Ein Religionsgespräch. Reihe „Nachtstudio (SWF)

Können wir noch glauben?

02.12.1953 •

„Was muss geschehen, dass jemand in den Zustand des Glaubens gerät?“ Diese Frage stand am Anfang des Gesprächs, das Jürgen Rausch mit dem evangelischen Pfarrer Hans Jürgen Baden im „Nachtstudio“ des Südwestfunks (SWF) führte. Die Antwort traf gewiss ins Schwarze, wenn sie als charakteristisch für unsere Zeit darstellte, der Weg zum Glauben führe über die glaubwürdigen Christen. Das meiste hängt heute am Zeugnis der christlichen Persönlichkeit.

Das Problem der Glaubwürdigkeit beherrschte deshalb das ganze Gespräch. Dass die Erlösten erlöster aussehen müssten, wenn man ihnen glauben solle, hat schon Nietzsche ausgesprochen. Von der notwendigen Freude des christlichen Menschen war die Rede, aber auch von der Gefahr des falschen Tones, der sich einstellt, wenn Christen Christen sind, um auf andere zu wirken. Gegen solche Aufmachung fielen ebenso scharfe Worte wie gegen den Trick, die Glaubwürdigkeit der Heilsbotschaft dadurch zu erreichen, dass man die religiöse Redeweise der weltlichen Sprachmode angleicht. Es bleibt schließlich, so sagte Rausch, nur jene Form der Glaubwürdigkeit, die sich aus einem lebendigen Glauben von selbst ergibt.

Im letzten Teil des Gespräches tat sich eine Kluft zwischen den Partnern auf. Jürgen Rausch, der sich als gläubiger Christ bekannte, weigerte sich, den Schritt in die „Gemeinde“ zu tun, die ihm in ihrer gegenwärtigen Form nicht als echte Verwirklichung des Christseins erscheint. Die relative Hilflosigkeit Badens gegenüber dieser Einstellung muss wohl vom protestantischen Verständnis der Gemeinde her gesehen werden. Wenn diese nur eine brüderliche Vereinigung der christlichen Individuen ist und nicht eine sakramentale Ordnung, in deren Mitte sich die Vereinigung von Gott und Mensch vollzieht, dann gibt es keine zwingende Gründe für einen Christen, sich in diese Gemeinschaft zu begeben. Von der menschlichen Qualität der Kirche (wie auch zum Beispiel der Familie) her zu begründen, dass man ihr angehören müsse, heißt, sie überfordern. Weil nicht klar wurde, dass diese Kirche eine von Gott gesetzte neue Daseinsordnung ist, führte das schöne Gespräch die Partner nicht ganz zueinander.

• Text aus Heft Nr. 1/1953 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

02.12.1953 – rst/FK

` `