Stefan Weigl: Nacht unter Berlin (WDR 3)

Plausibel exponierte Kunstfigur

13.05.2005 •

Es beginnt mit einer emotionslos vorgetragenen Programmansage: „Kriegsende. Auf der Flucht vor der Roten Armee landet der deutsche Ingenieur Josef Aumiller irgendwo in den Katakomben von Berlin. Der Gedanke, dass er seinen großen Traum, den vollautomatischen Verbrennungsofen für den Massenbetrieb, nicht mehr verwirklichen kann, macht ihn fast wahnsinnig.“ Darauf folgt der Monolog dieses Technokraten. Es ist ein Abscheu hervorrufender Text, es fällt schwer, dabei nur einfach zuzuhören.

Josef Aumiller ist eine fiktive Figur, an welcher der in München lebende Autor Stefan Weigl die totale Korrumpierung humaner Ideale durch die Fetischisierung des Prinzips ‘technologische Effizienz‘ brandmarkt. Auschwitz ist in der Vorstellung des Ingenieurs „finsteres Mittel­alter“, er kritisiert die mangelhafte organisatorische Effizienz der Judenvernichtung und er artikuliert seine Verbitterung darüber, dass seine vorgelegten Konzepte zur „effizienten Krema­tion“ ignoriert worden seien. Aus „Ingenieurssicht“ habe er die „Endlösung“ als „logistisches Problem“ erkannt und an der Perfektionierung der Verbrennungsöfen gearbeitet, einem „Perpetuum mobile der Judenvernichtung“. Man möchte sich sträuben, den von der Kette gelassenen Zynismus zu zitieren: „Ein Deutscher würde eher einem Hund ein Stück Brot geben als einem Juden.“ Kein Zweifel, hier räumt eine Kunstfigur, ein diabolischer Technokrat, dem alles Humane fremd ist, auch wenn er sich zwischendurch als Ästhet geriert, sein Bewusstsein aus.

Der 1962 geborene Autor Stefan Weigl, dem vor kurzem für sein Debüt-Hörspiel „Stripped – Ein Leben in Kontoauszügen“ der Hörspielpreis der Kriegsblinden zuerkannt wurde (vgl. FK-Heft Nr. 14/05), hat in seinem zweiten Hörspiel „Nacht unter Berlin“ den Protagonisten radikal pointiert, aber als Kunstfigur psychologisch plausibel exponiert. Der Monologist Friedhelm Ptok gestaltet die Ausdrucksfacetten von der Larmoyanz bis zur rüpelhaften Attacke mit erschütternder Intensität. Aumillers Bewusstseinsebenen übersetzt Regisseurin Annette Kurth in differenzierte akustische Räume, die sich in der Art eines „akustischen Palimpsests“ (so die Programmansage) häufig überlagern. Zu dem Begriff Palimpsest passt jedoch nicht jenes Requisit, das Aumiller an seinem Zufluchtsort vorfindet und auf dem er seine menschenverachtenden Botschaften für die Nachwelt festhält: Er bespricht ein Tonband, und dabei löscht bekanntlich jede Neuaufnahme das vorangegangene Aufnahmematerial endgültig. Die begriffliche Fehleinschätzung kann indes kaum die große Qualität dieses 60-minütigen Stücks beeinträchtigen, einem Highlight des WDR-Hörspielprogrammangebots zum Thema „Ortstermin 1945“.

• Text aus Heft Nr. 19/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

13.05.2005 – Norbert Schachtsiek-Freitag/FK