Thomas Berger/Mathias Klaschka: Solo für Weiss – Das verschwundene Mädchen // Thomas Berger/Sören Hüper/Christian Prettin/Mathias Klaschka: Solo für Weiss – Die Wahrheit hat viele Gesichter (ZDF)

Glatt und konventionell

18.11.2016 •

Eine Szene in der Startfolge dieses neuen, von der Firma Network Movie produzierten ZDF-Krimiformats ist ungewöhnlich und berührend. Der Konditor Jürgen Harms (Bernhard Schütz) leidet darunter, dass seine 13-jährige Tochter ermordet wurde. Ihre Leiche ist zwar nie aufgefunden worden, trotzdem verurteilte das Gericht den mutmaßlichen Mörder in einem Indizienprozess zu einer lebenslänglichen Haftstrafe. Als der weiterhin seine Unschuld beteuernde Delinquent aus dem Gerichtsgebäude flieht und untertaucht, mehren sich Verdachtsmomente, dass Harms’ Tochter vielleicht noch lebt. Um die ermittelnden Beamten für ihre Suche zu motivieren, kommt der trauernde Vater unverhofft mit einem Blech Kuchen ins Polizeirevier.

Hier gelingt Regisseur Thomas Berger, der zusammen mit Mathias Klaschka auch das Buch verfasste zu „Solo für Weiss – Das verschwundene Mädchen“, eine originelle Szene, in der sich die Trauer dieses Bäckers und die Betretenheit der Beamten gleichermaßen vermitteln. Leider steht diese Szene ziemlich isoliert in einem Krimi, in dem einmal mehr eine „starke Frauenfigur“ das Sagen hat. Die zuvor noch nicht zur ermittelnden Damenriege zählende Charakterdarstellerin Anna Maria Mühe ließ sich für dieses Projekt überreden, das erkennbar als weitere ZDF-Filmreihe angelegt ist. Um in der übersättigten Krimilandschaft eine neue ermittelnde Frauenfigur zu positionieren, wurden für ihren Charakter einschlägige Klischees bis zur Kenntlichkeit entstellt.

Da Frauen gemeinhin eher zur Empfindsamkeit neigen, verkörpert Anna Maria Mühe als Nora Weiss das genaue Gegenteil: eine Gefühle weitgehend unterdrückende LKA-Zielfahnderin. Sie geht so rational kalkulierend vor wie ein Computer. Jede Frage zu ihrem Privatleben blockt sie ab. Durch Anna Maria Mühes darstellerische Präsenz wirkt das einigermaßen glaubhaft, wenngleich ihre auf maskuline Coolness gebürstete Figur zuweilen auch etwas zickig wirkt. Erwartungsgemäß ist ihr Kollege Simon Brandt (Jan Krauter) ein feminin wirkender Typ, der sich von der blonden Domina-Ermittlerin artig gängeln lässt. Dass dieser spielsüchtige Beamte als Polizist arbeitet, obwohl die Wettmafia ihn im Griff hat, wirkt allerdings nicht wirklich glaubhaft. Als Dritter im Bunde fungiert Noras zwielichtig erscheinender Vorgesetzter Jan Geissler (Peter Jordan), der – wie es zunächst aussieht – ein doppeltes Spiel spielt.

Neue Akzente setzt dieses Personal ebensowenig wie die Geschichte vom verschwundenen Mädchen, die nach dem Vorbild nordischer Krimis aufgezogen ist: Es gibt zwei Fälle, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, dann aber doch eine vermeintlich überraschende Verbindung aufweisen. So erhält Nora den Auftrag, den aus dem Gerichtsgebäude geflohenen Matthias Mattner (Philipp Hochmair) aufzuspüren. Obwohl sie, wie wir inzwischen wissen, rational und beherrscht ist, hat sie dafür eigentlich keinen Kopf. Denn auf der Fähre zurück von Lettland nach Lübeck verschwindet ihre kleine Patentochter Daina spurlos. Die unvermeidbare Verbindung zwischen den beiden Fällen zeichnet sich ab, als der untergetauchte Mattner sich bei Nora meldet: Er könne die Polizistin zu dem entführten Mädchen bringen. Als Gegenleistung will er, dass sie ihm hilft, seine Unschuld zu beweisen.

Bis zur Aufklärung des Falls ist einiges über die Vergangenheit der neuen Ermittlerin zu erfahren. Sie ist die Tochter des charismatischen Pastors Rainer Weiss (Rainer Bock), der in der früheren DDR Dissidenten zur Flucht verhalf. Diese Hintergrundgeschichte wirkt ein wenig bemüht. Das gilt ebenso für die Frage, die der um seine mutmaßlich ermordete Tochter trauernde Bäcker Jürgen Harms voller Bitterkeit an den Pfarrer richtet: „Warum lässt Ihr Gott so etwas zu?“ Solche Sätze schreibt man ins Drehbuch, wenn man beim Erzeugen von Gefühlen auf Nummer sicher gehen will.

Entsprechend glatt und konventionell ist hier die gesamte Inszenierung. Wie im Fernsehkrimi so häufig wirken die Interieurs nicht wirklich bewohnt, machen aber optisch etwas her. So lebt Rainer Weiss in einem für einen evangelischen Pfarrer doch etwas überdimensioniert erscheinenden Anwesen, das mit seinen Bücherwänden ein wenig wie eine historische Bibliothek aussieht. Seine Tochter Nora dagegen wohnt in einem bauhausartigen Designer-Bungalow direkt am Meer: „So ein Haus bezahlt man doch nicht von unserem Gehalt“, meint Kollege Brandt ungläubig. Diese Frage beantwortet Nora nicht, denn sie ist die Geheimnisvolle.

Die tausendmal gesehenen Bilder der Verfolgungsjagd im Containerhafen werden derweil untermalt von einer uninspirierten Filmmusik, in der sich alle akustischen Klischees und Geräuschuntermalungen versammeln, die man aus TV-Krimis gewohnt ist. Negativ ins Auge sticht zudem der Einsatz von Drohnen. Bei fast jedem Szenenwechsel entfleucht die Kamera in die Vogelperspektive. Einmal ist Noras Haus von oben zu sehen, derweil wir nur hören, wie sie drinnen das Telefon abnimmt. Da der Blick vom Himmel herab in der Logik des Films als „Gottesperspektive“ etabliert ist, entsteht in dieser Szene der unfreiwillig komische Eindruck, als erhalte die Polizistin einen Anruf von ganz oben. Der inhaltlich nicht motivierte Einsatz der Drohne in diesem Film wirkt inflationär.

Am Ende des Auftaktfilms von „Solo für Weiss“ taucht Noras entführtes Patenkind wieder auf. Gelöst ist der Fall damit nicht, denn im zweiten Film geht der Fall weiter, es handelt sich de facto um einen Zweiteiler. In der nach gleichem Muster gestrickten Fortsetzung „Die Wahrheit hat viele Gesichter“ (Drehbuch: Sören Hüper, Christian Prettin, Mathias Klaschka) ist zu erfahren, dass Kinder von Mädchenhändlern im großen Stil gekidnappt werden. Das Thema eines Pädophilen-Rings wie man ihn seit den gruseligen Taten des Belgiers Marc Dutroux kennt, ist dabei eigentlich interessant. Indes wird das Sujet in dem konstruiert erscheinenden zweiten Krimi so ziemlich verschenkt. Was mit den entführten Kindern geschieht und wer die Hintermänner sind, wird auf nebulöse Weise angedeutet. Von Bordellen in der Türkei ist einmal die Rede. Und dann erklärt einer der Kidnapper über die Kinder: „Wir haben sie versteigert. Nach Süddeutschland. Hohe Tiere aus der Politik, die sich das leisten können.“ Über derartige Ungereimtheiten können auch hier die routinierte Inszenierung wiederum von Thomas Berger und die teilweise ansprechenden Darstellerleistungen nicht hinwegtäuschen. Mittelmäßige Krimikost.

18.11.2016 – Manfred Riepe/MK
Neue Krimireihe des ZDF: Keine neuen Akzente, routinierte Inszenierung Fotos: Screenshots