungsort, der seltsamerweise von drei monotheistischen Weltreligionen für einen Hoffnungsort gehalten wird. Der Franziskaner-Pater Armando, 78, der in der Grabeskirche die Orgel spielt, sagt: „Wir alle sind bis aufs Blut entschlossen, hier zu bleiben!“ Und der Friedensaktivist Daniel Seidman bekundet genussverbunden und krisenerprobt: „Wir trinken Cappuccino auf einem brodelnden Vulkan.“

An dem Vorgängerprojekt „24h Berlin“, das sozusagen die Blaupause für „24h Jerusalem“ war, bewegte und beeindruckte, dass es zu einer Studie der Simultanität wurde, dass es den abenteuerlichen Alltag entdeckte, dass es all die getrennt lebenden und agierenden Milieus, Gruppen und Sphären zusammenbrachte und wie ein moderner Großstadtroman dem hoffnungslos Vereinzelten die Totalität einer Stadt anbot oder zumindest die Illusion des Ganzen (vgl. ausführlich FK-Heft Nr. 38-39/09). Volker Heise, ein literarisch geschulter Mann, übertrug die Konzepte des modernen Romans – Bewusstseinsströme und personale Bilderwelten dezentralisieren das Erzählen – ins große dokumentarische Fernsehen.

„24h Berlin“ fischte im Strom der Gleichzeitigkeit und lieferte dem Zuschauer die Einsicht, das es keine Sonde gibt, die alles bergend wahrnehmen kann, auch wenn das Fernsehen mitunter so tut, als sei es überall zugegen. Nahezu zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer erzählte „24h Berlin“ in beglückender Weise vom Gelingen eines Stadtraumes, der ein Wunder der Zivilität darstellt, wenn man sich vor Augen hält, welche Differenzen hier ausgelebt werden, kulturell, finanziell, politisch, religiös. Dass nicht jede große Stadt ein mörderischer Raum ist, ist ein kleines Wunder. Und dass Berlin die große Mauer hinter sich gelassen hat, ist kaum geringer zu veranschlagen.

Dieses Glück der Normalität ist nun in Jerusalem kaum zu holen. Dieser diachrone Schnitt lebt auch davon, dass die Menschen einen Alltag behaupten gegen einen ganz und gar unalltäglichen Raum, gegen eine befestigte, umzäunte, vermauerte und verminte Stadt. Die Stadt ist – und auch das wurde anschaulich – auch ein Raum in den Köpfen, sie steckt in den Denkmustern und Träumen, in den Vokabularen der Menschen, ihren Liedern, ihren Gebeten und Parolen. Mehr als einmal wünscht man sich beim Sehen von „24h Jerusalem“, dass ein Gott selbst einschritte und den Irrsinn beende, der in all den Riten zu stecken scheint, den Vorschriften und religiösen Zeremonien, die auf allen Seiten anscheinend nur dazu dienen, dem Gott der anderen den Garaus zu machen. Das ist natürlich nur eine Deutung, eine Wahrnehmung, ein Fortdenken, ein Fragezeichen, das dieses Experiment erlaubte. Geglückte Fragezeichenbeschickung.

Alle versammeln sich um das Stadtabenteuer

Kein Zuschauer wird wohl die gesamten 24 Stunden am Stück geschaut haben, und so bastelt sich jeder seinen eigenen Film zusammen, mit seinen eigenen Protagonisten, je nachdem, wo man ein- und aussteigt, wen man verbindet und trennt. Man begleitet die israelische Hebamme ins Krankenhaus, man folgt zwei schwer bewaffneten israelischen Polizisten in die Altstadt, man ist an der Seite des Franzikaner-Paters, besucht eine 90-jährige Berlinerin, die vor dem Holocaust fliehen musste, man erlebt bitteres Unrecht in den palästinensischen Stadtvierteln, man erlebt einen ultraorthodoxen jüdischen Comedian, man teilt Augenblicke mit einem deutsch-palästinensischen Architektenpaar, verfolgt den Arbeitsalltag eines amerikanischen Pressefotografen, braust mit einem Rettungssanitäter durch die engen Straßen, lernt eine Grundschuldirektorin kennen, schließt Bekanntschaft mit fundamentalistischen Siedlern, registriert die Arbeit eines UN-Mitarbeiters, beobachtet einen jungen Muezzin in der Al-Aksa-Moschee, lernt eine junge Geschäftsfrau kennen, einen evangelischen Pastor, eine Archivarin der Gedenkstätte Yad-Vashem, Pilger aus aller Welt, Bäcker, den Manager eines Gewerbegebiets, ein Musikerpaar, eine Schriftstellerin, einen Historiker.

Die insgesamt etwa 90 Protagonisten kehren verlässlich wieder, jede halbe Stunde wird mit grafischen Elementen der territoriale Status der Stadt visualisiert, kurze historische Lektionen; stündlich gibt es geraffte Verdichtungen, mikroskopische Einblicke in den Tag der Hauptfiguren, nahezu simultan drängen sich die Szenen um Knotenpunkte, wenn der Rhythmus der Stadt durch markante Punkte – Sonnenaufgang oder Untergang, Gebetsstunden, Abendessen oder Feierabend – strukturiert wird. Man kann das Fernsehgerät laufen lassen, man frühstückt, kehrt zurück, isst zu Mittag mit einem Teller auf den Knien, die Kinder schließen sich an, wenden sich desinteressiert ab, kommen zurück, werden gefesselt, alle versammeln sich um das Stadtabenteuer. Nach dem Aus für die ZDF-Show „Wetten dass ..?“ bekommt das Medium noch einmal eine eigentümliche, fast verschwunden geglaubte Relevanz, Jerusalem gewinnt plötzlich jenseits der Schlagzeilen Gestalt und die Konflikt-Eskalationen, deren Spitzen man sonst in den Nachrichten achselzuckend zur Kenntnis nimmt, gewinnen Anschaulichkeit.

Schon die visuelle Beweglichkeit und Sprunghaftigkeit verhindert, dass man das Gefühl hat, die Marathon-Dokumentation teile Welt mit dem Gestus des allmächtigen Erzählers aus. Fast alles ist aus der Hand gefilmt, schnelle Blicke, forciertes Tempo, schneller noch als bei „24h Berlin“. Auch die phänomenale Musik (Bernd Jestram, Ronald Lippok, Maurus Ronner) treibt, lässt die Bilder tanzen – lyrische Soziologie. Die Musik pumpt die Bilder aber auch auf, so dass man stets mit energetischen Entladungen rechnet und fürchtet, Schüsse oder Explosionen könnten den weitgehend friedlichen Tag, der unter der Oberfläche der Bilder keineswegs friedlich ist, zerreißen. Die wechselnden Erzählerstimmen sind präsent, gleichwohl dezent, die Texte (Volker Heise erweist sich wieder als sprachbewusster großer Erzähler) raunen nicht, schaffen aber in Verbindung mit den Bildern starke Atmosphären, die hart und sachlich sein können, dann wieder elegisch, melancholisch, aber nicht gefühlvoll fett oder sentimental.

„24h Berlin“ schenkte dem Berliner (und allen anderen) die Stadt, die man bewohnt (oder besucht), jedoch nie zu fassen bekommt, weil man tief versenkt ist in Eigenzeit und nur eine Kamera im Kopf hat, die ohnehin nur sieht, was sie sehen will. Man hatte endlich den Eindruck gewonnen, alle Berliner arbeiten an Berlin, ohne es jemals zu Gesicht zu bekommen. Bei „24h Jerusalem“ hingegen drängt sich der Eindruck auf, alle kämpfen gegen die Stadt der Anderen und dieses Weg- und Fortdrängen der Anderen sei das Eigene, sei die Stadt, die man will. Jerusalem zerfällt in ein Gewirr von Kampf- und Schutzzonen, Zeitzählzonen (jede der drei Weltreligionen lebt in eigener Zeitrechnung) –  eine Stadt als Versammlung von Wundmälern und Schmerzgebiet. Jeder hat Erinnerungen an ein Attentat, eine Explosion, einen Angriff, einen Steinwurf, eine Demütigung, einen Exodus, eine Aussperrung oder Stigmatisierung.

Heilige Orte, die von Gottes Gnade zeugen sollen

So fühlt man sich nach diesem Seherlebnis merkwürdig zerrissen. Euphorisch, weil hier ein Fernsehen gelingt, wie man es nur selten erlebt – informativ, emphatisch, neugierig, wissbegierig, bildend, relevant, spannungsvoll, ambitioniert, fordernd, überfordernd, fesselnd und mitreißend. Niedergeschlagen, weil wenig Hoffnung bleibt, dass diese Stadt zum Aussöhnungs- und Friedensort werden könnte. Zu dicht und eng stoßen hier die Religionskulturen aufeinander, zu belastet ist die gemeinsame Geschichte, zu umkämpft sind die heiligen Orte, die von Gottes Gnade und Größe zeugen sollen, aber doch nur von des Menschen Blindheit berichten.

So wird Jerusalem zu einer Weltstadt, die eher ein Weltsymbol ist, ein umkämpftes, umstrittenes Weltsymbol, in dem Menschen versuchen, ihr Leben zu leben, einen Alltag zu behaupten. Alles kann in dieser Stadt zur Waffe werden, kann umfunktioniert werden, Mülltonnen werden zu Barrikaden, Pflastersteine werden zu Wurfgeschossen und Kinder werden zu Grenzpfählen, die man ins Territorium des Gegners einschlägt.

Vielleicht wird Jerusalem einst erlöst, dann, wenn alle Götter ihre Taschen packen und umsiedeln und den Menschen zu verstehen geben, dass sie deren bizarre Treueschwüre nicht brauchen. Es besteht noch zwei Monate die Möglichkeit, diese zerrissene Stadt im Netz wahrzunehmen. Unter 24hjerusalem.tv steht der gesamte Film online. Das ist großartig, ersetzt aber nicht das noch großartigere Rezeptionserlebnis, am 12. April 2014 nach Jerusalem gereist zu sein, für 24 Stunden, für einen Tag, drei Weltzeitalter und einen Augenblick. Schon Geschichte. Fernsehgeschichte. •••

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LOVESTORM

Der deutsch-französische Kultursender Arte und das Dritte Programm Bayerisches Fernsehen räumten für einen Tag und eine Nacht ihre Programme frei: So konnte dort von Samstag auf Sonntag, vom 12. auf den 13. April, jeweils von 6.00 bis 6.00 Uhr nonstop die Marathon-Dokumentation „24h Jerusalem“ ausgestrahlt werden. Sie erzählt in Echtzeit einen Tag im Leben der Stadt Jerusalem. Es war ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches TV-Projekt. Wie Arte und der Bayerische Rundfunk (BR) am 14. April in einer Pressemitteilung bekannt gaben, erreichte „24h Jerusalem“ in Deutschland insgesamt 6,25 Mio Zuschauer, in Frankreich zusätzlich 5,1 Mio (akkumulierte Zuschauerzahlen). Das Projekt, so die beiden Sender, habe zudem „mit einer überwältigenden Zahl von Kommentaren und positivem Feedback für einen regelrechten ‘Lovestorm’ in den sozialen Medien“ gesorgt. Bei Twitter sei die Sendung „Trending Topic“ in Deutschland und eines der meistdiskutierten Themen in der Abendzeit gewesen. Der Hashtag #24hjerusalem sei über 9500 Mal verwendet worden. Der norwegische Fernsehsender NRK strahlte „24h Jerusalem“ ebenfalls vom 12. auf den 13. April aus; das finnische Programm YLE zeigt die komplette Dokumentation vom 18. auf den 19. April (jeweils wiederum von 6.00 bis 6.00 Uhr). •••

(MK; erschienen damals in „Funkkorrespondenz“ Nr. 16/2014)

17.04.2014/MK

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