Stefan Kolditz/Sven Bohse: Das Geheimnis des Totenwaldes. 3‑teiliger Fernsehfilm (ARD/NDR)

Enorme innere Spannung

23.12.2020 •

Worüber man, wenn man den dreiteiligen ARD-Fernsehfilm „Das Geheimnis des Totenwaldes“ gesehen hat, wieder einmal staunen kann, ist die Tatsache, dass das wirkliche Leben manchmal Geschichten schreibt, die man, wären sie einfach nur Fiktion, womöglich als einigermaßen „over the top“ einordnen würde. Der Film aber ist nach wahren Begebenheiten gedreht und er hält sich im Kern recht genau an die Wirklichkeit.

Da sind die Doppelmorde an zwei Paaren, von denen der zweite genau dann geschieht, während die Polizei gerade 800 Meter entfernt die Leichen des zuerst getöteten Paares untersucht. Da ist die spurlos verschwundene Frau, deren Bruder ausgerechnet der mächtige Chef des Hamburger Landeskriminalamts (LKA) ist, was ihm jedoch so gut wie nichts bringt, denn im benachbarten Bundesland Niedersachsen, wo seine Schwester verschwand, ist er ein (fast) genauso ohnmächtiger Angehöriger wie jede x-beliebige Zivilperson. Und da ist ein Verdächtiger, der sich eine private, auch mit Nazi-Devotionalien vollgestellte Sadomaso-Hölle eingerichtet hat – und der womöglich einer der größten deutschen Serientäter der Nachkriegsgeschichte war. Was durch die empörende Wurstigkeit der ermittelnden Behörden, noch so ein unfassbarer Aspekt dieser Geschichte, jedoch bis heute nicht nachzuweisen ist.

Es geht in dem Dreiteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“ zum einen um die sogenannten „Göhrde-Morde“ – die beiden erschossenen Paare in einem Waldstück in Niedersachsen, dem Göhrde-Staatsforst, –, die im Sommer 1989 deutschlandweit für Erschütterung sorgten. Und zum anderen und hauptsächlich geht es in dem Film um das Verschwinden einer Frau. Sie hieß im realen Leben Birgit Meier und verschwand kurz nach den Morden an den beiden Paaren in derselben Region spurlos. Im Film heißt die Frau Barbara Neder und sie wird von Silke Bodenbender dargestellt. Erst knapp 30 Jahre später werden die sterblichen Überreste der Frau gefunden. Birgit Meiers Bruder ist der frühere Hamburger LKA-Chef Wolfgang Sielaff. Er rollte den Fall nach seiner Pensionierung neu auf und konnte ihn 2017 endlich aufklären.

Im Fernsehfilm heißt diese Figur Thomas Bethge und wird von Matthias Brandt sehr präzise und innerlich gespielt, als integrer Staatsdiener, der stets die Regeln befolgt. Und die besagen eben unter anderem, dass ein Hamburger Polizist nicht in Niedersachsen ermitteln darf. So hält sich der LKA-Mann zurück, kann die Kollegen aus der niedersächsischen Provinz lediglich mit Hinweisen versorgen. Und ist zunehmend entsetzt über deren Nachlässigkeit und Selbstherrlichkeit.

Nur Anne Bach (Karoline Schuch), eine aufstrebende junge Polizistin, bleibt hartnäckig. Sie ist davon überzeugt, dass der Friedhofsgärtner Jürgen Becker (Hanno Koffler) hinter dem Verschwinden von Barbara Neder steckt. Doch ihr Vorgesetzter und der zuständige Staatsanwalt vor Ort blocken ab, haben längst einen anderen Schuldigen ausgemacht: Barbaras Ehemann Robert (Nicholas Ofczarek), einen erfolgreichen Unternehmer, der sie kurz zuvor für eine Jüngere verließ. Bald glauben der ganze Ort und auch Roberts und Barbaras Tochter Teresa an diese Theorie – ohne dass es irgendwelche Beweise dafür gäbe.

„Das Geheimnis des Totenwaldes“ (Produktion: Conrad Film und Bavaria Fiction) ist entgegen der PR der ARD, die hier phrasenartig von einem „Event-Dreiteiler“ spricht, eine eher nüchtern daherkommende Produktion, die glücklicherweise kaum auf Effekt und Spektakel setzt. Die insgesamt 270 Minuten zeigen polizeiliche Ermittlungsarbeit über fast 30 Jahre hinweg, und zwar in all ihrer Mühseligkeit und Aktenwälzerei, ihrer (scheinbaren) Aussichtslosigkeit. Erzählt wird dies jedoch mit einer enormen inneren Spannung, die bei weitem nicht nur aus den erwähnten unfassbaren Details dieses Kriminalfalls resultiert. Gefesselt wird der Zuschauer durch eine stimmige Dramaturgie, kluge Dialoge, starke Bilder und eine effiziente, elliptische Erzählweise. Drehbuchautor Stefan Kolditz und Regisseur Sven Bohse haben das komplexe Geschehen bemerkenswert gut im Griff.

Dabei setzen die Filmemacher auf spannende, durchweg toll gespielte Figuren, auf deren Entwicklung und nuancenreiche Konstellationen untereinander. Etwa die von Karoline Schuch überzeugend dargestellte Anne Bach und ihre Rolle als einzige Frau unter lauter Männern, die sich zunehmend „freischwimmt“. Oder natürlich der von Matthias Brandt gespielte Thomas Bethge, der sowohl als mächtiger LKA-Chef wie auch als ohnmächtiger Angehöriger auftritt. Der als Polizist damit leben muss, der eigenen Mutter bis zu ihrem Tod keine Gewissheit über den Verbleib ihrer Tochter geben zu können. Der nicht hinwegkommt über den Verlust der Schwester – auch weil er kaum darüber spricht.

Das Schweigen, es ist denn auch ein zentrales Merkmal der meisten Männer in diesem historischen Dreiteiler. Denn die gelungene Produktion ist überdies ein Sittengemälde jener Jahre, das die toxisch-patriarchale Kultur in all ihren Ausformungen – vom noch nationalsozialistisch geprägten Extrem einer harten Männlichkeit hin zur mangelnden Empathie und Fehlerkultur im Provinz-Kommissariat – zum Ausgangspunkt seiner Erzählung macht. So ist „Das Geheimnis des Totenwaldes“ nicht nur atemraubend spannend, sondern zudem ein kluger Kommentar zu überholten Geschlechterrollen. (Wobei eine Frau wie die Figur von Karoline Schuch in der Wirklichkeit allerdings nicht an den ursprünglichen Ermittlungen beteiligt war.) Zu loben ist auch die Leistung der Maske in diesem Film, die den Alterungsprozess der Figuren überzeugend wie selten visualisiert.

Nur eines stimmt bei diesem Dreiteiler nicht wirklich und das ist der Titel „Das Geheimnis des Totenwaldes“. Denn um die Göhrde-Morde an den beiden Paaren geht es in dem Film nur am Rande. Deutlich im Mittelpunkt steht die tragische Geschichte um den Hamburger LKA-Kommissar und das Schicksal seiner Schwester. In diese inhaltliche Richtung hätte man den Filmtitel wählen müssen. Stattdessen wählte man einen Allerweltstitel, wie er heute für viele Produktionen im öffentlich-rechtlichen Krimifernsehland üblich ist. Hauptsache Schlüsselwörter wie „Geheimnis“ und „tot“ kommen vor, damit den Zuschauern auch ja klar ist, dass es sich um einen Krimi handelt, was stets die Quote steigert. Doch abgesehen von diesem kleinen formalen Defizit bleibt festzuhalten: Dieser ARD-Dreiteiler ist eine der besten fiktionalen Fernsehproduktionen des Jahres.

23.12.2020 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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