Janko Hanushevsky: Das Ohr der Welt in Meiers Garten. Eine Annäherung an den Schriftsteller Gerhard Meier. Feature (Deutschlandfunk) / Gerhard Meier: Ob die Granatbäume blühen. Hörspiel (Deutschlandfunk)

Eine Hommage, die höchstes Interesse verdient

Der Schweizer Schriftsteller Gerhard Meier (1917 bis 2008) wurde von Literaturkritikern der „bekannteste Unbekannte“ der deutschsprachigen Gegenwartsautoren genannt. Tatsächlich hat Meier keinen Bestseller geschrieben, er ist ein Autor der happy few gewesen und geblieben – trotz der höchsten Wertschätzung von Kritikern und Kollegen und einiger bedeutenden Literaturpreise. Meier hat 1964 im Alter von 47 Jahren sein erstes Buch veröffentlicht, den Gedichtband „Das Gras grünt“; 1971 hat er seinen Brotberuf als Designer in einer Lampenfabrik zugunsten des Schreibens aufgegeben und er konnte mit seinen sogenannten „Baur-und-Bindschädler“-Romanen reüssieren.

Gerhard Meiers Lyrik, Prosaskizzen und Romane sind 1987 in einer dreibändigen Werkausgabe mit 1220 Seiten im Zytglogge-Verlag ediert worden, die Einzeltitel sind inzwischen fast ganz vom Markt verschwunden. Diesem Vergessen entgegenzuwirken, ist die Intention des erklärten Meier-Fans Janko Hanushevsky. Er hat für den Deutschlandfunk ein Hörfunkfeature produziert, das im Untertitel als eine „Annäherung“ an den Autor annonciert ist, tatsächlich aber eine Hommage ist, die höchstes Interesse verdient. Zudem hat er bei der ebenfalls vom Deutschlandfunk ausgestrahlten Hörspielversion von Meiers Buch „Ob die Granatbäume blühen“ Regie geführt.

Hanushevsky zeichnet im Feature weder die Biografie noch die Werkgeschichte Meiers chronologisch nach. Das Feature ist eine Montage unter anderem aus O-Ton-Aufnahmen von Meiers Gedichtrezitationen, Interviews mit der Enkelin Christina, Gesprächen mit Meiers langjährigem Freund Werner Morlang (seinem Werkherausgeber) und Zitaten aus Meiers Büchern. Aus alldem entsteht das eindrucksvolle Porträt eines bescheidenen, verletzlichen Menschen seines lebenslangen dörflichen Umfelds in seinem Geburtsort Niederbipp (Oberaargau), der in seinen sechs Romanen zum poetischen Ort Amrain wurde.

Seine Frau Dorli, mit der er 60 Jahre lang verheiratet war, und der Garten des geerbten Elternhauses bildeten zusammen mit der Literatur Meiers Lebenszentrum. Mit einem Zitat aus dem Hohelied beginnt sein letztes Prosabuch: „Die du wohntest in den Gärten, lass mich deine Stimme hören.“ Dorli starb 1997, die Enkelin berichtet, der Holunderbaum im Garten sei an ihrem Todestag „umgefallen“, fortan fehlte dem Witwer das „Ohr der Welt“ und er durchlitt eine Lebenskrise.

Meiers letztes Prosabuch „Ob die Granatbäume blühen“ ist ein Buch der Erinnerungen an das Leben mit Dorli: assoziative Erzählstränge mit inneren Monologen, Anreden an die Tote, Erinnerungen an gemeinsame Reisen und das Leben in beider Biotop Niederbipp. Janko Hanushevsky hat bei der Hörspielfassung des Buchs wie auch beim Feature eine subtile Regie geführt; Ueli Jäggi spricht in dem 70-minütigen Hörspiel, akkompagniert von Klavierimprovisationen des Duos Merzouga (Eva Pöpplein und Hanushevsky), die monologische Prosa mit einer sensationellen Wandlungsfähigkeit der stimmlichen Ausdrucksvaleurs. In jedem Satz ist die Trauer des Ich-Erzählers über den Tod der geliebten Frau spürbar (die Enkelin sprach von einer vollkommenen symbiotischen Beziehung), aber auch das erlebte Glück. Meier reflektiert zudem einige Details seiner poetologischen Überzeugungen; die Story ist für den Meister des konjunktivischen Erzählens nicht die Substanz des Textes, er gestaltet die „Dramatik der stillen Abläufe“ und die „Schönheit der Gewöhnlichkeit“ und er zitiert zustimmend Flaubert: „Was ich machen möchte, ist ein Buch über das Nichts.“

Das Feature und das Hörspiel sind ein überzeugendes Plädoyer, Meiers Bücher zu lesen; man hört beiden Hörwerken, die in der Summe eine einzige Hommage darstellen, mit großer emotionaler Empathie zu.

06.03.2015 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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