Holger Weinert: Die Zarinnen aus Hessen (HR Fernsehen)

Protestantisch flexibel

23.01.2015 •

23.01.2015 • Das HR Fernsehen feiert nicht nur seine ebenso schönen wie unterschätzten Landschaften in einer Unmenge von Sendungen und Reihen wie etwa „Herrliches Hessen“. Das Dritte Programm des Hessischen Rundfunks entdeckt auch andere regionale Besonderheiten, die einem nicht unmittelbar in den Sinn kommen, wenn von dem zentral gelegenen Bundesland die Rede ist. Dazu zählen jene vier hessischen Prinzessinnen, die zwischen Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts an russische Zaren verheiratet wurden. Im Film „Die Zarinnen aus Hessen“, einer populär gestalteten Historiensendung, porträtierte Holger Weinert die vier blaublütigen Damen zur besten hessischen Sendezeit.

Der langjährige Lokalmatador und „Hessenschau“-Nachrichtensprecher zeichnet als Autor verantwortlich für den 45-minütigen Beitrag, durch den er als Presenter zugleich auch selbst führt. Das macht er auf seine eigene, ureigene Weise. Auf den ersten Blick mutet „Die Zarinnen aus Hessen“ ein wenig wie ein Geschichtsbilderbogen des alten ZDF-Kämpen Guido Knopp an; es gibt (wenn auch nur wenige) nachinszenierte Szenen, es werden Archivfilme zitiert und Schwarzweiß-Fotos digital aufbereitet. Schon nach wenigen Minuten wird indes klar, dass Weinert sich als Person viel stärker einbringt und dem unterhaltsamen Film so eine ganz andere Anmutung gibt. In einer bunten Mischung aus Dokumentation, Reportage und Weinert-Show führt der Moderator den Zuschauer im Stil eines entspannten sonntagnachmittäglichen Spaziergangs durch Museen und Schlösser. Interessiert und zuweilen etwas outrierend parliert Weinert mit Historikern und Museumsführerinnen. Bei der Rekonstruktion der ereignisreichen Lebenswege der vier hessischen Fürstinnen kommen auch Anekdoten und Anekdötchen zur Sprache. Das Ganze ist nicht immer bierernst, aber doch interessant.

Warum eigentlich heirateten russische Zaren immer wieder Prinzessinnen aus Hessen? Diese buchstäbliche Gretchenfrage beantwortet der Film ganz nebenbei. Katholische Fürstinnen durften ihre Konfession nicht wechseln, wohingegen die Prinzessinnen aus Hessen protestantisch und in dieser Hinsicht also flexibler waren. Außerdem sahen sie gut aus. Wenn Holger Weinert gemeinsam mit Historikern und Adelsexpertinnen etwa über die Schönheit von Marie, der Gattin von Zar Alexander II. (1818 bis 1881), ins Schwärmen gerät, dann färbt die unbeschwerte, beinahe kindliche Begeisterung auf den Film ab. So erzählt Weinert auch nach, wie Alix von Hessen-Darmstadt, die letzte Zarin von Russland, mit ihrem Gemahl die Ferien im hessischen Friedberg verbrachte. Ihre Residenz, die Burg Friedberg, wurde in den 1990er Jahren ein Raub der Flammen und wird nun nach der Totalsanierung als Finanzamt der Stadt genutzt. Prosaischer geht es nicht.

Diese Information wäre für sich genommen schon kurios genug. Doch auf seine unnachahmliche Art forciert Holger Weinert diese schrullige Geschichte noch. Vor der Kamera interviewt er Waltraut Hachenberger, eine Amateurexpertin in Sachen russischer Zaren, die hauptberuflich im dem Friedberger Finanzamt arbeitet. Von ihr ist zu erfahren, dass Alix’ Lieblingszimmer beim Umbau ganz schnöde zum WC fürs Finanzamtspersonal gemacht wurde. Da gibt es für Holger kein Halten mehr: Gemeinsam mit Waltraut Hachenberger und der beide begleitenden Kamera berichtet er aus der Damentoilette: Dabei entsteht eine Form von skurriler Poesie, die man in einer Historien-Dokus so nicht erwartet hätte, die diesem Film aber einen durchaus eigenen Charme verleiht.

Seine Ausflüge ins liebenswürdig Banale versucht Weinert mit dem großen Ganzen zu verknüpfen: Da Alix die Frau des letzten Zaren – und der wiederum ein Cousin von Kaiser Wilhelm I. – war, stellt sich nebenbei die brennende Frage, wie unter Verwandten solch ein verheerender Konflikt wie der Erste Weltkrieg angezettelt werden konnte: „Wie war dieser Krieg möglich?“, fragt Weinert eher nebenbei. Man spürt aber, dass ihn die vielen kleinen Details mehr interessieren als das große Ganze der Weltpolitik – das ja ansonsten auch in anderen und gewichtigeren Dokumentationen zelebriert wird. Seine stärksten Momente hat der Film in Situationen wie der, wenn beispielsweise im Darmstädter Museum weihevoll eine Locke der letzten Zarin Alix aus einem Briefumschlag geholt wird. In solchen Augenblicken wird Holger Weinert zum Kurier der Zarinnen.

23.01.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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