Rache ohne Strafe: Dominik Grafs wirkmächtiger Film „Das unsichtbare Mädchen“

13.04.2012 •

Vieles kann man über den jüngsten Fernsehfilm von Regisseur Dominik Graf sagen, nur nicht, dass er es dem Zuschauer einfach machte und dass er ihn – vor allem – unberührt zurückließe. Diese vertrackte Wirkung erzielt der ungewöhnliche Kriminalfilm „Das unsichtbare Mädchen“, den Arte am 30. März um 20.15 Uhr in Erstausstrahlung zeigte, durch mehrere Faktoren.

Das beginnt bei der Erzählweise dieses Films (eine Koproduktion mit dem ZDF). Zwar startet und endet die Handlung mit einem jungen Kommissar, den es zunächst dienstlich in die oberfränkische Provinz verschlägt, ehe er am Ende seinen Dienst quittieren wird. Aber zwischendurch wechselt der Film mehrfach die Erzählperspektive, so dass der Betrachter auch anderen Figuren eines ohnehin nicht einfachen Kriminalfalls zu folgen hat. Nicht genug damit; auch der betont realistische Duktus des Films geht phasenweise verloren, manche Szenen wirken dann schockartig wie ein Alptraum oder ein Fieberdelirium.

Radikalisierter Umgang mit dem Ton

Das geht weiter mit dem Ton des Films, der wie immer bei Dominik Graf angereichert ist durch stark in den Vordergrund gemischte Geräusche, etwas Radio- und Fernsehschnipsel oder den Polizeifunkverkehr. An manchen Stellen überlagern diese Geräusche sogar die Gespräche, so dass man nur sieht, dass die Personen miteinander sprechen, aber eben nicht hört, was sie zu sagen haben (ein Effekt, wie ihn Alfred Hitchcock des öfteren angewandt hat.) In „Das unsichtbare Mädchen“ radikalisiert sich dieser Umgang mit dem Ton auch noch dadurch, dass die Darsteller der einheimischen Figuren ein starkes Oberfränkisch sprechen, das mitunter wie nachsynchronisiert, oft jedenfalls arg vernuschelt wirkt. Wie im Alltag (und wie nie im klinisch tonreinen Fernsehfilm) will man beim Hören und Sehen des Films innehalten und die Personen fragen, was sie denn gerade gesagt hätten; und noch viel öfter will man wissen, wie das denn gerade gemeint war.

Zu den Faktoren der Wirkung des Films zählt nicht zuletzt die Konstruktion seiner Geschichte, die von den Drehbuchautoren Ina Jung und Friedrich Ani stammt. Denn anders als im klassischen Krimi bleiben hier eine Reihe von Erzählfäden lose, manches Rätsel wird am Ende eben nicht gelöst und damit eine Zuschauererwartung brüskiert, die auf ein ordentliches Ende erpicht ist.

Wer sich aber auf all dies einlässt, wird belohnt durch eine Fülle von überraschenden Wendungen und bizarren Szenen, viele Details des oberfränkischen Provinzlebens und eine politische Intrige, wie man sie sich infamer nicht denken kann. Doch der Reihe nach. Der von Berlin nach Oberfranken in Bayern versetzte Hauptkommissar Niklas Tanner (Ronald Zehrfeld) gerät nach dem ersten feucht-fröhlichen Abend am Rande eines Mittelalterfestes am nächsten Tag an die Leiche einer Frau, die erwürgt worden ist. Während der lokale Kripochef Wilhelm Michel (Ulrich Noethen) den Fall als Resultat einer familiären Streitigkeit abtut, rasch den Ehemann der Ermordeten verhaften lässt und diesen derart unter Druck setzt, dass er sich im Gefängnis umbringt, entdeckt Tanner, dass hinter dem Mord mehr stecken muss.

Den Wildschweinen zum Fraß

Die Ermordete hatte kurz zuvor erklärt, sie habe vor wenigen Tagen ein seit zehn Jahren verschwundenes Mädchen wiedergesehen. Und diese Beobachtung hat ein gewisses Skandalpotenzial, da der Fall als Mord ohne Leiche bewertet wurde. Ein verdächtiger junger Mann, der geistig behindert ist, wurde aufgrund eines (später widerrufenen) Geständnisses zu einer langen Strafe verurteilt und sitzt immer noch im Gefängnis. Tanner muss erkennen, dass der Fall von damals die örtliche Gemeinschaft der oberfränkischen Kleinstadt an der tschechischen Grenze bis heute teilt. Diese Teilung wird in der Gaststätte, die dem Vater des Verurteilten gehört, durch einen dicken roten Streifen im Boden symbolisiert. Diesseits dürfen nur jene sitzen, die an die Unschuld des jungen Mannes glauben. Alle anderen müssen jenseits der roten Linie Platz nehmen.

Zusätzlich aufgeladen wird der Fall durch die Einflussnahme der Politik aus der Landeshauptstadt München. Der nach Höherem strebende Innenminister und sein junger Staatssekretär dringen anscheinend einvernehmlich im alten wie im gegenwärtigen Fall auf rasche Lösungen, die ihnen der Karrierist Wilhelm Michel und die auf ihn verpflichteten Polizisten auch willfährig frei Haus liefern. So steht dem jungen Kommissar aus Berlin beim Versuch, diese komplexen Verhältnisse zu begreifen, allein der Mann zur Seite, der einst den Fall des verschwundenen Mädchens klären sollte und dann von der vorgesetzten Dienststelle zugunsten von Michel abgelöst worden war. Dieser mittlerweile pensionierte Hauptkommissar namens Altendorf (Elmar Wepper) steht diesseits der roten Linie und ist von dem Fall gleichsam besessen, ein Zimmer seiner Wohnung hat zu einem privaten Archiv über dieses Verbrechen umgestaltet. Durch Altendorf gelangt Tanner an Informationen über ein Bordell im benachbarten Tschechien, in dem wohl auch Kinder zur Prostitution gezwungen werden. In dessen Nähe wollte die ermordete Frau das einstige Mädchen wiedergesehen haben.

Deshalb bricht Tanner, von den Intrigen der Kripoleitung wie auch des Innenministeriums angewidert, in einem Solotrip in das Bordell ein, um nach Beweisen vom Leben des verschwundenen Mädchens zu suchen. Das geht gewaltig schief. Die Bordellbetreiber überwältigen ihn und vergraben ihn im Wald bis zum Hals im Boden, auf dass die Wildschweine kommen und ihn fressen. Die junge Frau, die tatsächlich das noch lebende Mädchen von einst ist und von Tanner entdeckt wurde, wird nun ermordet. Wie der Kommissar selbst dann noch rechtzeitig gerettet wird, während schon ein Keiler vor seiner Nase steht, wie die Leiche der jungen Frau mit Hilfe der tschechischen Polizei gefunden und identifiziert wird, das erzählt der Film nun enorm beschleunigt wie im Fiebertraum, so dass man es als Zuschauer kaum mitkommt.

Erinnerung an einen „Tatort“

Aber, wie angemerkt, durchgehend realistisch ist dieser Film nicht erzählt. Und so leistet er sich einen Schluss, der wie eine Erlösung wirkt. Der ungesühnte Mord an Wilhelm Michel, mit dem die Geschichte endet, befriedigt zwar emotional ein latentes Rachebedürfnis, ist und bleibt jedoch ein barbarischer Akt. Schon in der „Tatort“-Folge „Frau Bu lacht“ (ARD/BR) aus dem Jahr 1995 hatte Dominik Graf einst mit diesem Rachebedürfnis gespielt; auch damals kam derjenige, der sich rächte, ohne Strafe davon und wie jetzt in „Das unsichtbare Mädchen“ spielte auch seinerzeit Ulrich Noethen denjenigen, der dem Racheakt zum Opfer fiel.

In beiden Fällen wird das atavistische Gefühl nach Rache und Genugtuung durch die dramaturgische Konstruktion, die Besetzung mit Ulrich Noethen und dessen beeindruckende Spielweise noch verstärkt, ohne dass es zivilisatorisch durch ein Rechtsverfahren selbst eingehegt würde. Im Gegenteil: Die ermittelnden Beamten schonen in beiden Fällen die Rache übenden Täter. Diesmal – anders als im „Tatort“ – gibt der Kriminalkommissar allerdings anschließend seinen Beruf auf. Der Zuschauer jedenfalls wird mit der Frage konfrontiert, wie er selbst auf diese Tat am Ende reagiert. Nebenbei verweist der Film damit auf eine klassische Leerstelle so vieler Krimis im Fernsehen: Was anschließend mit den Tätern geschieht und wie sich die Welt der Opfer weiterdreht, kommt nicht mehr vor.

Noch mit einer anderen Frage konfrontiert der Film den Zuschauer. Gegen Ende wird die Möglichkeit angedeutet, dass der Innenminister das Verfahren um das verschwundene Mädchen auch deshalb beschleunigt haben wollte, um jeden Verdacht von sich zu weisen, er wäre an jungen Mädchen aus mehr als politischen Gründen interessiert. Doch diese angedeutete Möglichkeit hebt der Film gleich auf die nächste Erzählebene. Der Staatssekretär lässt seine Tochter, die so alt ist wie das Mädchen, als es verschwand, mit dem Innenminister fotografieren und lanciert das Foto in Homestorys über sich. An dieses Foto erinnert er seinen Vorgesetzten, als der Fall in Oberfranken eskaliert. Die Folge: Der Innenminister tritt zurück, seine Karriere bricht ab und die des Staatssekretärs beschleunigt sich.

Ein realer Fall als Vorbild

Diese fiese Intrige wird nebenbei erzählt und lebt auch visuell von jenen Andeutungen und Mutmaßungen, die erst durch die Veröffentlichung ihr Drohpotenzial entfalten. Hier wird mit der Erwartung vieler Zuschauer spekuliert, dass die Politik auch noch in einer solchen polizeilichen Untersuchung zunächst einmal ureigene Interessen verfolgt und ohnehin Dreck am Stecken hat. Der Film selbst sagt an keiner Stelle, dass der Innenminister pädophile Interessen hege. Stattdessen zeigt er, wie man einen Politiker schon bei der leisesten Annahme eines Verdachts aus einem gewählten Amt drängen kann. Und der Zuschauer wird mit der Frage konfrontiert, wie er selbst auf eine subtile Unterstellung reagiert.

Das spielt hier auch insofern eine Rolle, als der Film einen realen Vorfall aus eben dieser Region aus dem Jahr 2002 aufgreift, als dort tatsächlich ein Mädchen verschwand und die Polizei auch einen geistig behinderten jungen Mann als Mörder dingfest machte, der trotz großer Zweifel bis heute im Gefängnis sitzt (im Film kommt der junge Mann später frei). Der Fall sorgte damals überregional für Aufmerksamkeit. Alexander Smoltczyk porträtierte in einer Reportage für den „Spiegel“ („Tod in der Schlossklause“, Ausgabe Nr. 44 vom 28. Oktober 2002) die Dorfkneipe der Eltern des vermeintlichen Täters und die von dem Journalisten beschriebene Stimmung hat Dominik Graf auf starke Weise in den Film übertragen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ meldete kurz nach der Ausstrahlung des Films, dass ein Rechtsanwalt beim zuständigen Landgericht die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragen wird, um den Fall neu aufzurollen und die Unschuld des seit acht Jahren eingesperrten Mannes zu beweisen. Es ist wohl erwiesen, dass das Innenministerium als vorgesetzte Behörde der Kriminalbeamten die Aufklärung des Verbrechens beschleunigt sehen wollte. Dem von 1993 bis 2007 amtierenden Innenminister Günther Beckstein (CSU) wird man das vom Film insinuierte Motiv der Einflussnahme nun nicht unterstellen wollen. Doch das Muster der Intrige, die hier gesponnen wird und sich des Kriminalfalles nur bedient, wird man unter den Parteifreunden der CSU gut kennen.

Großer Erfolg für Arte

Mit seinen Widersprüchen aus hartem Realismus und alptraumartigen Szenen, den unterschiedlichen Erzählperspektiven, den divergenten Motiven der handelnden Personen und dank seines spekulativen Spiels mit der Zuschauererwartung verstört „Das unsichtbare Mädchen“ den Betrachter. Wer den Film sieht, wird ihn nicht so leicht vergessen. Die Intensität seiner Wirkung verdankt er auch der Leistung eines starken Schauspieler-Ensembles, aus dem neben den erwähnten, allesamt überzeugenden Hauptdarstellern noch Silke Bodenbender als Mutter des Mädchens herausragt. Vergessen sei nicht Lisa Kreutzer als Kneipenwirtin – ein kleiner Verweis auf jenen Film, der zuletzt in dieser Region gedreht wurde: „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Der von Lisa Kreuzer in „Das unsichtbare Mädchen“ gespielten Figur schmuggelte Dominik Graf ein Bild aus dem Wenders-Spielfilm des Jahres 1976 als Privatfoto unter.

Ob der Regisseur mit diesem Werk seinen nächsten und damit elften Grimme-Preis einfährt? Das ist nicht so sicher. Sein radikalster Film der letzten Jahre, „Das Gelübde“ (vgl. FK-Heft Nr. 23/08), ging in Marl leer aus, weil Graf hier ebenfalls den Rahmen des Filmrealismus verließ. Bleibt noch eine weitere Frage: Auf welchem Sendeplatz wird das ZDF den von Cinecentrum (Dagmar Rosenbauer und Gloria Burkert) produzierten Film, den es zum Großteil finanzierte, ausstrahlen? Offiziell firmiert er als „Landschaftskrimi“, was auf den 20.15-Uhr-Sendetermin am Montagabend („Fernsehfilm der Woche“) schließen lässt. Doch der lässt normalerweise nur Filme mit einer Maximallänge von 90 Minuten zu. „Das unsichtbare Mädchen“ dauert allerdings mit 105 Minuten eine Viertelstunde länger.

Für Arte war die Erstausstrahlung von „Das unsichtbare Mädchen“ ein großer Erfolg. Der Film brachte dem Sender mit 1,37 Mio Zuschauern (Marktanteil: 4,4 Prozent) die beste Einschaltquote seit Ende 2010. Die Top-Quote seinerzeit erzielte Arte übrigens mit der Fernsehfassung von Heinrich Breloers „Buddenbrooks“-Verfilmung (1,54 Mio Zuschauer).

• Text aus Heft Nr. 15/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

13.04.2012 – Dietrich Leder/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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