Ein Verdacht personalisierte die Katastrophe

Der Flugzeugabsturz und der mediale Zwang zur Sichtbarkeit

Von Dietrich Leder
02.04.2015 •

In den ersten beiden Tagen nach dem Absturz eines deutschen Passagierflugzeugs in den französischen Seealpen am 24. März (Dienstag), bei dem alle 150 Reisenden und Crewmitglieder starben, kreisten sämtliche aktuellen Sendungen im deutschen Fernsehen um die möglichen Ursachen. Für Interviews und Gespräche wurden dabei vor allem Luftfahrtsachverständige rekrutiert, die man jahrelang nicht zur Kenntnis nimmt, ehe sie nach solchen Katastrophen plötzlich die Nachrichten, Sondersendungen und Talkshows bevölkern, wo sie wie alle anderen zwar auch nur spekulieren können, das aber mit sachkundigem Vokabular und nachdenklichem Gestus. Unter den vielen Vermutungen, die seit dem am frühen Dienstagmittag in Deutschland bekannt gewordenen Absturz durch die Sendungen flottierten, war aber nicht jene Ursache, die zwei Tage später um 12.50 Uhr von einem französischen Staatsanwalt in Marseille benannt wurde.

Am frühen Morgen dieses Donnerstags (26. März) hatte die „New York Times“ (!) gemeldet – und alle deutschen Online-Medien hatten dies sofort übernommen –, dass im Moment des Absturzes der Germanwings-Maschine nur einer der beiden Piloten im Cockpit anwesend gewesen sei. Nun berichtete der Staatsanwalt, was die Auswertung der am Tag zuvor gefundenen Blackbox des Flugzeugs, die einen Mitschnitt der Gespräche im Cockpit enthielt, ergeben hatte. Demnach habe der Chefpilot, um auf Toilette zu gehen, das Kommando an den Kopiloten übergeben, der kurz darauf, als er allein im Cockpit saß, bewusst den Sinkflug eingeleitet habe.

Die direkte Rede einer indirekten Rede

Als der Chefpilot in die Kabine habe zurückkehren wollen, habe ihm der Kopilot dies verwehrt, so der Staatsanwalt weiter. Auch auf Anfragen und Warnungen der Flugleitstelle wie auch von in der Nähe befindlichen Flugzeugen habe der Kopilot nicht reagiert. Auf dem Mitschnitt sei zu hören gewesen, wie der Chefpilot gegen die Tür hämmerte, bis die Maschine über den französischen Alpen mit einem Flügel erst einen kleineren Berg touchierte, ehe sie dann auf die Wand eines größeren Berges prallte und zerschellte. Nach dieser Erklärung der Ermittlungsbehörde hätte der Kopilot den Absturz willentlich und ausweislich seiner Atemgeräusche bewusst bewirkt; demnach würde es sich bei dem Geschehenen also um einen Suizid handeln, bei dem der Suizidant 149 Menschen mit in den Tod gerissen hätte.

Von der Pressekonferenz am 26. März in Marseille wurde unter anderem bei „Spiegel Online“ in einem Live-Ticker berichtet. Im Ersten Programm lief die Nachricht bereits kurz vor 13.00 Uhr als Scroll über die Bilder des „ARD-Büffets“, ehe dann das „Mittagsmagazin“ Aufnahmen von der Pressekonferenz zeigte. Auf Facebook kursierten zu dieser Zeit Hinweise auf den Namen und die Identität des Kopiloten, auch wurden Fotos von ihm verwendet. ARD, ZDF und die Internet-Seiten der bundesweiten Tageszeitungen kürzten seinen Nachnamen weiterhin ab und verwendeten Fotografien seines Gesichts nur stark verfremdet. Andere Sender wie beispielsweise n-tv und natürlich die „Bild“-Zeitung verwendeten den kompletten Namen. Auch beim US-Nachrichtensender CNN stand früh der volle Name des Kopiloten auf der Website. Später zog etwa die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) auf ihrer Internetseite nach.

Inzwischen hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärt, dass es keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund gebe. Zu diesem Zeitpunkt machten sich die ersten Fernsehteams zum Heimatort des Kopiloten in die rheinland-pfälzische Provinz auf. Ihre Bilder aus einer idyllisch wirkenden Kleinstadt verrieten aber nichts von dem Schrecken, dessen Ursache sie dort zu finden meinten.

 Um 14.30 Uhr übertrug das Erste dann an diesem Donnerstag eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz der Lufthansa, der Muttergesellschaft von Germanwings. Der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr gab dabei auf Nachfrage bekannt, dass der junge Kopilot während seiner Ausbildung im Unternehmen eine längere Auszeit genommen habe. Weitere Details dazu dürfe er aus datenschutzrechtlichen Gründen – das Arztgeheimnis gilt auch über den Tod hinaus – nicht nennen. Als er merkte, dass das auch für ihn gelte, schob er rasch nach, dass auch er selbst nichts weiter darüber wisse, was man Spohr, der ansonsten in der Krisenkommunikation einen souveränen Eindruck hinterließ, in diesem Fall nicht abnahm.

Kurze Zeit später kursierte im Netz das Gerücht, dass der Kopilot seine Ausbildung unterbrochen habe, weil er an einem Burnout gelitten habe. Quelle dafür war ein online veröffentlichter Bericht der FAZ, in dem die Mutter einer Klassenkameradin des Kopiloten zitiert wurde, die sich ihrerseits auf ihre Tochter bezog. Die direkte Rede einer indirekten Rede gipfelte in der Ergänzung des Begriffs des Burnouts durch den der Depression, der sich prompt in die Leerstelle, die der Lufthansa-Chef gelassen hatte, einnistete. Ab diesem Moment wurden die Luftfahrtsachverständigen durch Fachleute der Psychiatrie oder Psychologie verdrängt, die nun zu der (selbst)mörderischen Tat, um die es sich mutmaßlich handelte, und zu deren seelischen Ursachen befragt wurden.

Doch die Sprechweise dieser Experten ähnelte jener, der sich die Fachleute der Aeronautik bedient hatten: vorsichtige Spekulation mit permanentem Hinweis auf die Komplexität der Verhältnisse, worunter die Luftfahrtsachverständigen das System eines hochcomputerisierten Flugzeugs verstanden, während sich die Psychiater oder Psychologen auf die menschliche Seele bezogen. Anders als bei den Darstellungen technischer Probleme und Ursachen gab es für die der psychischen keine Archivbilder oder Schemazeichnungen. Stattdessen kursierten bald Fachtermini wie der des „erweiterten Suizids“, bei dem ein Suizidant weitere Menschen mit in den Tod reißt.

Spekulieren über Spekulationen

Zweifel an der Darstellung des französischen Staatsanwalts kamen erst am späteren Donnerstagsabend auf und wurden beispielsweise in der ZDF-Gesprächsrunde bei Maybrit Illner geäußert. In der Tat hatte der Bericht am frühen Donnerstagmittag nur den Stand der Ermittlungen zusammengefasst und nicht ihr abschließendes Ergebnis. Dennoch kaprizierten sich die Online-Medien am Freitagvormittag (27. März) auf eine mögliche psychische Erkrankung des Kopiloten. „Spiegel Online“ meldete gegen 10.30 Uhr von der Durchsuchung der Wohnungen des Kopiloten: „Ermittler finden Hinweise auf psychische Erkrankung.“ Bald ist davon die Rede, dass man in der Wohnung des Mannes Krankschreibungen gefunden habe. Es ist von Klinikbesuchen die Rede. Zu der ihm unterstellten Depression, die zunächst die Mutter einer früheren Klassenkameradin des Kopiloten ferndiagnostiziert hatte, trat irgendwann noch eine Augenerkrankung, die wiederum die Depression ausgelöst haben könne, an der er jedoch schon vorher gelitten haben soll. Diesen wirren Zusammenhang sollte nun ein dritter Typus an Sachverständiger erklären, der aus einer Kreuzung der ersten beiden erwuchs: der Luftfahrtpsychologe. Dieser Typus spekulierte nun über den Zusammenhang der anderen Spekulationen und zog daraus Schlüsse für die Zukunft.

In den Nachrichtensendungen am Donnerstagabend (26. März) war auch über die Wirkung nachgedacht worden, welche die so unfassbare Information des französischen Staatsanwalts, dass der Absturz willentlich vom Kopiloten herbeigeführt worden sei, auf die Befindlichkeit der Familien und Freunde der Opfer habe. Manche der hierzu befragten Fachleute und Notfallseelsorger meinten, die mutmaßliche Lösung des Rätsels der Ursache hülfe den Familien und Freunden, andere erklärten, dass das die Sache noch schlimmer erscheinen lasse. Interessanterweise wurde dieses Nachdenken nicht auf die Medien selbst angewendet. Denn ihnen ist ein konkreter Verdacht lieber als eine heillose, aber selbstverständlich viele Sendeminuten oder Textzeichen verschlingende Erörterung technischer Defekte, die sich im Gestrüpp vielgestaltiger Bedingungen und Möglichkeiten zu verheddern droht.

Zudem personalisierte der Verdacht des französischen Staatsanwalts, dem sich fast alle anschlossen, die Katastrophe und verlieh der Ursache ein Gesicht. Ein Gesicht, das die „Bild“-Zeitung am Freitag prompt in einem großen Ganzkörperfoto und voller Namensangabe auf die Titelseite setzte, dazu die Schlagzeile „DER AMOK-PILOT“. Selbst die Nachrichtensendungen zum Beispiel des ZDF zeigten am Donnerstagabend den Kopiloten auf einem Privatfoto und zeigten ihn zugleich nicht, weil sie das Gesicht unkenntlich machten, in dem sie es verpixelten. Dummerweise stellte sich am nächsten Tag heraus, dass das Foto, das man dazu verwandt hatte, gar nicht den Kopiloten, sondern einen anderen unbeteiligten jungen Mann abgebildet hatte. Dafür entschuldigte sich das ZDF in der „Heute“-Sendung und im „Heute-Journal“ vom Freitagabend (27. März).

Worüber man schweigen sollte

Der Absurdität, ein Bild zu zeigen, das man in seinem Aussagekern unkenntlich macht, war man bei ARD und ZDF schon in den ersten beiden Tagen erlegen, als man Aufnahmen von Angehörigen der Absturzopfer präsentierte, bei denen man ebenfalls die Gesichter unkenntlich gemacht hatte. Auf die Idee, auf diese Bilder ganz zu verzichten, kam man nicht, denn das bedeutete ein Eingeständnis der Grenzen, die dem Bildermedium Fernsehen gesetzt sind: Ein Röntgenbild der Seele des mutmaßlichen Täters wird es nicht geben, auch wenn es sich alle wünschten.

Ein weiteres Sichtbarkeitsdesiderat formulierte Günther Jauch am Sonntagabend (29. März) in seiner Sendung mit dem Titel „Flug 4U 9525 – Wie können wir mit dieser Katastrophe umgehen?“, als er Kay Kratky als dem Vertreter der Lufthansa die Frage stellte, wann den Passagieren des Katastrophenfluges denn deutlich geworden sein dürfte, dass sie gerade in den Tod stürzten. Die Katastrophe soll – so muss man sich den Sinn der Frage vorstellen – bis in die letzte Sekunde auserzählt werden. (Kratky verweigerte sich dankenswerterweise diesem Ansinnen.) Dass Günther Jauch mit diesem Desiderat nicht alleine ist, bewies am Tag zuvor schon der „Spiegel“ mit seinem Titelbild der Ausgabe vom 28. März: Es zeigt ein Flugzeugfenster, das die Sicht auf ein Bergmassiv öffnet und so möglicherweise den letzten Blick eines Passagiers nachstellt und damit den Augenblick vor dessen Tod illustriert.

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Was man nicht darstellen will, das darf man nicht zeigen.

02.04.2015/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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