BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Infinite Scrolling mit „Tatort“ und „Traumhotel“: Die ARD-Mediathek, abtörnender Überfluss und versteckte Perlen

Von Christian Bartels
08.10.2020 •

Was heißt es bei Netflix, wenn man sich nach der nur einmal kurz unterbrochenen Sichtung einer über zweieinhalbstündigen Produktion ausloggt? „Schon fertig? Das ging aber schnell.“ So es steht dann da auf einer Einblendung zu lesen, ergänzt um den freundlichen Hinweis, dass Ausloggen im Übrigen überhaupt nicht nötig sei. Vermutlich kann Netflix Daten zum Mediennutzungsverhalten besser sammeln, um künftig noch bessere „Nutzererlebnisse“ zu bieten, wenn man eingeloggt bleibt. Um einen Datenkraken handelt es sich bei dem Streaming-Anbieter ja auch.

Algorithmen, die vom Video für die nächsten paar Minuten bis zum Partner für den nächsten Lebensabschnitt alles Mögliche individuell empfehlen, haben sich im Plattformkapitalismus als sicht-, hör- und spürbarste Form sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) etabliert. Auf den großen Videoplattformen endet kein Beitrag mehr, ohne dass der nächste, automatisiert auf persönliche Interessen maßgeschneiderte Beitrag entweder ungefragt anläuft oder wenigstens in Form beweglicher bis tönender „Key Visuals“ mit den Hufen scharrt. Reine „Thumbnails“, unbewegte daumennagelkleine Vorschaubilder, sind bereits ziemlich passé.

Dass Nutzer immer länger dabeibleiben, ist ein wesentlicher Erfolgsparameter. Den sagenhaften TikTok-Algorithmus ins US-amerikanische Ausland zu verkaufen, hat Chinas Regierung verboten, so wie YouTube seine Empfehlungs-Engine“ als strenges Geschäftsgeheimnis hütet. Auf Netflix werden „bei jedem Film [...] Dutzende Variablen gemessen: Verweildauer, letzter Zugriff, gesehene Filme“, auf dass dieser permanent weiterwachsende Wissensschatz in die Berechnung erfolgreicher neuer Produktionen einfließen kann. Was so nicht funktioniert, wird weder fortgesetzt noch lange groß empfohlen.

Filme? Kapstadt, Lavendel, Meerblick

Und da hat nun ARD-Programmdirektor Volker Herres vor seinem für Frühjahr 2021 angekündigten Rücktritt die Absicht, noch rasch „eine ganz wichtige Weichenstellung weiter auf den Weg zu bringen“ und aus der ARD-Mediathek „neben dem Ersten gleichwertig einen für möglichst viele Nutzer attraktiven Abruf- und Streamingdienst“ machen? Das zeugt von Ambition.

Inzwischen ist ardmediathek.de eine Sammelmediathek für die Fernsehprogramme des Hauptprogramms Das Erste, aller ARD-Mitgliedsanstalten und weiterer nachgeordneter Spartenprogramme wie One und ARD-alpha. Der in Gemeinschaft mit dem ZDF betriebene Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix gehört auch dazu, das in Gemeinschaft mit dem ZDF und Arte France betriebene deutsch-französische Kulturprogramm Arte nicht. Mangel an Inhalten herrscht jedenfalls nicht. (Dass der öffentlich-rechtliche Krimi-Überfluss in den Mediatheken für Fans vielleicht verlockend, für Kritiker allerdings exemplarisch abtörnend nebeneinandersteht, war an dieser Stelle schon mal Thema). Einen Trend der kalkuliert süchtig machenden Erfolgsplattformen hat die ARD-Mediathek ebenfalls aufgenommen: das „Infinite Scrolling“, die potenziell unendliche Abfolge“. Wenn man bei Twitter, Instagram oder YouTube nach unten scrollt oder wischt, scheinen die Seiten niemals zu enden.

Okay, die Filme-Seite der ARD-Mediathek endet irgendwo weit unten doch. Anders als plattformkapitalistische Giganten (bei denen viele, darunter ARD und ZDF, unendlich viele Inhalte ja gratis raufladen) muss die ARD für Online-Rechte schließlich bezahlen. Auch deswegen nimmt sie viele Beiträge nach Wochen, Monaten oder Jahren aus dem Netz, zumindest bis zu ihrer nächsten Wiederholung bei One oder in irgendeinem Dritten Programm.

Allerdings dürften die meisten, die sich für Spielfilme interessieren, schon weit vorm Seitenende jegliches Interesse verloren haben. Die Vorschaubilder sind einander so ähnlich wie die Fernsehkrimis und -schmonzetten im Programm sich auch: „Einfach Rosa – Wolken über Kapstadt“, „Maria, Argentinien und die Sache mit den Weißwürsten“, „Allmen und das Geheimnis der Libellen“, dazu natürlich „Tatort“- und aktuell wieder „Traumhotel“-Episoden. Angeboten wird, was in den Alles-Mögliche-Programmen so herumrotiert: „Birnenkuchen mit Lavendel“, „Praxis mit Meerblick – Willkommen auf Rügen“, „Ein Schnitzel für drei“. Wie in den linearen Programmen stammt das meiste aus dem jüngsten halben Jahrzehnt. Mitunter verweist ein schwarzweißes Thumbnail-Bild auf eine alte „Polizeiruf-110“-Folge aus DDR-Zeiten, doch neue, bunte „Polizeiruf-110“-Folgen aus den drei Nachwende-Jahrzehnten überwiegen. Aktuell gibt’s noch den ein oder anderen Wim-Wenders-Film oder Andreas Dresens preisgekrönte Produktion „Gundermann“ (der aber nur eine Woche, bis zum 10. Oktober, verweilt).

Hilft es, ins Suchfeld der ARD-Mediathek „Spielfilm“ einzugeben? Zumindest in der älteren Fernsehpublizistik galt der Begriff ja als Synonym für Kinofilm, im Gegensatz zum Fernsehfilm (oder gar „Fernsehspiel“). Nein, es hilft nichts. Außer auf dreiminütige Kulturkalender“-Beträge, in denen zum Kinostart oder aus anderen Gründen über neue Filme berichtet wird, oder auf anbiedernd betitelte „Filmtipps für dich“ stößt man da sogar auf nicht abendfüllende Serienfolgen wie Familie Dr. Kleist (118)“, die der Hessische Rundfunk (HR) aus irgendeinem Grund als „Spielfilm“ zu rubrifizieren pflegt. Was man hingegen nicht findet, ist eine kleine Mediatheken-Sensation: gute, alte und sehenswerte Spielfilme, die sich in der die ARD-Mediathek nämlich inzwischen auch befinden, vorübergehend zwar nur, aber immerhin.

Ein Nischenplätzchen im Plattformkapitalismus

Zum Beispiel aktuell Tagebuch einer Verlorenen“ mit Louise Brooks von G.W. Pabst aus dem Jahr 1929 und die zwei Jahre jüngere Berlin-Alexanderplatz“-Verfilmung mit Heinrich George. Noch bis zum 18. Oktober sind sie verfügbar und wurden, offenbar ohne lineare Ausstrahlung, von der Mediathek-Programmdirektion ins non-lineare Angebot hinein-… heißt es: …kuratiert? Jedenfalls geschah es, um den ARD-Free-TV- und Mediatheken-Start der binge-watch-baren neuen Staffel der Serie „Babylon Berlin“ anzufeuern. Die spielt bekanntlich vor dem Hintergrund des disruptiven Einzugs der neuen Mediengattung Tonfilm in die etablierte Stummfilm-Welt im Berlin der 20er-/30er-Jahre-Wende des vorigen Jahrhunderts. Da ergibt es inhaltlich Sinn, ein Paket mit Stumm- und frühen (noch relativ stummen, weder sehr dialog- noch sehr musikreichen) Tonfilmen anzubieten. Vor einiger Zeit gab es zum 75. Geburtstag des Regisseurs eine bemerkenswert umfangreiche Wim-Wenders-Retrospektive, die selbst so vergessene Werke enthielt wie „Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter“ (mit dem aus unzähligen Krimifolgen bekannte Arthur Brauss in einer seiner sehr wenigen Hauptrollen) und aus der – wie erwähnt – noch zwei, drei Filme weiterhin zu finden sind.

Der Kultursender Arte bietet in seiner Mediathek eine (Spiel-)Filme-Abteilung. Nur knapp 30 Filme enthält sie derzeit, bis zum 12. Oktober zum Beispiel noch welche von Eric Rohmer, bevor sie nach einem halben Jahr aus dem Angebot verschwinden werden. Die Auswahl wirkt ähnlich erratisch wie die jeweilige Verweildauer, doch bei Arte ein Lesezeichen zu setzen, lohnt sich für Cineasten.

Was die ZDF-Mediathek betrifft, besteht inzwischen eine rudimentäre Vernetzung zur ARD. Man kann sich bei „Mein ZDF“ per „ARD-Konto“ einloggen. Nötig ist so ein Anmelden nicht. Es bietet ein paar Service-Elemente à la Netflix, etwa, dass unterbrochene Sichtungen sich an der richtigen Stelle fortsetzen lassen. Ein wichtigerer Zweck dürfte darin bestehen, jungem Publikum weiterzuhelfen, das zwar – zum Beispiel – den „Tatort“ als öffentlich-rechtliche Marke kennt, aber möglicherweise nicht weiß, ob sie dem Ersten oder dem Zweiten zuzuordnen ist. Selbstverständlich wäre eine gemeinsame ARD-ZDF-Mediathek sinnvoll.

Wodurch allerdings ein Schuh draus würde: außer den offensichtlichen Überfluss an Programmfarben wie Krimi, Comedy und Talkshow auch das auffindbar zu machen, was die Öffentlich-Rechtlichen linear gar nicht zeigen (oder an derart entlegenen Sendeplätzen, dass potenziell interessiertes Publikum es kaum bemerkt). Zum Beispiel Stummfilme oder alten „Jungen Deutschen Film“. So etwas entschwand aus den linearen Programmen wegen der Fixierung auf Einschaltquoten, die nicht zuletzt, was die ARD angeht, zu den Verdiensten von Programmdirektor Volker Herres zählt.

Pabst, George, alter „Junger Deutscher Film“

Neuerdings müssen für solche Werke gar keine linearen Sendeplätze irgendwo zwischen Spätnachrichten und Krimi-Wiederholung mehr gefunden werden. Bloß: Das Publikum sollte diese Werke finden können. Warum kann man in der ARD-Mediathek nicht nach Produktionsjahr oder nach Jahrzehnten suchen? Warum gibt es keine Spielfilm-Sektion wie bei Arte, warum keine „Klassiker“-Sektion, die jeden Monat eine andere Auswahl älterer Fernsehfilme vorstellt? „Kulturelles Erbe“ ist ein schwieriger Begriff, zumal in diskursiv aufgepeitschten Zeiten. Audiovisuelles Erbe verfügbar zu machen aber wäre etwas, wodurch die Öffentlich-Rechtlichen ihren häufig eingeforderten Kultur- und Bildungsauftrag offensichtlich erfüllen könnten.

Und es wäre dazu noch ein transparent erklärtes und individuell einstellbares Gegenmodell zu den Süchtig-mach-Empfehlungsalgorithmen von Netflix und YouTube, das nicht dazu auffordert, mehr als zweieinhalb Stunden pro Tag vorm jeweiligen Gerät zu verbringen. Und das im Sinne der ziemlich vergessenen Ulrich-Wilhelm-Idee einer sender- und länderübergreifenden europäischen Plattform nach draußen verlinkt. Das könnten Rezepte sein, durch die öffentlich-rechtliche Mediatheken sich im Plattformkapitalismus ein respektables Nischenplätzchen sichern könnten.

Kämen dann noch gut moderierte Kommentare-Spalten hinzu, in denen – ähnlich wie unter manchen YouTube-Kanälen – fruchtbare Diskussionen toben… Stopp, das ist Zukunftsmusik. Erst einmal müsste die ARD es hinbekommen, dass man den stummen G.W.-Pabst-Klassiker „Tagebuch einer Verlorenen“, den sie sympathischerweise noch „bis 18.10.2020  23:59 Uhr“ online zeigt, findet, wenn man mit dem Namen des Regisseurs sucht. Zur Zeit funktioniert nicht mal das.

Aktuell enthält die ARD-Mediathek einzelne gute Ideen – aber da gibt es noch viel Luft nach oben.

08.10.2020/MK

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