Merkwürdigkeiten und Nachlässigkeiten: Anmerkungen zu den Nominierungen für den Grimme-Preis 2015

06.02.2015 •

Die Vorauswahlkommissionen des Grimme-Preises haben es bekanntermaßen nicht leicht. Sie müssen sich durch einen sehr großen Berg an Sendungen arbeiten, der vor allem auf den Vorschlägen der Zuschauer beruht. Da die Kommissionsmitglieder nur in die jeweilige Sendung hineinsehen und sie nicht zu Ende schauen, müssen sich schnell entscheiden können oder halt im Vorhinein selbst so viel Programm gesehen haben, dass sie wissen, wie es jeweils weitergeht. Dass ihnen dabei gewichtige Produktionen entgehen, dass sie manches glatt übersehen, ist ebenso zwangsläufig wie die Regel. Dennoch beweisen die Nominierungen stets noch ein wenig, wie neugierig die Mitglieder dieser Kommissionen sind, ob sie auf das Bewährte setzen oder auch dem Ungewöhnlichen eine Chance geben.

Am 20. Januar sind die Nominierungen für den Grimme-Preis 2015 bekannt gegeben worden (vgl. Dokumentation in dieser MK). Die Bilanz in diesem Jahr fällt dabei gemischt aus: Es fehlen in der Kategorie „Fiktion“ nicht die staatstragenden Geschichtsfilme wie „Die Spiegel Affäre“ (ARD) oder „Das Zeugenhaus“ (ZDF), die einem mittleren Allensbacher Realismus verpflichtet sind, demnach es auch in der Geschichtsdarstellung streng ausgewogen einhergehen muss. Dafür fehlt mit „Männertreu“ (ARD) ein Film, der nicht eine reale, aber eine mögliche Geschichte aus der Politik der Gegenwart erzählt. Beim „Tatort“ und dem „Polizeiruf 110“ (jeweils ARD) wird es richtig obskur; hier hat sich die Kommission wohl darauf verständigt, dass es sich nur dann um einen guten Krimi handelt, wenn die Kriminalgeschichte möglichst unwichtig ist und nur Aufhänger für Klamauk, plumpe Zitate und permanente Ironie ist. Wie anders ist die Nominierung der „Tatort“-Folge „Der irre Iwan“ (MDR) mit Christian Ulmen und Nora Tschirner zu erklären?

Wo sind die Serien?

Und warum etwa der Drehbuchautor der Dortmund-„Tatorte“ – es handelt sich um Jürgen Werner – in der Summe in der Unterkategorie „Spezial“ nominiert wird, dafür aber die von ihm verfasste vierte Folge „Auf ewig Dein“ als Einzelstück ignoriert wurde, bleibt ein Rätsel. Als Frevel muss man es bezeichnen, dass erstmals seit Jahren Dominik Graf mit keinem seiner drei Filme des vergangenen Jahres nominiert wurde. Seine Münchner „Polizeiruf“-Folge „Smoke on the Water“ war vermutlich zu brutal, sein Regionalkrimi aus Starnberg kam nicht vom ZDF und sein Essayfilm über ‘50 Jahre Grimme-Preis’ („Es werde Stadt!“) erschien vermutlich zu selbstbezüglich, auch wenn er mehr über das deutsche Fernsehen oder die Stadt Marl aussagte als über den Preis selbst. Fatal das Fehlen gerade der leisen Filme wie „Es ist alles in Ordnung“ (ARD), dessen Sozialdrama sich wie nebenbei entwickelt und einen dabei mehr packt als viele plakativ erzählte Stücke.

Noch merkwürdiger muten die Nominierungen in der Kategorie „Unterhaltung“ an. Olli Dittrich, Stefan Raab und der „Tatortreiniger“ scheinen gleichsam als sichere Bank gesetzt worden zu sein. Das kann man vielleicht noch verstehen. Warum aber unter den vielen Neuentwicklungen mit „Mr. Dicks – das erste wirklich subjektive Gesellschaftsmagazin“ gerade nur eine einzige ausgewählt wurde, erscheint hilflos. Während „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ (Vox) weniger eine Neuerung ist als die deutsche Version eines holländischen Originals. So wurde denn „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von...“ (WDR Fernsehen) von der Vorauswahlkommission ignoriert, obgleich die Folge mit Hugo Egon Balder zum Komischsten gehörte, was im TV-Jahr 2014 zu sehen war.

Was ist im Übrigen mit den Serien? Warum wird bei all ihrer Qualität die schon zweimal Grimme-gekrönten Serie „Der Tatortreiniger“ (NDR Fernsehen) jetzt zum dritten Mal hintereinander nominiert? Gab es da nicht andere bemerkenswerte Serien, die noch nie einen Grimme-Preis erhalten haben? Da wären zum Beispiel „Mord mit Aussicht“ (ARD), „Danni Lowinski“ und „Der letzte Bulle“ (beides Sat 1). Stattdessen lautet die Bilanz: Einzige nominierte Serie – „Der Tatortortreiniger“. Das Ganze ist umso rätselhafter, als die zuständige Kommission „Unterhaltung“ ihre quantitativen Nominierungsmöglichkeiten gar nicht ausgeschöpft hat.

Die Stärke von Grimme

Wie wenig Sendungen aus dem Unterhaltungsbereich die Kommission für nominierenswert hielt, kann man daran erkennen, dass sie mit „Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“ eine klassische Komödie auswählte, die einem auch in der Kategorie des Fernsehfilms preiswürdig erschienen wäre. Die Nominierung der drei Kabarettisten der ZDF-Satirereihe „Die Anstalt“ für einen „Spezial“-Preis mag vielleicht politisch sympathisch sein, doch die Begründung mutet schon merkwürdig verstiegen an: Max Uthoff, Claus von Wagner und Dietrich Krauß wurden nominiert „für den kalkulierten Bruch mit den Konventionen des Kabaretts in der Sendung ‘Die Anstalt’ vom 18. November 2014 mit ihrer klaren Haltung zur Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen durch einen emotionalen Moment“. Eine Formulierung, die auch beim dritten Lesen keinen Sinn ergibt. In der Kategorie „Information und Kultur“ schließlich fällt auf, dass Großprojekte wie „24 h Jerusalem“ (Arte/BR) und „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (Arte/ARD), die in der öffentlichen Wahrnehmung eine große positive Resonanz erzielten, nicht nominiert wurden.

Festzuhalten bleibt bei aller Kritik: Genau die viele Tage lange Anstrengung der Nominierungsarbeit, das gemeinsame Sichten aller nominierten Sendungen in den Preisjurys und deren anschließendes intellektuelles Ringen um die Preisträger sind das Fundament und die Stärke des Grimme-Preises. Das hat ihn stets vom Deutschen Fernsehpreis unterschieden, der just in diesen Tagen eher nebenbei endgültig begraben wurde. Denn bei aller Unabhängigkeit der Jury des Deutschen Fernsehpreises, die oft gute Arbeit leistete, hingen dessen Ausrichtung und damit auch dessen Existenz vom Wohlwollen der Fernsehsender ab. Dieses Wohlwollen wurde genau dann entzogen, als beispielsweise bei den privaten Programmen kaum noch Preiswürdiges zu finden war. Es bestätigt noch einmal die Stärke des Grimme-Preis-Wettbewerbs, der jetzt zum 51. Mal veranstaltet wird, dass er von solchen Faktoren unabhängig ist.

06.02.2015 – Dietrich Leder/MK