Dagmara Kraus/Marc Matter: Entstehung dunkel. Ein lyrischer Geräuschtext (SWR 2)

Wabernd, klirrend und flirrend

23.01.2015 •

Wer sich mit der Lyrik von Dagmara Kraus (geboren 1981 in Wroclaw/Polen) etwas näher beschäftigt, trifft auf eine Wort- und Silbenakrobatin, der es möglicherweise nicht mehr um die Etablierung gefühlvoller Seelenlandschaften geht. Die Zauberformel vom „Lyrischen Ich“, das Germanisten immer dann interpretierend zu Hilfe nehmen, wenn sie sich auf unsicherem Terrain bewegen und händeringend nach klugen Analysen der Reime und Sonette fahnden, dieser Rettungsanker taugt für die Lautkunst von Dagmara Kraus nicht. Ihre Worte, Silben und Lautungen wollen sich nicht einsperren lassen. So heißt es in „schauhr“, hier zitiert aus dem Lyrik-Bändchen „kummerang“ (Verlag Kookbooks 2012): „borden geduld / du ich am pier / hör engel flogen über tallinn / acht begrabe am rand / robe abertand / innig wie der hase gefahren / enfile mentickel.“ Da erinnern so manche Zeilen an das Sprech- und Sprachlabor des Deutschrumänen Oskar Pastior (1927 bis 2006), der mit seinen Palindromen und Anagrammen die Hörer in lustvoll arrangierte Stolperfallen lockte.

In letzter Zeit haben sich die Lyrismen der Dagmara Kraus, die zunächst nur Polnisch sprach und mit sieben Jahren nach Deutschland kam, weiter und weiter verdichtet, so scheint es zumindest. Es geht immer weniger um Silbeneinheiten, mit denen sie bis dato spielte, sie experimentiert jetzt mit noch kleineren Einheiten, den Morphemen oder gar den Phonemen. Letztere haben die semantische Botschaft endgültig und entschieden über Bord geworfen und eröffnen ein Klangmeer, in dem in anaphorischer Rhythmisierung kleinste Einheiten von Lauten, Stimmfetzen und weiteren Verfremdungsmustern sich wabernd, klirrend und flirrend begegnen dürfen.

Bei der Autorenrealisation „Entstehung dunkel“ von Dagmara Kraus und Marc Matter ist die technische Handschrift des Musikers und Medienkünstler Matter als prägend zu erwähnen (Matters ‘Institut für Feinmotorik’ wurde 2011 mit dem Karl-Sczuka-Preis geehrt). Die akustischen Minimalstrophen mit ihren kurzweiligen Mutationen, Variationen und stimmlichen Eruptionen lassen Klang- und Vokalgewitter wetterleuchten, wie sie sich zur Stunde Null minus eins im Kosmos breitgemacht haben mögen, in jener Nanosekunde, bevor das Wort sich formend artikulierte (Joh. 1, 1-6). Der Kosmopolit und Sprachkünstler Raoul Schrott formulierte 1997 in einer Abhandlung über die Wurzeln der konkreten Poesie sehr hilfreich: „Eine der ständigen Aufgaben der Poesie ist es jedoch, über den Objektcharakter des Zeichens wieder zurück zu Empfänger und Sender zu wirken, über die rein mediale Form hinaus. Die Funktion der Schrift ist es, Welt zu fixieren und in die statischen Strukturen der Grammatik und ihrer Syntax überzuführen; die Legitimation der Poesie jedoch besteht in der Regression dieser Formen zurück auf ihren mehrdeutigen Gehalt. […] Der Poesie geht es darum, zurück zum Fluss zu finden: Das ist ihre Art von Realismus.“

In den 29 Sendeminuten von „Entstehung dunkel“ scheint das den ‘Pathfindern’ Dagmara Kraus und Marc Matter auf geheimnisvolle Art und Weise gelungen, wobei das Radio sich als treffliches GPS im akustischen Kosmos bewährte. Nach der Ursendung am 14. November vorigen Jahres bei WDR 3 unter dem Dach des „Studios Akustische Kunst“ war „Entstehung dunkel“ am 6. Januar 2015 auf dem „Ars-acustica“-Sendeplatz des koproduzierenden Programms SWR 2 zu hören.

23.01.2015 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren