Der neue Gesundheitsminister: Wie sich in der Talkshow „Anne Will“ eine große Koalition für Karl Lauterbach bildete

07.12.2021 •

Als Karl Lauterbach am Sonntagabend (5. Dezember) in der ARD-Talkshow „Anne Will“ rechts neben der Moderatorin saß, sah man es ihm noch nicht an. Aber man konnte seinem Verhalten schon entnehmen, dass sich die politische Lage geändert hatte. Denn den hilflosen Versuchen des FDP-Mannes Konstantin Kuhle, die Corona-Politik des Sommers und während des Wahlkampfs zu rechtfertigen, schaute er mit neutraler Miene zu, statt – wie sonst oft, wenn er in Talkshows sitzt – grimmig zu blicken oder gar die an Widerspruch reiche Rede zu unterbrechen.

Vielmehr verordnete Lauterbach der Runde bei „Anne Will“ das Credo, man solle nach vorne schauen und nicht zurück und nahm damit die FDP, die künftig mit seiner Partei, der SPD, und mit den Grünen die neue Bundesregierung bilden wird, gewissermaßen in Schutz. In der Sache selbst blieb der Mediziner, der seit 2005 für die SPD im Bundestag sitzt, bei seinen Mahnungen. Dass er im vergangenen Sommer, als für viele die Pandemie schon vergessen schien, vor einer vierten Welle gewarnt hatte, die dann prompt nach der Bundestagswahl auch eintrat, hatte Lauterbach die Sympathie all der medizinischen Kräfte eingetragen, die mit den Folgen von Corona in Krankenhäusern, Notfall- und Intensivstationen zu kämpfen haben.

Diese Sympathie drückte in der „Anne-Will“-Ausgabe vom 5. Dezember die Krankenhausärztin Carola Holzner aus, als sie im Lauf der Sendung sagte, dass sie sich sehr freuen würde, wenn Karl Lauterbach Gesundheitsminister der neuen Bundesregierung würde. „Es gibt keinen, der das so gut ausfüllen könnte wie Sie“, sagte sie zu dem SPD-Politiker. Auf dessen Gesicht zeigte sich nun eine gewisse Verlegenheit. Mit seiner Entgegnung, dass es in seiner Partei eine Reihe von Fachleuten gebe, die das ebenfalls gut machen könnten, es also nicht unbedingt und nicht notwendigerweise auf ihn hinausliefe, versuchte er ein Gespräch um seine Person abzublocken. Doch das nützte ihm nichts. Nun meldete sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zu Wort, der aus München der ARD-Talkshow zugeschaltet war. Er verwandte sich ausdrücklich auch für Lauterbach als Gesundheitsminister, denn der bräuchte nicht, wie möglicherweise andere, 100 Tage, um sich in die Materie der Pandemie einzuarbeiten.

Nahm man die Aussagen der Medizinerin Holzner, die als „Doc Caro“ einen Videoblog betreibt und deren Unterarme tätowiert sind, und die des wie immer korrekt gekleideten und gänzlich untätowierten Ministerpräsidenten Söder zusammen, hatte sich bei „Anne Will“ eine große Koalition der Lauterbach-Freunde gebildet. Doch am Sonntagabend zu dieser Stunde schien es noch, als hätte Lauterbach, der bei den Sozialdemokraten dem linken Parteiflügel zugerechnet wird und als Einzelgänger gilt, beim eher rechten SPD-Mann und designierten Bundeskanzler Olaf Scholz, der zudem auf parteipolitische Disziplin setzt, keine guten Karten.

Am nächsten Morgen präsentierte Scholz in einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die SPD-Minister der kommenden neuen Regierung. War die Inszenierung des Auftritts der neuen Koalition nach Abschluss der Verhandlungen vom Muster von Western-Filmen geprägt, geriet die Vorstellung der neuen SPD-Minister in der Berliner Zentrale der Partei zu einer Fernsehshow. Zunächst trat Scholz, der gleichsam als Moderator dieser Show fungierte, unter Beifall vermutlich nicht der Presse, sondern der SPD-Mitarbeiter auf, ging von rechts hinten nach vorne linke, bis er unter der Statue von Willy Brandt stand, die das Foyer des Hauses ziert. Dann rief er nacheinander die Frauen und Männer auf, für die er sich als Fachminister entschieden hatte. Die traten jeweils bei Nennung des Namens aus dem Hintergrund ins Licht der Show und gesellten sich zum designierten Kanzler. Dort durften sie jeweils einige Worte zu ihrem zukünftigen Aufgabengebiet sagen, doch ihre Statements fielen deutlich kürzer aus als die von Olaf Scholz.

Als er den neuen Gesundheitsminister aufrief, sagte Scholz, dass sich angesichts der Pandemie „die meisten Bürgerinnen und Bürger dieses Landes“ gewünscht hätten, dass der Minister dieses Ressorts vom Fach sei und dass er Karl Lauterbach heißen solle. Nach kurzer Pause fuhr Scholz mit leichtem Lächeln fort: „Und er wird es!“ Lauterbach trat winkend aus der Kulisse und bedankte sich anders als andere nicht bei Scholz, sondern bei der Partei und bei den vielen „zustimmenden Worten aus der Bevölkerung“. Olaf Scholz verzog bei diesen Worten keine Miene. Er blickte auch stoisch vor sich hin, als Lauterbach programmatisch erklärte: „Wir müssen die Pandemie bekämpfen. Diese Pandemie wird länger dauern, als viele denken. Wir werden das aber schaffen.“

Als ein Journalist am Ende Karl Lauterbach direkt fragte, welche Rolle Corona während des Weihnachtsfests spielen werde, setzte Lauterbach schon zu einer Antwort an, erinnerte sich dann aber vermutlich an die Regieanweisung dieser Vorstellungsshow, bei der jemand anders die zentrale Person war. Daran muss wohl auch derjenige gedacht haben, der die Kamera führte, denn er schwenkte rasch von Lauterbach weg nach links, um Olaf Scholz zu erfassen, der gedachte, diese Frage selbst zu beantworten. Man kann diesen Reißschwenk als ein Zeichen für die Aufmerksamkeitskämpfe deuten, die zwischen Scholz und Lauterbach in der nächsten Zeit stattfinden werden.

Im Lauf des Montags versuchten einige in der SPD die Mutmaßung zu zerstreuen, Scholz habe sich erst nach der „Anne-Will“-Sendung für Lauterbach als Gesundheitsminister entschieden. Sie erklärten, die zukünftigen Minister hätten schon im Lauf des Wochenendes und also vor der am Sonntagabend ausgestrahlten Live-Talkshow von ihrer Berufung erfahren. Wenn dem so gewesen ist, hat Lauterbach bei Anne Will, als er bescheiden von den anderen Fachleuten in seiner Partei sprach, die das gut machen könnten, eine respektable Schauspielerleistung erbracht. Wenn dem nicht so war, hat eine Talkshow einen Politiker zum Minister promoviert.

07.12.2021 – Dietrich Leder/MK

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