Die Nachlässigen und die Ernsthaften

Ein Streifzug durch die Kinomagazine im deutschen Fernsehen

Von Oliver Rahayel
30.04.1998 •

Das Kinopublikum neigt dazu, sich zu Klumpen zu formieren. Dieser Ansicht ist zumindest Arthur de Vany, Professor an der Irvine University von Kalifornien. Er folgt damit auf recht eigenwillige Weise einer Beobachtung Albert Einsteins, der bei sich ausbreitenden Gasen eine zunehmende Verklumpung festgestellt hatte – ein früher Hinweis auf die Chaostheorie. Auch mit Mozarts Musik, so de Vany weiter, könne man die Kinogänger vergleichen, da sich ihr Verhalten wie seine Kompositionen irgendwo zwischen gängigen Strukturen und Unvorhersehbarem bewege.

Mit Forschungen wie diesen wagt der Professor Unerhörtes, etwas, das man in Hollywood seit jeher vergeblich versucht hat: verlässliche Prognosen zu stellen oder wenigstens Gründe zu finden für den Erfolg oder Misserfolg eines Films. So absurd de Vanys Ausführungen klingen mögen, so wesenhaft erfassen sie, worum es in der amerikanischen Filmindustrie wirklich geht. Diejenigen Fernsehzuschauer jedenfalls, die sich zu Klumpen formierten, um im ZDF die Februar-Ausgabe von „Apropos Film” zu sehen – des renommiertesten und ältesten deutschsprachigen Kinomagazins – erfuhren in Berichten wie dem über de Vany und seine Thesen mal wieder einiges wirklich Wissenswertes zum Thema Kino. Etwas, das man von den meisten anderen Sendungen, die im deutschen Fernsehen ebenfalls unter der Rubrik Kinomagazin geführt werden, nicht gerade behaupten kann.

Witzig auch für Nichtakademiker

Welche Rolle spielt Brandon Fraser in „George, der aus dem Dschungel kam”? Den Tukan Tookie Tookie, den sprechenden Affen Ape? Oder George, den König des Dschungels? Selbst wem nicht geläufig ist, dass in einer Disney-Produktion – denn um eine solche geht es hier – sich generell zwar Tiere wie Menschen verhalten, selten aber Menschen wie Tiere, konnte die alberne Quizfrage wohl beantworten. Und mit etwas Glück eine Reise nach Kenia gewinnen, zwei Wochen Safari. „Ich bin Claudia Lehmann”, sagt Claudia Lehmann montags kurz vor Mitternacht zu Beginn von „exclusiv Kino”, dem Reisen verlosenden Kinomagazin auf RTL. „Schön, dass sie zuschauen”, sagt sie, doch es klingt wie: „Da haben Sie nochmal Glück gehabt.” Immer nur lächeln, so lautet die Devise, schließlich handelt es sich um das Derivat eines erfolgreichen Boulevardmagazins namens „exclusiv” und nicht etwa um ernsthafte Kulturberichterstattung.

Daher fragt Claudia Lehmann den Studiogast Heiner Lauterbach, wieder mal unrasiert, nicht nach den engen Grenzen seines Macho-Image, sondern sie will wissen, wie man sich denn so fühle, zum ersten Mal an einer Uni (denn dort spielt Sönke Wortmanns Film „Der Campus”). „Och, gut”, lautet die Antwort auf diese und ähnliche Fragen. Ansonsten gibt es in „exclusiv Kino” kurze und längere Besprechungen im Stil von „Witzig auch für Nichtakademiker” (eben „Der Campus”), „Flipper für Fortgeschrittene” „(„Free Willy 3”) und „Klischeehaftes Klagekino” („Der Bastard”) – wenngleich in schmissigen Alliterationen, leistet man sich hier immerhin Verrisse, anders als vergleichbare Magazine.

RTL ist ja auch der Einzug des aktuellen Kinogeschehens ins Privatfernsehen zu verdanken. Vor nunmehr zehn Jahren tauchte dort eine blonde junge Frau auf, sehr energisch und mit markantem Stirnband ausgestattet: Isolde Tarach. Ihre Sendung hieß „Action Kinoshow” und später „Action – Neu im Kino”, bis es Ende 1991 aus war mit der Kino-Action. Es dauerte bis 1996, da sich RTL mit „exclusiv Kino” wieder, wenn schon nicht der Kultur im allgemeinen, so doch wenigstens der populärsten aller Kunstformen widmete, abgesehen freilich von den ambitionierten Fenstersendeplätzen von Kanal 4 und Alexander Kluges DCTP, die RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma so hasst. Dafür bringt sein Sender in gewissem Sinne hundert Prozent mehr Kulturarbeit auf als sein größter Mitkonkurrent: Bei Sat 1 finden Kinomagazine nicht statt.

Abgründe der Kinorezension

Was „Apropos Film” im ZDF mit „Cinema TV” auf Pro Sieben verbindet (donnerstags, kurz vor 1.00 Uhr nachts), ist der Sponsor, ein Bierhersteller. Was sie trennt, ist die Substanz. Filme, die ein gewisses Tempo vorgeben, gelten bei „Cinema TV” grundsätzlich als „Achterbahnfahrt”, so auch „Lebe lieber ungewöhnlich” von Danny Boyle. Damit nicht genug: „Nach diesem Film könnte im Kino mal wieder richtig geknutscht werden”, vermutet die Rezensentin, so wie „Im Auftrag des Teufels” für „die beste Adaption des guten alten Faust” gehalten wird und „Hana-Bi”, einer der ergreifendsten Filme des jungen Jahres, schlichtweg „etwas für Quentin-Tarantino-Fans” sei – eine groteske Fehleinschätzung. Echte Verrisse kommen nicht vor: Die alberne Tragikomödie „Widows” etwa enttäusche nur „reine Komödienfans”. Der Vorläufer der Sendung hieß „Pro movie” und lieferte drei Jahre lang Berichte vom Film, manchmal sogar von Filmfestivals. So wie damals gibt es nun auch bei „Cinema TV” keinen Moderator mehr, seit die stets wahnsinnig gut gelaunte Susan Atwell verschwunden ist. Geblieben aber ist der heiter-belanglose Umgang mit dem Kino – zapp!

Der Abgründe nicht genug: „Making of” heißen gänzlich unkritische Beobachtungen von Filmsets, bei denen alle Befragten jeden und alles am Film toll finden. Inzwischen sind solche Sendungen auf diversen Kanälen zu sehen, etwa auf Sat 1, Vox und TM 3, gleichsam als vagabundierende Werbeblöcke; Untiefen zumal, die man leicht umgehen könnte, wenn sie nur stets korrekt gekennzeichnet wären. Bei Super RTL heißt dasselbe Produkt aber „Kino spezial” und ist folglich reiner Etikettenschwindel. Was man dort über „Comedian Harmonists” oder „Spice World” erfährt, wirkt markerweichend. Gleiches gilt für „movie movie” auf RTL 2, auch hier steckt das PR-Unternehmen SL-Medienproduktion dahinter, als Handlanger der Filmindustrie.

Der Pay-TV-Kanal Premiere nimmt es da schon etwas genauer. Seit dem Start des Senders im Jahr 1991 ist sein „Cine-Magazin” – unverschlüsselt – im Programm, im Juli 1995 ist es umgezogen ins virtuelle Studio. Zwar hat auch hier Moderator Christian Clerici vor allem Dressman-Qualitäten, die Beiträge aber wagen immerhin die nicht ganz risikolose Kreuzung aus ernsthafter Auseinandersetzung und populärer Verpackung. Da taucht zwischen den Hollywood-Starvehikeln „Copland” und „In and Out” sogar mal ein kleiner, hübscher französischer Liebesfilm in Gestalt von „Marius und Jeanette” auf und kommt auch noch gut weg. Über Beurteilungen lässt sich streiten, doch um der griffigen Vergleiche willen begeben sich die flotten Kinomagazine der Privaten allzu oft unbekümmert auf dünnes Eis. Das Metzel-Movie „Starship Troopers” explizit nur aufgrund der Special Effects filmgeschichtlich gleich neben Kubricks epochales Werk „2001 – Odyssee im Weltraum” einzuordnen, ist schon dummdreist. Auf dem Dienstleistungssektor bietet die Sendung Charts, News und Kurzinterviews. Nice Try.

Kino als Kunst – nur bei den öffentlich-rechtlichen Sendern

Während die meisten privaten Fernsehmacher ihre Zuschauer also offensichtlich als Kulturbanausen einschätzen – was sich an eigenproduzierten Sendungen ja noch deutlicher zeigt als an der Programmauswahl insgesamt – bleiben die öffentlich-rechtlichen Sender ihrer Tradition treu, Film tapfer als Kunst zu betrachten und auch so zu behandeln. Das ZDF bietet seit nunmehr 30 Jahren rund sechsmal im Jahr das mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) koproduzierte, seit jeher von Helmut Dimko und Peter Hajek geleitete und schon erwähnte „Apropos Film”. Als Schmankerl taucht die Kinowelt freilich auch am Ende von Nachrichtensendungen wie dem „heute journal” auf. Bei der ARD sieht man keinen Bedarf und, rein sendeplatztechnisch, auch keine Möglichkeit für ein Kinomagazin und begnügt sich damit, abgesehen von Spezialsendungen aus Berlin oder Cannes, Filmthemen in Kultursendungen einzubinden; dort sind sie immerhin meist in guten Händen.

Spitzenreiter unter den Dritten Programmen ist, was die fürs Kino reservierte Sendezeit angeht, das Hessen Fernsehen. Jeden Mittwoch werden eine halbe Stunde lang die neu startenden Filme vorgestellt. Folgerichtig heißt die Sendung seit 1990 „Kinostarts”; der Vorläufer mit Namen „Kinomagazin” widmete sich seit Beginn der 70er Jahre nur in unregelmäßigen Abständen dem Thema. Jeder Film wird in „Kinostarts” ausgiebig analysiert und durch Interviews ergänzt, etwa ein aufschlussreiches Gespräch mit Takeshi Kitano, dem Regisseur von „Hana-Bi”. Auch wird schon mal auf ein Buch hingewiesen, wie jüngst auf einen Bildband, in dem John Waters Lieblingsstandbilder aus eigenen Filmen und denen anderer Regisseure versammelt und verfremdet hat. Natürlich darf er sich bei dieser Gelegenheit auch zu seinem Lieblingsthema äußern, dem schlechten Geschmack.

Interessant an „Kinostarts” ist zuweilen die Divergenz der Meinungen zwischen den Autoren der Beiträge und den Moderatoren. Jürgen Kritz etwa, zugleich Redaktionsleiter und bekannt für seine verschmitzten Cannes-Berichte im Ersten, legte jüngst Wert auf die Feststellung, dass „Red Corner” kein ernstzunehmender Film über Tibet und die Chinesen sei, wie der Beitrag vermuten lassen konnte, sondern klischeehafte Hollywood-Action. Mit Verrissen spart am wenigsten bei Südwest 3: Der teils mittwochs im Rahmen der „Landesschau”, teils donnerstags im Kulturmagazin „Et Zetera” gelieferte Kinoüberblick reibt sich genüsslich an allen weniger gelungenen Filmwerken und macht dabei auch nicht vor großen Namen halt, im Gegenteil. Wenngleich manchmal übers Ziel hinausgeschossen wird, so entbehrt selbst die eine oder andere Bosheit nicht einer gewissen Grundlage. Bleibt abzuwarten, wie es mit der Kinoberichterstattung im ab September 1998 umgestalteten Dritten Programm des neuen Südwestrundfunks (SWR) weitergehen wird.

Gegen die Mainstream-Berichterstattung

„Seit fünf Jahren versuche ich, mit Ihnen ein Interview zu bekommen”, beklagte sich Richard Gere einst bei einem Reporter von „Kino Kino”. Natürlich nur ein Scherz, doch lässt sich daran schon ein wenig ablesen, weshalb das Kinomagazin des Bayerischen Fernsehens in den 20 Jahren seines Bestehens zum bei weitem lebendigsten seiner Art im deutschen Fernsehen wurde. Die Interaktion zwischen Kino- und Sendungsmachern beschränkt sich nicht auf Interviewtermine. Besonders eng verbunden fühlt sich die Redaktion unter der Leitung des „Kino Kino”-Mitbegründers Hubert von Spreti mit den Festivals der Region, mit München und Hof, die an sich schon bekannt sind für ihre familiäre Atmosphäre. Darüber hinaus begibt man sich auf die Suche nach Trends und Entdeckungen besonders im Bereich des europäischen und des unabhängigen amerikanischen Films. Nach den zahlreich wechselnden Moderatoren in gleichfalls wechselnden Studiodekos verzichtet „Kino Kino” inzwischen ganz auf die Moderation, was der Qualität des Magazins keinen Abbruch tut.

Auch bei „Kinorama” auf Arte kommt der Kommentar aus dem Off, und auch Arte stellt sich quer zum Aktualitätsdruck der Blockbuster-Starts. „Til Schweiger auf dem Weg zu einer internationalen Karriere” heißt es über „Der Bastard” – doch ansonsten belässt man es hier beim Berichten und hält sich mit einer Meinung vornehm zurück. Dann taucht wider Erwarten Woody Allen auf, von dem gerade gar kein Film im Kino läuft – sondern über den ein Dokumentarfilm entstanden ist, der ihn auf seiner Europatournee von 1996 zeigt, als Klarinettist. Unterhaltsam sei der Film, der deutsche Kinostart jedoch noch ungewiss. Es folgen ausgiebige Berichte über die Kunstauffassungen der Regie-Außenseiter Alexander Sokurow und Theo Angelopoulos sowie die Arbeit an ihren neuen Filmen. Keine Spur von Kevin Kline und Sönke Wortmann; geradezu vorbildlich weicht man hier der Mainstream-Berichterstattung aus und schafft, unter der Leitung von Meinolf Zurhorst, ein Magazin fast ausschließlich für Kino-Interessierte.

Das WDR Fernsehen schließlich bietet für Kinoliebhaber nicht nur seit jeher eine breit gefächerte Filmauswahl, sondern auch den profilierten „Filmtip”, ein viertelstündiges Forum für Filmkritiker aus ganz Deutschland, das auch hohen Ansprüchen genügt und sich im Tonfall letztlich immer als Hommage an das Kino gibt. Michael Althen etwa zerlegt „Copland” in Standbilder und verweigert sich der Synchronfassung, so dass Stallone und De Niro im Original mit Untertiteln reden dürfen; „Copland” als moderner Western und der Hudson River als der Rio Bravo von New York – das sind schon eher Vergleiche, die Sinn machen.

So anspruchslos kann das Publikum nicht sein

Neben den eigen- und fremdproduzierten Dokumentationen, die üblicherweise durch die Dritten Programme „rotieren”, brachte der WDR acht Jahre lang alle zwei Monate sein „Kinomagazin” auf den Schirm, ein ambitioniertes Projekt, das, so Redaktionsleiter Reinhard Wulf, nicht kommentieren und rezensieren, sondern die Filmemacher selbst zu Wort kommen lassen will – und dabei sowohl abseitigere Themen berücksichtigt, wie den Schweizer Kurzfilmer Urs Breitenstein, als auch Porträts über bekanntere Kinogrößen wie Ang Lee produziert. Dessen Ausführungen zur Dramaturgie seiner Filme bis hin zur Arbeit an einzelnen Szenen waren eine Lektion in Sachen Kinokunst. Der jüngste Beitrag (in zwei Teilen, am 20. April und 4. Mai) befasst sich mit der Restaurierung und der musikalischen Neuvertonung von Stummfilmen am Beispiel der Londoner Firma Photoplay. Auch hier ergänzen Filmausschnitte das Gesagte sehr genau und machen schlichtweg Lust auf Kino, auch und gerade auf das stumme.

Trotz aller Verdienste wurde das „Kinomagazin” im vergangenen Jahr, im Zuge der Reform des WDR Fernsehens, aus dem Programm genommen und ist seither nur noch auf 3Sat zu sehen. Der Dreiländer-Kultursender kann sich freuen, übernimmt er doch außerdem noch „Apropos Film” sowie Bayerns „Kino Kino”. Dazu produziert 3Sat auch selbst: unter dem Titel „Kennwort Kino” sind in unregelmäßigen Abständen ansehnliche monothematische Dokumentationen zu sehen: Porträts, Festivalberichte und Länderschwerpunkte.

Dass sich die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ernsthaft mit dem kulturellen Leben auch außerhalb des eigenen Mediums befassen, während die privaten das Thema ganz ausklammern oder es in eine programmkompatible Form unverbindlicher Unterhaltung pressen – es klingt wie eine Binsenweisheit. Dass die Privaten aber selbst das Kino derart nachlässig behandeln, obwohl sich ihre Programme doch seit jeher zu einem großen Teil aus Kinofilmen speisen, und nicht einmal nur den schlechtesten, bleibt rätselhaft. So gänzlich anspruchslos-homogen, wie die Privatsender es in den Kinomagazinen darstellen, kann ihr Publikum gar nicht sein.

• Text aus Heft Nr. 18/1998 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

30.04.1998/MK

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