Werner Fritsch: Aller Seelen (HR 2 Kultur)

Mitreißend und bewegend

23.01.2015 •

Der 1960 im bayerischen Waldsassen geborene Schriftsteller Werner Fritsch ist bereits mehrfach mit namhaften Preisen bedacht worden, nicht zuletzt im Mediengenre Hörspiel. So erhielt er 1993 für „Sense“ (SWF) den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Für sein 2006 ausgestrahltes Stück „Enigma Emmy Göring“ (SWR) wurde er mit der Auszeichnung „Hörspiel des Jahres“ und mit dem ARD-Hörspielpreis (2007) geehrt. Die Barbarei zur Zeit des Nationalsozialismus thematisiert Werner Fritsch auch in seiner neuesten, unter der Regie von Götz Fritsch entstandenen Radioarbeit „Aller Seelen“, einer Koproduktion des dabei federführenden Österreichischen Rundfunks (ORF) und des Hessischen Rundfunks (HR).

„Aller Seelen“ spielt zunächst auf dem Bauernhof eines kleinen österreichischen Dorfs nahe der slowenischen Grenze; als Orte des Geschehens folgen ein Konzentrationslager in einem Steinbruch und ein weiterer Bauernhof. Die Handlung springt entsprechend von 1943 über 1944 zu 1945, jeweils vom Totengedenktag Allerseelen des einen zu dem des nächsten Jahres. Erzählerisch verknüpft werden die szenisch dargestellten Ausschnitte von der gealterten, sich an die folgenreichen Ereignisse erinnernden Christa (gesprochen von Elisabeth Orth).

Wesentlich für die Story ist die verhängnisvolle Liebe der jungen Christa (Jaschka Lämmert) zu dem Partisanen Stephan Kayser (Thomas Frank). Eine unschuldige Liebe wie diese kann unter dem Terror der Nazis schlechterdings nicht überdauern, zumal der sich ständig auf Partisanenjagd in der näheren Umgebung befindliche Wehrmachtsoldat Hartmut Geigenbauer (Markus Hering) nicht aufhört, Christa nachzustellen. Bei einer Hausdurchsuchung spürt Geigenbauer dann den bei Christas Familie versteckten Stephan Kayser auf, erschießt ihren Vater und lässt beinahe die gesamte Verwandtschaft ins KZ bringen.

Die menschgemachte Hölle überlebt kein Familienmitglied außer Christa, die nach der Befreiung – die zugleich den Tod Geigenbauers durch ein amerikanisches Exekutionskommando bedeutet – beim einarmigen Bauern und Ex-Wehrmachtsoldaten Wolfi (Harald Krassnitzer) einzieht. Wolfi hatte, als Christa im KZ interniert wurde, deren minderjährigen Bruder (Wenzel Votava) bei sich aufgenommen und will jetzt mehr oder weniger einvernehmlich mit der traumatisierten Christa eine Familie gründen. In ihrer ersten Nacht werden sie jedoch von dem Kriminellen und früheren KZ-Kapo Grüner (Karl Ferdinand Kratzl) überfallen, der seine Spuren verwischen will und alle drei mit der Pistole erschießt. Doch anders als zunächst gedacht, ist Christa nicht tot. Abermals überlebt sie, wenn auch nur knapp, und bringt neun Monate später ein gesundes Kind zur Welt.

Ist also alles gut, weil ja der grenzenlose Horror der Nazi-Zeit symbolisch durch die Geburt neuen Lebens abgeschlossen wird? Nein, nichts ist gut. Denn Christa kann nicht vergessen, sie durchlebt schließlich all den Schrecken in ihrer Erinnerung noch einmal. Und dass die Zukunft des unschuldigen Säuglings auf Leichenbergen gebaut ist, wird spätestens klar, wenn in einem Zwischenspiel kurz vor Ende des 61-minütigen Hörspiels die Toten zu Wort kommen.

Die Uneindeutigkeit der Grenzen zwischen Gut und Böse hatte früher im Stück bezeichnenderweise der Sadist Geigenbauer gezeigt. Er stellte – bereits todgeweiht – für sich fest, wie bereitwillig die befreiten (oder aus ihrer Sicht besiegten) „deutschen Volksgenossen“ die Verantwortung für persönliches Mitwirken an den unendlich vielen Morden nach oben delegierten, selbst wenn sie ohne Befehl gemordet hatten.

„Aller Seelen“ ist eines der mitreißendsten und bewegendsten Hörspiele der jüngeren Zeit. Sehr gute, mehrheitlich in österreichischem Dialekt redende Sprecher (in den weiteren Rollen: Regina Fritsch, Elfriede Irrall, Matthias Mamedof, Wolfgang Hübsch und Horst Eder) und nicht zuletzt eine ruhige, teilweise aber auch Mark und Bein erschütternde Hörspielmusik und Tongestaltung tragen zum Gelingen des Gesamtkunstwerks bei (Komposition, Klavier und Sound-Samples: Peter Kaizar, Akkordeon: Stefan Sterzinger, Geige: Toni Burger; Tongestaltung: Elmar Peinelt, Martin Leitner und Christoph Kodydek).

Ein Glück, dass Werner Fritsch sein als „Traumspiel“ klassifiziertes Theaterstück, das bereits im Jahr 2000 am Thalia-Theater in Hamburg uraufgeführt wurde und im selben Jahr im Suhrkamp-Verlag als gedrucktes Werk erschien, jetzt auch für den Hörfunk adaptiert hat. Sonst hätte man ihn dazu bewegen müssen, es noch zu tun.

23.01.2015 – Rafik Will/MK

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