Der barbarische IS-Terror: Attentate, die auch auf mediale Wirkungen und eine Steigerung des Schreckens aus sind

20.11.2015 •

 Eine Woche lang dominierten die erschütternden Terroranschläge von Paris das Fernsehen. Zu sehen waren Live-Aufnahmen, Videos von Augenzeugen, zusammenfassende Filmberichte und endlose Diskussionsrunden. Für die barbarischen Attentate war nach eigenem Bekunden die Terrororganisation verantwortlich, die sich selbst als „Islamischer Staat“ bezeichnet (abgekürzt: IS).

Es begann am Freitag, den 13. November, während der abendlichen Live-Übertragung des Fußball-Länderspiels Frankreich gegen Deutschland im Ersten Programm der ARD. In der 16. Spielminute der im „Stade de France“ verspätet angepfiffenen Begegnung ertönt ein lauter Knall. In der Ansichtstotalen der Führungskamera, die das Geschehen etwa in der Platzmitte erfasst, ist zu sehen, dass die Spieler nicht reagieren. Sie stoppen weder ihre Bewegungen noch schauen sie sich um. Aus den Ligaspielen sind sie es gewohnt, sich selbst beim größten Zuschauerlärm, etwa wenn Ultra-Fans Böller zünden oder Leuchtraketen steigen lassen, auf das Spiel zu konzentrieren.

Die Zuschauer auf der einen Stadionseite in Paris, hinter der sich einer der Attentäter selbst in die Luft gesprengt hatte, berichten später, dass der Boden unter ihnen gebebt habe. Eine Bewegung, die man auf dem Rasen offenbar nicht spüren konnte. Es folgen in den nächsten 30 Minuten zwei weitere Detonationen außerhalb des Stadions, die ebenfalls von Selbstmord-Attentätern ausgelöst wurden. Später ist zu lesen, dass zwei der drei hier angreifenden Attentäter versucht hatten, ins Stadion hineinzukommen.

Ein Ort, auf den viele Fernsehkameras gerichtet sind

Man fühlte sich hier an den Angriff vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York erinnert. Dort wie in Paris wurde ein Ort angegriffen, auf den viele Fernsehkameras gerichtet sind. Die Tat als ein Fanal, das jeder mitansehen sollte, der im Stadion war oder das Spiel im Fernsehen betrachtete, in Frankreich wie in Deutschland. Eine Tat, die zudem mehr auslösen sollte als die Verletzung und Tötung von Passanten. Wären die Selbstsprengungen im Stadion geschehen, hätte es auch hier viele Tote gegeben. Und eine dergestalt ausgelöste Katastrophe hätte mit einer Massenpanik die nächste ausgelöst. So wie der Aufprall der beiden Verkehrsflugzeuge auf die beiden Türme in New York später ihren Einsturz auslöste und die Katastrophe unvorstellbar steigerte. Es handelt sich in solchen Fällen um Attentatspläne, die nicht nur auf eine Tötung möglichst vieler Menschen aus sind, sondern auch auf mediale Aufmerksamkeitseffekte und mit der Sekundärwirkung einer Panik auf eine Steigerung des Schreckens.

Am nächsten Tag (Samstag, 14. November) werden überall im Fernsehen Bilder von den anderen Angriffsorten in Paris gezeigt. Beispielsweise das Video eines Augenzeugen, der die Rückseite des Konzerthauses „Bataclan“ filmte, wo die meisten Menschen zu Tode kamen. Dieses Video war etwa in einer Sonderausgabe der „Tagesschau“ um 12.00 Uhr zu sehen und ursprünglich auf der Internet-Seite der französischen Tageszeitung „Le Monde“ veröffentlicht worden. Es ist ein Hochformat, links und rechts sind weite Teile des querformatigen Fernsehbildes abgekascht. Man sieht den Hinterausgang des Konzertsaals. Vor dessen Türen liegen mehrere Körper, über die nun andere Menschen zu fliehen versuchen. Sie springen über sie hinweg, stolpern über sie, raffen sich in Todesangst wieder auf. An der Häuserfassade hängen im ersten und im zweiten Stock ein Mann und eine Frau. Sie klammern sich am Fenstersims, über den sie nach außen geklettert waren. Man sieht dann, wie jemand von innen die Frau, die abzustürzen droht, festhält.

In den nächsten Tagen werden Berichte darüber publik, was im Konzertsaal selbst geschehen ist – wie die drei hier agierenden Mörder jene, die nicht fliehen können, über zwei Stunden als Geiseln nehmen und diese dann wahllos wie systematisch töten. 89 Menschen werden hier ermordet, viele weitere schwer verletzt. Im Ablauf erinnert all das an den Angriff auf ein Musical-Theater in Moskau 2002, nur dass in Paris in zwei Stunden das geschieht, was damals zweieinhalb Tage dauerte. Beim Nachlesen der Berichte aus dem „Bataclan“ erahnt man die Dramen, die hinter diesem Sterben stecken. Matthias Werth (WDR), der die gesamte Zeit für die ARD aus den Straßen und Plätzen in Paris berichtet, droht einmal die Stimme zu versagen, als er von einer Mutter berichtet, die in einer Nachricht schrieb, sie habe ihrem Sohn eine Karte für das Konzert und somit die Karte in den Tod geschenkt.

Instrumentalisierungen der Ereignisse für die eigene Politik

In den Bildern, die vom Angriff der dritten Terrorgruppe berichten, sieht man normale Straßencafés, Restaurants, eine Pizzeria, eine Bierkneipe. Vor ihnen waren die Täter mit einem Auto vorgefahren, waren ausgestiegen und hatten sofort wahllos das Feuer eröffnet. An drei verschiedenen Stellen sterben insgesamt 39 Menschen, die hier saßen, aßen und tranken. Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion, unterschiedlichen Alters und sozialer Stellung. Großstadtmenschen, die an diesem milden Novemberabend zwischen 21.25 und 21.40 Uhr in Paris unterwegs waren. Als Teil einer mobilen und offenen Gesellschaft, für die das Leben auch in der Öffentlichkeit stattfindet. Und auch dieser Angriff, von dem es kaum Bilder gibt, erinnert einen an einen anderen terroristischen Überfall, nämlich jenen auf die indische Stadt Mumbai im Jahr 2008, als Terroristen in mehreren kleinen Gruppen verschiedene Ziele (Bahnhof, Hotels, Krankenhaus) angriffen und sofort Menschen erschossen.

Der französische Staatspräsident François Hollande hat nach diesen Attentaten den Ausnahmezustand erklärt. In den deutschen Nachrichten klingt der Zusatz merkwürdig, dass dies zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs geschehen sei. Richtig hätte es lauten müssen: zum ersten Mal nach der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung. Doch das würde die Erinnerung an andere Mordaktionen aufkommen lassen.

Am Samstagmorgen erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel – live von einer Reihe von Fernsehsendern übertragen – ihre Solidarität mit den angegriffenen Franzosen. Und sie bekundet das tiefe Mitgefühl: „Wir weinen mit ihnen.“ In solchen Momenten gewinnt Merkel an Souveränität, weil sie klar spricht und sich der üblichen Rhetorik versagt. Damit unterscheidet sie sich von vielen anderen, die sich auch an diesem Tag äußern (müssen). Bald fehlen die passenden Worte. Es häufen sich die routinisierten Statements, es beginnen die Instrumentalisierungen der Ereignisse für die eigene Politik. Und in den Sondersendungen des Fernsehens haben so viele Terrorismusexperten wie noch nie das Wort, die zwar zu den Tätern auch nichts anderes als Allgemeinplätze von sich geben können, diese aber mit Fachtermini wie „wertige Geheimdienstquellen“ und „verdichtete Informationen“ vernebeln.

Bei solchen Katastrophen gibt es nie ein absolut richtiges Agieren der Medien

Am Sonntagabend (15. November) ist in einem Bericht zu sehen, wie Menschen, die in Paris an einen der Orte des Verbrechens gegangen sind, um dort mit Blumen und Kerzen der Opfer zu gedenken, in wilder Panik zu rennen beginnen, als ein lauter Knall ertönt. Mehrere laufen durch das Meer der Kerzen und der Blumen, die dort niedergelegt waren. Eine Person rutscht aus und schlägt vor der Kamera auf den Boden hin. Die Panik steckt in den Menschen. Und das könnte man als das gemeinsame Ziel dieser dreifachen Variante des Terrors bezeichnen: Nichts soll in der freiheitlichen Gesellschaft mehr normal sein.

Eine Folge davon auch dies: Am Dienstagabend (17. November) gegen halb acht erreicht einen über die Internet-Portale die Nachricht, dass das Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden, das am Abend in Hannover stattfinden und live vom ZDF übertragen werden sollte, kurzfristig abgesagt wurde. Wegen einer Bombendrohung  – wie es später am Abend heißt. Das ZDF informiert seine Zuschauer darüber zunächst nicht, sondern lässt die gerade begonnene Folge einer Fernsehserie einfach weiterlaufen.

Seit Freitagabend, als die Attentate geschahen, gab es mehrere solcher Pannen, in denen sich die mangelnde Krisenfähigkeit der Sender offenbarte. Die ARD hatte beispielsweise am späten Abend dieses Tages die Last der Live-Berichterstattung seinen Fußball-Moderatoren und -Kommentatoren aufgelastet, was diese sichtlich überforderte. Dass die ARD dies tat, kann man gewiss kritisieren; nur sollten es nicht jene Zeitungen tun, die selbst chaotisch reagierten und mit ihren Berichten Verwirrung stifteten. So meldete auf ihrer Webseite die „FAZ“, von der die öffentlich-rechtlichen Sender ja immer gerne gescholten werden, am Samstag eine um 30 Personen höhere Todeszahl als die meisten anderen Nachrichtenseiten und lag damit falsch. Bei solchen Katastrophen gibt es nie ein absolut perfektes und richtiges Agieren der Medien. Gäbe es dies, hieße das ja, sie wären auf das, was in Paris geschah, vorbereitet gewesen. Aber wer, bitte, möchte auf solche Ereignisse vorbereitet sein, was ja heißt, sie gedanklich vorweggenommen zu haben?

Berechtigte Kritik an Bundesinnenminister Thomas de Maizière

Auf einer später am Dienstagabend live übertragenen Pressekonferenz begründen der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius, Bundesinnenminister Thomas de Maizière und der kommissarisch amtierende DFB-Präsident Reinhard Rauball die Absage des Spiels. Während Pistorius und Rauball eine gute Figur abgeben, als sie die Gründe darlegen, vergaloppiert sich de Maizière wieder einmal vor den Kameras. Nach den Informationen gefragt, die zur Absage des Spiels führten, sagte er einfach nicht, dass er dazu nichts sagen werde, sondern fügte an, dass, wenn er antworten würde, ein Teil dieser Antwort die Bevölkerung verunsichern würde. Womit er das, was er vermeiden wollte, erst recht erzeugt hatte. Über Twitter und Facebook sogleich und dann auch am Donnerstag in Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) erntet der Bundesinnenminister dafür zu Recht drastische Kommentare.

Am frühen Mittwochmorgen (18. November) stürmen Polizeieinheiten, unterstützt vom Militär, ein Viertel am nördlichen Rand von Paris, wo man einen der Attentäter vermutet. Im „Morgenmagazin“ der ARD berichtet eine Mitarbeiterin, die ebendort wohnt, telefonisch von Schusswechseln und Detonationen, die sie hört. Wie alle anderen Bewohner muss sie in der Wohnung bleiben. Augenzeugen berichten, dass die Polizei ihnen, als sie die Fenster öffneten, zuriefen, sie geschlossen zu halten und sich im Inneren auf den Boden zu legen. Bald kommt die Nachricht, dass sich eine Frau bei dem Angriff der Polizei selbst in die Luft gesprengt habe. Die Belagerung hält bis mittags an. Auf „Spiegel Online“ gibt es ein Live-Bild aus dem Viertel. Aber außer schwer bewaffneten Polizisten, die auf und ab gehen, und blinkenden Krankenwagen ist nichts zu sehen. Am Ende der Aktion wird von weiteren Toten berichtet.

Am Donnerstag (19. November) stellt sich heraus, dass einer der Toten derjenige ist, den man als den Drahtzieher der Attentate bezeichnet. Von diesem Mann waren am Mittwoch Videos gezeigt worden, die er wohl in großer Zahl im Netz hinterlassen hat. In diesen Videos zeigt er sich stets lächelnd oder lachend, so dass man einen abgebrochenen Zahn im Oberkiefer sehen kann. Es sind Propagandavideos der Terrormiliz IS, die weite Teile in Syrien und im Irak besetzt hält und unterjocht hat. Eines der Videos, die am Mittwochabend in Ausschnitten zu sehen sind, zeigt den Mann, wie er mit seinem Jeep eine Reihe von aneinandergebundenen Leichen hinter sich herzieht. Man zeigt diese Sequenz, legt aber eine Art von Grauschleier über den Teil des Bildes, auf dem man diese geschändeten Leichen sehen könnte.

Das Lächeln und die Brutalität lassen sich in diesen Tagen nicht mehr so leicht trennen, so wie ein lauter Knall und ein Attentat, ein Fußballspiel und ein Terrorangriff in nächster Zeit automatisch zusammengedacht werden. Es wird dauern, bis man diese Dinge wieder trennen kann.

20.11.2015 – Dietrich Leder/MK