Neo Magazin mit Jan Böhmermann (ZDFneo)

Zwischen Satire und Blödsinn

15.11.2013 •

Jan Böhmermann ist gerade mal 32 und schon ein ganz Großer der Fernsehunterhaltung. Denn demnächst tritt er donnerstags mit zwei zeitgleich ausgestrahlten Formaten quasi gegen sich selbst an. Sowas haben selbst Entertainment-Granden wie Kulenkampff, Carrell und Gottschalk nicht geschafft. Ab dem 21. November ist beim ARD-Spartenkanal Eins Plus jeweils um 23.00 Uhr wieder mehr oder minder regelmäßig „Lateline“ (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 19/13) zu sehen. Diese Call-in-Sendung mit Böhmermann als Moderator ist zwar nur abgefilmtes Radio, sie dauert aber satte zwei Stunden. Den Live-Job macht der gebürtige Bremer schon seit einem Jahr. Und nun ist das halbstündige „Neo Magazin“ dazugekommen, das Böhmermann bei der öffentlich-rechtlichen Spartenkonkurrenz veranstaltet und parallel zu „Lateline“ läuft. Warum sich für das neue Format bei ZDFneo trotz – so heißt es seitens des Senders – aller Bemühungen kein anderer Ausstrahlungstermin finden ließ, bleibt mehr als rätselhaft.

An dem Magazin haben Jan Böhmermann und sein Team von der Bildundtonfabrik (Produktion) lange gebastelt. Und zwar praktisch seit Anfang des Jahres, als bekannt geworden war, dass es von der Talkshow „Roche & Böhmermann“ (ZDFkultur) wegen unüberbrückbarer Differenzen zwischen den beiden Gastgebern (Böhmermann und Charlotte Roche) keine Fortsetzung geben werde. Schon seit diesem Sommer stellte man eine Vielzahl launiger Videos ins Netz, die einen Vorgeschmack auf das „Neo Magazin“ geben sollten.

Zu Beginn der ersten Ausgabe lieferte ein singender Böhmermann in einem furiosen, gut fünfminütigen Musical-Einspieler zunächst einen ironischen Abgesang auf seine ehemalige Talk-Kollegin („Adieu, du alte Bumsbuchtante“), um dann an sich selbst und dem Fernsehen zu verzweifeln, um schließlich von einem gottgleich aus einer Wolke sprechenden Markus Lanz erlöst zu werden, der zu ihm die Worte sprach: „Du schaffst das auch allein.“ Das hatte Charme, Esprit und vor allem eine gehörige Portion Selbstironie.

Und auch die restlichen 25 Minuten des Debüts nahmen sich durchaus kurzweilig aus. So etwa die Nummer um den geplanten öffentlich-rechtlichen Jugendkanal, in der die ARD von neun keifenden und durcheinander redenden Frauen mittleren Alters repräsentiert wurde, während ein Herr vom ZDF seine Digitalkanäle und die gemeinsamen, beklagenswert missratenen Kinder Arte und 3sat vorstellte. Derart den eigenen Arbeitgeber auf die Schippe zu nehmen, muss man heutzutage nicht mehr mutig finden, aber äußerst unterhaltsam war es allemal.

Später in der Sendung trieb Böhmermann mit Bezug auf die neuesten Abhörenthüllungen der NSA Schabernack mit seinem Studiopublikum. Anhand der Personalien der Besucher hatte man mal eben das Internet durchforstet, um zu sehen, was die denn in sozialen Netzwerken und anderswo so alles trieben. Während die ersten beiden ‘Opfer’ die harmlosen Enthüllungen (Jugendfotos, die bildliche Dokumentation eines Besuchs beim ZDF-„Heute-Journal“) halbwegs gelassen nahmen, reagierte eine junge Frau, die in einem Portal ein kitschiges Glasbild zur Versteigerung angeboten hatte, überaus pikiert. Erst recht, als der Moderator das Werk unter seinem Schreibtisch hervorkramte und bekannte, es für 50 Euro ersteigert zu haben. Die gänzlich humorlose Reaktion der Verkäuferin brachte Böhmermann hinter seinem im Retro-Look gestylten Moderationspult vorübergehend aus der Fassung, zumal seine hektischen Beschwichtigungsversuche partout nicht fruchten wollten. Aber wo hat man als Zuschauer am Bildschirm noch solch erfrischende Momente, in denen im Fernsehen etwas außer Kontrolle zu geraten droht?

Schwachpunkte der Auftaktsendung waren eindeutig die beiden Studiogäste. C-Promi-Sternchen Gina-Lisa Lohfink dürfte kaum verstanden haben, was sie in der Show eigentlich sollte (womit sie nicht die Einzige gewesen sein dürfte.) Und dass Oliver Welke von der „Heute-Show“ (ZDF) sich nach belanglosem Smalltalk überreden ließ, ein eher peinliches Tattoo aus Jugendzeiten vorzuführen, war auch nicht eben der Knaller. Wozu braucht ein gerade mal halbstündiges Magazin überhaupt Studiogäste?

Umso überraschter war man zu Beginn der zweiten „Neo-Magazin“-Ausgabe, als gleich deren drei angekündigt wurden: Da sollten also wahrhaftig SPD-Chef Sigmar Gabriel, Filmemacher Lars von Trier und der französische Kult-DJ David Guetta aufmarschieren? Kaum zu glauben. Und am Ende war’s auch nur ein Scherz. Der eine Gast entpuppte sich lediglich als ein Lars aus Trier im Publikum und statt des ranghöchsten Sozialdemokraten stolperte irgendwann ‘nur’ Gunter Gabriel mit Gitarre ins Studio, um von Böhmermann („Was soll der Scheiß?“) gleich wieder rausgeworfen zu werden. Natürlich erwartete man, dass der Barde zu einem späteren Zeitpunkt doch noch seinen Auftritt bekommen würde. Was aber nicht passierte. Sich für einen solchen Scherz herzugeben, zeugt entweder von Größe oder von einer prekären finanziellen Lage, in der man gegen Bezahlung so ziemlich alles mitmacht.

Und was den dritten Studiogast angeht: Statt David Guetta kam schließlich der Aachener Geiger mit dem Künstlernamen David Garrett, der eine ziemlich peinliche Figur abgab und sich, entrückt lächelnd, vom Moderator nach allen Regeln der Kunst vorführen ließ. Solch einen respektlosen Umgang mit Gästen hatte Jan Böhmermann auch schon bei „Roche & Böhmermann“ praktiziert. Wer eine Einladung zum „Neo Magazin“ für eine Möglichkeit zur Eigenwerbung hält, sollte also gewarnt sein. Reichlich Luft nach oben haben in dieser erfrischenden Wundertüte aus Satire und höherem Blödsinn aber vor allem noch die Gags, die der Moderator zwischendurch unters Volk zu bringen versuchte. Da war manch veritabler Rohrkrepierer darunter. Aber sehen wir’s mal neo und freuen uns: Denn im Prinzip ist diese Sendung eine Bereicherung fürs deutsche Fernsehen.

• Text aus Heft Nr. 46/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.11.2013 – Reinhard Lüke/FK

Print-Ausgabe 1/2021

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