Fred von Hoerschelmann: Das Schiff Esperanza (SDR)

Mit 70 schon Klassiker

18.11.1971 •

Am 16. November wurde Fred von Hoerschelmann 70 Jahre alt. Es wird hoffentlich nicht nur dieser Anlass gewesen sein, der im Süddeutschen Rundfunk (SDR) dazu geführt hat, wieder einmal „Das Schiff Esperanza“ ins Programm aufzunehmen. Denn die Wiederholung der Ursendung aus dem Jahre 1953 war mehr als eine selbstverständliche, eine schöne Pflichtübung des SDR zu Ehren des Jubilars. Hier wurde bewiesen, dass neben dem „Neuen Hörspiel“ das nunmehr schon traditionelle, das sogenannte realistische bestehen kann, sofern es Qualitäten besitzt wie „Das Schiff Esperanza“.

Die dramaturgische organisierte Fracht des Schiffes „Esperanza“ enthält alles, was der Hörer von einem Hörspiel am Sonntagnachmittag erwartet: die Spannung eines Kriminalfalles, wie sie in Schillers Dramen behandelt wird; das besondere, sich zunehmend verdichtende „Ereignis“, das ohne jeden Nasenstüber Allgemeines kenntlich macht; eine Moral, die sich keine Sekunde aufdrängt, weil sie vollkommen in der Aktion aufgeht, sich ausschließlich in der Handlung äußert.

Der sich mit dem Hörspiel schon seit zwanzig Jahren beschäftigende Kritiker entdeckt an Bord der „Esperanza“ etwas, das er so vollendet nur selten wahrgenommen hat: die Behandlung der Geräusche, des Tones. Die entsprechenden Hinweise des Autors sind vom Regisseur Oskar Nitschke grandios realisiert worden. Nur ein einziges Beispiel: Das Gespräch des Kapitänssohnes mit einer jungen Emigrantin an Oberdeck endet mit der Rückkehr des Mädchens in den Schiffsbauch, wo sie sich mit anderen politischen Flüchtlingen verstecken muss. Um hörbar zu machen, wie das Mädchen in seinem Schlupfwinkel hinabsteigt, wie bei den letzten Worten die Distanz zu dem jungen Mann mehr und mehr zunimmt, wie abgeschlossen von der Außenwelt die Emigrantin sogleich sein wird, stirbt ihre Stimme langsam ab und erhält zugleich einen ganz leichten, ganz langsam sich steigernden Halleffekt. Dadurch ist der Hörer davon überzeugt, zu sehen, wie das Mädchen Sprosse für Sprosse in den Laderaum zurückkehrt, ist davon überzeugt, zu sehen, wie sich hinter ihr die Ladeluke schließt.

Fred von Hoerschelmann ist mit seinen 70 Jahren nun schon ein Klassiker unter den Hörspielautoren. Sein Alter mögen viele erreichen, aber nur wenige werden auch dann noch Arbeiten vorzuweisen haben, die mit gutem Grund „klassisch“ genannt werden dürfen.

• Text aus Heft Nr. 47/1971 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.11.1971 – Helmut M. Braem/FK

2012 als Hörbuch wiederveröffentlicht: Fred von Hoerschelmanns aus dem Jahr 1953 stammendes Hörspiel „Das Schiff Esperanza“

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