Sein Name ist für immer mit dem „Rockpalast“ verbunden: Erinnerungen an Peter Rüchel

27.02.2019 •

Peter Rüchel, der am 20. Februar im Alter von 81 Jahren in Leverkusen gestorben ist, wird für immer mit dem „Rockpalast“ (WDR) und vor allem mit dessen Live-TV-Übertragungen aus der Essener Gruga-Halle in den 1970er und 1980er Jahren verbunden sein. Doch Peter Rüchels Geschichte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist deutlich reicher und abwechslungsreicher, als in den meisten Nachrufen dargelegt.

Er war, nach einem langen Studium und einer aufgegebenen Dissertation in der Literaturwissenschaft, im Filmarchiv des damaligen Senders Freies Berlin (SFB) tätig, als er in der Kantine der Anstalt mit den Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch kam, die dort ein neues Jugendprogramm für den Hörfunk entwickelten. Sie engagierten ihn 1968, um für die neue Sendung „S-F-Beat“ tätig zu werden. Die später üblich gewordene Frage nach einer „Eignungsvoraussetzung“, so erinnerte sich Rüchel an seine Anfänge, sei damals nicht gestellt worden. Wenn man etwas konnte und von etwas Ahnung hatte, dann sagten die Hierarchen jener Zeit: „Wir lassen ihn mal machen.“ In der politisierten Phase Ende der 1960er Jahre fiel „S-F-Beat“ mit seiner Mischung aus Rockmusik und gesellschaftskritischen Beiträgen auf und mit der Sendung auch Peter Rüchel.

Fernsehen – eine Art Hörfunk

So erreichte ihn 1970 eine Anfrage aus Mainz, ob er beim dortigen ZDF mit Helmut Greulich eine Jugendsendung aufbauen wolle. Auf die Frage, ob der Medienwechsel vom Radio zum Fernsehen ein Problem dargestellt habe, antwortete Rüchel vor einigen Jahren im Gespräch, dass für ihn Fernsehen eine Art von Hörfunk gewesen sei. Zudem habe er den SFB verlassen müssen, da die Stimmung unter dem neuen Intendanten Franz Barsig deutlich an Liberalität verloren hatte. Nicht zu vergessen, dass er beim ZDF dann auch deutlich besser verdient habe.

Das Magazin „Direkt“, das Rüchel und Greulich für das ZDF entwickelten und das im Juli 1971 startete, war politisches Fernsehen in einem neuen Sinne, denn die Sendung verstand sich als Plattform für Jugendliche, die sich politisch und gesellschaftlich engagierten. Sie sollten die Beiträge des Magazins mit Hilfe von Realisatoren selbst gestalten. Das provozierte selbstverständlich bald Kritik von außen wie auch im Innern des ZDF, weil die Schüler, Lehrlinge und Zivildienstleistenden, die hier mitmachten, in ihren Äußerungen kein Blatt vor den Mund nahmen.

Als Rüchel 1974 angeboten wurde, die Jugendredaktion beim Fernsehen des WDR zu übernehmen, akzeptierte er das auch deshalb, weil ihm der in Köln ansässige Sender deutlich liberaler erschien als das ZDF. Tatsächlich entwickelte Rüchel zusammen mit Kolleginnen wie Christiane Schaefer und Monika Minzlaff und einem Kollegen wie Dieter Kremin eine große Bandbreite an Sendungen, die, so unterschiedlich sie waren, eines verband: die Orientierung auf ein jüngeres Publikum. Hier realisierte beispielsweise Adolf Winkelmann seinen ersten Spielfilm „Die Abfahrer“, der als Zweiteiler im Sonntagvormittagsprogramm der ARD erstausgestrahlt wurde. Hier wagte sich die „Michael-Braun-Show“, die im Dritten Programm des WDR lief, zum ersten Mal im deutschen Fernsehen an eine Late-Night-Show, auch wenn sie am frühen Abend zu sehen war. Hier wurden lange Jugendabende für das Erste Programm produziert, die mit ihren kabarettistischen Momenten für Aufregung sorgten.

1974 wurde Rüchel durch Christian Wagner, der gerade sein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München abgeschlossen hatte, das Konzept für eine Reihe mit Musiksendungen vorgelegt, die den Titel „Rock-Show“ trug. Wagner wollte, wie es sein Kommilitone Matthias Weiss im Film „Ten years after“ (1969) vorgemacht hatte, die Arbeit einer Rockband, also deren musikalischen Auftritt, ohne visuellen Firlefanz von Lichtshows und Kamera-Extravaganzen streng dokumentarisch erfassen. Rüchel, der sich nie als Dogmatiker begriff, liberalisierte das Konzept Wagners und – wichtiger noch – setzte es in seinem Sender durch. Nach einigen Veränderungen startete dann 1975 der „Rockpalast“ mit der Aufzeichnung des Auftritts von Alan Price (früher bei The Animals) und seiner Band. Dieses wie neun folgende Konzerte fanden im Studio L des WDR in Köln statt, das gerade mal 80 Zuschauern Platz bot.

Bedingungslose Qualität

Europaweit bekannt wurde die Sendung, die zunächst nur in den Dritten Programmen zu sehen war, durch das „Rockpalast-Festival“, das erstmalig 1977 in der Essener Grugahalle stattfand. Ausgangsidee war die Feststellung, dass es im Ersten Programm der ARD damals eine Lücke im Sendeablauf gab, wenn dort nachts Boxkämpfe aus den USA übertragen wurden. Rüchel schlug nun vor, statt des Pausen-Dias live Rockmusik auszustrahlen. Als allerdings das erste Konzert, unter anderem mit Rory Gallagher und Little Feat, übertragen wurde, gab es den anschließend vorgesehenen Boxkampf nicht, der aus irgendeinem Grund abgesagt worden war. So war der Lückenfüller zu einer nächtlichen Programmrarität geworden, die europaweit für Aufmerksamkeit sorgte. So eröffnete angesichts der Übernahme durch eine Reihe von Fernsehsendern in benachbarten Ländern die Eurovisons-Fanfare die nachfolgenden „Rockpalast-Festivals“. Das Konzept von Wagner und Rüchel geriet erstmalig in die Krise, als man auch Punk-Bands aufnahm, die mit dem hippieesken Konzept wenig anfangen wollten und die Kameraleute des WDR regelmäßig mit Bier duschten.

Ab 1986 pausierte der „Rockpalast“ für einige Jahre, ehe Rüchel ihn zehn Jahre später revitalisierte, als er Auftritte beim Loreley-Festival aufzeichnete und stellenweise live übertrug. Durch eine Reihe von Video-Editionen ist der „Rockpalast“ bis heute im Bewusstsein derer präsent, die sich für diese Art der populären Musik interessieren. Rüchel selbst konnte viele Bands, deren Fan er selbst war, als Gäste seiner Sendung begrüßen. Nur Bruce Springsteen und Bob Dylan lehnten die wiederholten Einladungen ab. Dass Peter Rüchel aber auch eine andere Form von Musik goutierte, konnten Radiohörer erleben, als er einmal als Gast das „WDR 3 Klassik Forum“ moderierte und dort unter anderem Kompositionen von Mozart präsentierte.

Peter Rüchel, der 1937 in Berlin geboren wurde, stand für ein Fernsehen, das bedingungslos auf Qualität setzte, das sich stets erneuert und nicht stillsteht, das lebt und nicht verordnet wird.

27.02.2019 – Dietrich Leder/MK
Peter Rüchel (1937-2019) WDR/Max Kohr

Print-Ausgabe 10/2019

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