Das Krokodil und seine Mitspieler

Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

Von Karl-Otto Saur
27.09.2013 •

Hamburg im Frühjahr 1990. Hellmuth Karasek verlässt in einer Seitenstraße an der Alster einen seiner Lieblingsitaliener. Von der gegenüberliegenden Seite wechselt eine Frau die Straße und steuert auf Karasek zu. „Das war wieder großartig, was Sie gestern gemacht haben“, strahlt sie ihn an, der am Tag zuvor wieder bei Marcel Reich-Ranicki am „Literarischen Quartett“ teilgenommen hatte. Karasek strahlt zurück und flüstert, als die Frau sich entfernt, seinem Begleiter zu: „Das will ich in Zukunft noch öfter erleben.“

Zwei Jahre zuvor war die erste Folge des „Literarischen Quartetts“ ausgestrahlt worden. Die Vorgeschichte: Die beiden ZDF-Redakteure Johannes Willms und Dieter Schwarzenau waren zu Marcel Reich-Ranicki gereist, um ihm eine regelmäßige anspruchsvolle Literatursendereihe anzubieten. Reich-Ranicki sagte zu, wenn die Sendung zu seinen Bedingungen produziert werde: keine Einspielfilmchen, keine nachgedrehten Szenen aus den Büchern, keine Spaziergänge mit den Autoren in die sinkende Sonne hinein, keine Homestorys. Allein Bücher sollten im Mittelpunkt stehen und nur Bücher. Dazu vier Menschen, die sich darüber unterhalten sollten. Es war eigentlich das Konzept, mit dem beim Österreichischen Rundfunk (ORF) der Redakteur Peter Huemer seinen „Club 2“ zum Erfolg geführt hatte: ein Kasperl, eine Gretel, ein Polizist, ein Krokodil. Und vier bequeme Sessel.

Reich-Ranicki war die ideale Besetzung für eine solche Sendung. Zwar erschien seine Lebensgeschichte erst sehr viel später, doch alle in der Szene kannten seinen Lebensweg, der ihn vom bürgerlichen Warschau ins Ghetto und später ins KZ geführt hatte. Nach vielen Umwegen war er 1958 nach Deutschland gekommen. Und von und von da an beschäftigte er sich auch beruflich mit der von ihm so geliebten Literatur. Zunächst als Redakteur bei der „Zeit“ und später bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Das Etikett „Literaturpapst“ erarbeitete er sich dort und so mancher Autor zitterte vor seinen Besprechungen. Schlimmer konnte nur sein, von ihm nicht besprochen zu werden.

Die Donnergottrolle

Er scheute keine öffentliche Auseinandersetzung, keine Fehde. Und das war auch die Haltung, mit der er seine ZDF-Sendung begann. Allerdings wich er in einem Punkt ab. Er ließ sich im Kasperltheater nicht auf eine Rolle festlegen, er entschied, welche er einnahm, und er diktierte den anderen, welche für sie übrig blieben. So war er nie der Kasperl, den überließ er lieber Hellmuth Karasek. Und die Gretel wollte er einmal zu oft von Sigrid Löffler gespielt haben, bis diese entnervt aufgab. Für sich selbst reservierte er am häufigsten das Krokodil, aber auch den Polizisten lehnte er nicht ab. Und so machte Marcel Reich-Ranicki „Das Literarische Quartett“ zur bekanntesten und zeitweise auch zur erfolgreichsten Literatursendung im deutschen Fernsehen. Der Marketingwert für das ZDF war unbestritten, ebenso wie der Verkaufserfolg für die besprochenen Bücher. Aber auch der Marketingwert von Reich-Ranicki stieg stetig an.

So war es kein Wunder, dass er 2008 vom Stiftergremium des Deutschen Fernsehpreises den Ehrenpreis zugesprochen bekam. Dort konnte man ihn bei der Gala-Show in Köln zum letzten Mal in seiner Lieblingsrolle als Donnergott erleben. Nachdem er glaubte, lange genug gewartet zu haben, hielt er keine Dankesrede, sondern beschimpfte die versammelte Elite des Mediums, ihn hinterhältig zu einer äußerst mäßigen Veranstaltung gelockt zu haben. Den Preis müsse er unter diesen Bedingungen leider ablehnen. Dabei hatte er nur übersehen, dass im deutschen Fernsehen auch noch andere Sendungen nach der Dramaturgie des Kasperltheaters konzipiert sind. Aber gerade auch für seine Donnergottrolle werden wir alle Marcel Reich-Ranicki, der am 18. September 93‑jährig in Frankfurt am Main starb, noch schmerzlich vermissen.

Text aus Heft Nr. 39-40/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

27.09.2013/MK
Urnengrab von Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Teofila auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main Foto: da/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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