Entertainer, Hofberichterstatter und Edel-Fans: Eine Zwischenbilanz zur Fußball-Weltmeisterschaft im Fernsehen

27.06.2018 • Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, die am 14. Juni begann, ist zwei Wochen alt. Zeit für eine Zwischenbilanz, der ein gewisses Risiko innewohnt. Denn zum Zeitpunkt, da dieser Artikel geschrieben wurde (26. Juni), ist die abschließende Partie der deutschen Mannschaft in der Vorrunde gegen Südkorea noch nicht gespielt. Noch kann sie schon in dieser ersten Gruppenphase ausscheiden, was sich dann sicher auf die Stimmung, mit der diese WM im deutschen Fernsehen präsentiert wird, ebenso auswirken wird wie darauf, wie das Ganze von den Zuschauern hierzulande wahrgenommen wird.

Den Vorgeschmack eines solchen möglichen Dramas lieferte die für viele Experten überraschende 0:1-Niederlage des Teams von Bundestrainer Joachim Löw am 17. Juni im ersten Gruppenspiel gegen Mexiko. Die „Tagesschau“ beschrieb an diesem Tag in ihrer 20.00-Uhr-Ausgabe die Stimmung dann mit folgender ‘Nachricht’: „Trauer und Entsetzen bei den deutschen Fans“. Tatsächlich hatte kaum einer im Lager des amtierenden Weltmeisters mit diesem Ausgang des Auftaktspiels gerechnet. Die zahlreichen Experten, die ARD und ZDF für diese WM aufgeboten haben, die Moderatoren und Kommentatoren wie auch befragte Fans auf den Straßen und bei den öffentlichen Projektionen der Live-Übertragung – sie alle hatten fest mit einem knappen Sieg der deutschen Mannschaft gerechnet.

Anschließend haben die Experten es dann doch wieder genau so kommen sehen. Holger Stanislawski, der für das ZDF die Fernbedienung halten darf, mit der die analysierten Spielszenen abgerufen werden, steht beispielhaft für dieses Ex-Post-Wissen. Vor dem Spiel arbeitet er zuerst die Stärken der deutschen Mannschaft heraus, die man anschließend im realen Spiel nicht sah, um danach genauso selbstgewiss herauszuarbeiten, woran es denn gelegen habe, dass es nicht so richtig klappte. Wetten, dass „Stani“, wie er im ZDF-Studio gerufen wird, am Ende anhand der Videoanalysen beweisen wird, dass der Sieger des Endspiels Fußball-Weltmeister geworden ist?

Thomas Hitzlsperger agiert in der ARD deutlich zurückhaltender. Er ist zudem vom peinlichen Spiel mit einer Fernbedienung befreit. Aber als ehemaliger Nationalspieler ist er weniger unabhängiger Experte als vielmehr freundlicher Begleiter der Spiele. Als er das Spiel der deutschen Mannschaft nach der Niederlage gegen Mexiko zu Recht kritisierte, verzog er den Mund, als schmerze ihn die Kritik selbst. Dass neben Stanislawski und Hitzlsperger noch Stefan Kuntz und Hannes Wolf für die ARD sowie Oliver Kahn und Christoph Kramer für das ZDF das WM-Studio bevölkern, gehört zur größten Schwäche der Berichterstattung im deutschen Fernsehen. Mit dem aufgeblähten Spielplan wurde auch die Vor- und Nachberichterstattung so ausgedehnt, dass ein Spieltag der Vorrunde fast zwölf TV-Stunden dauern konnte, ehe das letzte Wort, das vorher allerdings schon mindestens 20 Mal gesprochen wurde, verklungen war. Wenn 2026 die WM noch einmal um etliche Mannschaften aufgestockt wird, füllt die Berichterstattung dann wohl gleich wochenlang ganze Tage.

Um davon abzulenken, dass die endlose Zeit vor und nach den Spielen nur mit vielen Floskeln gefüllt werden kann, zwingen sich die Moderatoren Matthias Opdenhövel und Alexander Bommes (ARD) sowie Oliver Welke und Jochen Breyer (ZDF) zu einem in ihren Gesichtern festgetackerten Dauerlächeln. Fast alles wird von diesen Moderatoren, die sich eher als Entertainer verstehen denn als Journalisten, beschmunzelt, ironisiert oder flapsig kommentiert. Sicher manche Pointe sitzt nicht nur gut, sondern trifft sogar einen Sachverhalt auf den Punkt. Vieles ist aber komplett unwichtig und füllt nur jenes weiße Rauschen, das sich in der Dauerberieselung bei den Fernsehzuschauern einstellt. Die permanente gute Laune, für die das als lausbubenhaft geltende Grinsen eines Alexander Bommes beispielhaft steht, teilen auch die Hofberichterstatter der deutschen Mannschaft. Gerhard Delling (ARD) und Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) verbreiten aus dem Lager und von den Spielorten der deutschen Equipe stets beste Stimmung. Sie begreifen sich als eine Art von Edel-Fans, die sich deshalb in einer gewissen Unterwürfigkeit ihren Interviewpartnern aus der Mannschaft, dem Trainerstab oder vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) nähern. Das WM-Studio, das ARD und ZDF abwechselnd bespielen, liegt im Übrigen nicht in Russland; man hat es aus Kostengründen lobenswerterweise in Baden-Baden aufgeschlagen.

Doch es ist noch nicht genug mit der guten Laune bei ARD und ZDF. Am Ende eines jeden Fußballabends wird dann noch in der Talkshow von Markus Lanz (ZDF) und im Ersten in der neuen Late-Night-Show „WM Kwartira“, die Micky Beisenherz und Jörg Thadeusz moderieren, heftig drauflosgewitzelt. Die gewaltige Zuschauerschaft, die ARD und ZDF durch die Live-Übertragungen jeweils für sich mobilisieren, soll noch möglichst lange bei der Stange gehalten werden. Auch wenn man manchen Beteiligten den Überdruss, am späten Abend jetzt noch einmal seinen Sermon zum schon unendlich oft Besprochenen dazugeben zu müssen, ansieht. Größte Peinlichkeit in diesem Nachbereitungszirkus war, dass Frank Plasberg am 18. Juni noch am späten Abend seine Talkshow „Hart aber fair“ dem Fußball widmen musste. Eine überflüssigere Sendung kann man sich gar nicht vorstellen.

Nicht alles, was einen am Bildschirm an der WM stört, haben die beiden Sender zu verantworten. Die hässliche Schrift der Vor- und Nachspänne und bei den eingeblendeten Mannschaftsaufstellungen hat der WM-Veranstalter, der Fußballweltverband FIFA, zu verantworten. Die FIFA ist in diesen Dingen so geschmackssicher wie der DFB, bei dem auch immer irgendein Verwandter eines wichtigen Funktionärs für die Gestaltung und das Rahmenprogramm wichtiger Veranstaltungen auf dem ästhetischen Niveau von Schützenfesten verantwortlich zu sein scheint. Besser als der DFB hat die FIFA jedoch den Videobeweis in die Spiele integriert, der nun erstmalig bei einer WM eingesetzt wird. Man sieht stets, wer in einem Studio vor den Monitoren sitzt. Man erkennt, wann der Schiedsrichter durch die Leute an den Monitoren auf etwas hingewiesen worden ist. Man schaut zu, wie der Schiedsrichter noch einmal eine Szene betrachtet und diese gegebenenfalls hin- und herfahren lässt. An den Fehlentscheidungen, die vor dem Bildschirm ebenso wie auf dem Spielfeld getroffen werden, hat das natürlich nichts geändert

Bleiben die Kommentatoren der Spiele. Angesichts der zahllosen Beleidigungen, denen Claudia Neumann (ZDF) ausgesetzt ist, die bei der WM als einzige Frau im deutschen Fernsehen kommentiert, ist man gehalten, sie erst einmal in Schutz zu nehmen. Doch wirklich gut finden kann man das, was sie da live von sich gibt, nicht. Sicher, sie sieht besser hin als etwa ihr ZDF-Kollege Béla Réthy, der auch schon mal entscheidende Momente verpasst. Aber sie neigt wie die ARD-Kollegen Tom Bartels und Gerd Gottlob zu Floskeln und schiefen Metaphern. Da müssen „alle Antennen sensibilisiert“ werden (Neumann), da „waltet“ ein Stürmer „seines Amtes“, wenn er auf das Tor schießt (Gottlob), da müssen Spieler „dem Rasen ihren Stempel aufdrücken“ (Bartels). Und sie redet wie ihre Kollegen ohne Unterlass, damit der Zuschauer das, was er ohnehin sieht, auch noch zu hören bekommt. Das ist noch zwei Wochen auszuhalten. Am 15. Juli ist das Finale in Moskau, das ZDF überträgt.

27.06.2018 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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