Lutz Hachmeister: Schleyer – Eine deutsche Geschichte (ARD/NDR/WDR)

Imposante Detailvielfalt

22.08.2003 •

Als er gerade einmal 26 Jahre alt war, 1941 war das, beschrieb er sich in einem Brief bereits als „alten Nationalsozialisten“. Und die Haltung, die in solchen Worten mitschwingt, transportierte er auch noch nach 1945: Der Ex-SS-Mann Hanns Martin Schleyer ließ stets durchblicken, dass er mit seinem Wirken in der NS-Zeit im Reinen war. Wie sich Schleyer, 1977 von der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) entführt und ermordet, von einem Topstrategen im „Centralverband der Industrie für Böhmen und Mähren“ zu einem der wichtigsten Wirtschaftsmanager der Bundesrepublik Deutschland entwickeln konnte – das beschreibt Lutz Hachmeister in seiner eineinhalbstündigen Dokumentation „Schleyer – Eine deutsche Geschichte“. Der Autor nimmt den ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten dabei als pars pro toto – für eine Generation, die den Grundstein für ihre Karriere in noch relativ jungen Jahren im Nationalsozialismus legte, um später dann das postfaschistische Deutschland mitzuprägen.

Über Schleyers Tätigkeit als NS-Wirtschaftsfunktionär – und vorher als Studentenführer – wurde bisher nur am linken Rand der Gesellschaft diskutiert, dort allerdings zuweilen auch in ausgeschmückten Versionen. Ansonsten war das Thema nach Schleyers Ermordung tabu, und diese Haltung schlug sich nun auch in der Entscheidung der ARD nieder, Hachmeisters Film erst um 23.00 Uhr zu programmieren. Ursprünglich sollte das Stück, eine Erstausstrahlung und zudem finanziell aufwändig produziert, sogar erst um 23.30 Uhr laufen, im Anschluss an eine halbstündige Wiederholung der bunten Reportage „Mamma Mia – Frau Schnabel und ihre 17 Kinder“. Die Wege der ARD-Programmplanung sind manchmal mehr als rätselhaft. („Schleyer“ hatte eine Einschaltquote von 1,10 Mio Zuschauern; Marktanteil: 10,4 Prozent.)

Rund ein Drittel seiner weitgehend chronologisch aufgebauten Dokumentation widmet Lutz Hachmeister der Zeit vor 1945; im zweiten Teil geht er ein auf Schleyers Karriere als Arbeitgeberfunktionär sowie als Vorstandsmitglied von Daimler-Benz, im letzten schließlich kreist er um den Themenkomplex Entführung und Mord und kritisiert die Haltung der damaligen Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt, die, statt über die Freilassung Schleyers zu verhandeln, seinen Tod in Kauf nahm, weil sie, was den Kampf gegen den Terrorismus anging, um jeden Preis als hart und unnachgiebig in die Geschichte eingehen wollte. Neben diversen Prominenten (Kurt Biedenkopf, Eberhard von Brauchitsch, Günter Wallraff) bietet Hachmeister auch viele Zeitzeugen auf, die sich hier erstmals öffentlich zur Person Schleyer äußern. Darunter dessen Witwe Waltrude – der man ihre Schwierigkeiten anmerkt, vor der Kamera zu reden, weil sie oft dem Blickkontakt mit dem Interviewer ausweicht – und der ehemalige RAF-Mann Stefan Wisniewski, der an dem Mord beteiligt war. Das alles bringt einen imposante Detailvielfalt mit sich – ohne dass Hachmeister Erzählung ausfransen würde, im Gegenteil: Dem Autor gelingt es, permanent die Spannung aufrechtzuerhalten.

Das Spektrum der Äußerungen sei anhand von zwei Szenen skizziert. In einer schildert Waltrude Schleyer ohne Scheu, wie schwer es ihr fiel, konditionell mit ihrem trinkfesten Gatten mitzuhalten. „Es ist erst drei, du Flasche!“, habe er einmal zu ihr gesagt, nachdem sie übermüdet zum Aufbruch gedrängt habe. Bei der Kino-Premiere von „Schleyer“ in Hamburg – die Dokumentation lief ab Anfang Juli in einigen ausgewählten Filmtheatern (vgl. FK-Heft Nr. 26/03) – sorgte diese Passage für befreiendes Gelächter: Endlich konnte und durfte man auch mal lachen über die Person, deren Tod so tragisch und deren Leben, vorsichtig formuliert, umstritten war. Beispiel zwei: Eine Äußerung Wisniewskis, Schleyer habe im Zuge der Entführung seine Bewacher zu einem gemeinsamen Österreich-Urlaub eingeladen – für den Fall, dass die ganze Sache gut ausgeht. An diesem Punkt wirkt Schleyers Leutseligkeit, die mehrmals im Film zur Sprache kommt, endgültig suspekt – und das nicht allein, weil Wisniewski sagt, dass er, Sohn eines NS-Opfers, es als aberwitzig empfunden habe, dass ein Ex-SS-Mann ihm so etwas vorschlage.

In vielen Phasen reizt diese „deutsche Geschichte“ Hachmeisters dazu, sich mit dem Thema noch intensiver zu beschäftigen, doch es fragt sich, ob die zahlreichen neuen Informationen, die Hachmeister bei seinen exklusiven Gesprächen mit Familienmitgliedern über das Privatleben und die Mentalität Hanns Martin Schleyers zutage gefördert hat, für den Zuschauer auch wirklich alle gewinnbringend sind. Die Frage ist zwar unter realpolitischen Aspekten irrelevant, denn ohne reichlich human touch wäre der Film nicht nur nicht zu einer angemessenen Sendezeit gelaufen, sondern wohl überhaupt nicht. Inhaltlich berechtigt ist sie dennoch, denn was hilft uns bei der Einschätzung der historischen Figur Schleyer das Wissen, dass er Skat spielte (statt Schach), gern am Bodensee urlaubte (statt auf Teneriffa) und in Köln zeitweilig im Bahnhofsviertel wohnte (statt in einem ruhigen, noblen Vorort). Lassen sich seine Überzeugungen und Entscheidungen aus solchen Gewohnheiten oder Macken erklären? Fragen, die heutzutage allerdings auch andere politische Dokumentationen aufwerfen.

• Text aus Heft Nr. 34/2003 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.08.2003 – René Martens/FK

Imposante Detailvielfalt: Der Film bietet unter anderem mehrere Zeitzeugen auf, die sich hier erstmals öffentlich zur Person Schleyer äußern

Fotos: Screenshots


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