Tom Peuckert: Artaud erinnert sich an Hitler und das Romanische Café (SFB 3)

Mitreißend

14.03.1997 •

Dass Antonin Artaud im Berlin der 30er Jahre mit Hitler zusammengetroffen wäre, lässt sich biografisch nicht belegen, ist aber die Halluzination, die den in der Anstalt von Rodez einsitzenden französischen Dichter zu einem Brief an den Führer veranlasst hat, der natürlich nicht weitergeleitet wurde.

Die seltsame Geschichte hat Tom Peuckert zu einem Monolog inspiriert, in dem er versucht, die Affinität zwischen der Poetik des „Theaters der Grausamkeit“ und der „Philosophie“ des deutschen Faschismus offenzulegen. Artaud, wie ihn der Autor in seinem ästhetisch-politischen Delirium vorführt, ist ein von der bürgerlichen Welt angeekelter Exzentriker, ein wahnhaft gegen „Künstlergesindel“ und „Theatergestank“ wetternder Fanatiker, der rückhaltlos den Irrationalismus des Rausches gegen die Vernunft der „Öffentlichkeitsidioten“ propagiert und sich den Untergang der Gesellschaft herbeiwünscht.

Eine wütende Tirade gegen den etablierten Kulturbetrieb und das „Bürgerlichkeitsgerede“, an dessen Stelle ein von Nietzsche inspirierter Vitalismus der Exstase und ein Surrealismus der Vernichtung treten soll. Das Diffamierungsvokabular, das Peuckert seinem Artaud in den Mund legt, erinnert inhaltlich nicht zufällig an Heidegger, stilistisch aber folgt es der Weltekelprosa von Thomas Bernhard: Steigerung, Wiederholung und Variation von Schlüsselbegriffen und die Lust am Zusammenbacken von Wörtern („Erwachsens- und Einsamkeitsgrauen“) laden den Wortschwall mit rhetorischer Energie.

Branko Samarovsky hat für den hybriden Text den angemessen exaltierten Sprechgestus gefunden. Er steigert sich überzeugend in die Wut und die Übermensch-Prophetie hinein, wird laut in überschnappender Aufregung und fällt in die Erschöpfung nach dem Ausbruch zurück. Ein wahrhaft mitreißender Monolog, eine gelungene Umsetzung des klugen Textes, der nicht nur die affektiven und intellektuellen Abgründe des Faschismus ausleuchtet, sondern auch die politischen Implikationen von Artauds ästhetischer Kritik der Moderne.

• Text aus Heft Nr. 11/1997 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.03.1997 – Jochen Rack/FK

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