Heinz Höhne/Peter Buschbohm: Die Männer unter dem Totenkopf. Geschichte der Waffen‑SS. 3-teilige Reihe (WDR/N 3/HR 3)

Die SS als Vorbild der Bundeswehr?

08.01.1975 •

Da reibt man sich doch mächtig die Augen. Angekündigt ist eine Reihe zur Geschichte der Waffen-SS: „Die Männer unter dem Totenkopf“. Schon die erste Folge, „Die Prätorianer – 1933-1939“, lässt einen merkwürdig verengten Ausschnitt aus der Realität des „SS-Staates“ erkennen. Beispiel: Zum 30. Juni 1934, zur Niederschlagung des vermeintlichen „Röhm-Putsches“, lässt man die Äußerung eines Ehemaligen stehen, der von acht bis zehn SA-Führern spricht, die im Lauf dieser Aktion ermordet worden seien. Kein Wort von dem allgemeinen Massacker, das im Gefolge der SA-Säuberung einsetzte. Kein Wort von der allgemeinen Terror-Atmosphäre, keine Erwähnung der Schleicher, Bredow, Edgar Jung Klausener, kein Wort zu der Flucht Brünings, mit der sich dieser der geplanten Ermordung entziehen konnte.

Laut der Sendung des „Spiegel“-Redakteurs Heinz Höhne richtete sich „der erste Mordbefehl“ der SS gegen „acht bis zehn SA-Führer, die dort erschossen worden sind“. In dem Statement, das die Autoren ohne Kommentar abschließend zum 30. Juni 1934 stehen lassen, heißt es: „Obgleich es uns etwas merkwürdig vorgekommen ist, dass so alte Parteigenossen erschossen werden mussten – erschießen mussten wir sie, es war Befehl. Und eine Beurteilung dieser ganzen Angelegenheit hatten wir nicht.“ Punkt. Fachidiotisch nennt man seit einiger Zeit eine solche Betrachtungsweise; es fällt schwer, auf heftige Vokabeln zu verzichten, weil Mord Mord bleibt und als solcher zu kommentieren gewesen wäre.

Zweites Detailbeispiel (ebenfalls noch aus der ersten Folge). Mit Aplomb und der Unterstützung eines im Film sich äußernden ‘Junkers’ meint Höhne etwas Klarsichtiges zu sagen, wenn er bemerkt, die Ausbildung an den SS-Junkerschulen habe sich weniger ideologisch vollzogen als behauptet: „Das Militärische trat immer stärker an die Stelle des Ideologischen.“ Nun lag es aber doch wohl an der sogenannten Nazi-Ideologie – die Höhne an keiner Stelle definierte –, dass in ihrem Rahmen das Militärische ein ideologisches (wenn nicht das ideologische) Essential ausmachte. „Rank, schlank und hart wie Kruppstahl“ als Devise galt ja als ideologischer Imperativ nicht nur für die Hitler-Jugend.

Drittes Detailbeispiel. Die dritte Folge der Sendereihe („Die Todgeweihten – 1933-1945“) erweckt durch mehrmalige allgemeine Wiederholung den Eindruck, die SS sei geradezu der Hort des deutschen Widerstandes gewesen. Man möchte beinahe aufjubeln, denn das Fehlen der innerdeutschen Résistance war ja für die jüngere Generation hierzulande immer ein besonderer Stein des Anstoßes und des Unverständnisses gewesen. Nur halten sich die Belege der Autoren für diese insinuierte Behauptung in Grenzen. „Schon früher hatten Generäle der Waffen-SS Kontakt zum Widerstand gesucht…“, heißt es so ganz allgemein und es fällt dann in einem Statement nur der Name Graf Schulenburg und in der folgenden Sequenz heißt es wiederum so schön unbelegt: „Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sich SS-Generäle gegen Hitler gewandt hatten.“ Zeugin für diese merkwürdige Manipulation in bestimmter Absicht ist die Publizistin Melitta Wiedemann, die an die SS glaubte, da jeder ihrer Führer „für sich seine SS-Zugehörigkeit und seine Treue aus eigener Gewissensentscheidung für sich getroffen hatte“.

Was dem Film ganz fehlt, ist die adäquate sinnvolle Benennung des verwandten Filmmaterials; was Olrik Breckoff in seinem „Spuren“-Beitrag vom 1. Januar („Das alte Russland“) bei einem Wochenschau-Ausschnitt aus der damaligen Zeit selbstverständlich tut – Insert: „Originalton Nazi-Wochenschau“ –, davon glauben sich die Autoren (Heinz Höhne und Peter Buschbohm) des SS-Filmes grundsätzlich dispensiert. Der Vorwurf – schon die letzten Jahre aus den Reihen der Historiker-Zunft gegen Höhne aus Anlass des Buchs und Films „Die Rote Kapelle“ erhoben – muss aus Anlass der Reihe über die Waffen-SS erneuert werden: Höhne geht auch diesmal allzu gutgläubig und bereitwillig auf die Nazi-Quellen ein.

Die bestimmte Absicht des Films sollte dann auch nicht die historische Aufarbeitung sein, sondern – und dies dürfte wohl der wirkliche Skandal dieses Dreiteilers sein – die Demonstration einer (nehmt alles nur in allem) beispielgebenden Elitetruppe. Das hatte man denn doch wirklich nicht im groß angekündigten ‘Weihnachts’programm diverser Dritter Fernsehprogramme erwartet. Und man musste mit Anstrengung den Autor Höhne auf dem Bildschirm bis zu Ende anhören, als dieser zum Abschluss der zweiten Folge („Die Militärathleten – 1939-1943“) in einem kurzen Studiogespräch zu folgender Exploration in SS-apologetischer und bundeswehrkritischer Intention ausholte: Es sei doch wohl „unverkennbar, dass die Waffen-SS gewisse positive Eigenschaften besessen hat, die sie groß gemacht hat, die man im Übrigen der Bundeswehr durchaus wünschen möchte“. Höhne nennt die Betonung des Sports – und erwähnt als Gravamina bei der Bundeswehr die „geringe Bewertung des Spitzensports, den hohen Anteil von Krankheiten“. Der Autor vermag nicht zu verstehen, „warum man in der Bundeswehr nicht eine etwas größere Härte an den Tag legt“. Und: „Es gibt doch sicher Punkte in der Ausbildung der Waffen-SS, die in die Ausbildung der Bundeswehr durchaus übernommen werden könnten.“ Die wichtigen Bedenken, die Historiker Höhne bei der Behandlung seines Themas „Die Geschichte der Waffen-SS“ vermerkt, liegen durchaus nicht bei der SS, sondern bei der Bundeswehr: „Der Stand der Ausbildung und die mangelnde Härte in der Bundeswehr scheinen mir doch zu einigen Bedenken Anlass zu geben.“

Eugen Kogons Statement an zwei Stellen der ersten Folge konnte in diesem Zusammenhang nur zu Alibizwecken der Autoren und der Redaktion herhalten – dies muss man auch in dem Falle sagen, dass dies ganz außerhalb der Programmmacher gelegen hat. Jedenfalls kann sich Kogon unmöglich mit diesem Gesamtfilm identifizieren, obwohl er (wie er in einem Telefonat mit der FK betonte) mit seinem Statement in der ersten Folge durchaus korrekt behandelt wurde. Die Tatsache aber, dass die Redaktion den Namen Kogons und Hermann Langbehns (der ebenfalls in der ersten Folge ein Statement abgibt) groß in die Sendeankündigung packte, gibt doch einigen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Sendeintuition auf. Kogon sollte zumindest als Zugpferd dienen, da er ja augenblicklich mit der verbilligten neuen Auflage seines „ SS-Staates“ wieder im Gespräch ist – und genau zum Thema der Sendung.

Angesichts der Tatsache, dass man sich in verantwortlichen Stellen und Gremien oft über Sendungen ereifert, die sich vermeintlich oder wirklich zu stark in der Unterleibsgegend abspielen, möchte man über die relative Ruhe, die dieser merkwürdige Dreiteiler hinterlässt, doch verwundert sein dürfen…

• Text aus Heft Nr. 1-2/1975 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

08.01.1975 – Rupert Neudeck/FK