Gemeinsame Strategie: Ein Radioplayer als Plattform würde die Stellung der Sender im Internet stärken

Die deutsche Hörfunklandschaft bekommt eine neue Radiosuchmaschine, eine Webradio-Plattform. Anfang 2015 soll der offizielle Startschuss erfolgen, auf der Website radioplayer.de erhält man bereits einen ersten Eindruck. Bisher bleiben die öffentlich-rechtlichen Sender dem Radioplayer fern, zu Beginn werden ausschließlich private Sender auf der Plattform vertreten sein. Steffen Meyer-Tippach plädiert in seinem folgenden Beitrag dafür, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Bedenken kritisch hinterfragen und die Blockade bei der Teilnahme beenden. Die Forderung der ARD-Intendanten, die Voraussetzung für die Teilnahme der öffentlich-rechtlichen Sender am Radioplayer wäre die Digitalradio-Unterstützung der privaten Sender, hält er für unangebracht. Steffen Meyer-Tippach, 35, ist Referent für Hörfunk und digitale Projekte bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB). Sein hier abgedruckter Text, in dem er seine Einschätzung darlegt, erschien zuerst im Online-Angebot der MABB. -FK-

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Die deutsche Radiobranche hat ein Problem. Sie hat es nicht in fünf Jahren, sie hat es jetzt. Sie kann nicht mehr darauf warten, welche neue Online-Plattform demnächst unentbehrlich für eine moderne Medienmarke wird, ob DAB plus und die Smart-Radio-Initiative doch noch Erfolge werden. Die deutsche Radiobranche braucht jetzt eine gemeinsame Strategie. Einen Plan, wie ihre Audioangebote zukünftig im Internet gehört werden sollen und wer daran verdient. Eine gemeinsame Radioplattform wäre ein guter Anfang.

Die größten Innovationen im Internet sind oft ganz klein. Klein, auf den ersten Blick trivial, die Auswirkungen oft erst Jahre später spürbar. Auch der geplante deutsche Radioplayer ist so eine Innovation und hat das Potenzial, die deutsche Hörfunkbranche aus ihrem digitalen Dornröschenschlaf zu wecken. Dies wird allerdings nur gelingen, wenn alle Radiosender – privat, öffentlich-rechtlich und nicht-kommerziell – auf dieser neuen Plattform vertreten sind.

Die britische Erfolgsgeschichte

Anfang 2011 Jahren haben in Großbritannien die privaten Radioveranstalter und die öffentlich-rechtliche BBC einen gemeinsamen Radioplayer gestartet. Das Non-Profit-Projekt verfolgt ein simples Ziel: Radio hören im Internet so einfach wie möglich gestalten. Bis dahin waren die Individuallösungen der einzelnen Sender uneinheitlich und machten Radio hören im Netz unnötig kompliziert. Die britischen Sender einigten sich auf eine Technologie, sie stritten über scheinbare Banalitäten wie Höhe und Breite des Radioplayers, Position des Play-Buttons und des Lautstärkereglers, doch am Ende stand eine Lösung, bei der die Inhalte entscheidend waren und nicht die Technologie dahinter.

Die eigentliche Innovation des Radioplayers steckt im Detail: Er ist nicht nur Ausspieloberfläche, sondern gleichzeitig Radiosuchmaschine. Das Programm des größten Konkurrenten oder einer kleinen Lokalstation ist stets nur einen Klick entfernt. Für die beteiligten Radiosender, deren größte Angst der Umschaltreflex des Hörers ist, war diese Herangehensweise ein Wendepunkt. Doch der „Keep-it-simple“-Ansatz hatte Erfolg. Bereits ein Jahr nach dem Start der gemeinsamen Radioplattform hatten nahezu alle britischen Hörfunksender die individualisierten Player-Lösungen auf ihren Webseiten deaktiviert und durch den standardisierten UK-Radioplayer ersetzt. Die Vereinheitlichung führte zu einem beachtlichen Reichweitenwachstum, laut den Ergebnissen der RAJAR-Hörfunkmarktforschung um nahezu 40 Prozent jährlich (RAJAR steht für  „Radio Joint Audence Resewarch“). 

Ein Modell für Deutschland?

Der Erfolg des britischen Projekts sprach sich schnell in der Branche herum und zunehmend interessierten sich auch Sender aus anderen europäischen Ländern für diese Lösung. So auch in Deutschland. Im September 2014 begannen die technischen Vorbereitungen, Anfang nächsten Jahres werden die meisten deutschen Privatsender einen gemeinsamen Radioplayer einsetzen, 140 Stationen sind zum Start mit dabei, im Internet wurde die Domain www.radioplayer.de geschaffen. Die Technologie des britischen Radioplayers wird vom deutschen Pendant übernommen. Die deutsche Radioplattform profitiert dadurch von drei Jahren Entwicklungsarbeit, Programmierfehler und Macken in der Software wurden von den Briten bereits behoben. Zudem gibt es neben der Desktop-Variante bereits fertig programmierte Apps für iOS, Android, Kindle und Windows Phone.

Treibende Kraft hinter der deutschen Radioplattform ist das Radiokonsortium Digital 5, eine Gruppe privater Hörfunkveranstalter, die das grundlegende Problem der Branche erkannt hat: Die Hörfunksender brauchen strategische Allianzen und neue Modelle zur Monetarisierung ihres Angebots.

Das UKW-Geschäftsmodell funktioniert hierzulande nach wie vor gut. Der Umsatz stimmt, die Nutzung auch; vor allem wegen seiner hohen Reichweite im Hörermarkt wird UKW noch einige Zeit der einzige Verbreitungsweg sein, über den sich private Veranstalter refinanzieren können. Auch wenn sich der Radiowerbemarkt im Vergleich zu anderen Mediengattungen in den letzten Jahren als äußerst stabil erwiesen hat – die Abhängigkeit von nur einer Erlösquelle ist für die Radiosender mit enormen Risiken verbunden. Die Erschließung des Online-Markts ist für die klassischen Hörfunkanbieter daher die größte Herausforderung, da Online-Werbung mittelfristig das Potenzial hat, eine alternative Erlösquelle für den klassischen Hörfunk zu werden. Aktuell macht der Umsatz mit Online- und Mobil-Werbung lediglich ein Prozent vom Gesamterlös der privaten Sender aus, auch wenn jüngst zweistellige Wachstumsraten im Bereich der Instream-Audiowerbung prognostiziert wurden.

Radio-Aggregatoren: Fluch und Segen zugleich

Die starke Smartphone-Verbreitung hat vor allem bei den Jüngeren zu einer Verschiebung der Mediennutzungsgewohnheiten geführt. So wurde in der jüngsten Reichweitenuntersuchung (MA Radio 2014 II) ermittelt, dass die tägliche Hördauer der 10- bis 19-jährigen Radiohörer an einem Werktag nur noch bei 117 Minuten liegt, zwei Stunden weniger als bei der Gesamtbevölkerung. Dem gegenüber steht der enorme Zuwachs in der Online-Nutzung. Laut aktueller ARD/ZDF-Online-Studie ist die tägliche Online-Nutzung der 14- bis 29-jährgen innerhalb von nur zwei Jahren von 168 Minuten auf den Rekordwert von 248 Minuten gestiegen.

Und das ist die gute Nachricht für die klassischen Radioanbieter. Diese Nutzer hören also auch online Radioprogramme. Laut aktuellem Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten haben knapp 30 Prozent der deutschen Haushalte einen Radiozugang mittels Internet und nutzen diesen auch. Wenn Livestreams im Internet gehört werden, sind es immer noch überwiegend die Simulcast-Angebote der Sender. Die entscheidende Frage ist allerdings nicht, ob Radio über das Internet gehört wird, sondern wie. Über welche Plattformen werden die Radioangebote genutzt und wer verdient daran?

Radio-Aggregatoren wie radio.de, tunein oder phonostar waren lange Zeit für Sender die einfachste Möglichkeit, ihr Angebot im Internet leicht zugänglich zu machen. Aggregatoren erleichtern die Auffindbarkeit, vor allem aber generieren sie Reichweite. So sind in den Top 10 der meistgehörten Sender auf diesen Plattformen fast ausschließlich die etablierten UKW-Radiomarken zu finden. Wenn es allerdings um die Monetarisierung der Hörfunkangebote im Netz geht, sind Radio-Aggregatoren die stärksten Konkurrenten der privaten Funkhäuser. Der größte deutsche Radio-Aggregator, radio.de, hatte laut den IVW-Zahlen vom November 2014 über 19 Mio Nutzer und die Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung (AGOF) listet radio.de in der jüngsten Reichweitenstudie für mobile Werbeträger auf Platz 9 der Top-30-Applikationen. Die radio.de-Apps wurden bisher über 10 Millionen Mal runtergeladen. Zum Vergleich: Die Radio-Apps der erfolgreichsten deutschen Privatradios erreichen selten die 100 000er Download-Marke.

Kurzum: Plattformen wie radio.de profitieren von den Programmangeboten der Radiosender, beteiligen diese aber nicht an den Werbeeinnahmen, die sie auf ihren Plattformen erzielen. Dieses fehlende Beteiligungsmodell hatte bereits Ende 2012 dazu geführt, dass einige Webradios radio.de die Weiterverbreitung ihrer Streams untersagten.

Eine Plattform für alle deutschen Radios?

Der geplante Radioplayer soll Hörfunkprogramme enthalten, die eine UKW- oder DAB-Zulassung einer deutschen Landesmedienanstalt haben (privat) bzw. Mitglied einer ARD-Anstalt sind (öffentlich-rechtlich) und die in den verschiedenen Reichweitenmessungen ausgewiesen sind. Der Erfolg des deutschen Radioplayers wird maßgeblich davon abhängen, ob die privaten und öffentlich-rechtlichen Sender bei diesem Projekt zusammenarbeiten. Das wissen auch die Initiatoren. Eine Radioplattform, auf der ausschließlich private Sender vertreten sind, wird sich nur schwer im Markt durchsetzen können. In der neu gegründeten Radioplayer Deutschland GmbH wurde daher im Gesellschaftervertrag festgehalten, dass die Hälfte der Anteile für die öffentlich-rechtlichen Sender reserviert sind. Doch die Teilnahme der ARD-Wellen und der Deutschlandradio-Programme ist bisher ungeklärt. Die ARD verweist auf bereits bestehende Angebote oder präsentiert wie auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin eigene Lösungen, zuletzt Hbb Radio.

Oft wird auch die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung der digitalen Verbreitungswege am Beispiel von DAB plus erläutert. So haben die ARD-Intendanten in ihrer jüngst beschlossenen Digitalradiostrategie die Teilnahme der öffentlich-rechtlich Sender am deutschen Radioplayer davon abhängig gemacht, ob die Privaten DAB plus zukünftig unterstützen. Den Verantwortlichen scheint das Bewusstsein dafür zu fehlen, dass DAB plus gerade einmal von fünf Prozent der Bevölkerung genutzt wird und für die privaten Sender im Augenblick nicht zu refinanzieren ist. Zudem scheinen sie vergessen zu haben, dass eine Weiterentwicklung des dualen Rundfunksystems auch abseits der Medienpolitik möglich ist. Es gibt Wege, wie die Gattung Radio als heterogenes Gesamtsystem gestärkt werden kann, der Deutsche Radiopreis ist ein gutes Beispiel für solch eine Erfolgsgeschichte. Eine Blockade der öffentlich-rechtlichen Sender beim Radioplayer Deutschland würde nicht nur die von einem gemeinsamen Angebot profitierenden Hörer schädigen, letztlich würde der gesamte Hörfunk hierzulande um eine Innovation beraubt.

(MK; erschienen damals in „Funkkorrespondenz“ Nr. 51-52/2014)

19.12.2014 – Steffen Meyer-Tippach/FK

Print-Ausgabe 23/2018

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