Ein Journalist mit Haltung

Zum Tod des SWR-Chefreporters Thomas Leif

Von Henrik Schmitz

24.01.2018 • Zum ersten Mal begegnet bin ich Thomas Leif als Fernsehzuschauer. Seine Dokumentation „Gelesen, gelacht, gelocht – Vom Irrsinn der Berater-Republik“ (SWR 2005) hatte ich nicht gezielt ausgewählt. Ich bin hineingeraten. Ich bin hängen geblieben. Was für ein wunderbares Stück Fernsehen. Was für ein Kunststück, ein komplexes und für die Demokratie wichtiges Thema so brüllend komisch und erhellend zugleich zu vermitteln. Und was für eine Chuzpe, als Presenter nicht hinter dem eigenen Werk zu verschwinden, sondern damit eins zu werden.

Journalisten sind eitel. Extrem sogar. Doch lange galt im deutschen Dokumentarbereich die Regel, die Fassade der Bescheidenheit aufrechtzuerhalten. Thomas Leif interessierte das nicht. Denn das Format passte zum Inhalt. Grandios etwa, wie er die Dorfkneipe im thüringischen Jützenbach enterte und sich von den Verantwortlichen vor Ort das Beratergutachten zum Thema „Gender-Mainstreaming in der Dorferneuerung“ erläutern ließ, das „Bottom-up statt Top-down“ empfahl. Kommentar Leif: „Alles Gute kommt also von unten“. Bei alldem kam ihm eine Eigenschaft zugute, die ihn besonders auszeichnete: sein Humor. Der befähigte ihn, auch die Absurditäten des Alltags zu erkennen und offenzulegen, die andere schon gar nicht mehr wahrnehmen. Völlig zu Recht erhielt Thomas Leif für den Film über die „Berater-Republik“ später den Helmut-Schmidt-Journalistenpreis.

Wenn es so jemanden wie den deutschen Michael Moore gab, dann war es Thomas Leif. Er brannte für seine Themen. Er machte sich in seinem Engagement stets gemein mit etwas oder war gegen das, was dem von ihm als gut Erachteten nicht diente. In Fall „Gelesen, gelacht, gelocht“ machte er sich stark für die Demokratie und plädierte gegen den Einfluss der Beraterbranche in der Politik. Er hatte also, was er vielen anderen absprach: Haltung. Und dazu eine unstillbare Neugier. Mit lausbubenhaftem Charme, geistreichem Witz, etwas verschroben und ungefährlich daherkommend, stets ein Zigarillo im Mundwinkel, näherte er sich den Menschen. Er nahm sie für sich ein. Er öffnete sie – oft, indem er sie bei ihrer Eitelkeit packte, wie etwa „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner für ein entsprechendes Filmporträt.

Er gab alles

Und meistens stieß er Menschen irgendwann auch gehörig vor den Kopf, was ihm in seinem Haussender, dem Südwestrundfunk, den Spitznamen „Don Intrigo“ einbrachte. Thomas Leif war also in jeder Hinsicht eine starke, auch stark polarisierende Persönlichkeit. Das Zitat von Bertolt Brecht, das Leifs Familie für die Todesanzeige in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gewählt hat, passt auf wenige Menschen so, wie auf Thomas Leif: „Aber die stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich.“ Thomas Leif starb, wie erst Mitte Januar bekannt wurde, am 30. Dezember 2017 im Alter von 58 Jahren. Er hinterlässt im deutschen Journalismus eine Lücke, wie sie zuletzt wohl nur der im Juni 2014 gestorbene „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher – wie Leif Wahl-Wiesbadener – hinterlassen hat. Ganz anders im Fall von Leif, aber ebenso klaffend und schmerzend.

Meine zweite Begegnung mit Thomas Leif hatte ich in Rom bei einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung. Leif hatte das Programm mit gestaltet, es ging – natürlich! – um irgendwas mit Journalismus. Abends saßen wir zu viert am Tisch, neben Leif noch der Medienjournalist Daniel Bouhs und der spätere „Bildblogger“ Lukas Heinser, junge Kollegen, denn zu den Lebensthemen von Thomas Leif zählte immer der Nachwuchs. Was wir dachten, was uns wichtig war, welche Zukunft wir uns erträumten: Das interessierte ihn. Und nebenbei gefiel er sich in der Rolle des Alleinunterhalters, der wortgewandt sprach, etwa über die „Leidenschaft Recherche“ (so auch der Titel eines seiner vielen Bücher; darunter auch Bestseller), und der uns in Zeiten der Medienkrise das Gefühl vermittelte, mit der Berufswahl doch alles richtig gemacht zu haben. Nebenbei lederte er aber auch über so ziemlich alles und jeden ab, dass es nur so krachte. So gut er austeilen konnte, so schlecht konnte er einstecken. Als Lukas Heinser ihm in einer Situation „Boulevardniveau“ vorwarf, fragte er tief getroffen: „Warum die Schärfe?“ – trank seinen Rotwein aus und ging. Zu seinen guten Eigenschaften zählte, dass am nächsten Tag alles vergessen war.

Und den Nachwuchsjournalisten, die er im richtigen Lager verortete (im Zweifel links) öffnete er Türen. Er unterstützte sie. Es gibt eine Reihe von Journalisten, die schon in jungen Jahren irgendwie, irgendwo, irgendwann mit Thomas Leif zu tun hatten. Neben Daniel Bouhs zum Beispiel Julia Friedrichs, Thomas Schnedler, Tina Groll, Nils Minkmar – und viele mehr. Vermutlich sah er in ihnen ein Stück weit sich selbst. Leif hatte früh mit dem Journalismus begonnen. Er hatte am Gymnasium in Daun in der Eifel die Schülerzeitung „Rückwärts“ gegründet (in der tiefschwarzen Region wohl eine gewagte Anspielung auf die SPD-Parteizeitung „Vorwärts“) und sich später bei der Jugendpresse Rheinland-Pfalz engagiert.

Diesem Engagement für den journalistischen Nachwuchs blieb er treu. Er besorgte und verbreitete seine berühmten „Papers“ und gelegentlich versuchte er sicherlich auch zu instrumentalisieren. Gerade weil er Haltung hatte und für Themen kämpfte. Dabei schoss er auch schon mal über das Ziel hinaus, wie die Episode „Netzwerk Recherche“ zeigt. Dass es bei seiner Ablösung als Vorsitzender des Netzwerks, an dessen Aufbau er maßgeblich beteiligt war, nicht nur um fehlerhaften Umgang mit Fördermitteln, sondern auch um eine Vereinsintrige ging, davon war Leif fest überzeugt. Es gibt Punkte, die dafür sprechen. Er selbst sprach von einem „Putsch“. An den eigenen Fehlern und dem eher suboptimalen Umgang damit ändert das nichts.

Dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk

Am engsten zusammen gearbeitet haben wir in der Projektgruppe des „Mainzer Mediendisputs“ – eine der zahlreichen Veranstaltungen (unter anderem auch das Demokratie-Forum „Hambacher Schloss“), die er ebenfalls mit Leidenschaft auf die Beine gestellt und denen er seinen Stempel aufgedrückt hatte. Denn Thomas Leif ließ keinen Zweifel daran, dass er seine Rolle des Primus inter pares vor allem als Primus interpretierte. Vielleicht zu recht. Denn das, was er sich selbst abverlangte, war enorm. Er erwartete es aber auch von anderen. Das ging so weit, dass auch schon mal um 3.00 Uhr nachts Arbeitsanweisungen und Listen mit Dingen, die zu erledigen seien, verschickt wurden. Verständnis für die nur allzu menschliche gelegentliche Neigung zur Faulheit, ging Thomas Leif vollkommen ab. „Hedonist“ war eines seiner Lieblingsschimpfwörter, mit dem er allerdings in der Regel die bedachte, die er zumindest intellektuell für satisfaktionsfähig erachtete. Und die bei den in seinen Augen relevanten Themen (Politik, Journalismus, Kirche) „à jour“, so ein anderes seiner Lieblingswörter, waren.

Sozialisiert wurde Thomas Leif in der Eifel, in seinem Geburtsort Daun. Aber darüber sprach er fast nie. Ihn interessierte das Privateste anderer Menschen. Wer mit wem wie viele Kinder hatte. Wer mit wem in welcher Kneipe gesehen worden war. Wer einen Abend lang mit Thomas Leif gesprochen hatte, musste die „Berliner Republik für den reinsten Sündenpfuhl halten. Gleichzeitig glich sein eigenes Privatleben eher der „verschlossene Auster“, dem von ihm ins Leben gerufenen Negativpreis des Netzwerks Recherche. Leif wusste alles. Aber über Leif selbst wusste man fast nichts.

Nicht, dass er der Vierte von sechs Brüdern war. Nicht, dass sein Vater Alois für die SPD in der Kommunalpolitik aktiv war – was Leifs politisches Denken geprägt hat. Nicht, dass er seinen Zivildienst in der Altenpflege in Bonn geleistet hatte. Nicht, dass er nicht nur gerne Politiker aufs Korn nahm, sondern in seiner Freizeit tatsächlich zum Hallali blies. Nicht, dass er sich sogar im Golfspiel (erfolglos) versucht hatte. Nicht, dass er Mitglied im Zentralkomitee deutscher Katholiken (ZdK) gewesen sein soll. Nicht, dass er eine Lebenspartnerin hatte, mit der er in Wiesbaden wohnte.

Ein Kämpfer für die Demokratie

Hatte Thomas Leif Freunde? Zu seinen Förderern jedenfalls darf man wohl Ulrich Sarcinelli zählen, der wie Leif Politologie an der Universität Koblenz-Landau lehrte. Denn, so sehr Thomas Leif als Journalist gesehen wird, er selbst verstand sich mindestens zur Hälfte als Politikwissenschaftler, der aus der Rolle des Beobachters dann auch gerne in die Rolle desjenigen schlüpfte, der sich strippenziehend in die Politik einmischte.

Sein eher verschlossenes Privatleben war vielleicht der Panzer, den er brauchte, um mit der Welt klarzukommen. Denn in dieser Welt lief aus seiner Sicht vieles falsch. Und darum prangerte er es an. Immer wieder von vorn. Leif war zum Beispiel der Ansicht, dass ein leitender SWR-Redakteur, der in der Badewanne lag, während im Land wichtige politische Weichenstellungen vor sich gingen, ein Problem mit der demokratischen Hygiene habe. Leif meinte auch, dass „Herzpunkte“ (vor allem Tote, Tiere, Kinder) als Relevanzkriterien für die Auswahl von Beiträgen in öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen denkbar ungeeignet seien. Leif glaubte, dass seine Sendung „2+Leif“ (SWR Fernsehen) journalistisch relevanter sei als die Polittalkshows im Ersten Programm der ARD. Und fest überzeugt war Leif davon, dass eine Partei (meistens meinte er seine eigene, die SPD), die bei der Personalauswahl daran scheiterte, jungen Talenten Karrieren zu ermöglichen, keine Zukunft habe. Wer wollte ihm da widersprechen?

Trotz seiner unerschütterlichen guten Laune war bei Thomas Leif stets auch eine Melancholie zu spüren. Vielleicht weil er mit seinen kritischen Beobachtungen meistens Recht hatte, aber selten Recht bekam. Weil es eben beim Recht-Bekommen in großen Organisationen wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vor allem aber der parlamentarischen Demokratie nicht nur auf die Fakten ankommt. Sondern auch darauf, Mehrheiten dafür zu organisieren. Und so war Thomas Leif in gewisser Weise auch ein Don Quijote, der mit seinen Büchern, seinen Filmen, seinen Moderationen, seinen Veranstaltungen für die Demokratie kämpfte. Der aber an den Windmühlen der Bürokratie auch scheiterte. Und vielleicht auch daran, dass längst nicht alle Menschen sein Energie-Level erreichten.

Meine letzte persönliche Begegnung mit Thomas Leif hatte ich auf dem 50. Geburtstag der rheinland-pfälzischen Grünen-Politikerin Tabea Rößner. Es war noch einmal ein Abend ganz nach seinem Geschmack. Vom Ecktisch aus kommentierte Leif die Mainzer Politelite. Er provozierte einen Staatssekretär, damit der ihm endlich „die Papiere rüberschiebt“. Und zum Reizwort „Kohl“ (diesmal nicht Helmut, sondern die Börsenexpertin Anja) referierte er über das Übel des Neoliberalismus und Missstände im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen Börsenberichterstattung Gratiswerbung für Konzerne sei und „nichts, aber auch gar nichts Erhellendes“ beizutragen habe.

Leitsätze seines Lebens

Ja, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk war für Thomas Leif einerseits Heimat. Aber die „Dorferneuerung“, die er dort beobachtete, passte ihm nicht. Auch darum engagierte er sich in der Otto-Brenner-Stiftung, stieß Studien an, half dabei, Preise ins Leben zu rufen. Das Schlechte anprangern, das Gute hervorheben – darum ging es ihm. Sein Verhältnis zum Haussender SWR, für den er zuletzt als Chefreporter arbeitete, war am Ende – vorsichtig gesagt – schwierig. Aber auch das lag wohl daran, dass Leif mit dem, was ihm besonders am Herzen lag, und zugleich mit denen, die ihm besonders am Herzen lagen, auch besonders kritisch war. SWR, SPD und katholische Kirche gehörten dazu. Er hielt sie für wichtig; er wünschte nur, sie wären eine bessere Version ihrer selbst.

In dem Buch „Kinder der Eifel – Erfolgreich in der Welt“ von Hermann Simon wird Thomas Leif nach dem roten Faden seines Lebens gefragt. Und er antwortet mit drei Leitsätzen: „Erstens muss man freiwillig mehr tun, als von einem erwartet wird. Zweitens muss man sich hartnäckig durchbeißen und Niederlagen nur als Zwischenstationen zum Ziel sehen. Und drittens muss man sich immer wieder klarmachen, dass die Sache wichtiger ist, als die Person.“

Man darf behaupten, dass Thomas Leif diesen Leitsätzen Zeit seines Lebens treu geblieben ist. Er gab alles. Und wie wir heute angesichts seines frühen Todes wissen, war das wohl mehr, als er geben konnte. Er ließ sich durch Niederlagen nicht aus dem Konzept bringen und rannte, wenn nötig, mit dem Kopf immer wieder vor dieselben Mauern. Und all das tat er, weil er wirklich für die Sache kämpfte. Mit Haltung für Demokratie und für soziale Gerechtigkeit. Mit dem Tod von Thomas Leif ist beidem ein Kämpfer verlorengegangen. Wie gut, dass Thomas Leif für den journalistischen Nachwuchs höchstselbst gesorgt hat.

Henrik Schmitz, Jg. 1978, arbeitete früher unter anderem als Medienjournalist und ist heute Vice President Communication Strategy bei der Deutschen Telekom in Bonn.

24.01.2018/MK
Thomas Leif (1959 bis 2017) Foto: SWR

Print-Ausgabe 3-4/2018

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