Heiner Michel/Peter Schubert: Unser Walter. 7‑teilige Serie (ZDF)

Die Chance der Serie

04.12.1974 •

Für die Folge der Serie „Unser Walter“ vom 30. September ist eine Einschaltquote von 30 Prozent zu verzeichnen (26.8.: 27 Prozent, 5.8.: 23 Prozent). Die dritte Folge der Reihe über ein so unpopuläres und wenig attraktives Thema wie das über Behinderte, hier ein mongoloides Kind, erreichte also bereits 14 Mio Zuschauer, obwohl bei einem Senderhythmus von zirka vier Wochen der einkalkulierte Einschaltzwang, dessentwegen man so gern zu Werbezeit Serien bringt, kaum voll genutzt werden konnte.

Der evangelische Teil der ZDF-Redaktion „Kirche und Leben“ kann sich beglückwünschen lassen zu ‘seiner’ Eikon-Produktionsgesellschaft und deren Filmen für den kirchlichen Sendetermin am Montag um 19.30 Uhr. Die Redaktion hat längst paradigmatisch vorgeführt, was „Christliche Fernseharbeit“ heißt, handfest und anschaulich: nicht nur über und für die Armen, die Unterprivilegierten, die Randgruppen der Gesellschaft reden, sondern sie ins Spiel bringen, im Wortsinn. Und auch gegen festgefahrene Ansichten über die profane Serienware sowie ‘zumutbare’ Themen im Vorabendprogramm kann man trefflich die Eikon und die Arbeit ihres Leiters Heiner Michel anführen, der das Drehbuch für „Unser Walter“ schrieb. Einmal: Man kann, wenn man es kann, sehr wohl die abgearbeiteten Zuschauer auch am frühen Abend in der Woche mit ernsthaften Filmen ansprechen. „Das Patenkind“ über ‘Asoziale’ lief 1971 noch am Sonntag, aber „Alles Gute, Köhler“ über ehemalige Strafgefangene – beides Eikon-Produktionen zum Thema Randgruppen – hatte schon 1973/74 den Montagstermin.

Zum anderen: Die Serienform gebiert nicht zwangsläufig stereotype Figuren, die sich in klischierter Umgebung nach mehr oder minder den immer gleichen Handlungsmustern bewegen. Mit „Unser Walter“ wurde im Gegenteil bewiesen, was man zuvor schon vermutete, dass gerade Spielserien sich wegen ihrer Länge, ihres Vorrats an Erzählzeit dazu eignen, soziale und politische Vorgänge, psychologische Entwicklungen und Lernprozesse über einen längeren Zeitraum verfolgen und vorführen zu können. Diese Chance der Serie wurde hier optimal genutzt, indem man nicht in abgeschlossenen Folgen einige der vielfältigen Probleme von Familien mit einem behinderten Kind zeigte, sondern das Leben einer Familie, in der ein mongoloides Kind geboren wird, bis hin zu dessen 21. Geburtstag.

Ganz sicher bedeutete in diesem Fall der Entschluss, eine kontinuierliche Geschichte zu zeigen, erhebliche Mehrarbeit, weil für die Rolle des ‘Hauptdarstellers’ für jede der sieben Folgen ein passendes Kind bzw. ein mongoloider Jugendlicher gefunden werden musste, das oder der glaubhaft den heranwachsenden Walter personifizierte. Auf diese Weise wurde anschaulich, wie ein behindertes Kind sich entwickelt, sich entwickeln kann, wie auch Kleidung, Haartracht, Mode einer Integration förderlich sind. Und was vielleicht bei dieser Serie noch wichtiger ist, es werden Lernprozesse deutlich, die wiederum über das Spiel weitere beim breiten Publikum initiieren. Das kann man so affirmativ wohl behaupten, denn das Ergebnis sicher außergewöhnlich geduldiger und einfühlsamer Zusammenarbeit von Regie (Peter Schubert) und Schauspielern mit den mongoloiden Hauptpersonen wirkt so natürlich und zur Identifikation einladend, dass wohl für fast jeden Zuschauer neue Erkenntnisse herausspringen.

Jede Folge der Reihe greift ein Bündel von Fragen aus dem Komplex „geistig Behinderte und ihre Umwelt“ auf, aber immer einleuchtend und einprägsam bezogen auf die jeweilige Altersphase des Kindes: etwa den Schock der engeren Familie, als sie allmählich erkennt, dass ihr nettes, ruhiges Kind nicht ‘normal’ ist, und Ursachen der Krankheit und Legenden, Vorurteile über sie oder Kindergarten-, Schulprobleme und Unkenntnis auch bei Pädagogen über eventuelle Entwicklungsfähigkeiten Mongoloider usw.. Eigentlich ist die Serie ein Musterbeispiel didaktischer, besser: pädagogischer Filmarbeit, die unaufdringlich, gar unterhaltsam ihr Ziel erreicht.

Auch die an jede Folge anschließenden Erläuterungen zu den Chancen, „die Walter heute hätte“, wirken nicht mehr angeklebt und störend wie noch bei der „Köhler“-Serie. Das Interesse des Zuschauers wird unmerklich hinübergezogen, wenn er im Anschluss an das Spiel den jeweiligen Walter-Darsteller in seiner wirklichen Umgebung sehen kann und fast beiläufig erfährt, wie diese Menschen in unserer Gesellschaft leben und was für sie getan wird bzw. getan werden könnte. Ein Lehrfilm im besten Sinn, das Buch dazu, beim Laetare-Verlag erschienen, ist in derselben Mischung als unterhaltsames Lesebuch und gleichzeitig fachlicher Ratgeber konzipiert.

 Text aus aus Heft Nr. 49/1974 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.12.1974 – Cordula Cytur/FK