Der Latzhosen-Sokrates

Zum Abschied von Peter Lustig

Von Markus Schächter

Am 23. Februar war Peter Lustig, langjähriger und äußerst populärer Moderator der ZDF-Kinderreihe „Löwenzahn“, in der Nähe von Husum im Alter von 78 Jahren gestorben (vgl. MK-Meldung). In Berlin gab es am 14. April für Peter Lustig, dem zuvor im engsten Familienkreis bei einer Seebestattung wunschgemäß ein kleiner Abschied gegeben worden war, eine Gedenkfeier. Dort hielt der frühere ZDF-Intendant Markus Schächter die im Folgenden abgedruckte Rede. Schächter, 66, war von 2002 bis 2012 Intendant und von 1998 bis 2002 Programmdirektor des ZDF. Zuvor war er bei dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender unter anderem auch Leiter der Redaktion „Kinder und Jugend“(1985 bis 1992). • MK

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Wir nehmen heute Abschied von einer Ikone des deutschen Fernsehens und von einem wunderbaren Menschenfreund. Sein Tod hat unendlich viele Menschen unseres Landes bewegt. Viele trauern um ihn als einen Helden ihrer Kindheit, der ihre Kinderzeit reicher und schöner gemacht hat. Für viele, auch für mich, hat er das Beste des guten, klassischen, gemeinwohlorientierten Fernsehens verkörpert. Er war eine Personifikation von gelungener Qualität im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ein sanfter und charismatischer Brückenbauer, der Anspruch, Haltung und Relevanz mit Spannung, Augenzwinkern und Humor zu verbinden wusste.

Er hatte für diese Haltung ein ganz klares Credo: Wer für Kinder Fernsehen machen will, der muss so gut, so genau, so einfallsreich und sorgfältig sein wie beim Fernsehen für Erwachsene. Nur besser! Auf dieses „Nur besser!“ war er sein ganzes Berufsleben lang fixiert. Für diesen Mehrwert lebte er. Es war seine ansteckende Philosophie von Qualität. So hat dieser wunderbare und wunderliche Mann mit den blauen Latzhosen und der kauzigen Nickelbrille in Hunderten von Filmen Millionen von Kindern die Welt erklärt. Mit dem Schalk in den Augen, ohne Gedöns, kerzengerade, einfach, ohne je simpel zu werden. Und ohne Fake, authentisch und echt. So wie der Name. Peter Lustig. Ein Kollege hat ihm in sympathisierender Ironie ein neidvolles Etikett umgehängt: Latzhosen-Sokrates. Er mochte diesen Spott. Er mochte auch das sokratische Diktum: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Peter ergänzte den Satz gerne und ironisch mit dem Claim aus der Waschmittelwerbung: „Weißer geht’s nicht!“ Er wusste mehr als andere: Mit der Erkenntnis, etwas nicht zu wissen, fängt das Fragen an. Das Fragen und Infragestellen, Erproben und Probieren, Tüfteln und Versuchen, Experimentieren und Entdecken, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Das war Peters Sache. Hebammenkunst nennt man das in der Sokratischen Philosophie. Peter beherrschte dies wie kein anderer. Er war eine perfekte Hebamme. Beim „Auf-die-Welt-Bringen“ von Antworten und Lösungen war er ganz tief in seinem Element.

Ein großartiger Menschenfreund

Diese unstillbare Neugier machte einen Teil seiner Faszination aus. Ein anderer Teil war seine Authentizität. Die Freundlichkeit, die natürliche Herzlichkeit. Sein Humor, sein Schalk. Die Lebensfreude, auch der Genuss. Beim Abendessen sollte es schon ein guter Brunello sein. Und mit Vorliebe schrieb und malte er Vertragsskizzen oder seine Vorstellung für den nächsten Vertrag auf die Essensservietten. „Die kannst du zu meinen Akten heften!“, sagte er mit einer gönnerischen Geste. Peter Fritz Willi Lustig, wie er sich mit Vorliebe bei all seinen Vornamen gern vorzustellen pflegte, war, so zufällig und ingeniös er als Moderator entdeckt wurde, ein grandioser Glücksfall für das Kinderfernsehen. Es passte alles zusammen. Der Privatmensch und der Moderator, der freundliche Tontechniker und der Schauspieler. Sie sind aus einem Guss. Peter Lustig bleibt in jeder Rolle er selbst, ein und derselbe, der Weltenerklärer mit den Latzhosen, ein Dickkopf, der meist recht hatte, ein Tüftelfuchs mit den spöttischen, unterhaltenden und lachenden Augen.

Vom allerersten Anfang ist Peter Lustig auch Autor und Texter, Szenenerfinder und Musiker für die eigenen Sendungen. Der Bastler, der auch im wahren Leben pausenlos tüftelte und experimentierte. Er sucht das Komplizierte, um es dann in einfachen Fragen zu zerlegen. Er bleibt neugierig, will es für sich selbst wissen und geht den Sachen auf den Grund. Ein Scheitern wird lustvoll inszeniert. Um dann doch plötzlich mit einer unglaublichen Wendung ein Licht der Erkenntnis im Tunnel der Unwissenheit zu entzünden. Sein singulärer Humor, das stupende Wissen, seine klare Haltung und die freundliche Bestimmtheit, im Einsatz für die möglichst optimale Qualität und die richtige Tonalität sich von niemandem übertreffen zu lassen, waren in jedem Take und in jeder Sequenz präsent. Aber auch dies: Sein besonderer Humor und seine unverstellte Heiterkeit machten die Begegnungen mit ihm allein durch seine schiere Präsenz zum Wohlfühlerlebnis.

Er bat mich, in seinem „Löwenzahn-Spezial“ zum Thema „Die Reise ins Abenteuer“ eine Gastrolle zu übernehmen. Die Dreharbeiten mit ihm wurden für mich zu einem kleinen Highlight des Intendantenalltags. Er hat mich beraten in der Frage des Outfits und hat mich Probe sprechen lassen für meine drei mageren Sätze. Als es beim ersten Mal nicht gleich klappte, hat er mich korrigiert und den Arm um meine Schulter gelegt und voll pastoraler Milde geknurrt: „Wie soll ein Intendant auch so etwas können!“ Die Nachricht von seinem Tod hat mich sehr traurig gemacht. Wir alle haben mit ihm einen großartigen Menschenfreund verloren. Einen Freund, der zu Recht eine legendäre Ikone des Fernsehens bleiben wird. Ich verneige mich mit tiefem Respekt vor seiner wunderbaren Lebensleistung.

30.04.2016/MK
Peter Lustig (1937 bis 2016) Foto: ZDF

Print-Ausgabe 25-26/2018

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