Die Große Freie

Zum Tod der Fernsehkritikerin Sybille Simon‑Zülch

Von Uwe Kammann
15.09.2019 •

Am 24. August starb die Fernsehkritikerin Sybille Simon-Zülch im Alter von 74 Jahren in Bremen. Sie schrieb über mehrere Jahrzehnte für den Fachdienst „epd medien“ und für Tageszeitungen („taz“, „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Hamburger Abendblatt“). Bei der „Stuttgarter Zeitung“ hatte sie eine wöchentliche Medienkolumne. Im folgenden Nachruf würdigt Uwe Kammann, langjähriger verantwortlicher Redakteur von „epd medien“ und von 2005 bis 2014 Direktor des Grimme-Instituts in Marl, das Schaffen der Fernsehkritikerin. • MK

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In einem ihren letzten Beiträge für „epd medien“ beschrieb Sybille Simon-Zülch den Normalfall des kritischen TV-Betriebs: Während die „Süddeutsche“ eine Satire auf die bayerische Vorabendserie „Dahoam is Dahoam“ abkanzelte, kam „TV Spielfilm“ zum gegenteiligen Urteil. Sie selbst war ungnädig. Der Profilierungswille der Satire („Akte Lansing“, BR Fernsehen) tobe sich in „zusammenhangloser Albernheit, hemmungslosem Chargieren und allzu braven Seitenhieben gegen den Medienbetrieb“ aus. Wer die Autorin kennt – die über 40 Jahre lang genau, sehr genau hingeschaut hat, was denn diesen Betrieb ausmacht –, der weiß: Sie liegt mit ihrem Urteil richtig.

Heute muss man schweren Herzens korrigieren: Sie lagrichtig. Denn wir werden keine Kritik unter ihrem Namen mehr lesen können. Eine Kritik, in der aus jedem Wort, jeder Zeile, jedem Absatz herausleuchtete, was es heißt, ganz nahe bei seinem Sujet zu sein, es präzise zu erfassen, die Eigenschaften zu benennen und in Beziehung zu setzen; das Ganze einzuordnen in den großen/kleinen Gang der Fernsehgeschichte und der aktuellen ästhetischen Entwicklungen; es immer wieder zu vergleichen, en gros et en detail, die individuellen Qualitäten einzukreisen, die Akteure zu begleiten – und ihnen jeweils ein neues Zwischenzeugnis zu schreiben.

Leidenschaft und Qualität

Für sie selbst hätte man nicht nur aus Routine die Bestnote vergeben: Eins plus. Mindestens. Nun gab und gibt es ohnehin nicht allzu viele, die sich unterm Rubrum professioneller Kritik mit dem Fernsehen beschäftigen mögen. Dafür steht das Medium in der Hierarchie des Kunst- und Kulturbetriebs zu weit unten. Der Ludwigshafener Akademiechef Thomas Schadt hat dies in einer passionierten Laudatio auf Sybille Simon-Zülch und ihren Kritikerkollegen Fritz Wolf vehement beklagt. Weil „der rechte Weg des Fernsehmachens“ wegen der gesellschaftlichen Bedeutung jede kritische Aufmerksamkeit brauche.

Das war vor 19 Jahren, als Simon-Zülch und Wolf den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik erhielten, an jenem Ort, der seit Mitte der 1960er Jahre für die konzentrierte Reflexion von Medienqualität steht: im Grimme-Institut in Marl. Die beiden Laureaten sparten in ihren Dankesreden nicht an Selbstironie hinsichtlich ihrer Rolle. Um dann doch das eigene kritische Geschäft positiv zu grundieren. Gemäß eines Diktums des früheren Grimme-Chefs Hans Janke: Nicht nachlassen.

Nein, nachgelassen hat Sybille Simon-Zülch nie. Weder in ihrer Leidenschaft für das Medium – die sie selbst sogar in ihrer damaligen Preis-Dankesrede als Liebesbeziehung deklariert hat – noch in ihrer einzigartigen Qualität. Jedesmal, wenn wir in der epd-Redaktion – vor dem digitalen Zeitalter – den frischen SSZ-Brief aufschlitzten, waren wir voller Vorfreude. Weil aus dem Umschlag ein perfektes Typoskript herauslugte, perfekt in jeder Hinsicht: von der Form bis zum Inhalt.

Ein Inhalt, der präzise jedesmal Einsicht und Wissen vermittelte. Aufklärung in bester Form, dazu brillant formuliert, in einem bestechenden, das Lesen beflügelnden Rhythmus, mit exzellentem Vokabular. Voller sprühendem Witz, dann wieder durchzogen von feiner Ironisierung, nicht selten gewürzt mit gehörigem Sarkasmus oder zartbitterer bis böser Verachtung. Das alles aber nie im luftleeren Raum stilistischer Selbstverliebtheit oder unterm Siegel penetranter, selbstbezüglicher Besserwisserei. Sondern in exakter Dosierung bezogen auf den Gegenstand: einen Fernsehfilm, eine Serie – die Fiktion war ihr Spielfeld, Ausflüge ins Dokumentarische blieben Ausnahmen.

Bei allen ernsthaften Medienpreisen gefragt

Das wahrlich Wunderbare dieser steten Bereicherung (deren Ursprung nun über vier Jahrzehnte zurückliegt): Sie reicherte sich wiederum in sich selbst an, weitete ihr eigenes Gelände, schuf immer feinere Instrumente des Vergleichs und der Einordnung. Regisseure, Autoren, Schauspieler, Kamerakünstler, auch die Akteure drumherum, samt der produzierenden Apparate (auch des Films) und der konzeptionellen Animateure oder Verwalter: All das war im SSZ-Kopf versammelt – und jederzeit abrufbar.

Es bildete sich ein Erfahrungsschatz, den sie mit großem Gewinn ausschöpfen konnte. Dies nicht zuletzt in den neu konzipierten epd-Jahresrückblicken, kompakten Bilanzen, in denen mit hoher Verlässlichkeit abzulesen war, wie sich die fiktionale Fernsehlandschaft entwickelt hatte, sowohl tendenziell als auch in den herausragenden Einzelwerken. Auch andere Publikationen, von der „taz“ über die „Süddeutsche“ bis zur „Stuttgarter Zeitung“, profitierten davon.

Dass diese Fähigkeit wiederum bei allen ernsthaften Medienpreisen gefragt war: unvermeidlich. Grimme-Preis, Baden-Badener Fernsehfilm-Preis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste (mitsamt dem Hörspiel-Ableger), Deutscher Fernsehpreis, Geisendörfer-Preis – sie alle wussten, was sie an Sybille Simon-Zülch hatten. Wobei zur außerordentlichen Programmkenntnis und Diskussionskunst immer auch die außergewöhnliche Persönlichkeit kam, mit all ihrem humorgrundierten Charme und den liebenswürdigen kleinen/großen Eigenschaften, von kuscheligen Pullovern mit großen Rollkragen über gelebte/erzählte Venedig-Liebe bis zu Metallschachteln fürs fingerfertige Zigarettendrehen.

Dass die Stimme leicht rauchig war, erklärt sich somit von selbst. Dass sie zugleich leicht sinnend wirkte, mit einer zarten Frage-Membran unterlegt, manches Mal mit ungläubigem Unterton oder hartnäckigem Neugier-Zusatz – das half nicht wenig, um der Argumentation in langen Jury-Sitzungen ein spezielles spezifisches Gewicht zu geben. Oder in der Funktion der Jury-Vorsitzenden eine natürliche Autorität auszustrahlen. Da war kein Autoritätsgehabe, um schwierige Pattsituationen zu entwirren, sondern der erkennbare Wille, trotzige Streithähne wieder auf einen Diskursweg einzustimmen und Überzeugungstäter an ihr besseres Jury-Ich zu erinnern: stetiger Multi-Log statt Ego-Manie.

Angst, es sich mit den Kollegen zu verderben, hatte Sybille Simon-Zülch nie. Sie hatte ohnehin keinerlei Scheu, etwas klipp und klar zu benennen. Etwa wenn sie in Diskussionen die grundlegenden Kenntnisse zum verhandelten Gegenstand vermisste und/oder lauter unzureichendes Handwerkszeug bemängeln musste. So einmal bei den Baden-Badener Tagen des Fernsehspiels (seit dem Jahr 2000: Fernsehfilm-Festival Baden-Baden), als eine Runde das Komödiantische in der deutschen Fernsehlandschaft erörtern sollte, dabei aber lediglich das Klischee der Wüstenei bemühte. In ihrem Bericht bewies die Kritikerin postwendend mit schneller Aufzählung von Titeln das Gegenteil. Und belegte so die binnenpopulistische Ahnungslosigkeit der prominenten Diskutanten.

An anderer Stelle, wieder in Baden-Baden angesiedelt (2003), nahm sie im epd-Bericht die ganze Jury auseinander, weil diese über Plattitüden nicht herauskam: „Wenn […] so gut wie nie um Maßstäbe fachlicher Kritik gestritten wird, wirkt das Bekunden von Betroffenheit oder Nichtbetroffenheit doch reichlich unbefriedigend.“

Unerschrockene Grundhaltung, offene Zuneigung

Nein, das Gefühlige und Ungefähre reichte ihr nie, auch nicht das, was allzu leicht und allzu durchsichtig mit Haltung bezeichnet wird. Konformismus jeder Art war ihr fremd, politische Korrektheit ein Gräuel, geschmeidiges Mitschwimmen im Strom des gerade Gängigen unter dem Beifall der Gutwilligen und Gutmeinenden mehr als verdächtig. Dann konnte sie in ihrer entlarvenden Argumentation auch schneidend scharf sein, unmissverständlich.

Diese unerschrockene Grundhaltung galt auch gegenüber den Großen der Szene, die sie mehr als nur respektierte, sondern denen sie – durchaus professionell imprägniert – offene Zuneigung entgegenbrachte, sicher auch eine innere Liebe wegen der medialen Meisterschaft. So wie bei Heinrich Breloer. Sein neuer „Brecht“-Film, der im März dieses Jahres bei Arte und im Ersten zu sehen war, offenbarte für sie all sein Können. Beim „Speer“-Dreiteiler kam sie 2005 zum Fazit: „Klüger als zuvor ist man nach diesen viereinhalb Stunden opulenter Inszenierung nicht.“

Wenn sie lobte – und sie konnte aus vollem Herzen loben, sogar schwärmen –, verfiel sie wiederum nie in pure Seligkeit. Exemplarisch nachzulesen in ihrem Glückwunschartikel zum 60. Geburtstag von Dominik Graf, dem übrigens Fernsehen in Abwesenheit der Eltern streng verboten war. So weit ging es bei SSZ nie. Sie war sogar familiär vorbelastet: weil (stimmt die Erinnerung?) ein Onkel als Grafiker beim Süddeutschen Rundfunk die Inserts malte, à la Kleine Störung.

Wie gerne hätten wir von Sybille Simon-Zülch, der Großen Freien, weiter viele ihrer wundervollen Stör- und Klärbeiträge lesen wollen. Doch bleibt nur eine Einblendung. Die letzte.

15.09.2019/MK

Sybille Simon-Zülch (1945-2019)