Menschen in Kabul klammern sich an ein US‑Flugzeug: Ein Video, das vielleicht repräsentativ sein wird für einen historischen Moment

18.08.2021 •

Dieses Video, das am Montag (16. August) auf Internet-Plattformen und in allen Nachrichtensendungen – auch im an diesem Tag neu gestarteten Format „RTL direkt“ mit Jan Hofer – zu sehen war, wird vielleicht eines Tages so für einen historischen Moment repräsentativ sein wie das Foto, das zeigt, wie einst in der damaligen südvietnamesischen Hauptstadt Saigon Menschen versuchten, über eine überfüllte Treppe in einen amerikanischen Hubschrauber zu gelangen, der vom Dach der US-Botschaft starten will, oder jenes Bild, das zwei zerstörte amerikanische Militärflugzeuge, einen Hubschrauber und eine Transportmaschine, in der iranischen Wüste zeigt.

Das Foto aus Saigon, aufgenommen am 30. April 1975, erfasste die verzweifelten Versuche von Vietnamesen, die sich mit dem Militärhubschrauber vor den in Saigon einmarschierenden Vietcong-Milizen aus Nordvietnam in Sicherheit bringen wollten. Die USA zogen sich damals aus einem Krieg zurück, der zunächst als militärische Unterstützung der südvietnamesischen Junta begonnen hatte und sich dann zu einem massiven Krieg mit dem kommunistischen Nordvietnam und dem Vietcong auswuchs, der in Südvietnam für den Anschluss an den Norden kämpfte.

Das Bild aus dem Iran stammt vom 24. April 1980; zu sehen sind zwei der Flugzeuge, mit denen die USA die Geiseln befreien wollten, die in Teheran seit einem halben Jahr in der besetzten US-Botschaft von radikalen Studenten gefangen gehalten wurden. Die Befreiungsaktion des US-Militärs scheiterte desaströs, einer der Hubschrauber kollidierte mit dem Transportflugzeug, es kam zum Absturz in der Wüste. Die Geiseln kamen erst im Januar 1981 nach langen Verhandlungen mit der iranischen Regierung unter Ajatollah Chomeini frei.

Das aktuelle Video ist an diesem Tag, an dem es den deutschen Fernsehsendern präsentiert wird, in Kabul aufgenommen worden. Es dauert sechs Sekunden. Zu sehen ist, wie auf dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt eine Menschenmenge ganz dicht neben einem grau angestrichenen Transportflugzeug der US Air Force entlangläuft, das anscheinend zum Start rollt. Als das Flugzeug die Position der Kamera erreicht und diese mitschwenkt, kann man erkennen, dass Menschen aufgesprungen sind und sich außen an der geschlossenen Bordtür und an Kabelschächten festklammern, als könnten sie auf diese Weise noch mitfliegen.

Wie groß müssen die Verzweiflung und die Todesangst sein, um sich auf eine solche Aktion einzulassen, die gar nicht gelingen kann? Die „Bild“-Zeitung, die am 22. August ihren eigenen Fernsehsender starten wird, zeigte auf ihrer Internetseite ein kurzes Filmstück, auf dem sich ein schwarzer Punkt von einem gestarteten Flugzeug ablöst und zu Boden fällt; der Off-Kommentar sagt, das Bild solle zeigen, wie Menschen von der startenden Maschine zu Boden fallen.

Das Video steht auch ohne die Todessturz-Sequenz, deren Authentizität selbst für den „Bild“-Kommentator unsicher zu sein scheint, für das Versagen der NATO in Afghanistan, aber auch für die eklatante Fehleinschätzung der dortigen Lage durch die deutsche Bundesregierung. Man hat die Energie, mit der die Taliban nach Abzug der NATO-Truppen das Land und nun auch die Hauptstadt erobern könnten, vollkommen unterschätzt. Nun sitzen die Angehörigen der westlichen Botschaften und Hilfsorganisationen, aber vor allem auch diejenigen unter den Afghanen, die in den letzten 20 Jahren den NATO-Truppen halfen, in der Falle.

Das Video symbolisiert somit das Scheitern einer Militärpolitik, der es seit 2001, als sie das Land von den Taliban befreite, nicht gelungen ist, solide Strukturen einer Zivilgesellschaft aufzubauen, die sich gegen technisch und strategisch eher minderbemittelte Aufständische wehren kann. Das, was an solchen Strukturen aufgebaut worden war, implodierte unter dem Vormarsch der Taliban förmlich.

Die Bilder aus Saigon und aus der iranischen Wüste deuteten jeweils das Ende von Zeiten an, in denen Weltmächte wie die USA noch in den entferntesten Regionen der Erde militärisch intervenieren konnten, so wie sich das Ende der UdSSR abzeichnete, als sie sich nach zehnjähriger Besatzung 1989 aus Afghanistan zurückziehen musste, nachdem der militärische Druck islamistischer Mudschahedin zu stark geworden war. Die Mudschahedin, aus denen später die Taliban hervorgingen, waren von den USA für den Kampf Afghanistans gegen die Sowjetunion hochgerüstet worden – mit Waffen und Strukturen, die sich nach 2001 gegen die NATO richteten, als diese unter der Leitung der USA wenige Wochen nach den Anschlägen des 11. September in Afghanistan militärisch intervenierten. Eine über 20 Jahre währende Intervention, die nun ein schreckliches Ende findet, das im Video dokumentiert ist.

Zu fürchten ist, dass der Schrecken, der nun über die afghanische Zivilgesellschaft kommen wird, kaum in Bildern und Tönen erfasst werden wird. Der Terror der Taliban vollzog sich in den 1990er Jahren meist im Verborgenen.

18.08.2021 – Dietrich Leder/MK

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