Heinrich Böll: Zum Tee bei Dr. Borsig (Sender Frankfurt)

Die große Versuchung

02.03.1955 •

Dass ein Industriekonzern einen Dichter engagiert, um sich Reklame-Slogans von ihm anfertigen zu lassen – das ist ein Thema von zwar spezieller, aber nichtsdestoweniger dringender Aktualität. Es bietet, wie die Vorfälle in der Darmstädter Akademie jüngst bewiesen, Anlass zu heftigen Diskussionen auch in der Öffentlichkeit. Heinrich Böll hat diese spezielle Situation des modernen Erwerbslebens, dass ein schöpferischer Mensch sich in die Abhängigkeit einer wirtschaftlichen Macht begibt, die Freiheit mit der Sicherheit vertauscht, in einem ganz bestimmten Punkt gepackt. Es geht ihm weniger um die Entscheidung zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Armut oder Wohlhabenheit, als darum, dass das Wort nicht unredlich gebraucht wird, genau: dass nicht mit der Angst der Menschen vor der Krankheit ein Geschäft gemacht wird.

„Ich habe Bedenken“, sagt der junge Robert, „ob man die Menschen mit der Gefahr einer Krankheit erschrecken sollte, die nur für einen verschwindend geringen Teil von ihnen eine wirkliche Gefahr ist.“ Und zarten Gewissens lehnt er es ab, in die Dienste des mächtigen Arzneimittel-Konzerns zu treten. Zudem wurde er zweifach gewarnt: von seiner Liebsten, die ein ganz ursprüngliches Verhältnis zu allem Lebendigen hat und die fürchtet, dass er von dem entscheidenden Besuch bei den Herren des Werkes nicht als der zurückkommt, für den sie ihn hält; gewarnt auch von der Frau seines Auftraggebers, die ein bitteres Leben lang am eigenen Leib erfuhr, wie das ist, wenn man sich verkauft.

Der interessante Stoff ist nicht so überzeugend geformt, wie wir das erwartet hätten. Dieser Eindruck mag einmal zu Lasten der Produktion gehen, die mit Waltraud Schmal als Franziska und Lothar Ostermann als Robert keine glückliche Besetzung getroffen hatte. Zudem handelte es sich um eine Live-Sendung; an sich eine durchaus begrüßenswerte Tat, aber vielleicht schon ein allzu hoher Anspruch an Schauspieler, die gewohnt sind, aufs Magnetoband zu sprechen. Doch hatte auch Bölls Manuskript selbst sicher so seine Schwächen, beispielsweise die, dass es sich besser las als anhörte: Die Dialoge schwollen des öfteren zu wahren Monologen an und waren nicht straff und profiliert genug geführt. 

Dass Stellen von großer Sprachgewalt und echt Böllscher Intensität mit banalen Passagen wechselten, mag Absicht gewesen sein; die Welt des Dichters sollte mit der Geschäftswelt konfrontiert werden – aber sind nicht solche „Stilbrüche“ immer riskant: Imitation des Straßenjargons einerseits und dichterisch überhöhte Sprache (der Frauen) andererseits? So kam, vom Ästhetischen her, kein geschlossener Eindruck zustande. Doch war der Moralist Böll, der mutig anklagt, wo es die faulen Stellen unserer sozialen Wirklichkeit anzugreifen gilt, mit allen Waffen auf dem Plan.

• Text aus Heft Nr. 10/1955 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

02.03.1955 – sk/FK

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