70. Hörspielpreis der Kriegsblinden: Auszeichnung geht an das MDR-Stück „Atlas“ von Thomas Köck

18.08.2021 •

Der Hörspielpreis der Kriegsblinden 2021 geht an das Stück „Atlas“ von Thomas Köck, eine Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Welches Hörspiel die Auszeichnung erhält, wurde erst bei der heutigen Preisvergabe bekannt gegeben. Die Verleihung fand wegen Corona im kleinen Rahmen in Köln statt und wurde am 18. Juli von 16.30 bis 17.35 Uhr im Livestream in Wort und Bild vom Deutschlandradio übertragen. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden wurde jetzt zum 70. Mal vergeben.

In seinem Hörspiel erzählt Preisträger Thomas Köck von der Arbeitsmigration in den 1980er Jahren, vom Untergang der DDR und von einem Kind, das nach Vietnam reist, um den Weg seiner Vorfahren nachzuzeichnen. Thomas Köck, der virtuos das Schicksal von Bootsflüchtlingen („Boat People“) oder ökonomische und geopolitische Fragen im Gestern und Heute verschränkt, entwickelt in seinem Stück eine ungewöhnliche Perspektive auf die politische Wende 1989 und eine vietnamesische Familiengeschichte, die in der DDR wie in der Bundesrepublik ihre Spuren hinterließ. Das 70-minütige Hörspiel „Atlas“ (Regie: Heike Tauch) war am 9. November 2020 um 22.00 Uhr im Programm MDR Kultur urausgestrahlt worden (vgl. MK-Kritik).

Heutige und vergangene Migrationsbewegungen

Über die Preisvergabe entschied eine 15-köpfige Jury. In deren Begründung für die Auszeichnung von „Atlas“ heißt es unter anderem: „Immer schwingt als Unterton der Erzählung das Bewusstsein heutiger und längst vergangener Migrationsbewegungen mit. Gekonnt nuanciert der Autor zahlreiche gesellschaftliche Anspielungen und sein Stoff hätte das Zeug zu mehreren Melodramen. Doch Köck bleibt in dem von ihm abgesteckten konzeptionellen Rahmen, einer Reise, Jahrzehnte nach der erzwungenen Flucht, die auch als Reise in unser aller Geschichte der letzten 40 Jahre gehört werden kann. Weil er seinen Figuren dabei sehr nahekommt und sie von heute aus ohne ideologisches Korsett auf die Welt schauen lässt, betrachten auch wir sie aus einer frischen Perspektive.“

Als weitere Stücke für die Endauswahl des diesjährigen Wettbewerbs hatte die Jury die Produktionen „Fünf Flure, eine Stunde. Hörspiel in einem Take“ (HR/SWR/Deutschlandfunk Kultur) von Luise Vogt und „Einsam stirbt öfter. Ein Requiem“ (BR) von Gesche Piening nominiert. Die drei Nominierungen waren am 21. Juni bekannt gegeben worden (vgl. MK-Meldung). Insgesamt waren diesmal für den Wettbewerb 22 Produktionen von den Sendern eingereicht worden.

Neue Preisplastik, neues Logo

Der „Hörspielpreis der Kriegsblinden – Preis für Radiokunst“ ist der älteste Kulturpreis Deutschlands und die bedeutendste Auszeichnung für Autoren deutschsprachiger Hörspiele. Er wurde 1950 vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) gegründet. 1994 kam die Film- und Medienstiftung NRW (Düsseldorf) als weiterer Träger hinzu. Im Jahr 2020 übernahm der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) die Mitträgerschaft vom BKD. Zum 70-jährigen Bestehen und aufgrund des Einstiegs des DBSV bekam der Kriegsblinden-Hörspielpreis auch ein neues Logo und eine neue Preisplastik, die der Autor des jeweiligen Gewinnerstücks erhält. 

Die Plastik, die das bisherige Bronze-Relief von Dario Malkowski ablöst und nun auch das Logo des Preises bildet ist, hat die Form einer weißen Scheibe in der Größe einer Langspielplatte. Die einige Millimeter dicke Platte hat aber keine Rillen, sondern kreisförmige Wulste, die darstellen, wie man die Wörter „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ sichtbar und für Blinde tastbar machen kann. „Wir haben dabei alle drei Ebenen“, sagte DBSV-Präsident Klaus Hahn bei der Vorstellung der Skulptur im Rahmen der Preisverleihung, „wir haben das gesprochene Wort und wir haben die Sprachamplitude, die in diese Form gegossen ist. Und der Künstler Udo Koch, der das entworfen hat, hat da, wie wir finden, eine ganz großartige Idee entwickelt und etwas, das genau auf diesen Preis passt.“

In den nunmehr sieben Jahrzehnten seit Bestehen des Hörspielpreises der Kriegsblinden wurden unter anderem Autoren wie Friedrich Dürrenmatt, Heiner Müller, Ingeborg Bachmann, Christoph Schlingensief, Sibylle Berg, Paul Plamper und Elfriede Jelinek ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich verliehen an ein Originalhörspiel, „das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert“.

18.08.2021 – da/MK

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